Das Buch beginnt mit der Geschichte der Alpwirtschaft in Bad Hindelang und im Allgäu. Dabei wird deutlich, dass sich die Alpwirtschaft im Laufe der Zeit oft verändert hat. Vieles von dem, was Städter und Touristen als archaisch bewundern, ist gar nicht so alt, was aber den Wert keinesfalls mindert, sondern nur falsche Romantizismen verhindert. Ergänzt wird dies durch die Darstellung des Original Braunviehs, also der traditionellen Rinderrasse auf der Alp, und durch eine Geschichte der Käseverarbeitung im Allgäu, die gar nicht so alt ist wie viele glauben.
Ein zweites Themenfeld ist die enge Beziehung zwischen der Alpwirtschaft und der Artenvielfalt auf den Alpweiden. Für die Älpler ist dies völlig selbstverständlich: Eine gut genutzte Alpweide, die weder zu intensiv noch zu extensiv genutzt wird, weist eine sehr große Vielfalt an Pflanzen – und damit auch an Insekten und anderen Lebewesen – auf. Wenn man eine Weide jedoch nicht mehr nutzt, verschwindet die Artenvielfalt in kurzer Zeit. Hinein spielen auch Aspekte der Klimaerwärmung, die der Alpwirtschaft große Sorgen bereiten.
Weiter beschäftigt sich das Buch mit politischen Rahmenbedingungen der Alpwirtschaft, den besonderen rechtlichen Verhältnissen, dem traditionellen religiösen Brauchtum sowie der besonderen Architektur der Alpgebäude und Alphütten.
Damit aber nicht genug: Der Bezug der Alpwirtschaft zum Ökomodell Hindelang und zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO öffnet den Blick für weitere wichtige Verbindungen.
Braucht es ein neues Buch über die Alpwirtschaft in Bad Hindelang?
Ja!
Ein Buch hilft, innezuhalten, aus den Zwängen des Alltags herauszutreten, mit Abstand dazu Bilanz zu ziehen. Ein Buch ist sozusagen ein Markstein, der außerhalb von Raum und Zeit steht. Es ist ein Markstein, der weit über die Gemeinde hinauswirkt, der unabhängig vom jetzigen Zeitpunkt ist und eine langfristige Wirkung entfaltet. Deshalb besitzt ein Buch eine weit ausgreifende Bedeutung, und dies gilt heute – im Zeitalter des so kurzlebigen Internets und der so fragilen digitalen Welt – noch viel mehr als zu Gutenbergs Zeiten.
Die Alpwirtschaft wird heute in der Öffentlichkeit in erster Linie als Teil der Landwirtschaft, also als eine wirtschaftliche Tätigkeit verstanden. Die Älpler in Bad Hindelang wissen zwar, dass Alpwirtschaft wesentlich mehr ist, nämlich eine ganz eigene Welt, aber wer außerhalb tut das heute schon noch? In der Öffentlichkeit dominieren meist Klischeebilder über das harmonische Miteinander von Mensch, Tier und Natur hoch oben auf der Alp. Das neue Buch spannt einen großen Rahmen auf: Es zeigt die Welt der Alpwirtschaft in ihren vielfältigen Facetten, und es macht damit deutlich, dass Alpwirtschaft wesentlich mehr ist als nur eine Wirtschaftsform.
Thematische Breite und besondere Bildsprache
Dank eines guten Überblicks über die einschlägige Literatur zum Thema kann ich zweierlei feststellen:
Im Kontext der bayerischen Alpen ist dieses neue Buch mit seiner großen thematischen Breite derzeit völlig einzigartig, und man muss mehr als fünfzehn Jahre zurückgehen, um etwas Vergleichbares zu finden.
Im Kontext der gesamten Alpen gibt es nur äußerst wenige Publikationen, deren thematische Breite mit diesem neuen Buch vergleichbar ist.
Und noch etwas macht den besonderen Wert dieses Buches aus, nämlich die knapp zweihundert farbigen Fotografien von Wolfgang Kleiner. Er entwickelt aus einer langen persönlichen Vertrautheit mit der Hindelanger Alpwirtschaft – sozusagen von innen heraus – eine Bildsprache, die ihrem Gegenstand sehr angemessen ist, ja, die von Älplern selbst stammen könnte, falls sie bei ihrer Arbeit zum Fotografieren kommen würden. Für mich sind diese Fotos etwas sehr Besonderes, sie stellen eine große Bereicherung dieses Buches dar. Und deshalb empfehle ich dieses Buch auf das Nachdrücklichste!