Was für ein Trumm! 800 Meter ragt die Südwand vom Arapi über das Shala-Tal. Kein Wunder, dass die 2218 Meter hohe Kalkzacke als Wahrzeichen der Albanischen Alpen gilt. Dabei sind die umliegenden Gipfel des Prokletije-Gebirges sogar noch höher. Die "verdammten" Berge rahmen das Bergdorf Theth ein, das zusehends zum Hotspot für Wander- und Bergsteiger*innen und andere Besucher in dem Balkan-Land avanciert.
Doch warum nur muss sich diese irre Gebirgslandschaft mit so einer abfälligen Benennung plagen? Sechs Tage soll Gott bekanntlich dafür gebraucht haben, die Erde, das Meer und den Himmel zu gestalten. Laut einer Legende der Einheimischen benötigte der Teufel aber nicht mal einen Arbeitstag, um die „verfluchten Berge" zu erschaffen. Laut Volksmund habe er mit seinem Schwanz tiefe Schluchten geschlagen und mit seinen scharfen Krallen angsteinflößende Felsformationen geprägt. Und irgendwie muss man zugeben, dass Satan dabei verdammt gute Arbeit geleistet hat.
Heute präsentiert sich Bjeshkët e Nemuna – wie die Region in Albanien auch heißt – mit blau-grün schimmernden Bächen, hohen Pässen und abgelegenen Bergspitzen. Vielleicht passt es doch besser, wenn man die Prokletije-Berge, die diesseits und jenseits der Grenze zwischen Montenegro und Albanien aufragen, verhext, verwunschen oder gar verzaubert nennt. Diese Übersetzungen wären wohl treffender.
"Hinten rum" auf den Arapi
Doch zurück zum Arapi (Maja e Harapit). Seine gigantische Wandflucht sperrt das Tal ein paar Kilometer oberhalb von Theth wie eine steinerne Barrikade ab. 800 Meter hoch ist das Felsgemäuer. Von den Ausmaßen ist der Aufschwung mit der Dachstein-Südwand in den Nördlichen Kalkalpen Österreichs vergleichbar. Der Arapi wirkt aber wuchtiger. Statt der Südwand-Kletterei im 8. Grad (die Route „Raki am Arapi“ wurde übrigens 2010 von einer deutschen Expedition erstdurchstiegen und eingerichtet) bietet sich der Schleichweg „hinten rum“ als anspruchsvolle Wanderung über den Pass Qafa e Pejës an, um auf den Gipfel zu kommen. Von Okoli aus – einem der sieben Ortsteile von Theth – spendet ein Wald aus Buchen und Kiefern vorerst noch Schatten. Erst wenn der abenteuerliche Steig der Felsmauer nahekommt, sieht man, dass dieser eine Schwachstelle des Steilhangs nutzt.
Manchmal luftig, aber immer gut gangbar, schlängelt sich der Pfad kühn zum Pejes-Pass hinauf. Die kleine Wiese mit dem Holzkreuz dort bietet das letzte Grün beim Aufstieg, denn nun ist der wasserlose Kalkkarst erreicht, der den Gipfelaufbau bestimmt. Über Hunderte Höhenmeter ist weglose Kraxelei durch Rinnen, über Geröllfelder, an Aufschwüngen und in scharfkantigen Wasserrillen angesagt. Nur ein paar Steintürmchen weisen den Weg. Der Lohn der mehrstündigen Mühe: Die Aussicht über die gesamten „verdammten Berge“ bis hinüber ins Nachbarland Montenegro.
Über Hunderte Höhenmeter ist weglose Kraxelei durch Rinnen, über Geröllfelder, an Aufschwüngen und in scharfkantigen Wasserrillen angesagt.
Gegenüber baut sich der höchste Gipfel vom Prokletije, die mächtige helle Pyramide vom Jezerca (2694 m), auf. Rundum sind allenthalben hochalpine Felswände und breite, von Gletschern geformte Trogtäler zu sehen. Zerbröckelt wirkt die Landschaft in Europas wohl größtem Karstgebiet.
Wie in den Dolomiten! So schießt es einem durch den Kopf. Man könnte sich angesichts der zahllosen Kalk-Kögel, -Zinnen und -Türme fast dorthin versetzt wähnen. Doch die Dimensionen in den Albanischen Alpen sind gewaltiger, die Natur erscheint wilder, die Bergwelt einsamer, die Täler tiefer.
Vom abgelegenen Bergdorf zum Outdoor-Magneten
Weit drunten im Shala-Tal lässt sich vom Arapi aus Theth ausmachen. Was bis vor wenigen Jahren noch eine lose Ansammlung von Gehöften und nur im Sommer bewohnten Weilern war, ist heute ein Magnet für Wander*innen und Outdoor-Fans und, ja, auch Travel-Influencer. Übrigens nicht nur aus dem Ausland. Auch die Einheimischen – eher etwas wohlhabendere Albaner unter anderem aus der Hauptstadt Tirana – lassen sich von der naturbelassenen Bergwelt verzaubern.
Statt mühsam Berg-Landwirtschaft zu betreiben, setzen die Bewohner*innen jetzt auf den Tourismus.
Dass Theth noch lange unter dem Radar des Tourismus war, hing auch damit zusammen, dass erst seit dem Herbst 2021 eine Asphaltstraße in das bis dahin unzugängliche Tal führt. Die Teerstraße aber hat dem Bergdorf zu einer Popularität verholfen, die es zuvor nur für Offroad-Fans und Geländewagen-Freaks hatte. Wo vorher allenfalls ein Dutzend Gästehäuser Quartiere boten, ist die Zahl nunmehr auf mehr als 3000 Betten explodiert. „Und auch die reichen im Sommer an manchen Wochenenden kaum aus, um alle Besucher unterzubringen“, berichtet Gjon Shpella vom gleichnamigen Guesthouse über den Boom. So wird überall in Theth gebaut, um neue Unterkünfte für Gäste zu schaffen. Statt mühsam Berg-Landwirtschaft zu betreiben, setzen die Bewohner*innen jetzt auf den Tourismus. Auch das ist irgendwie eine Parallele zu den Dolomiten.
Darüber hinaus haben Blogger- und Youtuber*innen sowie die sozialen Medien Theth in den Fokus genommen, so dass man an den leicht erreichbaren Sehenswürdigkeiten wie der Dorfkirche oder dem nahen Syri i Kaltër-See („Blaues Auge“) während der Hauptsaison selten allein ist. Dass am Grunas-Wasserfall mittlerweile ein Gratis-WiFi-Hotspot steht, damit die Instagram-Jünger ihre Posts noch vor Ort absetzen können, sagt wohl einiges. Und auf den Trails zwischen Theth und dem benachbarten Valbona-Tal herrscht bis weit in den Herbst hinein Stimmung wie am Volkswandertag.
Wahre Horden mühen sich – meist mit einem Start am Fähranleger des fjordähnlichen Koman-Sees bei Fierzë (170 m) oder ab Valbonë (930 m) – von Osten her durch das wildromantische und mehr als 20 Kilometer lange Valbona-Tal zum Pass Qafa e Valbonës (1785 m) hinauf. Der Trek ist vor allem beim jungen Publikum populär und führt durch gleich zwei albanische Nationalparks, Parku Kombëtar Lugina e Valbona sowie Parku Kombëtar Thethi. Schon 1968 wurde das Areal im sozialistischen Albanien unter Schutz gestellt.
Der Blick vom Valbona-Pass dann ins gleichnamige und ins Shala-Tal wirkt tatsächlich atemberaubend. Logisch, dass aus der internationalen Besucherschar am Pass das obligatorische „aweful“, „gorgeous“ und „oh, my god“ zu hören ist. Angenehm, dass der steile Bergpfad nach Theth (750 m) hinunter vor allem durch Wald führt. Zwar ist die Aussicht dadurch nicht immer grandios. Aber da die Sonne auch im Herbst noch ordentlich brennt, kommt der Schatten sehr gelegen.
Bescheidener Wohlstand durch Tourismus
Auch die wohl beliebteste Etappe auf der Mehrtagesrunde „Peaks of the Balkans“ durch diverse Bergmassive im Norden Albaniens, im Süden Montenegros und im Westen des Kosovo streift Theth – was abermals seit einigen Jahren Besucherströme hierher lenkt. Über 200 Kilometer und mehr als 10.000 Höhenmeter erstreckt sich die Drei-Länder-Tour. Ehemalige Hirtenpfade und Handelswege sind das Gerüst für die zehntägige Fernwanderung. Sie wurde 2010 von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – später gemeinsam mit dem Deutschen Alpenverein – geschaffen, um nachhaltigen Wander- und Ökotourismus in die abgehängte Region zu bringen. Mittlerweile nutzen nach GIZ-Angaben etwa 10.000 Besucher*innen diese Route jedes Jahr und bringen so bescheidenen Wohlstand in die Täler, die bis vor wenigen Jahren noch unter eklatantem Einwohnerschwund zu leiden hatten. Doch nicht deswegen ist es mit der Ruhe an den Hotspots in Theth vorbei, sondern vor allem, weil in den digitalen Medien ein Hype um die Destination gemacht wird.
Die "Peaks of the Balkans" bringen jedes Jahr etwa 10.000 Besucher*innen und bescheidenen Wohlstand in die Täler.
Jahrhundertelang standen die abgelegenen Albanischen Alpen eher für Banditentum und Stammesfehden, für Abgeschiedenheit und Hinterwäldlertum. So jedenfalls sind die Vorurteile. Verfluchte Berge eben! Der „Blutrache“-Turm in Theth (Kulla e Ngujimit) ist ein Relikt aus dieser Zeit. In dem mehrstöckigen Turm aus Feldsteinen konnten früher Menschen – meist Männer – Zuflucht suchen, die von Blutrache bedroht waren. Sie wurden dort so lange untergebracht, bis die Familien eine Lösung für den „Konflikt“, zum Beispiel einen Mord, gefunden hatten. Heute zählt der Kulla zu den Sehenswürdigkeiten und kann besichtigt werden.
Kommunistisches Erbe zwischen verwunschenen Gipfeln
Skurrile Fundstücke aus der Vergangenheit finden sich auch an anderen Stellen am Wegesrand in den Bergen: Die „Pilzbunker“, die heute gerne als Stall oder Lagerraum benutzt werden, stammen aus der kommunistischen Ära. Die Miniatur-Schutzräume entstanden in den 1970er- und 1980er-Jahren, als der paranoide Diktator Enver Hoxha eine Invasion durch ausländische Truppen fürchtete. Hunderttausende Mini-Bunker wurden überall im Land gebaut – gerade in Grenzregionen wie hier zu Ex-Jugoslawien.
Kaum wendet man sich aber den nicht so populären Wegen zu, springt einen die Einsamkeit der verwunschenen Berge förmlich an. So auch bei der Zweitagestour zum 2964 Meter hohen Jezerca, dem höchsten im Rund. Hier ist ein Zelt Pflicht, denn es gibt keine Unterkunft. Mit Packpferden kann man sich sein Material aber zum „Basislager“ für den Aufstieg bringen lassen. Auch bei weiteren alpinen Ausflügen im Shala-Tal, zum Hausberg von Theth (Maja e Zorzit, 1663 m) oder zur verborgenen Hochebene Fusha e Denëllit (ca. 1600 m) unterm Maja Kij Zhariellave (1713 m) trifft man eher selten auf Mitwandernde. Verlässt man das Tal schließlich auf der einzig möglichen Zufahrt über den Pass Qafa Buni e Thorës und schaut zurück, so wird der Blick ganz sicher wieder am gewaltigen Horn des Arapi hängenbleiben: Was für ein Trumm!