Berghütte mit Solarpanelen auf dem Dach in einer schneebedeckten Alpenlandschaft, umgeben von Tannen und Bergen unter klarem blauem Himmel.
Der Schnee war noch nicht ganz geschmolzen, da wurde es im Frühling 2025 ernst im Karwendel: der Umbau der Hochlandhütte begann. Foto: DAV-Sektion Hochland
Tradition & Kontinuität auf der Hochlandhütte

Bauen in Insellage

Wie führt man eine mehr als hundert Jahre alte Berghütte in die Zukunft, wenn weder Straßen hinauf noch Versorgungsanschlüsse zum Tal bestehen? Und wie lässt sich ein Umbau bewerkstelligen hoch oben im Gebirge, wo Ressourcen seit jeher knapp und Kreisläufe das Einzige sind, das zählt? – Wie nachhaltiges Alpenbauen funktionieren kann, zeigt im Karwendel die Hochlandhütte. Zur Sommersaison 2026 wird sie wiedereröffnet.

Wacker hat sich die Hochlandhütte über Generationen behauptet: Die „Holahü“, wie sie bei den Mitgliedern der DAV-Sektion Hochland liebevoll heißt, ist seit mehr als einem Jahrhundert ein wichtiger Stützpunkt für Bergtouren im Karwendel.

1909 erbaut, in den 1950er- und 1980er-Jahren ergänzt um einen Anbau, der sich seither immer wieder Schönheitsoperationen unterzog – ein Facelift hier, eine Straffung dort, um den steigenden Erfordernissen von Technik-, Trocken- und Lagerräumen gerecht zu werden. Als zuletzt wieder neue brandschutztechnische Anforderungen erfüllt werden mussten, war klar: statt weiterer kosmetischer Korrekturen war jetzt ein ganz grundlegendes Eingreifen in die Substanz nötig.

„Wir wollten vermeiden, wieder nur Teillösungen und Provisorien zu schaffen. Solche hatten über die Zeit zu einer zunehmend komplexen Hüttentechnik und zu mühsamen Arbeitsabläufen geführt. Daher haben wir eine fundamentale Neuplanung angestoßen“, beschreibt Sonia Branchadell, Geschäftsstellenleiterin der Sektion Hochland, diesen Moment. Hinzu kam, dass es in den letzten Jahren immer schwieriger geworden war, die Trinkwasserversorgung stabil zu gewährleisten: Das Schutzhaus ist auf Schmelz- und Quellwasser angewiesen, doch die Quelle oberhalb der Hütte sprudelt längst nicht mehr zuverlässig. – Ein Problem, das DAV-Hütten alpenweit teilen; die Wasserversorgung ist inzwischen das Hauptthema, wenn es um das Sanieren (oder Stilllegen) geht.

Die Situation war sehr vertrackt. Dennoch: Einfach stillgelegt werden sollte der Stützpunkt unterhalb des Wörner nicht; die Hütte rein ehrenamtlich als Selbstversorgerhütte weiterzuführen, wäre auch nicht zu bewerkstelligen gewesen. Doch gleichzeitig schien es kaum möglich, dass das alte Haus den gestiegenen Anforderungen und Ansprüchen an eine moderne bewirtschaftete Hütte gerecht werden könnte.

Tradition und Kontinuität

„Wie geht man mit dem Bestand um?“, lautete daher bald die zentrale Frage, mit der sich 2022 in einem Wettbewerb vier Architekturbüros aus der Region beschäftigten. Darin zeigte sich, dass die die Anforderungen und Notwendigkeiten so komplex waren, dass zumindest in Teilen, neu gebaut werden musste:

Während das Haupthaus – und damit der Teil, den die Gäste vor allem sehen und nutzen – intakt war und nur technisch erneuert werden musste, war der Anbau das Sorgenkind. So entsprachen die Personalunterkünfte längst nicht mehr heutigen Standards und es gab nicht genügend Platz, um ausreichend Lebensmittel zur Versorgung der Gäste zu lagern.

Ein raffinierter Siegerentwurf sah daher vor, das Haupthaus, also die „Urhütte“, zu erhalten, während der Anbau abgetragen würde. Besonders attraktiv bei dieser Lösung: der bestehende Keller könnte weitergenutzt, alles Neue darum herumgebaut, ausgebaut und ertüchtigt werden.

Doch die Krux lag auch auf der Hochlandhütte im Detail: die Baurechnung offenbarte deutlich höhere Kosten als ursprünglich eingeplant. Um die Zahlen wieder in den Griff zu bekommen, musste nochmals kräftig umgeplant und vereinfacht werden. Aus dieser Situation entstand die Idee, den Versorgungstrakt als nunmehr eigenständigen Anbau zu gestalten. Haupt- und Nebenhaus würden im Obergeschoss über einen Laubengang verbunden. Damit ließe sich eine zentrale Planungsaufgabe so kostengünstig wie elegant erfüllen: einen Fluchtweg für die unter dem Dach liegenden Schlaflager der Urhütte zu schaffen. „Der besondere Charme dieser Lösung: die Urhütte wird nun hervorgehoben, gleichzeitig setzt der neue Anbau die Hauptansicht fort“, erzählt Sonia, die das aufwendige und zeitintensive Sektionsprojekt maßgeblich mit steuert.   

Abseits der Norm

Die Projektfinanzierung war dann auch ein Thema, das den gesamten Umbau begleitete. Für die Sektion Hochland als Bauherrin waren es nicht nur die allgemeinen Preissteigerungen der zurückliegenden Jahre, die sie immer wieder neu kalkulieren ließ. Kosten verursachte insbesondere die spezielle Expertise, die an dem Standort abseits der Norm notwendig war. Zudem waren mehrere Gutachten notwendig, unter anderem zu Naturschutzfragen. Hinzu kommt: beim Bauen am Berg sind sehr redundante Systeme notwendig. Sollte also ein Arbeitsschritt nicht so funktionieren wie geplant, braucht es idealerweise immer eine zweite Alternativlösung zur Hand.

Weil außerdem einzig einige Wanderpfade die Hütte mit dem Tal verbinden, musste alles mit dem Hubschrauber hinaufgeflogen werden – bis hin zu dem in Teile zerlegten Bagger. Das und der Wunsch, möglichst zukunftsfähig zu bauen, rief besondere Konstruktionsweisen und Materialien auf den Plan. So wurde der Anbau aus im Tal vorgefertigten Holzpanelwänden konstruiert und im Sanitärtrakt werden zukünftig Trockentrenntoiletten zu finden sein, um den Wasserbedarf auf ein Minimum zu reduzieren.

Die (Brettstapel-)Holzwände in den Schlafräumen wurden teilweise mit Lehmputz versehen, welcher für ein angenehmes Klima sorgt, Gerüche reduziert und hoffentlich auch für Bettwanzen keine Fugen oder Ritzen bietet; ein Thema, welches Beherbergungsbetrieben landauf, landab in den vergangenen Jahren zunehmend wieder vor Herausforderungen stellt. 

Zirkuläres Bauen

Und sonst? – „Wo es möglich war, haben wir vorhandene Materialien wiederverwendet und bei allen Planungsdetails vom Ende hergedacht“, beschreibt Sonia das Vorgehen der Sektion. Konkret hieß das: Der alte, aber erst zwanzigjährige Dachstuhl wurde wiederverwendet. Zwar durfte er keine tragenden Funktionen mehr übernehmen, aber als Wandverkleidung neu eingesetzt werden. Auch mehrere alte Fenster und einzelne Massivholztüren konnten überarbeitet, instandgesetzt und im neuen Anbau wieder eingebaut werden. – All dies vielleicht klein erscheinende, aber durchaus relevante Maßnahmen, vorhandene Ressourcen möglichst lang zu nutzen.

Wertewandel beim Bauen am Berg

„Als Verein streben wir an, bis 2030 klimaneutral zu werden. Wir wollen dabei nicht nur auf dem Papier eine Netto-Null erreichen, sondern tatsächlich so viele Emissionen wie möglich gar nicht erst verursachen. Einer der vielen Bausteine bei unseren Bemühungen betrifft Baumaßnahmen zum Erhalt der Alpenvereinshütten. Vielfach sind behördliche Auflagen der Auslöser, und die Sektionen nutzen diese Gelegenheit, alles auf den Prüfstand zu stellen und zunehmend zirkulär zu denken. Wir in der Bundesgeschäftsstelle unterstützen auf Wunsch beratend und können Fördermittel dazugeben. Was wir sehen: so ein Umbau braucht viel Vorbereitung. Aber er lohnt sich!“
- Sabine Fleischmann, DAV-Ressort Hütten und Wege

„Was wir immer im Hinterkopf hatten: Was passiert in vierzig oder fünfzig Jahren? Die nächste Sektions-Generation soll sich nicht mit all den Dingen belasten müssen, wie es beim aktuellen Rückbau der Fall war.“ Also: weg von Verbundmaterialien, hin zu sortenreinen Werkstoffen, die sich wieder sauber trennen lassen. So könnte der bereits erwähnte Lehm bei einem Rückbau im besten Fall vielleicht sogar zurückgelassen werden. In jedem Fall wäre es kein Sondermüll.

Sondermüll zu vermeiden, ist vor allem langfristig im Betrieb eine Herausforderung und die Aspekte des zirkulären Bauens gilt es ständig im Hinterkopf zu behalten. Sonst kann beispielsweise ein einziger falscher Holz(-schutz-)anstrich alle bisherigen Bemühungen zunichte machen.

Doch so weit soll es mit viel Umsicht nicht kommen. Und überhaupt: mit dem Frühling stehen nun erst einmal die letzten Umbauarbeiten auf dem Plan – der Verbindungsbau muss noch errichtet, der Innenausbau abgeschlossen werden. Mit dem Start in die Sommersaison heißt es dann wieder: Servus auf der Holahü!

Nach dem Umbau: der Hochlandhüttenanbau im Winter 2025/2026. Noch vor der neuen Saison werden die wichtigsten Arbeiten beendet sein. Foto: DAV-Sektion Hochland

Themen dieses Artikels