Eine Person klettert mit Eispickel und Winterausrüstung eine verschneite Felswand hinauf.
Babsi Vigl am winterlichen Monte Viso. Foto: H. Mair/Alpsolut Pictures
Begegnung mit Barbara „Babsi“ Vigl

Über den Wolken, zwischen den Zeilen

Klettern und Geschichtenerzählen sind seit jeher eng verwoben. Dabei stellt sich die elementare Frage: Welche Worte finden wir für unsere Taten am Berg? Und welche Werte wollen wir damit transportieren? Porträt einer Alpinistin, die über solche Fragen gerne nachdenkt. Ein Artikel aus dem Alpenvereinsjahrbuch "Berg 2025".

„… all your senses are broadly awakened until the present moment seems to be distilling to its essence and unfolding itself at the same time in the sound of shattering snow crystals …“

Heißt so viel wie: „Alle deine Sinne sind vollends geschärft, bis der gegenwärtige Moment …“ Nein, stopp, aus. Lieber nicht weiter übersetzen, es ginge etwas verloren im Prozess. Was genau, das lässt sich schwer festmachen, aber es verschiebt das Beschriebene, verzerrt ein Gefühl – meint Barbara Vigl, von der die Zeilen oben stammen. Publiziert wurden sie im renommierten US-amerikanischen Bergsteigermagazin Alpinist. „Elysium“ ist der epochale Titel ihres Essays, Elysium im Sinne der griechischen Mythologie: „Insel der Seligen“ (μακάρων νῆσος) im äußersten Westen des Erdkreises, auf die alle Helden entrückt werden, die von den Göttern geliebt wurden, Unsterblichkeit inklusive. Barbara „Babsi“ Vigl ist aber weder Poetin noch Historikerin, sie ist Alpinistin. In ihrem Text geht es auch weniger um Peleus oder Achilleus, als vielmehr darum, den legendären Cerro Torre in Patagonien zu erklettern. Allerdings auch mehr sekundär als primär, denn von der eigentlichen Begehung liest man dann gar nicht so viel auf den vier kompakten Seiten. Viel erfährt man dafür über Emotionen, Gefühle, Zweifel. Denn Babsi unterscheidet sich in einem Punkt ganz wesentlich von anderen Protagonist*innen der zeitgenössischen professionellen Bergsteigerszene: Sie steigt nicht nur gern auf Berge, sie schreibt auch passioniert darüber. Und macht sich dabei tiefgreifende Gedanken, was genau sie veröffentlicht, was sie damit bewirkt. Wie wollen wir von unserem alpinen Tun erzählen? Welche Worte finden wir für die Taten am Berg?

Alpine Storytelling

Das Bergsteigen und das Geschichtenerzählen sind seit jeher eng verwoben. Hat doch der Berg selbst schon die Form eines narrativen Bogens: Er spannt sich vom Talboden langsam ansteigend bis hinauf zum Höhepunkt des Gipfels. Seit der Generation Messner hat sich allerdings so einiges getan. So gehörte es für den elitären Kreis der etablierten Alpinisten – gendern an dieser Stelle unnötig – vor ein paar Jahrzehnten noch zum guten Ton, nach einer geplant gelungenen oder, oft noch besser für die Dramaturgie, spektakulär gescheiterten Expedition ein Buch über die Vorkommnisse im Gebirg’ herauszubringen. Dies inkludiert zwangsläufig eine wochen-, monate oder gar jahrelange Reflexion des Erlebten, eine Abwägung, was und vor allem wie erzählt wird. Soweit die Hypothese an dieser Stelle. Seit diesen Tagen haben bedruckte Seiten ernstzunehmende Konkurrenz erhalten. Die digitalen Medien sind in unseren Hosentaschen immer mit dabei, der nächste Bergepos nur einen swipe entfernt. Die Auswahl, was wir konsumieren wollen, treffen wir nicht mehr aktiv wie früher in einer Buchhandlung, sie wird über Algorithmen gesteuert, die uns aufgrund der vorherrschenden Geschäftsmodelle der Plattformen diejenigen Inhalte vorschlagen, die uns potenziell am meisten fesseln. In den meisten Fällen erfolgt dies durch audiovisuelle Reize, nicht durch Worte.

Barbara „Babsi“ Vigl am 8. Februar 2020 mit Adolfo Madinabeitia und Julen Berrueko auf dem Gipfel des Cerro Torre. Foto: Adolfo Madinabeitia

Der Sturm am Manaslu, der Sonnenaufgang am Cerro Torre, das Todesbiwak am Eiger: Wir müssen uns die Szenen nicht mehr durch ein Neuronenfeuerwerk im Gehirn herbei-imaginieren, wir müssen sie nur mehr anschauen, um zu wissen, wie es dort oben, in Ausschnitten zumindest, wirklich war. Oder ist, denn die zeitliche Komponente verändert sich durch den Technologiesprung ebenfalls rasant; immer zeitnaher kann kommuniziert werden, im Extremfall sogar live und unmittelbar. Größer auch die Konkurrenz, denn ein internetfähiges Mobiltelefon mit Kamera zu bedienen, beherrschen die meisten Alpinist*innen, ein fesselndes Buch zuschreiben, die wenigsten. Schneller dadurch auch der sich ergebende Takt, in dem Inhaltsstücke veröffentlicht werden, geringer die Kosten. Geringer aber auch die Aufmerksamkeit, die Rezipient*innen dem Ganzen widmen. Verlockt durch die niederschwelligen Möglichkeiten des user-generated content in den sogenannten sozialen Medien wird heute täglich mehr content veröffentlicht als jemals in der Menschheitsgeschichte zuvor. Durch den Zwang, im Strudel der Reizüberflutung irgendwie an der Oberfläche zu bleiben, fällt aus zeitökonomischen Gründen eine lange Phase der Kontemplation über die Auswirkungen der veröffentlichten Inhalte gerne mal weg. Lieber mehr posten als nachdenken, das gefällt dem Algorithmus, das gibt mehr Likes und Herzchen und damit oft mehr Selbstbewusstsein, so die vereinfachte Gleichung.

Auch Babsi spielt dieses neue Spiel mit, es gibt ein Instagram-Profil mit dem Alias @babsi_vigl. Dort findet man neben unregelmäßig geposteten Bergbildern ganz oben, in der Selbstbeschreibung, die Worte „alpinism & storytelling“. Kombinieren kann man daraus ihre Leidenschaft, das Alpine Storytelling. Noch so ein Begriff, den wir hier gerne auf Englisch stehen lassen, sie verzeihen, geschätzte Leserin, geschätzter Leser. An dem Text, aus dem die englischen Zitate stammen, hat sie zehn Monate lang gefeilt, jedes Wort dreimal umgedreht. Babsi ist eine skrupulöse Schreiberin. Nur, konnte man einwerfen, warum auf Englisch, wenn doch Deutsch (beziehungsweise Tirolerisch, eine leichte Deutungsvariante davon) ihre Muttersprache ist? „So ganz genau kann ich das auch nicht sagen. Es ist mehr ein Gefühl, dass ich gewisse Dinge auf Englisch einfach besser ausdrucken kann“, sagt sie. Auch, weil viele der Gedanken zu ihren Erlebnissen in den Bergen dieser Welt passieren, in Patagonien, im Himalaya. Da kommuniziert man meist auf Englisch, dann passt das wieder stimmig zusammen. Eine Übersetzung ihrer Texte lehnt Babsi ab, zu viel würde möglicherweise verlorengehen im Prozess, hinter dem sie dann nicht mehr voll und ganz stehen konnte. Denn das ist vielleicht das Wichtigste für sie: die Echtheit, die Überzeugung. Sie überlegt sich sehr genau, was sie veröffentlicht. Und warum. „Schreiben ist für mich ein Freiraum für Gedanken.“ Sie will den Menschen als Ganzes zeichnen. Nicht seine Leistung in den Mittelpunkt stellen, sondern die Gefühle, die Emotionen, die Nuancen.

Babsi Vigl inmitten der bizarren „Mushrooms“ unter dem Gipfel des Cerro Torre. Foto: Babsi Vigl

Postheroisches Geschichtenerzählen

Denn das Elysium, das ist eben nur eine Sage, und eine Sage ist immer nur eine überlieferte Deutungsmöglichkeit der Realität. Wir können uns die Wirklichkeit auch anders deuten, sie anders erzählen.

„We can provide space for another meaning for our pursuits, for the attainment of ideal happiness that exists in
our connections with a mountain, each other and ourselves – for trying to create a living paradise on earth.“

Babsi geht es bei ihren Berggeschichten eben nicht um den heroischen Bergsteiger, der einsam und eisern den Gipfel erklimmt, sich dadurch einen Platz im Elysium der Alpinszene sichert. Zu lange war das ein Narrativ, dem viele bereitwillig gefolgt sind. Zu verlockend der aufgesetzte Rahmen des Bergepos, zu einladend die auf der Hand liegenden Analogien. Zu simpel, zu vereinfacht, zu oberflächlich, findet Babsi. Sie sagt: „Mir geht es um ein postheroisches Geschichtenerzählen.“ Wir sollten nicht dem Mythos des Elysiums erliegen, wir sollten uns stattdessen ein reales Paradies auf Erden schaffen. Und dabei den Alpinismus als das porträtieren, was er wirklich ist: eine komplexe Auseinandersetzung mit inneren und äußeren Verbindungen, zum Berg, zu unseren Kameradinnen, zu uns selbst. Und dabei den Menschen als Ganzes sehen. Zu einer dieser Bergsteigerlegenden, die es sich schon länger auf der Insel der Seligen gemütlich gemacht hat, hat Babsi Vigl eine besondere Beziehung: Hermann Buhl. Mit seinem grenzgängigen Alleingang bei der Erstbesteigung des Nanga Parbat hat er wohl den Zenit des heroischen Heldentums neu definiert. Zwei alte Schwarzweißbilder sind vom berühmten österreichischen Bergsteiger in ihrem Artikel abgedruckt: Einmal vor dem Matterhorn mit Eispickel in der Hand, einmal in einer Kirche mit Baby im Arm. Dieses Baby wird heranwachsen und irgendwann zu Babsis Vater werden. Hermann Buhl war sein Taufpate.

Hermann Buhl hält 1953 den kleinen Luis Vigl, Babsis Vater, im Arm. Foto: Familienarchiv Vigl

Auch wenn Buhl bereits vor Babsis Geburt verunglückt ist, so wirkt sein Nimbus doch bis heute in dieser Familie. Beeinflusst die heranwachsenden Kinder, die mit ihren Eltern immer schon viel in den Bergen unterwegs waren. „Buhl wäre da ohne Hände raufgeklettert“, hört sie oft. Beeinflusst Babsi, die alles verschlingt, was über Buhl publiziert wird. Beeinflusst sie im Schreiben des Textes, wo sie sich fragt, was sich Buhl wohl denkt, wenn er aufs Matterhorn schaut. Und vielmehr noch, was er wohl fühlt, wenn er den warmen Körper eines Neugeborenen in den Händen hält. Warum erfährt man in der Alpinliteratur so wenig über die Gefühle, über die Zweifel, über die Wünsche eines so wichtigen Bergsteigers?

„It’s up to us, how we narrate our climbs and what images we create in other people’s minds.“

Alpinisten und Alpinistinnen besitzen in ihrer Rolle als Protagonisten einer Geschichte die Macht, Werte, Emotionen und die Art, wie wir auf Berge steigen und darüber kommunizieren, entweder zu normalisieren oder zu stigmatisieren. „Mich interessiert bei einem Protagonisten immer die ganze Palette an Emotionen. Nicht nur die, die ihn nach außen gut aussehen lassen. In seiner Gesamtheit wird er oder sie für mich viel greifbarer – eben der Mensch hinter der Erzählung, nicht ein entferntes Ideal“, sagt Babsi. Wäre es denkbar, dass ein Schreiben konnotiert ist, sondern einfach eine weitere, bereichernde Facette einer realistischen Erzählung? Die Bilder, die Babsi in den Köpfen von uns Leser*innen erzeugen will, sind ganzheitliche Bilder. Als ausgebildete Ergotherapeutin ist sie auch auf gesundheitlicher Ebene darauf spezialisiert, den Menschen als Ganzes zu betrachten. Ein Beruf, den sie ursprünglich als Plan B gewählt hat, falls das mit dem professionellen Bergsteigen doch nicht funktioniert oder einfach keinen Spaß mehr macht. Mittlerweile hat sie sich auf Kletterverletzungen spezialisiert, genießt damit in der Szene bereits einen guten Ruf und möchte auch aus einem ganz anderen Grund einen bodenständigen Beruf nicht mehr missen: „Ich finde es gut, nicht von Sponsoren abhängig zu sein. Ich will am Berg das machen, was mir Spaß macht. Und nicht das, was sich gut vermarkten lässt.“

Babsi Vigl in der Route Supercalaneta am Fitz Roy. Foto: Raphaela Haug

Die Ebenen des Profialpinismus

Die Motivation für den Alpinismus muss für Babsi kompromisslos sein. Und wenn man das Spiel dann auf einem professionellen Niveau spielen will, dann kommen eben einige Ebenen hinzu. Eine davon ist, dass Bergsteigen nun auch ein Job ist, mit all den dazugehörigen Verpflichtungen. Babsi bekam die Möglichkeit, ins professionelle Bergsteigen einzusteigen. Sie wurde für ihre Leidenschaft bezahlt, wovon viele nur träumen können. Ziel erreicht? Nicht so ganz, denn sie merkte schon bald, dass sie damit haderte, bei Projekten mitzuklettern, die nicht aus ihrem Inneren entstanden waren. Auch wenn sie dabei mit weltbekannten Athleten in perfekter Inszenierung an den tollsten Plätzen sein konnte. Sie sagt: „Für mich bin ich lieber mit meinen Freunden unterwegs und mache was Unspektakuläres. Ich will die Freiheit, das zu tun, was ich will. Ich finde die professionelle Komponente schon sehr interessant, aber mich bringt sie weiter weg von den Bergen, als dass sie mich mit ihnen verbindet.“ Als Profi muss man die Berge mit anderen Augen sehen, wird auch selbst zum Produkt der Vermarktung. Ein paar Ebenen zu viel, die sich hier über die Grundmotivation legten: „Ein Spiel ist etwas, was man nur des Spieles wegen tut. Es erfüllt keinen Zweck, es ist kreativ und frei. Und genau das will ich in den Bergen.“

Babsi Vigl rastet in der Route Salathé am El Capitan. Foto: P. Ehrengruber

Mit dem Abschluss der Südtiroler Bergführerausbildung wird sie nun noch ein zweites einschlägiges Standbein haben. Denn die Unabhängigkeit steht bei Babsi über allem. Stimmt die Motivation und das Bauchgefühl nicht, dann stimmt gar nichts mehr. „Ich bin mir sehr bewusst, welche Risiken wir im Alpinismus oft eingehen. Auch wenn man natürlich versucht, alles so gut wie möglich zu kontrollieren. Risiken sind für mich aber nur vertretbar, wenn ich sie für mich selbst eingehe. Nicht für jemand anderen.“ Allzu viel hört und liest man in den Fachpublikationen nicht von der Alpinistin Barbara Vigl. Was bestimmt nicht an einem Mangel an beeindruckenden alpinistischen Leistungen in Fels, Eis und allem dazwischen liegt. Sie sagt nur: „Für mich ist es eher eine Strafe, in der Öffentlichkeit zu stehen.“ Ihr liegt nicht wahnsinnig viel daran, ihre Leistungen zur Schau zu stellen. Wir trauen uns hier trotzdem, einige zu erwähnen. Aufgewachsen ist Babsi mit zwei Schwestern und einem Bruder im Vorarlberger Montafon. Sehr naturnah, denn „die Eltern haben uns jedes Wochenende vor die Tür gezerrt“. Das ambitionierte Bergsteigen liegt schon länger in der Familie, Babsis Opa Luis Vigl war einer der Kletterkameraden von Hermann Buhl und so wie dieser eine der großen alpinistischen Nachwuchshoffnungen seiner Zeit. Nicht ohne Tribut. „Ich denke, der Opa hat dem Bergsteigen viel geopfert“, erinnert sich Babsi.

Die Türme des blauen Himmels

Das Klettervirus hat sie schon früh befallen, „Klettern hat mir einfach von Anfang an voll getaugt“. Ihr Papa war lange ihr einziger Kletterpartner. Schon mit elf zieht es sie auf die Sohmplatte der Zimba. Andere kletternde Jugendliche finden sich in ihrem Heimatdorf Bartholomäberg im Bezirk Bludenz anfänglich nicht, was Babsi aber nicht daran hindert, trotzdem klettern zu gehen. Sie geht einfach allein mit beharrlicher Zielstrebigkeit in den lokalen Klettergarten und tobt sich aus. Bis zum sechsten Grad klettert sie free solo, mit zwölf. „Irgendwann hab’ ich das dann meinem Papa gestanden, aber statt mir einen riesigen Anschiss zu verpassen, hat er nur gemeint, er vertraut mir. Das fand ich schon extrem cool, so viel Vertrauen.“ Irgendwann fanden sich dann doch andere Kletterer in der Gegend, erst recht, als sie für ihr Mathematikstudium nach Innsbruck zog.

Babsi Vigl als Trainerin mit dem Alpinkader der Naturfreunde auf dem Preußturm. Foto: Barbara Vigl

Die Form explodierte, und das Studium zog sich. „Wir waren wirklich extrem viel klettern“, grinst sie. Ihre erste Expedition unternahm sie mit 20, kletterte dann viel in den Dolomiten und in Chamonix. Es folgten große Wände wie der El Capitan und die Westwand des Asan, 4230 m, in Kirgistan (vermutlich erste Wiederholung der Australier-Variante „Pogorelov Route“, 1000 m, 5.11d). Den Techno-Klassiker „The Prow“ (V 5.6 A2 or C3) am Washington Column im Yosemite National Park klettert Babsi 2014 in vier Tagen, „meine erste große Solotour“. 2015 war sie als erste Frau beim Alpinkader der Naturfreunde mit dabei, im Jahr darauf folgte mit dem Team die Cassin-Route am Walkerpfeiler der Grandes Jorasses. „Das war wichtig für mich, weil ich danach das Gefühl hatte, dass ich das jetzt auch kann.“ Die erste Expedition in den Himalaya wurde organisiert, die Erstbegehung „From Dusk till Dawn“ (500 m, 6a, A1) am Jamyang Ri, 5800 m, in Indien war das Resultat. Im Ausbildungsteam des Kaders lehrt sie seitdem. Mit ihrem guten Freund Simon Messner gelangen ihr imposante bohrhakenfreie Erstbegehungen in den heimischen („Nebelgeist“, VII+, Schüsselkar) und quasi-heimischen Bergen („Ice Age“ VIII-, Punta del Pin oder „Hakenlos“ VI+, Sellastock-Westwand in den Dolomiten).

Babsi Vigl als Kind. Foto: Privat

Auch mit ihrem Lebenspartner, dem Bergführer Benedikt Hiebl, ist sie sportlich unterwegs: Mit „Erebor“ (VIII A3) gelang ihnen 2021 die Erstbegehung einer Elf-Seillängen-Route an der wenig begangenen Südostwand der Arnplattenspitze in Tirol. Auch schier endlose Ausdauer beweist Babsi gern: Zusammen mit Laura Tiefenthaler schaffte sie im Sommer 2022 das Linkup der fünf Gipfel des Drei-Zinnen-Massivs, die Integral-Traverse. Und dann ist da noch das Land am Ende der Welt: Patagonien. „Die Leute sagen, entweder du kletterst nur einmal dort und kommst nie wieder oder du musst immer wieder kommen, weil es dich nicht loslässt. Bei mir ist es wohl Zweiteres“, schwärmt sie vom Land des Windes. Es ist einer dieser Orte, wo alles zusammenkommt: eine wilde Berglandschaft, rassige Wände, eine eingeschworene Community. Die unwirklichen Granitriesen am nördlichen Rand des Nationalparks Los Glaciares sind dabei ihr Ziel, das Chaltén-Massiv. Schönwetterfenster zwischen den Schneestürmen sind hier selten, aber manchmal gibt es sie doch, wie eben in der Saison 2020. Da gelang Babsi an der Westwand des Cerro Torre die ikonische „Via dei Ragni“ (600 m, 90˚, M4) und gleich darauf noch mit Raphaela Haug und Laura Tiefenthaler die erste reine Frauenbegehung der „Supercanaleta“ (1600 m, 80˚, 5+) am Cerro Chaltén (Fitz Roy) innerhalb von nur acht Tagen. Wie sich das vertikale Sein während zweier großer Wetterfenster in Patagonien anfühlt, lässt sich schwer in Worte fassen. Aber einen Versuch ist es wert:

„The beauty of silence, of fading light, of huge rime formations sculpted by wind into giant ice mushrooms. The beauty that you can find in solitude and fellowship, in sharing good food and stories. The beauty of strangers becoming friends. The beauty of laughing, enduring and singing together. (…) The beauty of knowing that you are exactly where you want to be.“

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