Epigraph:
"Diesen Sommer, unterwegs als Bergführeraspirantin, war ich sehr entsetzt von der hereinbrechenden Klimakatastrophe, deswegen hab ich lang gehadert, ob ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann mitzufliegen", berichtet Anna Gomeringer (DAV Konstanz). "Zusätzlich zeigt sich der Klimawandel auch vermehrt in Nepal und macht unsere Touren anspruchsvoller. Letztendlich habe ich aber beschlossen mitzufahren – und freue mich sehr darauf, eine Kultur und ein Land kennenzulernen, von dem ich schon so viel erzählt bekommen habe, und Zeit mit den Mädels zu verbringen, auch wenn ich aufgeregt bin, was der alpinistische Teil mit sich bringt."
Berge nach Wahl
Ihr Basislager im kaum besuchten Yangma-Tal, im Osten Nepals nahe der chinesischen Grenze, werden die jungen Frauen mit einem zweieinhalbtägigen Anmarsch von Thaplejung, dem letzten Dorf, erreichen; in dieses kommen sie nach zwei Organisationstagen in Kathmandu (Anreisetermin 2.10.) und einem Inlandsflug nach Bhadrapur per PKW. Dann haben sie die Qual der Wahl: "Es stehen etliche Fünftausender mit alpinem Charakter über dem Basislager", erzählt Raphaela Haug, gemeinsam mit Dörte Pietron Trainerin des Teams – ideal, um sich zu akklimatisieren und ein Gefühl für die Dimensionen im Himalaya zu bekommen. Wenn Verhältnisse, Wetter und Gesundheit mitspielen, gibt es dann auch zwei ambitionierte Optionen: die rund tausend Meter hohe kombinierte Westwand des Sharphu II und den ähnlich hohen und sehr langen Felsgrat zum Sharphu VI mit komplexen Rückzugsmöglichkeiten; beide Gipfel sind etwa 6200 Meter hoch. "Die Informationsfotos, die wir bekommen konnten, sind drei, vier Jahre alt", sagt Raphaela, "man muss erst mal schauen, wie viel Schnee es hat und was dann machbar ist."
"Auf Graten fühle ich mich normalerweise wohl; ob ich mich in die Wand trauen will, wird sich zeigen", urteilt Kathi Huber (DAV Tegernsee), "derzeit habe ich noch ziemlich Respekt. Vor allem freue ich mich, mit dem Team unterwegs zu sein; eine Expedition wird wohl kaum reibungslos ablaufen, aber ich bin optimistisch, dass wir entstehende Probleme schon im Keim lösen können. Und ich bin gespannt auf die Kultur und die Menschen in Nepal – und auf die generelle Logistik einer Expedition, alles Material zum Basecamp transportieren und danach weiter ins Advanced Basecamp. Und auf die Dimensionen des Himalaya: Schon in den Westalpen sind die Berge so groß und wir so klein, das wird dort wohl noch viel extremer werden, so klein in dieser riesigen Umgebung." Vorbereitet hat sie sich so gut, wie es neben ihrem Arztberuf möglich war: "Jeden freien Tag bin ich raus, in die Berge zum klettern und wenn möglich biwakieren." Ihren Urlaub im Juli nutzte sie zum Hochtouren- und Biwaktraining im Wallis; aber auch da war die Klimakatastrophe präsent: "Bei den Biwaks auf 3000 Metern hatten wir nie Minustemperaturen. Und es ist erschreckend, wie die Berge auseinanderfallen: Das Wallis war bisher noch stabiler als Chamonix, wo es besonders schlimm ist – aber auch hier ist uns mal ein Kühlschrank entgegengefallen." Auch mit Kristin Hinkelmann konnte sie kurz vor Abflug noch ein sehr gutes Expeditionstraining unterbringen: drei Tage auf einem einsamen Grat im Berner Oberland mit Biwaks über 3000 Meter, frieren und viel sehr alpinem Gelände – so fühlen sich die zwei jetzt gut akklimatisiert und ideal vorbereitet für die kommende Zeit.
Auch Vera Bakker war "diesen Sommer fleißig unterwegs": Zusammen mit Kathi kletterte sie die Südwand (V+, 700m) am Obergabelhorn (4063m); in der Dauphiné gelangen "Super Michele" (5c, 350m) an der Pointe Louise (3668) und "Voie du vieux Piton" (300 m, 6a) als Auftakt zur klassischen Überschreitung der Pointe des Cinéastes (3205m). Fundament für die alpinen Ziele ist ihr Sportkletterkönnen: In Arco kletterte sie "Panem et Circensis" (8b), im Zillertal "Tanjiro" (8a+), in La Saume zwei 8as und im Ötztal ein Onsight von "Berti Blockwardt" (7c+). "Jetzt blicke ich voller Freude und mit etwas Nervosität auf Nepal", sagt Vera.
Peru als Training
Eine besondere Vorbereitung genoss Fenja Köchl (DAV Tölz): Mit ihrem Freund ging sie nach Peru zum Bergsteigen – drei schöne Gipfel (Vallunaraju, Alpamayo, Janapaccha) und acht Tagesetappen des Huayhuash-Treks in sechs Tagen waren die Bilanz. Am Alpamayo seilten sie vom Gipfelgrat ab, 50 Meter und wenige Höhenmeter vom Gipfel entfernt, um Wartezeiten und Behinderungen mit einem Bergführer und seinen Kunden zu vermeiden – und kalt war es auch… Dennoch machte sich die Klimakrise auch in Peru bemerkbar: Riesenseracs brachten Gefahr und Unfälle am Alpamayo; an ihnen heil vorbeigekommen zu sein, war ihr "persönlicher Gipfelerfolg". Auch die Veränderungen in den Alpen und die Flutkatastrophe brachten Fenja ins Grübeln – nachdem sie sich nach zehn Jahren die erste Flugreise gegönnt hatte, jetzt auch noch nach Nepal fliegen, "während die Einwohner mit den grausamsten Verlusten zu kämpfen haben"? Aber die Bergsteigerin und Chronistin Billi Bierling sagte ihr, "dass man den Menschen dort jetzt am besten hilft, wenn man in das Land fährt und Geld da lässt." Und das Reisen selbst kann ja auch die Reisenden bereichern, wie sie in Peru erlebt hatte, "die Kultur und die Begegnungen mit den Menschen". So ist Fenja nun gespannt, "wie es dann vor Ort wirklich ausschaut und ob’s realistisch ist, was wir uns in den Kopf gesetzt haben" – auf jeden Fall freut sie sich auf alles, was kommt. Und darauf, nachdem sie mit der Höhe von 6000 Metern gut zurechtkam, "in Nepal beides zu kombinieren: die Höhe aus Peru und das technisch anspruchsvollere Klettern aus den Alpen", wo sie im Frühjahr mit Anna Gomeringer in der Slowenenroute der Grandes Jorasses ein Highlight erlebt hatte. Eine Erkenntnis nimmt sie aber auch mit aus Peru: "Das Schleppen des schweren Rucksacks wird sicher nicht meine Lieblingsdisziplin."
Auch Steffi Feistl (DAV Bayerland) konnte den Sommer gut nutzen und nach ihrer Knieverletzung "einiges nachholen: bissi lang, alpin, sehr alpin, bröselig, nie richtig schwer und viel Kamingerampfe. Also rundum ein perfekter Sommer." Tradgesicherte Klassiker wie der "Schiefe Riss" (9 bis 15 SL, V-) an der Spritzkarspitze oder die "Nordostverschneidung" (6 SL, VI+) am Predigtstuhl; Neoklassiker wie die "Schreck-Heel" (10 SL, VI+/VII-) an der Freispitze und "Ohne Heel und Tadel" (8 SL, VII+) am Heelzapfen; Longlines wie der "Weg der Chaoten" (26 SL, VII-) am Großen Bratschenkopf. Ein Highlight war der "Gesamte Brouillardgrat" (Stelle V, ca. 3500 HM auf gut 5 km Gratlänge) zum Mont Blanc, zusammen mit ihrem Vater: "mehr Türmchen als es den Anschein machte, selbstverschuldet kurz im gestapelten Würfelzucker geklettert, und auch in den Alpen kann man an einem Gletscherbach scheitern und muss sich Alternativen suchen." Ein Learning für die anstehende Expedition: "Das ist halt auch in Nepal recht realistisch, einfach an der Natur zu scheitern und erst gar nicht zum Ziel der Begierde zu kommen, da es aus dem Tal wenig bis gar keine Bilder gibt." Trotzdem durchzukommen hat sie immerhin geschafft…
So äußern sich die Kader-Frauen recht optimistisch, nach diesem Sommer der Hitzerekorde und schwindenden Gletscher. Auch wenn nach den sehr gelungenen Fahrten nach Norwegen und Chamonix das Budget nicht mehr für ein gemeinsames Trainingscamp gereicht hat, sind sie gut vorbereitet. Am 2. Oktober startet der Flug nach Kathmandu, am 1. November sind sie voraussichtlich zurück in Deutschland. Dazwischen haben sie es in der Hand: "Ideen gibt es viele. Mal schauen, was sich umsetzen lässt", sagt die Trainerin Raphaela Haug. Auch wenn sie aus gesundheitlichen Gründen nicht bei der diesjährigen Expedition dabei sein kann, freut sie sich auf die weitere Arbeit für den DAV-Expedkader. Dessen Leitung als Cheftrainerin wird sie im nächsten Jahr von Dörte Pietron übernehmen, die auf dieser Expedition noch einmal mit dabei ist; als Ärztin begleitet wieder Laura Tiefenthaler das Team. Wir wünschen eine gute Zeit und immer das richtige Händchen (und Köpfchen) in der Abwägung von Wünschen und Tun.
Und die Jungs?
Für das im Frühsommer etablierte Männerteam des DAV-Expedkaders brachte der Sommer ein gemeinsames Trainingscamp in den Dolomiten. Nach einer Vorstellung und Einkleidung beim Sponsorpartner Mountain Equipment gab ihnen in Murnau Dr. Bernhard Bliemsrieder einen Crashkurs in Notfallmedizin und Erster Hilfe; "Bliemsi" wird auch dieses Team als Arzt begleiten. Nach der Weiterfahrt ins Gadertal standen die Techniken der behelfsmäßigen Bergrettung im Fokus; eineinhalb Tage lang arbeiteten die Jungs in verschiedenen Szenarien – denn eine gute Werkzeugkiste an Lösungsideen kann Leben retten, wenn trotz bester Planung und Umsicht mal was schiefläuft.
Dann stieß Kurt Astner zum Team, legendärer Dolomitenkletterer mit vielen ernsten Erstbegehungen. In drei selbständigen Seilschaften, begleitet von Kurt und dem Cheftrainer Sebastian "Sebi" Brutscher, feierten sie dann den Dolomitenfels in namhaften (Langkofel Hypersalami, Heiligkreuzkofel Mittelpfeiler und Fata Morgana) und weniger berühmten, aber nicht weniger anspruchsvollen Routen (Zweiter Sellaturm Fata Morgana und Vladimir, Meisulesturm Via Farancz). Ein Tag mit unsicherem Wetter dazwischen wurde zum Update für Standplatzbau und Sicherungstechnik genutzt – vor allem die "Südtiroler Spezialitäten", die Kurt Astner vermittelte, begeisterten die Jungs.
Für weitere Trainingscamps reichte leider auch beim Männerteam das angespannte Budget nicht. Doch schon nach dem ersten Termin ist der Trainer Sebi Brutscher begeistert von der Truppe: "Das geilste Team, das der DAV je hatte. Sie sind stark, hochmotiviert, harmonieren gut, zeigen Eigeninitiative und übernehmen selbständig Aufgaben." Im Sommer taten sie sich zusammen für eine Erstbegehung in der Laliderer Nordwand, für den Winter planen sie einen eigenverantwortlichen Trip in eine außeralpine anspruchsvolle Bergregion. So ist die Idee Expedkader gedacht: Begabte und engagierte junge Menschen zusammenbringen und ihnen vertieftes Hintergrundwissen vermitteln, damit sie aus ihrer Leidenschaft auf gute Weise starke Erlebnisse ziehen.