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12.10.2010: Bewertung von Klettersteigsets für leichte Personen

Das Begehen von Klettersteigen wird immer beliebter – auch bei Familien mit Kindern. Klettersteigsets speziell für Kinder gibt es allerdings nicht. Die DAV-Sicherheitsforschung hat sich daher mit der Frage beschäftigt, ob die am Markt befindlichen Klettersteigsets auch für Kinder geeignet sind. Ergebnis: Sie sind es nicht! Den Herstellern sind momentan allerdings die Hände gebunden: Sets für Kinder können sie weder entwickeln noch anbieten, weil die bestehende Norm keinen Spielraum zulässt. Die DAV-Sicherheitsforschung wird daher Anträge zur Änderung der Norm in die entsprechenden Gremien einbringen.
 
Bislang keine Unfälle
Bislang ist kein Unfall gemeldet worden, bei dem ein Kind oder eine leichtgewichtige Person an einem Klettersteig verletzt wurde und dies ursächlich mit der Funktion des Klettersteigsets zu tun hat. Das heißt aber nicht, dass Klettersteigsets bei leichten Personen funktionieren. Vielmehr sind Stürze an Klettersteigen äußerst selten. Dennoch ist diese Sicherheitslücke dringend zu schließen.
 
Von der Sicherheitsforschung getestet
Um zu untersuchen, ob und wie die Klettersteigsets bei leichtgewichtigen Personen funktionieren, hat die DAV-Sicherheitsforschung praxisnahe Sturzversuche mit Dummies an einem marktüblichen Klettersteigset durchgeführt. Die dabei auf die Halswirbelsäule wirkenden Kräfte wurden gemessen und ausgewertet. Hierbei zeigte sich: Unter 50 Kilogramm Körpergewicht ist die Benutzung von auf dem Markt befindlichen Klettersteigsets riskant, unter 30 Kilogramm sind diese Risiken erheblich. Für Kinder und für leichtere Personen funktionieren die Sets nicht und sind daher nicht zu empfehlen. Details zum Test sind weiter unten im Text aufgeführt.
 
Empfehlungen des DAV
Da die Normvorgaben momentan so gestaltet sind, dass es keine praxistauglichen Klettersteigsets für Kinder und leichtgewichtige Personen geben kann, empfiehlt der DAV allen Eltern und betroffenen Personen folgende Sicherheitsmaßnahmen:
·         Sich die Problematik bewusst machen,
·         in leichteren Passagen hinter dem Kind steigen,
·         an schwierigen Stellen zusätzlich mit Seil von oben sichern;
·         wer das entsprechende Know-how nicht hat: auf schwierige und extreme Klettersteige verzichten.
 
Details zum Test
Klettersteigstürze: Auswirkungen auf Kinder unklar
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Das gilt nicht nur für motorische Fertigkeiten, sondern natürlich auch unter biomechanischen Aspekten. Fachleute waren sich bislang nichteinig, ob der kindliche Körper die Kräfte bei einem Sturz in ein Klettersteigset aushält oder nicht. Einerseits sind das Skelettsystem sowie die inneren Organe bei Kindern flexibler, also auch belastbarer, andererseits wirken bei einem Klettersteigsturz auf leichtgewichtige Personen auch höhere Beschleunigungen als bei schwereren. Die DAV-Sicherheits-forschung hat in Kooperation mit Prof. Dr. Jochen Buck, Leiter des Instituts für forensisches Sachverständigenwesen, und unterstützt durch die Hersteller Edelrid und Petzl zur Klärung dieser Frage umfangreiche Versuche mit Crash-Test-Dummies durchgeführt. Hierbei wurden die Beschleunigungen im Kopf bei Kindern und Jugendlichen (15 und 49 kg) gemessen. Die Resultate waren alarmierend.
 
Physikalische Hintergründe
Ein gutes Klettersteigset weist einen Ansprechwert von 3,5 bis 4,5 Kilonewton (kN) auf. Wirkt eine Kraft in dieser Größe, gibt das Set nach – entweder weil es durchrutscht (sog. Reibfalldämpfer) oder weil es kontrolliert aufreißt (sog. Bandfalldämpfer). Beim Nachgeben wird Sturzenergie abgebaut. Nach Norm dürfen dabei keine größeren Kräfte als 6 kN auf den Stürzenden wirken, und der Bremsweg darf nicht länger als 120 cm sein.
Das im Test verwendete Klettersteig-Set hat einen Bandfalldämpfer und weist einen Ansprechwert von etwa 4,5 kN auf. Nach der Formel F = m * a (Kraft gleich Masse mal Beschleunigung) gilt dann für die Beschleunigung umgekehrt a = F/m. Das bedeutet: Weil die Ansprechkraft konstant bleibt (4,5 kN), steigt die Beschleunigung mit geringer werdendem Gewicht. Rechnerisch muss ein 75 kg schwerer Erwachsener also im Sturzfall die sechsfache Erdbeschleunigung aushalten, während ein 15 kg leichtes Kind der 30-fachen Erdbeschleunigung ausgesetzt ist.
 
Gemessene Ergebnisse
Beim verwendeten Kinder-Dummy wirkte am Kopf die 43- bis 67-fache Erdbeschleunigung. Diese zum Teil deutlich über der theoretischen Betrachtung liegenden Werte resultieren daraus, dass Anseilpunkt und Kopf bei waagerechter Sturzposition etwa 40 bis 50 cm voneinander entfernt sind. Je nach Sturzposition wirkt also ein zusätzlicher Hebel. Beim Jugendlichen-Dummy (49 kg) wirkte die 13- bis 54-fache Erdbeschleunigung. Die verwendeten Bandfalldämpfer gaben bei den 49 kg-Dummies ca. 15 cm nach, bei den 15 kg-Dummies nur 0 bis 3 cm. Die Bremswege waren in beiden Fällen viel zu kurz – wenn man bedenkt, dass die Norm 120 cm zulässt. Dies lässt nur einen Schluss zu: Die auf dem Markt befindlichen Sets funktionieren bei Kindern und leichten Personen in der Praxis nicht!
 
Grenzwerte, Verletzungsfolgen und Praxisrelevanz
Je nach Sturzposition und Anseilmethode resultieren aus diesen Beschleunigungswerten erhebliche Verletzungsgefahren an Hals-, Brust und Lendenwirbelsäule. In Frage kommen Lungenkontusionen, Schleudertraumata, Wirbel- und Genickbrüche etc. – mit teils tödlichem Ausgang. Zusammengefasst: Unterhalb von 50 kg Körpergewicht können die Beschleunigungen auf die Halswirbelsäule schwerwiegende Folgen haben. Je leichter die stürzende Person ist, desto höher ist die Belastung und desto gravierender sind die Verletzungsgefahren. Bei Kindern zwischen 15 und 30 kg sind tödliche Schleuderverletzungen nicht auszuschließen.
 
Konsequenz: Die Norm muss geändert werden
Die oben angeführten Tipps für die Praxis können nur eine Übergangslösung darstellen. Grundsätzlich muss die Norm für Klettersteigsets dringend überarbeitet werden, um auch für leichtere Personen funktionstüchtige Klettersteigbremsen anbieten zu können. Diese Bremsen müssen einen wesentlich niedrigeren Ansprechwert aufweisen. Die DAV-Sicherheitsforschung wird gemeinsam mit den bereits informierten Herstellern dazu entsprechende Anträge im Europäischen Komitee für Normung (CEN) und im Normengremium der UIAA (Internationale Vereinigung der Bergsteigerverbände) einbringen.
 
Risiko im Bergsport
Mit seiner Sicherheitsforschung trägt der DAV maßgeblich zur Verbesserung von Ausrüstung und Ausbildung und damit zur Reduzierung von Unfällen beim Bergsport bei. Die aktuelle Bergunfallstatistik 2008/2009 belegt eindrucksvoll, dass die Zahl der tödlichen Bergunfälle in den letzten Jahrzehnten markant gesunken ist und sich derzeit mit unter 40 Todesfällen bei DAV-Mitgliedern pro Jahr auf einem historischen Tiefstand befindet. Doch trotz aller Vorsicht und Vorbeugung: Ganz ohne Unfälle wird sich der Bergsport nie ausüben lassen. Risiko gehört zum Wesen des Bergsports dazu und macht zu einem gewissen Teil auch seinen Wert aus. Deshalb verfolgt die Sicherheitsforschung des DAV zwei Ziele: Einerseits Gefahren minimieren, andererseits das Bewusstsein für Risiken bei den Bergsportlern schärfen.
Die aktuelle Untersuchung zu den Klettersteigsets ist ein weiterer Baustein für die Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit der Sicherheitsforschung – und ein wichtiger Beitrag für die Sicherheit beim Bergsport.
 
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