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SEILKAUFEN: Was ist beim Seilkauf grundsätzlich wichtig?

 

Im Bergsport kommen vor allem dynamische Seile zur Anwendung. Norm-Definition: „Ein Seil ist dazu vorgesehen den freien Sturz eines Bergsteigers, bei einer begrenzten maximalen Fangstoßkraft, aufzufangen.“
 
Es muss also mehrere Eigenschaften in sich vereinen:
  • Ausreichende Reißfestigkeit um auftretende Stürze zu halten
  • Reduzierung der Fangstoßkräfte auf ein körperverträgliches Maß
  • gute Handhabbarkeit (weitestgehend krangelfrei, gut knotbar) und Verschleißfestigkeit (Widerstandsfähigkeit gegen Abrieb)
Statikseile werden vornehmlich als Fixseile und um daran auf- oder abzusteigen eingesetzt. Sie finden beim Höhlenforschen oder Gewerbeklettern, jedoch weniger im Bergsport, ihre Verwendung.
 
Da die Anforderungen an ein Seil für die verschiedene Einsatzbereiche im Bergsport unterschiedlich sind, gibt es verschiedene Seiltypen.

 

Seiltypen

Bei dynamischen Bergseilen unterscheidet man drei Seiltypen, Einfach-, Halb- u. Zwillingsseile. Sie sind durch entsprechende Banderolen am Seilende gekennzeichnet (Siehe Tabelle 1).
 
Achtung: Zum Klettern dürfen keine statischen Seile eingesetzt werden! 

 

Einfachseile

Das klassische Einsatzgebiet für Einfachseile ist das Sportklettern in der Halle oder im Klettergarten. Häufig wird es auch auf Hochtouren zur Sicherung im leichten Felsgelände und auf Gletschern verwendet. Da das Seil im Einzelstrang verwendet wird, bietet es eine einfache Handhabung, geringes Gewicht und kann zur Sicherung im Fels sowie im Eis eingesetzt werden.

Halbseil

Beim Klettern im alpinen Gelände werden häufig zwei Halbseile verwendet. Daraus ergeben sich folgende Vorteile gegenüber einem Einfachseil:
  • höhere Sicherheitsreserven gegenüber Steinschlag und Kantenschnittbelastung
  • mit zwei Seilsträngen steht die volle Länge des Seils zum Abseilen zur Verfügung
  • Halbseile können im Doppelstrang (Zwillingsseiltechnik) oder zur Reduzierung der Seilreibung im Einzelstrang in die Sicherungen eingehängt werden (Doppelseiltechnik)
  • Seilgewicht kann im Anstieg auf zwei Personen verteilt werden
Im Nachstieg (z. B. bei Dreierseilschaft) oder bei der Sicherung auf dem Gletscher kann das Halbseil auch im Einzelstrang verwendet werden, nicht jedoch bei möglicher Sturzbelastung über scharfe Kanten! 

Zwillingsseil

Das Zwillingsseil besteht ebenfalls aus zwei Seilsträngen. Es darf im Gegensatz zum Halbseil jedoch ausschließlich im Doppelstrang verwendet werden. Der Einsatzbereich ist also begrenzter, der Vorteil ist das geringere Gewicht gegenüber den Halbseilen.
In Tabelle 1 sind nochmals die wichtigsten Kennwerte der unterschiedlichen Seiltypen zusammengefasst. 

 

Zusammenfassung Seiltypen

 

 
Einfachseile
Halbseile
Zwillingsseile
Banderolen-
Kennzeichnung
171 Banderole Einfachseil 172 Banderole Halbseil 173 Banderole Zwillingsseil
Durchmesser
8,9 bis 11,0 mm
8,0 bis 9,0 mm
7,5 bis 8,5 mm
kg/m
50 bis 80 g/m
40 bis 55 g/m
35 bis 45 g/m
Gewicht 50 m
2,5 bis 4,0 kg
4,0 bis 5,5 kg
(2 x 50 m)
3,5 bis 4,5 kg
(2 x 50 m)
Tabelle 1: Kenndaten verschiedener Seiltypen
 
Mit einem Strick für alle Fälle kommt man heutzutage nicht mehr aus. Um das geeignetste Seil für den jeweiligen Einsatzzweck zu finden kann nachfolgende Übersicht behilflich sein.  

 

Übersicht: Einsatzzweck der Seiltypen

 

Einsatzzweck
Seiltyp
Bemerkung
Fels
Kletterhalle, Klettergarten
Einfachseil, ggf. Multisturzseil
Abseilen nur über halbe Seillänge möglich
Alpines Gelände, Mehrseillängenklettern Gebirge
Zweierseilschaft
2 Zwillingseile oder
Abseilen über volle Seillänge möglich
2 Halbseile
Alpines Gelände, Mehrseillängenklettern Gebirge
Dreierseilschaft
2 Halbseile
Seilerster gesichert an zwei Strängen, jeder Nachsteiger an einem Strang
oder ev. Einfachseil
beide Nachsteiger in kurzem Abstand mit Weiche am Seilende
Eis
Gletscheranstieg
Zweier-/Dreier-/
Viererseilschaft
Einfachseil
 
oder Halbseil
auf dem Gletscher als Einfachseil, beim Gipfelanstieg (Grat, Fels) im Doppelstrang
Tabelle 2: Einsatzbereich verschiedener Seiltypen

 

Seillänge

Seile werden vorkonfektioniert in Längen von 50 m, 55 m, 60 m 70 m und 80 m angeboten. Kürzere Seile eignen sich nur für Spezialzwecke, z. B. für eine Zusatzsicherung am Klettersteig. 50 m ist eine sinnvolle Länge für den Einsatz in künstliche Kletteranlagen oder für alpines Gelände (Hochtouren). Bei Halb- oder Zwillingsseilen sind 55 m oder 60 m empfehlenswert, da 50 m Seile für manche Abseilrouten zu kurz sein können. Eine sinnvolle Länge für Einfachseile zum Sportklettern am Fels sind 60 m oder 70 m. Seile mit 80 m Länge werden zum Sportkletten in manchen Gebieten gebraucht, sind aber nicht der Regelfall.

 

Imprägnierung

Wer sein Seil im alpinen Bereich, insbesondere in Eis und Schnee, einsetzen will, sollte auf jeden Fall zu imprägnierten Seilen greifen. Nasse Seile sind nicht nur schwerer und schlechter zu handhaben (vor allem bei Vereisung) sondern verlieren auch an dynamischen Eigenschaften.
Imprägnierte Seile bieten zudem den Vorteil einer geringeren Schmutzaufnahme und damit einem geringeren Verschleiß.

 

Durchmesser

Der Vorteil von dünneren Seilen ist in erster Linie das Gewicht. Dem steht eine geringere Widerstandfähigkeit gegenüber Scharfkantenbelastungen und eine Abnahme der Lebensdauer entgegen. Weiter laufen moderne 9-Millimeter-Einfachseile, womöglich mit imprägnierter, extraglatter Oberfläche, zwar geschmeidig über den Fels und durch die Exen, aber genauso reibungsarm durch das Sicherungsgerät und vor allem durch die Bremshand. Es ist mehr Handkraft oder ein Sicherungsgerät mit höherer Bremskraft erforderlich. Besonders Anfängern ist deshalb ein Seil unter 10 mm Durchmesser nicht zu empfehlen und auch fortgeschrittene Kletterer sollten diesen Faktor nicht unterschätzen.

 

Kennzeichnung

Dynamische Bergseile müssen an beiden Enden mit einer maximal 30 mm breiten Banderole versehen sein. Die Banderolen müssen deutlich, unauslöschlich und dauerhaft mit mindestens folgenden Informationen gekennzeichnet sein:
  • Seildurchmesser (ab 2013)
  • Name oder Zeichen des Herstellers, Importeurs oder Lieferers
  • Seiltyp erkennbar durch eines der folgenden graphischen Symbole
 
Des weiteren muss auf dem Seil das CE-Kennzeichen mit 4-stelliger Kennnummer der benannten Prüftelle (z. B. TÜV) aufgebracht sein.
 
Im Beipackzettel des Herstellers müssen folgende Informationen stehen: Länge, Name oder Warenzeichen des Herstellers, Nummer der EN, Durchmesser, Metergewicht, Seiltyp, Gebrauchsdehnung (statische Dehnung), Normsturzdehnung (dynamische Dehnung), Fangstoß beim Normsturz, Anzahl der gehaltenen Normstürze, Mantelverschiebung, Bedeutung aller auf dem Produkt angebrachter Markierungen, Informationen zum Gebrauch des Produkts und Angaben zu Instandhaltung und Lebensdauer.

 

Lebensdauer

Allgemein wirken sich häufiges Ablassen, Abseilen, Stürzen, Staub und Sand negativ auf die Lebensdauer eines Seiles aus. Während Ablassen, Abseilen und Stürzen zum normalen Gebrauch eines Seiles gehören, sollte gegen das Eindringen von Schmutz (vor allem Sand und Staub) etwas unternommen werden. Dringen feine Kristalle und Schmutzpartikel ins Seil ein, wirken diese wie „Sand im Getriebe“ und verletzen die feinen Polyamidfilamente. Der Gebrauch eines Seilsacks verlängert daher die Lebensdauer des Seils.
Laut PSA Richtlinie sind die Hersteller verpflichtet, Angaben über die Lebensdauer von Bergsportausrüstung zu geben. Nach Ablauf der Lebensdauer gewährleistet der Hersteller die Sicherheit seines Produktes nicht mehr. Für den kommerziellen Einsatz (z.B. Verleih) ist es deshalb sehr wichtig, sich an Lebendauerempfehlungen der Hersteller zu halten. Für den privaten Gebrauch ist es eine Abwägungsache. Ein Überschreiten der empfohlenen Nutzungsdauer führt zwar nicht zwangsläufig zum Versagen der Ausrüstung, jedoch nehmen die dynamischen Eigenschaften eines Seils mit der Alterung ab und das Handling wir schlechter. Ein Seil gehört auf jeden Fall ausgemustert oder abgeschnitten, wenn der Mantel beschädigt oder das Ende durch häufiges Stürzen „platt“ ist.

 

Empfehlung für die Lebensdauer von Seilen beim Klettern:

Verwendungshäufigkeit                          ungefähre Lebensdauer    
nie benutzt                                              maximal 10 Jahre
selten benutzt (ein oder zwei mal im Jahr)      bis zu 7 Jahre
gelegentlich benutzt (einmal im Monat)          bis zu 5 Jahre
regelmäßig benutzt (mehrmals im Monat)        bis zu 3 Jahre
häufig benutzt (jede Woche)                        bis zu 1 Jahr
ständig benutzt (fast täglich)                       weniger als 1 Jahr

 

Mehr zum Thema

  • Albert, P. Indoor-Kletter beim DAV. BLV.(2009)
  • DAV Ausbilderhandbuch: Praxis und Theorie.(2005)
  • Semmel, C. (2010). Alpin-Lehrplan 2A Kletter-Sichern, Ausrüstung. BLV.
 

Richtlinien, Verordnungen und Normen

  • Richtlinie über Persönliche Schutzausrüstung (PSA) 89/686/EWG
  • Verordnung über das Inverkehrbringen von persönlichen Schutzausrüstungen
  • DIN EN 892 Bergsteigerausrüstung; Dynamische Bergseile; Sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfverfahren; Deutsche Fassung EN 892:2004