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Interview im JDAV Magazin Knotenpunkt

Gruppendynamik am Berg

Demokratie oder klare Führung? In Jugendgruppen am Berg ist beides wichtig – aber zur richtigen Zeit. Warum Menschen in jeder Gruppe anders agieren und niemand für Harmonie verantwortlich sein sollte, erklärt die Bergführer-Aspirantin und Psychologin Anna Gomeringer im Gespräch.

Das JDAV-Edelweiß auf hellgrauem Grund Knotenpunkt-Redaktion

Welche typischen Charaktere gibt es in Gruppen?

Eine Person in roter Outdoorjacke und Kletterhelm steht an einer Felswand und hält mehrere Kletterseile in den Händen, während ein Seil nach oben verläuft; im Hintergrund sind graue Wolken und Berglandschaft zu sehen. Anna Gomeringer

In jeder Gruppe gibt es bestimmte Rollen, die immer wieder auftauchen. Eine hilfreiche Brille dafür ist für mich das Rangdynamikmodell von Raoul Schindler, das z.B. auch die Zeitschrift „bergundsteigen“ beschreibt. Dabei gibt es meist eine Person, die besonders motiviert ist, ein Ziel – zum Beispiel einen Gipfel – zu erreichen. Diese Person zieht andere mit. Einige unterstützen diese Position aktiv, andere haben andere Ambitionen oder verfolgen eigene Vorstellungen.
Dann gibt es wiederum Menschen, die sich eher außerhalb dieser „Skala“ bewegen und stärker den Blick aufs Ganze behalten: Wie geht es den Teilnehmenden? Wer hat noch wie viel Energie?

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Welche Phasen durchlaufen neue Gruppen auf einer Bergtour?

Eine Person in roter Outdoorjacke und Kletterhelm steht an einer Felswand und hält mehrere Kletterseile in den Händen, während ein Seil nach oben verläuft; im Hintergrund sind graue Wolken und Berglandschaft zu sehen. Anna Gomneringer

Wenn sich eine neue Gruppe findet, muss sie sich zunächst „zusammenwürfeln“ und klären: Was ist unser Ziel? Wie wollen wir es erreichen? Wer übernimmt welche Rolle? Wenn das steht, kann die Gruppe in die Performance-Phase übergehen, in der es um die Umsetzung des Ziels geht. Am Ende – wenn das Ziel erreicht ist oder die Zeit vorbei – löst sich die Gruppe erst einmal wieder auf.

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Was ist das Risiko von Gruppendynamiken beim Bergsport?

Eine Person in roter Outdoorjacke und Kletterhelm steht an einer Felswand und hält mehrere Kletterseile in den Händen, während ein Seil nach oben verläuft; im Hintergrund sind graue Wolken und Berglandschaft zu sehen. Anna Gomeringer

Die Gruppendynamik selbst ist nicht gefährlich. Brenzlig wird es eher, wenn es in der Gruppe „holpert“ – also wenn Konflikte oder Unklarheiten entstehen. Problematisch ist zum Beispiel, wenn Rollen sehr starr verteilt sind und eine Person ständig das Ziel vorgibt. Schwierig wird es auch, wenn unklar bleibt, wer welche Rolle einnimmt und wie zufrieden alle damit sind. Wichtig ist der Blick von außen auf die Gruppe: Was passiert gerade? Wo können Risiken entstehen?

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Braucht es immer eine klar definierte Führungsperson?

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Auf keinen Fall! Ohne definierte Führung braucht es allerdings mehr Austausch in der Gruppe, um Ziele abzustimmen. Alle müssen mehr mitarbeiten und mitdenken – das kostet Zeit, kann aber sehr bereichernd sein. Wenn eine Situation angespannt ist oder es ein großes Kompetenzgefälle gibt, ist es jedoch oft sinnvoll, wenn eine Person die Leitung übernimmt. Ich finde es spannend, dass in der JDAV Führung oder Leitung oft negativ behaftet ist. Es wird viel Demokratie gelebt, was wiederum zu einem positiven Klima in Gruppen beiträgt, ich fühle mich dadurch sehr wohl. Bei der Ausbildung zur Bergführerin schätze ich es aber auch zu lernen, klare Ansagen zu machen.

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Warum sind wir in jeder Gruppe unterschiedlich – und wie bleibe ich bei mir?

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Dass man sich in verschiedenen Gruppen unterschiedlich verhält, ist völlig normal. Jede Gruppe verfolgt andere Ziele. Je sicherer man sich fühlt, desto weniger Energie kostet es und desto weniger hat man das Gefühl, eine Maske tragen zu müssen.
Wenn man merkt, dass man wieder „eine Maske“ aufsetzt, kann man sich fragen: Was brauche ich gerade, um wieder mehr ich selbst zu sein?
Rollen sind flexibel: Als Jugendleiterin habe ich vielleicht die Rolle der Organisatorin, während in meiner privaten Freundschaftsgruppe jemand anderes diese Rolle übernimmt.

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Worauf sollte ich in privaten Gruppen im Bergsport achten?

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In privaten Gruppen ist es zunächst kein Problem, wenn spontan jemand den Lead übernimmt. Wo keine Gefahr besteht, kann man es laufen lassen.
In exponiertem Gelände sollten jedoch einige Mitglieder bewusst wahrnehmen: Was passiert hier gerade? Bei z.B. Skitouren gibt es viele Entscheidungen und unterschiedliche Vorstellungen. Wenn alle in verschiedene Richtungen ziehen, müssen die Ziele neu abgeglichen werden. Eine Leitung, die das organisiert und die Sicherheit im Blick behält, ist dabei sehr sinnvoll. Es ist ein Spannungsfeld zwischen „super demokratisch“, was viel Zeit braucht, und „klar autoritär“, wo sich manche nicht gehört fühlen. Ein gutes Mittelmaß zu finden, ist eine Herausforderung.
Es ist aber nicht schlimm, wenn eine Gruppe mal etwas hin- und herwackelt – dabei passiert viel in der Kommunikation. Hierarchie ist nicht schlimm, solange sich alle damit wohlfühlen.

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Welche Rolle spielen klar definierte Führungen in einer Gruppe?

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Besonders in Jugendgruppen ist es wichtig zu klären: Habe ich gerade die Leitung oder arbeite ich zu? Wenn ein älteres und motiviertes Gruppenkind die Tour vorbereitet hat, kann ich im Hintergrund bleiben. An manchen Punkten muss ich aber eingreifen – und dafür ist der Blick auf die Gruppe entscheidend. Jugendleiter*innen sollten auch einzelne Personen nach ihrer Meinung zu fragen. So können auch stillere Personen aktiv eingebunden werden.

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Welche Rolle spielen Geschlechter für die Gruppendynamik?

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Aus persönlichen Beobachtungen spielt Gender definitiv eine Rolle. Stereotyp betrachtet kümmern sich Frauen häufiger um die Dynamik, vermitteln und stellen ihr eigenes Ziel zurück. Männer sehe ich häufiger in der Rolle des motivierenden Zugpferdes, bei dem das Ziel vor dem Gruppenklima steht. Unter anderem deshalb finde es auch wichtig, reine Frauengruppen zu haben.
Man kann Teilnehmende entlasten, indem man ihnen bewusst macht, dass es nicht ihre Aufgabe ist, für gute Stimmung zu sorgen – das kann sehr anstrengend sein.

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Inwieweit beeinflussen unterschiedliche Leistungsniveaus die Gruppendynamik?

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Platt gesagt ist es im Alpinismus und beim Klettern leider oft so, dass der Wert einer Person an ihrer Leistung gemessen wird. Wessen Meinung wird ernst genommen? Wen fragt man? Gerade deshalb gilt: Die Befindlichkeit aller ist gleich wichtig – unabhängig vom Leistungsniveau. Alle müssen gehört werden und es braucht eine Atmosphäre in der sich alle trauen, sich zu äußern. Bei Skitouren sind große Unterschiede schwieriger zu managen. Im Sportklettern hingegen ist es egal, wie gut jemand klettert – wichtig ist vor allem, dass die Person gut sichert und alle Spaß miteinander haben.

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Wie können wir uns von negativen Gruppendynamiken befreien?

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Ich versuche, einen inneren Kompass zu haben und mich zu fragen: Was möchte ich gerade und was braucht die Gruppe? Je länger ich am Berg unterwegs bin, desto mehr versuche ich dafür konsequent einzustehen. Ansonsten spreche ich schlechte Stimmung oder Wahrnehmungen offen an. Klare Aussagen wie „Ich trödele nicht, ich kann gerade nicht schneller“ helfen, die Gruppe wieder zusammenzuführen. Aber das funktioniert nicht immer.

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Wann sollte ich mich aus einer Gruppe zurückziehen?

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Wenn Rollen sehr starr sind und ich mit meiner Rolle unzufrieden bin.
Ich habe ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit – wenn das mehrfach übergangen wird, steige ich aus.

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In welchen Gruppen bist du am liebsten unterwegs?

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Aktuell bin ich unglaublich gern mit meiner WG unterwegs. Und sehr gerne mit den Expedkader-Mädels – dort schauen alle gut aufeinander und wir motivieren uns gegenseitig. Am liebsten bin ich in Gruppen, in denen ich mich sicher fühle.

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