Ivon Lawerenz im Gespräch
Sie kam erst relativ spät zu dem Sport, eine entscheidende Begegnung mit einem Bergführer 2020 ermutigte sie, trotz ihrer Sehbehinderung den ehrgeizigen Einstieg in das alpine Klettern und später auch den Leistungssport zu wagen. Heute ist Ivon Lawerenz mit ihren regelmäßigen internationalen Erfolgen bei IFSC Para World Cups eigentlich nicht mehr aus dem Paraclimbing Team Germany wegzudenken. Dennoch werden wir sie in nächster Zeit auf der Wettkampfbühne nicht mehr antreffen. Laut Ivon ein Rückzug, aber kein Abschied!
Wer oder was hat dich auf deinem Weg am meisten geprägt?
Ganz, ganz wichtig, am Anfang bei meinem ersten Kletterkurs hatte ich einen großartigen Bergführer. Ich klettere wirklich noch nicht so lange, das war 2020 im Herbst. Für mich war alpin klettern bis dahin undenkbar, da ich seit über 20 Jahren eingeschränkt bin - sehbehindert. Ich hatte gar nicht gecheckt, dass das geht und war dann in so einem Inklusionskurs und da sagte der Bergführer zu mir, nachdem ich so ganz schüchtern gefragt habe, ach ich würde so gerne, darf ich denn auch wandern? Geht das denn mit einer Behinderung? Und dann sagte er zu mir, weißt du Ivon, das, was du willst, das ist nicht wandern, du willst Bergsteigen! Er hatte natürlich beobachtet, dass ich während dieses Inklusionskurses überhaupt nicht ausgelastet war und nebenbei noch joggen war und alles Mögliche und er hatte natürlich recht. Und das war so ein entscheidender Moment, eine entscheidende Begegnung, also der Bergführer selbst, Ralf Weber, wohnt hier in Thun und engagiert sich so stark, auch für Inklusion, für Leute mit einer Beeinträchtigung, das hat mich so gefesselt! Seitdem war ich Bergsteigen auf etlichen Viertausendern, sogar schon mit meinem elfjährigen Sohn. Ich bin mit meinem Partner Bergsteigen, Eis klettern, Skitouren gehen... Das war so der Einstieg für mich in die Bergwelt und das Alpinklettern ist meine große Leidenschaft geworden. Also nicht unbedingt die Hochtouren durch den Schnee waten, sondern wirklich das Alpinklettern. Und ohne diesen Moment und ohne auch die Möglichkeit, dass man das tun darf, ohne ihn hätte ich es nie, nie gecheckt! Und dann gab es noch eine zweite Person, das war auch ein Bergführer. Eigentlich wollten wir eine, Alpenüberquerung mitmachen und ich habe ihn angerufen und habe gefragt: „Du, sag mal Stefan, kannst du dir vorstellen, kann ich da mitkommen?“ dann hat er gesagt: „Ja, warum nicht? Es gibt einen blinden Bergsteiger, der auf dem Mount Everest war, warum soll ich dich nicht mitnehmen?“ und das waren so ein bisschen die Momente in meinem Leben, die beide 2020 passiert sind, woraufhin ich voll Fahrt aufgenommen habe und so richtig mit Klettern und Bergsteigen angefangen habe.
Was nimmst du aus dem Sport für deine persönliche Zukunft mit?
Da gibt es unheimlich viel! Ich bin Projektleiterin, habe Team-Verantwortung und ich muss sagen, der Sport begleitet einen unglaublich.
Bergsteigen, klettern, als solches sowieso, aber mit einer Sehbehinderung erst recht bedeutet viel Vertrauen. Ich höre Leute immer sagen, das Seil ist das, was dir Sicherheit gibt, aber nein das ist natürlich das Vertrauen, insbesondere das Verhältnis zwischen Guide und Blinden ist nochmal eine ganz besondere Sache. Ohne den Menschen am Boden kann ich mich so anstrengen wie ich will, kann so viel trainieren wie möglich, aber wenn der mir die Griffe nicht ansagt und die Tritte, dann habe ich einfach in der Route keine Chance. Das ist etwas, was ich ganz stark in meine Arbeit mit reinnehme. Es gab eine Situation, da habe ich ein Mitglied vom Paraclimbing gebeten mich bei dem Wettkampf zu guiden. Sie hat sich freiwillig gemeldet oder gesagt „na du ich mach das, du hast grad niemanden“, sie hat mir aus der Patsche geholfen und dann war es aber so, dass sie natürlich gar nicht vorbereitet war. Ich habe gar nicht drauf geachtet, ob sie diese Aufgabe mit ihren Kompetenzen bewältigen kann, weil sie einen ganz anderen Stil klettert, aufgrund ihrer Beeinträchtigung und sie daher die Routen ganz anders lesen kann als ich. Sie hat ja ihren eigenen Erfahrungswert und ich habe ihr da einfach freimütig eine Aufgabe übertragen, ohne zu prüfen ob die Kompetenzen vorhanden sind und habe damit auch eine Überforderung herbeigeführt. Da habe ich viel für meine Führungstätigkeit mitgenommen - Führen eines Teams heißt auch, bevor du Aufgaben weitergibst, prüfe bitte, ob das Team in der Lage ist, die Kapazitäten und Kompetenzen hat und in der Interaktion funktioniert. Außerdem die ganze Inklusion natürlich. Integration bedeutet für mich ein Team von unterschiedlichen Persönlichkeiten mit allen Unwegsamkeiten, die Einzelne im Leben haben, das gehört alles mit dazu. Und wie kann ich die einzelnen Stärken herausheben, um das Gesamtteam erfolgreich zu machen? Ach ich könnte noch ganz ganz viele weitere Sachen aufzählen.
In meinem Alltag nehme ich auch viel mit, vor allem in Bezug auf meine Kinder. Meine Kinder haben dadurch viele andere Leute mit Einschränkungen kennengelernt. Für uns ist es das Normalste der Welt, dass da jemand mit nur einem Bein an der Kletterwand steht oder wir mit dem Rolli mal schnell losrennen müssen vom Bus zum Bahnsteig - der Rollifahrer sagt mir, wohin ich schieben soll, weil ich bin ja blind und meine Kinder rennen vor und halten die Tür auf. Und all das sind so Punkte wo mir der Sport unheimlich viel gegeben hat.
Was war dein Karriere-Highlight?
Die EM 2024 mit meiner Silbermedaille würde ich sagen, das war so der Durchbruch. Aber sonst ist jeder Wettkampf ein Highlight einfach auch durch die Community, das macht einfach Spaß. Und eigentlich ist es auch jede coole Route, die ich bei mir zu Hause in der Halle oder draußen klettere oder durchsteige. Das sind ganz, ganz viele Highlights. Außerdem ein großes Highlight, das war richtig cool, und zwar gab es in Salt Lake City 2025 nachträglich vom IFSC für die Guides eine Medaille! Das war für mich ein riesiges Highlight, das der Guide genauso berücksichtigt wird, wie der Athlet, weil es ist und bleibt eine Teamleistung.
Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du gedacht hast "Jetzt habe ich es geschafft"?
Also ganz klar noch nicht bei meiner Teilnahme an der WM damals in Bern, aber bei der Europa-Meisterschaft im Jahr 2024. Generell 2024 wo ich dann zweimal auf den zweiten Platz gelandet bin bei einem World Cup und bei der EM, das war schon so ein Schlüsselmoment. Da habe ich gemerkt, also so ein Bewusstsein entwickelt, dass wir uns in der Gruppe in meiner Kategorie immer so zu dritt batteln um den Platz, manchmal auch zu viert. Was ich außerdem jetzt im Training merke, ich bin einfach so routiniert, ich weiß was zu tun ist, was ich trainieren muss, wie ich trainieren muss - das ist noch fast viel mehr ein Schlüsselmoment für mich.
Was ist dein Tipp an die jungen Athlet*innen?
Mein Tipp an die jungen Athletinnen - es ist eine ganz schön große Herausforderung! Es ist nicht nur einfach trainieren zum Spaß, weil irgendwann wird bitterer Ernst drauß, das heißt regelmäßig trainieren 5,6-mal die Woche, vielleicht noch morgens schnell ins Fitness gehen. Das ist anstrengend, das fordert den Körper und macht auch nicht immer Spaß. Unser Trainer hat uns da immer animiert, dass wir Sessions einlegen, bei denen der Spaßfaktor da ist. Führt euch auch immer wieder zu Gute, warum macht mir klettern als solches Spaß. Vielleicht gibt es Leute, die wollen hauptsächlich Leistungen erreichen, aber für mich ist klettern als gesamtheitliches Erlebnis für Körper und Geist ein Heilmittel und es soll auch ein Heilmittel bleiben und ein Spaßfaktor sein und ja das ist cool, aber man muss wissen, um da hochzukommen muss man sich echt anstrengen.
Wie geht es jetzt für dich weiter?
Wie gesagt, das hier ist kein Abschied, ich trete vom Wettkampfgeschehen zurück, aber ich trainiere weiter. Ich habe beschlossen jetzt erstmal einen größeren Fokus auf meine Karriere und meine Familie zu legen. Ich schreibe jetzt erstmal meine Masterarbeit - meinen Master of Advanced Studies. Ich betreue ein großes Digitalisierungsprojekt als Projektleitern, das nimmt jetzt richtig Fahrt auf, aber vor allem will ich mich auf meine Kinder konzentrieren und ich trainiere weiter. Vielleicht so ein bisschen Sturztraining, weil ich immer ein bisschen Angst vor Sturztraining hatte, sonst weiter verbessern, weiter Bouldern, weiter am Seil klettern, draußen klettern, Alpin klettern. Diesen Sommer will ich ganz viele Klettersteige mit meinem Sohn machen, wir haben uns vorgenommen 10 Stück dieses Jahr zu machen. Und dann sehen, wie es weiter geht. Klettern ist der sportliche Bestandteil in meinem Leben zum Ausgleich auch für Körper und Seele und ja ich mach weiter!
Ivon Lawerenz - die größten Erfolge
Ivon Lawerenz zählt zu den erfolgreichen deutschen Para-Kletterinnen im internationalen Wettkampfsport. In der Saison 2024 konnte sie mehrfach auf das Podium klettern: So belegte sie in der Kategorie B2 beim IFSC Paraclimbing World Cup in Salt Lake City einen starken Bronzerang im Finale und sicherte sich damit eine Weltcup-Medaille. Ebenfalls auf dem Podium stand sie beim Paraclimbing World Cup in Innsbruck, wo sie ebenfalls den 3. Platz in ihrer Klasse erreichte.
Bei der IFSC Paraclimbing Europameisterschaft 2024 in Villars kletterte Ivon Lawerenz zu Silber in der Klasse B3, was einen wichtigen Erfolg für das deutsche Team bedeutete.
Auch 2025 sicherte sie sich zwei Mal Platz 3 auf dem Weltcup im Laval und Salt Lake City und verlässt den Weltcupzirkus daher nahezu in Bestform!
Wie gesagt, das hier ist kein Abschied, ich trete vom Wettkampfgeschehen zurück, aber ich trainiere weiter. Ich habe beschlossen jetzt erstmal einen größeren Fokus auf meine Karriere und meine Familie zu legen.
Wir wünschen dir alles gute für deine Zukunft und freuen uns drauf dich auch in Zukunft am Fels und beim Klettern zu treffen!