Sebastian Depke im Gespräch
Sebastian klettert bereits seit Teenagerzeiten. Mit 21 Jahren erhielt er die Diagnose Morbus Bechterew, eine unheilbare Autoimmunerkrankung in Form von entzündlichem Rheuma - Sebastian klettert trotzdem weiter. Seit 2017 war er Mitglied im Para Klettern Team Germany und bestritt mehr als 18 internationale Wettkämpfe. Neben zahlreichen Wettkampfhighlights war für ihn einer der schönsten Momente seiner Karriere, die erfolgreiche Bewerbung der Sportart Para Klettern für die Paralympischen Spiele 2028 in Los Angeles, die er als Vorsitzender der Paraclimbing Kommission der International Federation of Sportsclimbing (IFSC) entscheidend vorantrieb.
Wer oder was hat dich auf deinem Weg am meisten geprägt?
Reisen bildet! Dazu zahlreiche Begegnungen mit anderen Parakletterern und deren persönlichen Geschichten, die mich bereichert und begeistern haben.
Hier ein paar ausgewählte Erlebnisse: Der Schengen Raum macht den Wechsel zwischen den Ländern enorm einfach – immer wieder erstaunlich, wie viele Daten und vor allem welche Daten bei einer Einreise so manches Land außerhalb des Schengen Raumes abgefragt werden. Dann die schier unendlichen Weiten in Russland oder USA ohne Anzeichen von Zivilisation im Vergleich zum dicht besiedelten Europa, das arktische Eismeer von oben aus dem Flugzeug – die Erde hat so viele verschiedene Gesichter und wir sehen zum Großteil immer nur einen ganz kleinen Teil davon. Auch fand ich es immer interessant in allen Ländern die Spritpreise zu vergleichen, die Bandbreite ging von umgerechnet 0,65 EUR pro Liter in den USA bis über 2 EUR pro Liter in den Niederlanden oder Italien.
Thema Esskultur: Die Erkenntnis, wie (schlecht) das Essen in manchen Kulturen ist, weckt große Dankbarkeit für das Angebot in Deutschland – beispielsweise macht der Besuch in einem US-Supermarkt relativ eindrucksvoll klar, wieso die US-Bevölkerung zu fast 2/3 übergewichtig oder gar adipös ist, das Gefühl dort im Laden zu stehen und sich zu fragen, was ich hier überhaupt halbwegs Gesundes kaufen kann, vergisst man nicht so schnell. Korea ist als Vegetarier ein Albtraum – selbst das auf dem Papier vegetarische Essen schmeckt nach Fischsoße, grausam. Gleichzeitig fand ich z.B. den technischen Fortschritt in Korea gegenüber Deutschland beeindruckend und erschreckend zugleich.
Was nimmst du aus dem Sport für deine persönliche Zukunft mit?
Meine Rolle als IFSC-Athletensprecher und im Vorsitz der Paraclimbing Kommission über sechs Jahre haben mir Blicke hinter die Kulissen von Sportverbänden und auch des IPCs ermöglicht, die meinen Horizont sehr erweitert haben und durch die ich enorm viel lernen durfte. Ich habe gelernt, was ich kann – Leute vernetzen, die richtigen Fragen stellen, über Stunden komplexe Diskussionen in anderen Sprachen führen, Leute mit begeistern und Projekte nach vorne bringen – aber auch was ich nicht will: z.B. Politiker spielen. Auch durfte ich in Sachen Livestreaming, Moderation und Fernsehproduktion einiges lernen, was davon für meine persönliche Zukunft relevant sein könnte, wird die Zukunft zeigen.
Was war dein Karriere-Highlight?
Mein Mindestwunsch war immer folgendes: Nicht auf dem letzten Platz enden, nicht verletzen und nicht auf den Boden fallen. Die Statistik sagt, ich war viermal mit Bronze auf dem Podium und bei einer WM mal nur einen Zug davon entfernt. Das ist erst einmal deutlich besser als mein Mindestwunsch, aber ja, ich bin auch mal Letzter geworden, auch endete die Qualifikation einmal mit viel Eis beim Rettungsdienst und ich bin auch mal in meine Sicherungscrew hinein gefallen.
Ich finde Ergebnisse im Para Klettern haben aufgrund der Klassifizierung und der unterschiedlichen Natur der Einschränkungen aus meiner Sicht oft relativen Charakter, von daher will ich die reinen Ergebnisse gar nicht zu hoch heben, auch wenn sie für Verbände und die Darstellung nach außen zuerst einmal als der gewichtigste Faktor erscheinen mögen.
Ein sehr großer und für mich auch unerwarteter Moment war die Bestätigung über die Aufnahme von Para Klettern in die Paralympics in LA28 – ohne Para Surfen. Zur Erinnerung: LA28 durfte neben den 22 Programmsportarten noch aussuchen, ob sie Para Surfen und/oder Para Klettern als sogenannten „additional sport“ mit hinzunehmen wollten. Ich habe vermutet, dass entweder beide, keiner oder nur Para Surfen mit aufgenommen wird, aber nicht nur Para Klettern. Der Tag der offiziellen Verkündung war ausgerechnet der Tag, an dem ich mit meinem selbst gebauten und entwickelten Solarbike auf dem Weg zum Weltcup nach Innsbruck 2024 den Maloja Pass mit 1600 Höhenmeter überquert hatte. Ich kam vom Comer See mit fast 30 Grad und kurbelte mich auf über 1800m über dem Meeresspiegel hinauf und endete bei 2 Grad über Null. Im Regen kam ich völlig durchnässt und frierend im Hotel an und gleichzeitig kam die offizielle Pressemitteilung von LA28 online – gleich zwei Highlights an einem Tag! Die ganze Solarbike-Reise von Spanien nach Innsbruck zum Weltcup und danach weiter nachts über den Fernpass nach Deutschland gehörte natürlich auch mit auf die Highlights-Liste.
Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du gedacht hast "Jetzt habe ich es geschafft"?
Der Weltcup Innsbruck 2021 – der 1. Wettkampf mit dem neuen Klassifizierungsregelwerk. Das gesamte Starterfeld musste neu klassifiziert werden. Ein riesiger Kraftakt für alle Beteiligten (Athleten, Trainer, Klassifizierer, IFSC, Veranstalter), da alles neu war und für die Klassifizierer, die in den Tagen davor ausgebildet wurden, ein enormer Druck und enger Zeitplan gemischt mit Drama und Tränen durch die neuen Kriterien – eine signifikante Zahl an Para Kletterern wurde NE (Not Eligible) klassifiziert und somit für die Zukunft ausgeschlossen – aus Deutschland gleich drei Personen. Wenn die Klassifizierung des kompletten Starterfeldes nicht geklappt hätte, wäre die gesamte Veranstaltung und auch die Leistung der Paraclimbing Commission bzw. der IFSC und der Plan für LA28 an Ort und Stelle implodiert. Es hat am Ende (knapp) geklappt.
Meine Wettkampfleistung war schlecht, weil ich gefühlt fünf Rollen gleichzeitig hatte und mental fertig war. Im Finale hatte ich spontan mein Kommentatorendebut im Livestream mit Matt Groom, der dort zum ersten Mal Paraclimbing kommentierte und fast noch aufgeregter als ich war … Als wir fertig waren, bin ich in den Zuschauerraum gegangen, habe mich alleine in die letzte Reihe gesetzt, die Podiumszeremonie genossen und gedacht „jetzt habe ich es geschafft, die Podiumszeremonie läuft, wir haben es geschafft!“ – bis ich von IFSC Mitarbeitern und Klassifizierern dort alleine entdeckt wurde und wir den Moment gemeinsam genossen und gefeiert haben.
Was wird dir am meisten fehlen?
Ein Trainingsmaßnahmenkalender, Wettkampftermine und ein Kaderstatus, der automatisch dafür sorgt, dass die „Familie“ Para Kletter Team Deutschland zusammenkommt und loszieht. Das Team und die Freundschaften und Verbindungen darüber hinaus sind wirklich etwas besonderes und werden mir fehlen! Auch sind die Emotionen und Energien beim Wettkampfklettern so intensiv wie nirgendwo sonst beim klettern, absolut nicht vergleichbar zu dem Moment, wenn man draußen irgendwo ein hartes Projekt endlich durchsteigt – diese Achterbahn der Gefühle und Emotionen gibt es eben nur im Wettkampf.
Was ist dein Tipp an die jungen Athlet*innen?
- Habt Spaß bei dem was ihr macht und vor allem während ihr in der Wand seid! Wenn es nur Druck, Erwartung und Krampf ist, lasst es sein. Der Klettersport ist viel zu schön um ihn sich durch solche Gefühle vermiesen zu lassen.
- Medaillen und Erfolge machen keinen anderen oder besseren Menschen aus Euch, ihr seid hinterher immer noch die gleiche Person.
- Für Verbände geht es am Ende nur um Platzierungen und Erfolge. Wer nicht liefert, fliegt raus und am Ende sind Eure Ergebnisse nicht mehr als ein Eintrag in irgendeiner Datenbanktabelle. Lasst Euren Wert als Mensch davon aber nicht definieren! Ein guter Kletterer ist immer noch der, der Spaß bei der Sache hat und heile wieder nach Hause kommt, egal wie schwer er klettert.
- Der Wettkampf findet nicht nur an der Wand statt, sondern auch in und zwischen den Büros der Verbände – und dies ist nicht immer förderlich für den Sport. In der Wirtschaft schaut es aber auch meist nicht anders aus … lasst Euch davon nicht beirren und zieht einfach Euer Ding durch.
- Wenn ihr mit irgendetwas unzufrieden seid, überlegt wie man es konkret besser machen könnte und geht mit konstruktiven und realistischen Ideen und Vorschlägen über die Athletensprecher „durch die Instanzen“. Nutzt die Stimme, die ihr habt! Aber erwartet nicht, dass es mit einmal die Hand heben getan ist. Veränderung erfordert harte Arbeit und konstantes am Ball bleiben – manchmal sogar über Jahre …
- Haltet Euch an die Menschen, die mit Herz und Seele Kletterer sind und mit Passion ihren Job machen – und nicht an die Produktmanager, die möglicherweise selbst noch nicht einmal Kletterer sind.
- Die Paralympics haben und werden den Sport noch weiter verändern. Zieht für euch persönlich eine klare Grenze, wie weit ihr mitgeht – am Ende ist es nur ein Spiel. Die Menschen, die Euch nahestehen, werden Euch weiterhin lieben, egal wie das Spiel ausgeht oder ob ihr überhaupt mitspielen dürft.
Wie geht es jetzt für dich weiter?
Ich habe grundsätzlich immer mehr Projekte als Zeit und mir wird nie langweilig. Manche Projekte davon sind öffentlich zu sehen, andere nicht. Aktuell habe ich den Wunsch, meine Energie erst mal nur in Dinge zu investieren, bei denen zwischen meinem Einsatz und einem Ergebnis möglichst wenig andere Instanzen, Organisationen und Entscheidungsträger eingebunden sind. Zudem wird meine Branche (IT) gerade vom KI-Tsunami überrollt und es wird sich vieles wandeln – Ausgang ungewiss. Ich setze aktuell darauf, mich beruflich weiter zu entwickeln, man könnte es unter dem Motto „weniger Facebook und Instagram, mehr Linkedin“ zusammenfassen ;-)
Sebastian Depke - Ein Botschafter des Sports beendet seine Karriere
Von Mallorca bis Seoul über Kletterwände und Büros
Der heute 40-jährige ist wohl das, was man einen Kletterer mit Leib und Seele nennt. Vom Erschließen neuer Kletterrouten über Deep Water Soloing auf Mallorca bis hin zum Kaderkletterer des Para Klettern Teams Germany oder auch als Kommentator in der Kabine bei IFSC Wettkämpfen und eben als Vorsitzender der internationalen Paralympischen Kommission der Sportart, Sebastian scheint überall zu sein, wo es ums Klettern geht.
Seine internationale Kletterkarriere begann Sebastian 2017 direkt mal mit einem fünften Platz beim Paraclimbing Cup in Briançon. Es folgten zahlreiche weitere Topplatzierungen auf internationalem Parkett, darunter viermal Bronze bei IFSC Paraclimbing World Cups und ein vierter Platz bei den IFSC Paraclimbing World Championships in Bern 2023. Bei der ersten offiziellen Deutschen Meisterschaft im Paraclimbing erreichte er im Juli 2025 einen fünften Platz. Kurz darauf beendete er nach acht Jahren im Leistungssport seine Karriere mit seiner Teilnahme bei den IFSC Paraclimbing World Championships in Seoul. Aber auch abseits der Wettkampfwand beschäftigt sich Depke mit dem Sport. So folgte 2019 seine Wahl zum IFSC Athletensprecher und Vorsitzender der Paraclimbing Kommission der IFSC. Mit der steigendenden Beliebtheit der Sportart war auch bald klar, dass es eine Bewerbung zu den Paralympischen Spielen 2028 geben sollte, eine direkte Aufnahme in das Programm hielten viele für eher unrealistisch, dennoch erfolgte 2024 die Zusage: Paraclimbing wird paralympisch! Ein großer Erfolg für den Sport, auch wenn er selbst als Athlet nicht mehr dabei sein wird.
Immer mehr Projekte, als Zeit
Und wie geht es nun weiter? Wer Sebastian näher kennt weiß, dass er ein Tüftler ist, der immer an mehreren Projekten gleichzeitig sitzt. Die Abenteuer mit seinem selbstgebauten Solarbike z.B. in Marokko sind in seinem Blog nachzulesen. Aktuell möchte sich der gelernte IT-Experte wieder mehr auf seine berufliche Karriere konzentrieren und sich hier weiterentwickeln.
Wir wünschen Sebastian ganz viel Erfolg und sind sehr gespannt, wo ihn seine nächsten Abenteuer hinführen.