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Klimaneutral - wie geht das?

25.03.2022, 11:37 Uhr

Ab wann gelten Unternehmen als klimaneutral und wie kann ich klimafreundlicher leben?

Der DAV ist bis 2030 klimaneutral. Aber wie geht das eigentlich? Wo fängt man an mit der Bilanzierung? Und was wird wie mit einberechnet? Die eigenen Emissionen zu bilanzieren ist nicht einfach. Alle, die schon mal den CO2-Fußabdruck-Rechner vom Bundesamt für Umwelt genutzt haben, wissen das. Woher weiß ich denn, wieviel ich heize oder was ich sonst so verbrauche? Auch Vaude beschäftigt sich mit ihrer Bilanzierung schon seit über zehn Jahren.

 

 

 

 

 

In dieser Folge erfahrt ihr

  • wie ihr regionale Lebensmittel wirklich erkennt und weitere Tipps fürs CO2 sparen
  • wie der DAV plant klimaneutral zu werden
  • und wie es Vaude seit Jahren macht.

Noch mehr Infos zum Klimaschutz im DAV findet ihr unter alpenverein.de/wirfuersklima.

 
 

Das Transkript zur Folge

Angela Kress: Klimaneutral: Den Begriff haben alle schon mal gehört. Inzwischen bezeichnen sich auch manche Unternehmen als klimaneutral, zum Beispiel Vaude. Auch der DAV will bis 2030 klimaneutral werden. Aber ab wann ist man eigentlich klimaneutral, wie macht man es richtig und was kann ich als Einzelperson tun?
Wir erklären euch, worauf ihr beim Einkaufen von regionalen Produkten achten solltet und vor allem woran ihr wirklich regionale Produkte überhaupt erkennt. Außerdem haben wir mit Hilke Patzwall von Vaude über die Bilanzierung des Outdoor-Ausstatters gesprochen und sie nach dem klimaneutralsten Material befragt. Conny erklärt uns dann, wie der DAV klimaneutral werden möchte. Und ob öffentliche Verkehrsmittel wirklich so viel mehr CO2 einsparen als der Durchschnitts-PKW erfahrt ihr ebenfalls in dieser Folge.

 

Vorweg ein kleiner Disclaimer: In dieser Folge geht es in erster Linie darum, wie man Emissionen bilanziert. Und nicht, was insgesamt am ökologischsten wäre. Das heißt, wir sprechen Themen wie Ressourcenverbrauch oder Mikroplastik nicht an, weil es den Rahmen dieser Folge sprengen würde.

 

Janina Stilper: Fleisch, Verbrenner-Auto, Flugzeug, Ölheizung: Viele Dinge werden komplett verteufelt – zu recht? Woher weiß ich, was welchen CO2-Fußabdruck hat und ist CO2 der einzige Maßstab? Und überhaupt: Warum geht es immer nur um CO2?

CO2 kommt zwar natürlicherweise in unserer Luft vor, aber wie bei so vielem: die Dosis macht das Gift. Durch zu viel CO2 erwärmt sich die Erde schneller. Besonders das Verbrennen von Holz, Kohle, oder auch Benzin, setzt CO2 frei. Natürlich spielen noch andere Gase eine Rolle, vor allem Methan, das zum Beispiel von Kühen ausgestoßen wird. Neu: Damit die Einflüsse der verschiedenen Gase verglichen werden können, wird alles in CO2-Äquivalente umgerechnet. Deshalb ist beim Thema Emissionen auch oft nur von CO2 die Rede, obwohl eigentlich alle Treibhausgase gemeint sind.

Um Klimaneutralität  zu erreichen, müssen die Emissionen erstmal berechnet werden. Das kann man auch selbst machen, zum Beispiel mit dem CO2-Rechner des Umweltbundesamts. Das Problem ist allerdings: Je ungenauer man Daten angibt, desto ungenauer wird auch die Bilanz. Zum Beispiel kann man den Fleischkonsum nur generell mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten, nicht aber wieviel und welche Art von Fleisch man isst. Das heißt, die Werte, die dort rauskommen, beruhen oft auf Durchschnittswerten. Und da sind wir schon bei einer der größten Schwierigkeiten bei der Bilanzierung: Denn die ganz genauen Emissionswerte von jedem einzelnen Produkt, jedem Einkauf, jeder Aktivität, sind zum Teil gar nicht verfügbar. Mindestens aber extrem aufwendig zu erfassen. Durchschnittswerte sind also oft die einzige Lösung. Und sie zeigen uns vielleicht zumindest eine grobe Richtung, in welchem Bereich CO2 reduziert werden kann. Und auch wenn es nur ein wenig ist: Kleinvieh macht auch Mist. Wir geben euch in dieser Folge auch ein paar Tipps, wie ihr wirklich regionale Produkte in euerem Supermarkt erkennt, welches Verkehrsmittel tatsächlich am wenigsten Co2 verursacht und ob recyceltes Polyester klimafreundlicher als Bio-Baumwolle ist.

Aber zuerst widmen wir uns mal dem DAV. Wie machen wir das eigentlich? Conny Kress ist in der Öffentlichktsarbeit für das Thema Klimaschutz zuständig und erklärt, wie der DAV es macht!

Cornelia Kress: Schauen wir uns doch mal an, wie der DAV seine Bilanzierung angeht.
Als erstes müssen wir dazu klären: Wer ist der DAV überhaupt? Hä? Blöde Frage, oder? Naja, nicht so ganz. Denn der DAV ist nicht einfach nur ein großer Verein, sondern besteht aus 356 rechtlich eigenständigen Vereinen, den Sektionen. Dazu kommen die Landesverbände und der Bundesverband. Deshalb ist im DAV-Klimaschutzkonzept auch immer von den „Gliederungen“ die Rede. Und alle diese Gliederungen bilanzieren jetzt ihre Emissionen.
Für Bilanzierungen gibt das Greenhouse Gas Protocol den Standardrahmen vor mit Prinzipien wie Transparenz, Konsistenz und Vollständigkeit. Der DAV hält für seine Bilanzierungen diese Standards ein – auch damit die Ergebnisse untereinander und von Jahr zu Jahr verglichen werden können.
Was wird bei der Bilanzierung erfasst?
Ein wichtiges Grundprinzip im Umweltrecht ist das Verursacherprinzip. Also wer den Umweltschaden verursacht, kommt auch dafür auf. In diesem Fall: Wer die Emissionen verursacht, muss sie auch bilanzieren (und in den nächsten Schritten vermeiden oder reduzieren und kompensieren). Das geht von den Brennstoffen für die Heizung in der Kletterhalle über die Lebensmittel im Hüttenbetrieb und die Anreise der Mitarbeitenden bis hin zum Kopierpapier in der Geschäftsstelle. Für Struktur sorgen die organisatorischen Grenzen: Die Emissionen werden also für die Geschäftsstelle, die Hütte und die Kletterhalle jeweils separat erfasst.
Wirklich alles alles, was sich im DAV-Kosmos abspielt, kann aber nicht erfasst werden. Wenn du zum Beispiel als Mitglied privat in die Berge fährst, fließen die Emissionen deiner Anreise oder deiner Brotzeit nicht in die Sektionsbilanz mit ein.

Die „Basisbilanzierung“ wird übrigens von den DAV-Sektionen und dem Bundesverband für das laufende Jahr 2022 erstellt. Die Werte dienen uns unter anderem als Referenz, um die Wirksamkeit unserer Klimaschutzmaßnahmen zu bewerten.

 

 

 

Mobilität

JS: Jetzt zurück zu euch! Wir haben ein paar Tipps für euch, wo ihr Emissionen vermeiden könnt. Beim Thema Mobilität zum Beispiel:

Vielen ist sicherlich bewusst, dass Fliegen am meisten CO2 unter den Verkehrsmitteln verursacht. Aber wie sieht es eigentlich bei Auto, Bus und Bahn aus? Was ist besser? Natürlich muss hier auch die Auslastung des jeweiligen Transportmittels beachtet werden. Und weil im Schnitt PKWs nur mit anderthalb Personen ausgelastet sind, verursacht das Auto ziemlich viel CO2. Pro (Personen-) Kilometer sind das knapp 150 Gramm. In die Personenkilometer sind schon alle Emissionen, die durch Sprit und Strom entstehen, einberechnet. Quelle

Im Vergleich dazu sind Fernbusse und Züge wesentlich stärker ausgelastet, im Schnitt knapp über der Hälfte. Dabei entstehen sowohl beim Zug als auch beim Bus im Fernverkehr nur um die 30 Gramm CO2*. Wenn ihr mit dem Bus, der U-Bahn oder der S-Bahn im Nahverkehr unterwegs seid, verursacht ihr zwischen 50 und 80 Gramm CO2*. Das sind allerdings Durchschnittswerte (von 2019) und je besser die Verkehrsmittel ausgelastet sind, umso mehr CO2 wird eingespart. Ihr seid auf jeden Fall doppelt so klimafreundlich unterwegs, wie wenn ihr mit dem Auto unterwegs seid.

Wo der öffentliche Verkehr keine Option ist, kann zumindest über CarSharing oder durch Fahrgemeinschaften das Klima geschont werden. Der Gewinner für die klimaneutralste Anreise ist und bleibt natürlich das gute alte Fahrrad.

 

* pro Personenkilometer, siehe Quelle

 

Ernährung

Doch auch bei der Ernährung lässt sich viel ausrichten. Natürlich ist der Verzicht auf alle tierischen Lebensmittel der klimafreundlichste Weg, wenn nicht ständig auf weit eingeflogene Produkte wie Avocado, Mandeln, Reis oder Quinoa zurückgegriffen wird. Doch ihr könnt auch an anderen Ecken und Ende auf eine bessere Co2-Bilanz achten.

Aktuell wird ja zum Beispiel Regionalität großgeschrieben, weil da die Transportwege kürzer sind. Wer zu den Bauernhöfen aus der Umgebung geht, bekommt in den meisten Fällen regionale und frische Lebensmittel. Aber auch in Supermärkten könnt ihr auf einiges achten. Gerade bei Obst und Gemüse lässt sich noch mit am leichtesten nachvollziehen, woher es stammt. Mit einigen Ausnahmen: z.B. Früh- und Speisekartoffeln, frische Bananen, Oliven, Zuckermais, Kokosnüsse, Paranüsse, Datteln, usw. Meist findet ihr dazu Hinweise auf der Verpackung oder am Schild.

Lasst euch aber nicht durch Etiketten mit Aufschriften wie „aus der Region“ täuschen, denn der Begriff Region ist gesetzlich nicht geschützt und wird ganz unterschiedlich verwendet. Regionale Produkte sollten daher "aus der Region für die Region" sein. Dann werden sie innerhalb einer abgegrenzten Region erzeugt, verarbeitet und vermarktet.

Manchmal gibt es aber ein sogenanntes „Regionalfenster“. Das ist ein kleiner Aufkleber, der aus zwei hellblauen und einem weißen Querstreifen in der Mitte besteht. Das Regionalfenster gibt Auskunft über die Herkunftsregion, wo das Produkt verarbeitet wurde, wie viele regionale Zutaten dabei verwendet wurden sowie die Kontrollstelle. Es bietet daher eine gute Orientierungshilfe, garantiert aber nicht, dass das Produkt aus der Region stammt. Deswegen am besten genau hinschauen, denn die gesiegelten Lebensmittel können deutschlandweit vermarktet werden.

Es gibt aber auch noch weitere Siegel. Vielleicht ist euch schon mal der Aufkleber „Geprüfte Qualität Bayern“ ins Auge gefallen. Doch auch diese Qualitätszeichen der einzelnen Bundesländer haben jeweils unterschiedliche Kriterien und erfüllen oft nur den Marktstandard.

Übrigens: Regionen im Markennamen lassen noch am wenigsten auf die Herkunft der Zutaten oder den Ort der Verarbeitung schließen. Dafür ist im Markengesetz nämlich keine Regelungen vorgeschrieben. Mit den Begriffen "regional" und "Region" lässt sich aber gut werben. Auch Bezeichnungen wie "von hier" oder "Heimat" sollen auf eine vermeintlich regionale Herkunft verweisen. Das kann z.B. "regionale“ Schokolade sein, die in der Region selbstgemacht wird. Die Zutaten kommen aber oft aus Übersee. Oder Äpfel werden als Heimatprodukt bezeichnet, kommen aber aus Neuseeland oder werden mehrere hundert Kilometer vom Supermarkt entfernt angebaut.

Daher ist es tatsächlich manchmal schwer nachzuvollziehen, woher ein Produkt kommt. Denn anders als bei vielen Obst- und Gemüsesorten oder auch Honig, sind ganz viele Produkte nicht kennzeichnungspflichtig. Abgepacktes unbearbeitetes Fleisch muss mit dem Ursprungsland markiert werden, weiterverarbeitetes Fleisch oder frisches Fleisch aus der Theke aber nicht. Es gibt aber auch hier wie immer viele Sonderregelungen.

Bei anderen Produkten gibt es manchmal kleine Hinweise: Gibt es eine „g.U.-Kennzeichnung“, also geschütze Ursprunsbezeichung wie bei Parmaschinken oder Allgäuer Käse, kommen die Rohstoffe aus der angegebenen Region, also Parma oder dem Allgäu, und wurden auch dort verarbeitet. Zum Verwechseln ähnlich gibt es dann noch die ggA-Kennzeichnung, die geschützte geografische Angabe. Hier muss nur eine Stufe der Produktion tatsächlich in der beworbenen Region stattfinden. Zum Beispiel könnte bei Nürnberger Rostbratwürsten das Fleisch aus einem anderen Land kommen und nur die Wurstherstellung findet dann in Nürnberg statt.

In der EU gilt auch eine einheitliche Eierkennzeichnung. Wenn ihr also die Eier nicht vom Hof nebenan kaufen könnt, lässt sich über den Code auf den Eiern die Herkunft herausfinden. [Die ersten beiden Ziffern hinter der Kennzeichnung „DE“ stehen für das jeweilige Bundesland. Über die restlichen Zahlen lassen sich dann zum Beispiel unter „was-steht-auf-dem-ei.de“ auch Betrieb und Stall herausfinden.] Zusätzlich zur regionalen Herkunft könnt ihr auch mehr darauf achten, was gerade Saison hat. Dadurch können Transportwege für Obst und Gemüse vermieden werden, die zu dieser Zeit eigentlich nicht reif sind.
Ein Drittel aller Lebensmittel landet übrigens im Müll: auch hier könnt ihr versuchen, Reste besser zu verwerten. Oder ihr nutzt eine entsprechende App und erfahrt, wer Lebensmittel verschenkt oder wo gerade welche übrige geblieben sind. So lässt sich auch Geld sparen.

 

 

Zu Hause

Wer zu Hause gerne CO2 sparen möchte, sollte sich mal die Heizung ansehen. Denn mehr als die Hälfte der Emissionen stammen meistens daher. Aber eine neue Heizung oder eine bessere Dämmung ist natürlich nicht so schnell und einfach umzusetzen. Falls in nächster Zeit sowieso Sanierungsarbeiten anstehen, ist das auf jeden Fall ein Punkt, wo ihr ordentlich Emissionen einsparen könnt. Für die Zwischenzeit checkt doch mal euer Thermostat und die Raumtemperatur. Denn hier bringen schon kleine Anpassungen deutliche Einsparungen: 1° weniger Raumtemperatur spart beispielsweise durchschnittlich 160kg CO2 pro Jahr Und dann ist da noch das Thema Lüften. Ihr wisst es wahrscheinlich schon: kippen ist Energieverschwendung. Am klimafreundlichsten ist stoßlüften – und währenddessen die Heizung abdrehen.

 

Wie macht es Vaude?

JS: Doch nicht nur Mobilität oder die Ernährung verursachen Co2, sondern auch alle möglichen Produkte, wie zum Beispiel Kleidung.

Wir haben mit Hilke Patzwall, bei Vaude zuständig für das Thema Nachhaltigkeit, gesprochen und sie zu ihren Erfahrungen mit der Bilanzierung befragt. Denn schon seit über 10 Jahren berechnet das Outdoor-Bekleidungsunternehmen seine Emissionen. Der Begriff „Klimaneutral“ bedeutet aber in den wenigsten Fällen, dass gar keine Emissionen mehr anfallen. Viel mehr wird dann im besten Fall darauf geachtet, Emissionen zu vermeiden und zu reduzieren. Um aber sozusagen auf „Null“ zu kommen, werden die entstandenen Emissionen ausgeglichen. Auch Vaude muss aktuell noch viel Co2 kompensieren und tut das über ein Gold-Standard-Projekt von myclimate. Durch dieses Projekt sind sie auch offiziell als klimaneutral zertifiziert. Aber reicht das?

 

Hilke Patzwall: Mir ist aber bewusst natürlich, und das ist auch eine berechtigte Kritik, dass die Kompensation, also der Ausgleich von nicht vermiedenen Emissionen über Zahlungen in Klimaschutzprojekte anderswo auf der Welt, das ist natürlich umstritten. Und das ist auch für uns, für Vaude ganz klar nur eine Brücke, also eine Übergangslösung, solange wir die Emissionen nicht vermeiden können.

JS: Doch woher weiß Vaude eigentlich, wieviel CO2 sie verursachen und wieviel dann entsprechend kompensiert werden muss?

HP: Also auf der Materialseite bis zum fertig genähten konfektionierten Produkt, wie man es kaufen kann, bis dahin wissen wir sehr gut über die Emissionen Bescheid. Wir erheben sehr, sehr akkurate die Materialverbräuche auf Rohstoffebene. Dazu haben wir über die letzten zwei oder drei Jahre unsere Produktentwicklungsdatenbank so weiterentwickelt, dass wir eben beim einzelnen Stoff oder beim einzelnen Zeltgestänge genau die Rohstoffzusammensetzung erheben und dann eben für den Verbrauch den man eben braucht für dieses einzelne Produkt multipliziert mit der produzierten Stückzahl wissen wir ganz genau, welche Rohstoffe wir in welcher Menge verbrauchen und differenzieren das dann auch noch, also ist das ein Polyester oder ein Polyester recycelt. […] Wir differenzieren da bei den Kunststoffen immer stärker, mit mehr vorliegenden Daten aus unserer Lieferkette, sodass wir das recht akkurat wissen. Und dann wissen wir insgesamt im Jahr verbrauchen wir XYZ Tonnen Recycle-Polyester und da kann man dann relativ einfach die Emissionsfaktoren dahinter legen und dann einen Gesamt-Footprint daraus ermitteln. Das ist die eine Seit der Medaille für unsere Produkte. Die andere Seite, die genauso wichtig ist oder vielleicht sogar noch wichtiger der Energieverbrauch bei der Materialherstellung.

JS: Für Vaude berechnet ein externes Unternehmen ihre Co2-Emissionen. Aber warum bilanziert Vaude denn nicht selbst? Sie sitzen ja schließlich an der Quelle all ihrer Zahlen…

HP: Das hat vor allem zwei Gründe: zum einen braucht man ja wirklich spezielles Know-How um das in Haus machen zu können und man braucht auch Software. Zum anderen halten wir es für deutlich glaubwürdiger, wenn man da nicht selber aussucht, was seine Emissionsfaktoren sind, oder die entsprechenden Stellschrauben dreht. Also zumindest in unserem Fall halten wir das für glaubwürdiger, wenn wir das von jemanden Externen dessen Kerngeschäft das ist Emissionen zu berechnen machen lassen, einfach weils dann ja…also wir haben da weniger Spielraum…wir haben da keine…also wir sprechen da nicht mit. Klar gibt’s auch mal fragen oder wir sprechen uns auch mal ab, wie bestimmte Dinge zu bewerten sind, aber wir halten das für glaubwürdiger, wenn das ein Experte von außen macht. Das trifft für Vaude zu, ich sag gleich dazu, das kann bei anderen Unternehmen oder zum Beispiel auch beim DAV kann das sein. Wenn man da die Expertise aufgebaut hat und wenn man auch nicht so in…ja wie Vaude auch vor 10 Jahren so mit dem Thema dann nach außen auftreten will…dann kann das da ganz anders gelagert sein.

JS: Das klingt jetzt eigentlich recht einfach. Gibt es denn auch Schwierigkeiten?

HP: Also die letzte große Schwierigkeit, die haben wir jetzt hoffentlich hinter uns gelassen, nämlich tatsächlich das System der Datenbeschaffung so aufzubauen, dass wir wirklich auch Daten haben ohne einen wirklich riesen Giganto-Aufwand. Die größte Herausforderung, würde ich deshalb sagen, liegt gar nicht so sehr in der Bilanzierung sondern dann in der Umsetzung von Maßnahmen. Weil das ist ja dann der absolut wichtigste nächste Schritt. Jetzt wissen wir dann zwar wie viele Emissionen wir verursachen, aber was denn jetzt? Dann geht’s natürlich drum, wie kriegen wir denn die Energieverbräuche, also die Emissionen bei unseren Lieferanten runter? Und dann reden wir ja nicht von den Produzenten sozusagen…Da haben wir zwar auch Stromverbräuche: viele Menschen an vielen Nähmaschinen, wenn ich das mal so ausdrücken darf, aber der große Impact entsteht noch davor, also eine Lieferkettenstufe davor, nämlich bei der Stoffherstellung. Also das sind Betriebe, die sind riesengroß. Vaude hat da nur einen sehr sehr geringen Anteil an deren Jahresproduktion, oft unter 5 Prozent. Das heißt, die lassen sich von uns auch überhaupt nichts vorschreiben, man kann die nur überzeugen und gemeinsam dann mit Mitbewerbern, mit anderen Kunden, für die die auch produzieren, die da in die Richtung zu bringen. Und das tun wir, mit Hochdruck. Da fließen unsere meisten Ressourcen hin.

JS: Und wie geht ihr dann vor? An welchen Stellen versucht ihr dann Emissionen zu reduzieren?

HP: Es ist nicht in allen Ländern so einfach den Stromtarif zu ändern. Hier besorgt man sich einen neuen Ökostromtarif und der neue Versorger übernimmt sogar den ganzen Papierkram, so ist es ja in den meisten anderen Ländern leider nicht. Und es ist da auch noch die Schwierigkeit in vielen Ländern gibt es gar keine Infrastruktur für Ökostrom, für erneuerbare Energie im Netz, weil die da lange nicht so weit sind wie wir. Das heißt im allerersten Schritt gehen wir gemeinsam vor Ort in die Factories. Was jetzt natürlich mit Corona auch echt schwierig ist, wir haben die glückliche Lage, dass wir ein Team von Kolleg*innen in unseren Lieferländern haben. Einheimische die da…also ein Taiwanese, der unsere Lieferanten in Taiwan bearbeitet, ein Vietnamese, der unsere Lieferanten in Vietnam bearbeitet. und die konnten ja auch die ganze Zeit reisen mehr oder weniger; das heißt, die Leute sind da vor Ort und gucken sich mit Energieexperten, die wir teilweise vermitteln oder die es dort zu finden gibt, die gucken sich die Situation vor Ort an und dann geht man eigentlich so vor, wie hier im klassischen technischen Umweltschutz in Deutschland seit vielen Jahren, machen wir ja hier zu7 Hause am Standort Tettnang auch, weil da sind wir ja auch EMAS? Zertifiziert. Man läuft sozusagen durch die Halle, durch die Fabrik und guckt, wie ist der Stand der Technik und was kann man da optimieren? So ein klassisches Beispiel ist Druckluft: Kompressoren, viele Maschinen laufen mit Druckluft, und bei Druckluft ist es so, das wird mit Strom erzeugt und wenn da irgendwie ein Ventil nicht ganz dicht ist oder da irgendwie ein kleines Leck ist, dann zischt die Druckluft da raus und der Generator läuft und läuft und verbraucht Strom ohne Ende. Und bei so technisch scheinbar kleinen Sachen kann man oft sehr viel an Effizienzgewinn erreichen.

JS: Das ergibt Sinn und klingt sehr aufwendig. Wie können den Käufer*innen klimaneutraler einkaufen?

HP: Wenn man ein Material betrachten möchte in seiner Kaufentscheidung, dann ist bei Kunststoffen immer gut zu gucken: Hat das eine Zertifizierung? Sprich in der ganzen Herstellkette, wurde da auf Umweltschutz geachtet? Da hilft zB. Bluesign, GeoTS, es hilft auch ein GRS-zertifikat, also Zertifikate die einen Teilbereich der Lieferkette abdecken, nämlich genau den Umweltschutz bei der Herstellung der Materialien. Ansonsten würde ich immer als Kundin darauf achten, dass ich mir genau überlege, was brauche ich eigentlich? Brauche ich jetzt wirklich was? Brauche ich eine neue Jacke oder hab ich nicht sowieso schon 5 Hardshells im Schrank hängen? Tut’s das vielleicht nicht noch? Brauche ich jetzt wirklich noch die sechste nur weil sie hellblau und nicht dunkelblau ist? Und wirklich hinterfragen, wieviel konsumiere ich eigentlich?

JS: Was ist da denn besser? Produkte aus Bio-Naturfasern oder Bio-Polyestern?

HP: Man darf nicht vergessen, dass bei den Naturfasern immer ein wahnsinniger Impact entsteht auf die Umwelt bzw. die ganze Landwirtschaft. Oder auch Forstwirtschaft, wenn es jetzt die ganzen Viskosefasern sind, wie Lyocell - was ja auch so einer Cellulose, die oft aus Holz gewonnen wird besteht - wenn dafür Urwald gerodet wird, damit ich da Eukalyptus anbauen kann aus dem ich dann Viskose herstelle, wer hat dann da eigentlich nen Nutzen  davon? Man muss wirklich immer ganz genau hinschauen. Und oft ist es so, dass bei ganz nüchterner, unemotionaler Betrachtung die Kunststoffe tatsächlich im Gesamt-Impact viel besser abschneiden, auch wegen ihrer Recyclebarkeit als Naturfasern. Und recycelt ist safe. Das ist bei Kunststoffen immer richtig, weil man hat so gut wie immer automatisch nen deutlich geringeren Footprint. Bei dem ganzen biobasierten Material da muss man einfach sehr sehr sehr genau hingucken, weil das kann auch nach hinten losgehen. Man hat da nämlich plötzlich Emissionen in der Lieferkette oder in der Entstehungsgeschichte dieser Materialien, die man einfach berücksichtigen muss. Wie zum Beispiel in der Landwirtschaft. Mal davon abgesehen, dass wir da dann oft so Themen haben wie genmanipuliertes Saatgut, Nahrungsmittelkonkurrenz, Flächennutzungsänderung… Da wird dann plötzlich Mais oder Zuckerrohr für Bio-Kunststoffe angebaut, wo vorher Nahrungsmittel wuchsen.

JS: Vielen Dank an Hilke Patzwall. Es ist auf jeden Fall nicht leicht, ein Unternehmen in Richtung Klimaneutralität zu lenken, aber durchaus möglich. Und ihr seht schon, dass auch ihr als Verbraucher*innen Möglichkeiten habt, das Klima positiv mit euren Entscheidungen zu beeinflussen. Conny erklärt uns jetzt noch, wie eigentlich der DAV klimaneutral werden möchte.

 

CK: Der DAV will bis 2030 klimaneutral sein. Die meisten Rückmeldungen, die wir dazu bekommen haben, waren sehr positiv. Aber immer wieder kam die Frage auf: Warum erst 2030?
Weil wir das Prinzip Vermeiden vor Reduzieren vor Kompensieren verfolgen. Und erst mit der Kompensation erreichen wir Klimaneutralität. Deshalb haben wir uns bis 2030 Zeit gegeben, alles zu geben, um möglichst viele Emissionen vermeiden oder reduzieren zu können. Und das machen wir so: Wir bilanzieren jetzt unsere Emissionen, um festzustellen, wie groß unser CO2 Fußabdruck ist und wo wir Emissionen einsparen können. Pro Tonne CO2 zahlen wir übrigens einen CO2-Preis an uns selbst: Aktuell sind es 90 Euro, ab 2025 140 Euro, die nur für Klimaschutzmaßnahmen da sind. Das heißt, je höher die Ausstöße, umso mehr Geld fließt in den Klimaschutz.
Die Maßnahmen sollen in verschiedenen Bereichen, den Handlungsfeldern, umgesetzt werden. Da gibt es zum Beispiel die Infrastruktur mit Hütten und Kletterhallen, die Mobilität, die Verpflegung oder auch Bildung und Finanzanlagen.

AK: Gar nicht so einfach bei den ganzen Emissionen den Überblick zu behalten. Wichtig ist, dass wir uns davon nicht entmutigen lassen, sondern das tun, was wir können. Was du ihr fürs Klima tun könnt, erfahrt ihr unter alpenverein.de/wirfuersklima. Wir hoffen, dass euch die Tipps und Einblicke weiterhelfen! Und zusammen schaffen wir mehr: Denn mehr Busverbindungen in die Berge können sich auch nur etablieren, wenn sie von mehr Bergsportler*innen genutzt werden. Und bisher kamen von euch schon viele positive Rückmeldungen zum Bergbus. Also tut sich was. Alles Wichtige zu den Themen Bilanzierung und Klimaschutz haben wir euch auch noch mal in den Shownotes dieser Folge zusammengefasst.
Und damit sind wir schon wieder am Ende unseres Bergpodcast angelangt.
Wir freuen uns, wenn ihr auch beim nächsten Mal wieder dabei seid. Bis dahin, bleibt gesund. Tschüss und auf Wiederhören!