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Die Wächter der Falken

Wanderfalken sind hochspezialisierte Greifvögel, welche fast ausschließlich in der Luft ihre Beute jagen. Somit stellt die Sächsische Schweiz mit ihren hohen Felswänden einen ausgezeichneten und auch wichtigen Lebensraum dar. Dies gilt gleichwohl für die Böhmische Schweiz auf Tschechischer Seite, soll hier aber nicht weiter betrachtet werden.

 

Die Wanderfalken leben schon seit jeher in der Sächsischen Schweiz. Dokumentationen über den Artenbestand reichen bis Mitte des zweiten Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts zurück. Diese Aufzeichnungen zeigen aber auch, dass von 1972 bis 1992 keine Wanderfalkenpaare in der Sächsischen Schweiz beobachtet wurden. In dieser Zeit galt der Wanderfalke in dieser Felslandschaft als ausgestorben. Als Hauptursache gilt der Einsatz von Insektiziden in der Land- und Forstwirtschaft. Über die Nahrungskette erreichte das Gift in angereicherter Form die Wanderfalken. Dünnschalige Eier zerbrachen sehr leicht und führten zu Brutverlusten. Mit dem ausbleiben von Jungfalken kam es im Laufe der Jahre zum genannten Aussterben.

 

Nach dem Verbot von Insektiziden verbesserten sich die Bedingungen und erste Sichtungen von Wanderfalken folgten im Jahr 1987. Über die Kunsthorstmethode erfolgte ab 1989 die Auswilderung von jährlich bis zu 10 Jungfalken am Tafelberg „Lilienstein“. 1996 wurde die Auswilderung erfolgreich abgeschlossen. Es hatten sich drei Wanderfalkenpaare in der Sächsischen Schweiz wieder angesiedelt. Von da an galt es für die Wanderfalken, sich zu behaupten und eigenständig den Bestand abzusichern.

 

Durch äußere Einflüsse verliefen die folgenden Brutjahre nicht immer reibungslos für die Wanderfalken. Teilweise durch Wanderer und Kletterer wurden vereinzelte Paare während der Brut gestört, da ausgewiesenen Sperrungen der sogenannten Horstschutzzonen missachtet wurden. Folglich kam es auch zu Brutverlusten, denn Wanderfalken reagieren in solchen Situationen instinktiv. Bei drohenden Gefahren schützen sie ihre Brut, indem sie durch Wegfliegen von dieser ablenken. Dadurch können die Eier bzw. Jungtiere stark auskühlen, bis im schlimmsten Falle die Brut verloren geht.

 

An vereinzelten Horstplätzen kam es Ende der 90er Jahre zu solchen Vorfällen, die einen Konflikt zwischen Bergsport und Naturschutz auslösten. Eine Lösung zugunsten der Wanderfalken musste her. Generelle Komplettsperrungen oder Ähnliches zulasten all jener, die sich im Vorfeld rücksichtsvoll bzw. naturverträglich verhalten hatten, wurden vorerst nicht weiter diskutiert. Stattdessen wurde in der Bewachung von Wanderfalkenhorsten eine Möglichkeit gesehen, Bergsteiger und Wanderer aktiv in die Naturschutzarbeit einzubeziehen.

 

So kam es, dass seit 1999 der Sächsische Bergsteigerbund (Sektion im DAV), vertreten durch die Arbeitsgruppe Natur- und Umweltschutz, das Nationalparkamt Sächsische Schweiz bei der Betreuung von Wanderfalkenhorsten unterstützt. Im Speziellen werden von etwa 16 Brutplätzen in der Sächsischen Schweiz zwei störanfällige Horste in der Brutsaison im Zeitraum von April bis Juni bewacht. Diese Horste werden durch das Nationalparkamt festgelegt und dem Sächsischen Bergsteigerbund zur Organisation der Bewachung gemeldet. Die seit über 10 Jahren bestehende Zusammenarbeit mit Mitarbeitern im Nationalparkamt Sächsische Schweiz, allen voran dem dortigen Fachmann zum Thema Wanderfalken Ulrich Augst, funktioniert dabei immer sehr gut.

 

Wanderfalkenspezialist Ulrich Augst vom Nationalparkamt Sächsische Schweiz bei der Beringung eines Wanderfalken.
Wanderfalkenspezialist Ulrich Augst vom Nationalparkamt Sächsische Schweiz bei der Beringung eines Wanderfalken.

 

Die eigentliche Bewachung vor Ort erfolgt durch ehrenamtliche Helfer, die über Aufrufe im Mitteilungsblatt des Vereins und durch das Internet organisiert und anschließend in die Aufgaben eingewiesen werden. Die Teilnehmerschar ist dabei oft bunt durchmischt. Sowohl junge Teilnehmer, die sehr aktiv Klettern gehen oder studienbedingt interessiert sind, als auch rüstige Rentner, die einfach Freude an dieser Sache haben, beteiligen sich.

 

Die Wanderfalkenwacht beschränkt sich aufwandsbedingt auf die Wochenenden und Feiertage, da diese Zeiträume stärker frequentiert sind als Wochentage. Damit den Bewachern keine Unkosten entstehen, wird eine kleine Aufwandsentschädigung gezahlt, welche unter anderem die Fahrtkosten abdecken soll.

 

Der Nutzen der Bewachung wird regelmäßig dann für Bewacher erkennbar, wenn zusätzlich zu Sperrhinweisen auf ein Betretungs- oder Kletterverbot vor Ort hingewiesen werden muss. So hat die Horstbewachung durch Ehrenamtliche neben der Abwendung von möglichen Störungen vor allem in klettersportlich frequentierten Felsbereichen auch einen umweltbildungspolitischen Effekt, da Aufklärungsarbeit geleistet wird.

 

Der gefühlte Erfolg der Wacht zeigt sich auch beim Blick auf die seit Jahren stabilen Zahlen zu Wanderfalkenpaaren und jährlichen Jungvögeln in der Sächsischen Schweiz. Bis zu 16 Brutpaare ziehen in guten Jahren schon einmal 30 Jungfalken groß. Diese genauen Bestandszahlen sind durch die akribische Dokumentation von Ulrich Augst möglich. Er beringt die Jungfalken vor dem Ausfliegen, um später Rückschlüsse auf Alter und Lebenserwartung oder Sozialverhalten zu ziehen bzw. die im letzten Jahrhundert begonnen Dokumentationen fortzusetzen.

 

Zurückblickend zeigen die positiven Erfahrungen, dass der Naturschutz und die Ausübung des Bergsports unter gegenseitiger Rücksichtnahme sehr gut nebeneinander bestehen können.

 

Autor: Uwe Kretzschmar

Fotos: Mike Jäger

 

Literaturangaben:

Augst, Ulrich; Riebe, Holm: Die Tierwelt der Sächsischen Schweiz. Berg- und Naturverlag Rölke, Dresden, 2003

Kleinstäuber, Gert: Der Wanderfalke in Sachsen – ausgestorben für alle Zeit? veröffentlicht in „Naturschutzarbeit in Sachsen“, Seite 29-39, 32. Jahrgang, 1990

Informationen der Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz