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Rock'n'Road

Bike & climb durch die Schweiz

Die beiden deutschen Alpinistinnen Caro North (29) und Ines Papert (46) reisen mit dem Mountainbike vom Osten bis in den Westen der Schweiz, um einige der großen Wände des Landes zu durchsteigen, auf Routen, die für beide neu sind. Ihre ethische Herangehensweise ist klar: Sie wollen die Tour ausschließlich mit der Kraft ihrer Beine und dem notwendigen Fingerspitzengefühl meistern.

 

2 Frauen – 600 Kilometer – 18.000 Höhenmeter – 6 Wände – 1 Monat

Als Profikletterinnen sind wir immer auf der Suche nach großen Abenteuern in den abgelegensten Regionen dieses Planeten. Antarktis, Himalaya, Baffin Island, Patagonien – um nur ein paar Namen zu nennen. Aber wir tragen auch eine große Verantwortung, unseren Lebensraum, die Berge und Natur zu schützen und haben die Aufgabe, diese Botschaft nach außen zu tragen.

 

Doch wie verträgt sich dies mit den ständigen Flugreisen, die uns rund um den Globus bringen? Eher schwierig...

 

Die diesjährigen Reiseeinschränkungen bieten plötzlich jede Menge Zeit, um nachzudenken und seinen Lebensstil der aktuellen Situation anzupassen. Der Klimawandel muss aufgehalten werden und es ist an der Zeit, als Botschafter und Spitzensportler ein Zeichen zu setzen.

 

Der Beginn einer großen Reise

Ich sitze nach einer Radltour in den heimischen Bergen in Berchtesgaden auf meiner sonnigen Terrasse und habe den plötzlichen Wunsch, mit dem Mountainbike auf Reisen zu gehen. Aber nicht nur des Reisens wegen, sondern zum Klettern. 

 

Doch wen könnte ich für diese Idee begeistern? Mir fällt sofort der Name Caro North ein. Sie ist eine sympathische, junge und überaus ambitionierte Alpinistin, die ich in Patagonien kennenlernen durfte. Wahrscheinlich wird auch sie Zuhause sein, so wie wir alle. Caro ist begeistert und sagt sofort zu, über das konkrete Ziel würden wir später entscheiden und uns so den aktuellen Reisemöglichkeiten anpassen. Zeit haben wir ja jetzt mehr als genug. Und die Abenteuer liegen oft in nicht allzu großer Ferne.

 

Ziel: Die Schweiz

Nach einigen Telefonaten steht unser Ziel fest: Caros Heimatland, die Schweiz mit ihren zahlreichen legendären Felswänden. Ganz ohne irgendeinen Rekordgedanken, aber mit so vielen Klettermetern wie möglich und jeder Menge Spaß.

 

Im August 2020 steige ich in Feldkirch (Österreich) aus dem Zug und erreiche kurz vor dem Gewitter den Bahnhof im Schweizer Sargans, um hier auf Caro zu warten.

 

Ich sehe sie dank ihrer Dreadlocks von weitem. Wir fallen uns in die Arme, und ich spüre schnell, welchen Enthusiasmus Caro mitbringt. Es ist schon früher Abend. Sofort steigen wir auf unsere Bikes, um schon in der nächsten Kurve das erste Malheur zu erleben: Caros Anhänger inklusive Ausrüstung kippt aus der Achse und fällt in den Graben... Da waren doch so Dinger, die man zum Festmachen einfädeln muss? Das Problem ist schnell behoben und die Sache klar: wir haben beide keine Ahnung von Radreisen mit Anhänger.

 

Unser erstes Kletterziel ist das Rätikon. Eine mühsame und steile Anfahrt, Kurve um Kurve schlängelt sich die Bergstraße hinauf. Der Rhythmus beim Treten in die Pedale ist langsam, aber beständig. Die große Hitze setzt uns ordentlich zu. Wir müssen uns gegenseitig erinnern, langsam zu fahren, um später genügend Kraft fürs Klettern übrig zu haben. Auch, weil unsere Radlanhänger mit der gesamten Ausrüstung auf circa 35-40 Kilo kommen, eine deutliche Zusatzbelastung. Wir sind froh um jede Möglichkeit, das Essen bei den Bauern vor Ort zu erwerben.

 

Die Intifada im Rätikon

Am nächsten Tag im Rätikon angekommen, kaufen wir Käse und Milch auf dem Grüscher Alpli, einem idyllischen Ort, der unser Ausgangspunkt für die Kletterroute Intifada (7a+) ist.

Der Wart der Pardutzer Hütte rät uns zum Zelten vor der Kletterunterkunft, die leider aus aktuellem Anlass geschlossen ist. Hier überrascht uns ein weiteres starkes Gewitter mit Niederschlägen, die uns zweifeln lassen, ob unsere Route trocken wird.

 

Morgens steigen wir ein in die tatsächlich trocken gebliebene Intifada am Schweizereck. Eine einzigartige Plattenlänge gleich zu Beginn fordert alles von uns, präzises Anstehen mit den Füßen nach der Anstrengung auf dem Radl ist nur schwer möglich. Wir kämpfen uns Seillänge um Seillänge nach oben. Noch fehlt uns der zügige Rhythmus eines eingespielten Teams. Die Sonne kommt in die Wand und die letzten Längen werden ein Kampf gegen die Hitze. Am Abend grillen wir mit Freunden und feiern unsere erste Route durch eine große Wand auf dieser ‚Expedition‘.

 

Auf dem Weg zur Teufelstalwand

Weiter geht die Reise nach einer langen Abfahrt über Chur nach Disentis, meist auf dem Rheinradweg Richtung Quelle des Flusses am Oberalppass.

Ordentlich Höhenmeter und Strecke liegen hinter uns, als wir in unsere nächste Kletterroute an der Teufelstalwand oberhalb von Andermatt einsteigen.

 

Hier heißt es, selbst absichern im Granit. Caro ist voll in ihrem Element und beweist ihre Fähigkeiten im Rissklettern. Ausgerechnet am langen Wochenende passiert uns das nächste Missgeschick: unser Gas für den Kocher geht zur Neige. Jeder Versuch, einen geöffneten Laden zu finden, scheitert. Per Facebook machen wir einen Kletterer aus, der uns aushilft und auf dem Weg über den Sustenpass zwei Kartuschen überlässt.

Glück für uns, denn wir merken bald, dass wir dreimal mehr Lebensmittel brauchen als im normalen Kletteralltag. Unser Treibstoff ist das Essen und so haben wir immer im Kopf, wo der nächste Laden am Weg liegt.

 

Leichtigkeit bedeutet Schnelligkeit

Mehr und mehr ist Effizienz angesagt. Wir wollen keine unnötigen Strecken in Kauf nehmen, beschränken uns bald auf das Nötigste an Gepäck und verstehen, dass Leichtigkeit auch Schnelligkeit bedeutet – ähnlich wie im Alpinstil zu klettern.

 

Auf der Strecke verschenken wir also ein ums andere Mal einen Ausrüstungsgegenstand, der zu viel wiegt und lassen unnötige Kleidungsstücke bei Freunden zurück. Und so passt man ständig auf, nichts zu verlieren, denn man hat alles nur einmal. Außer die Unterhosen. Da müssen zwei Stück genügen, man kann ja täglich eine im Bach waschen.

 

Der Anstieg zum Sustenpass hat es in sich, es regnet und wir treten andächtig höher. Doch bald reißt der Himmel auf. Ein unerträglicher Durst stellt sich ein, die letzte Wasserquelle liegt lange hinter uns. Mir klebt die Zunge am Gaumen. Noch immer sind es 1500 Höhenmeter. Und just in dem Moment überholt uns ein VW Bus, hält auf der Seite und raus springt Caros Kumpel, Paul. Sein Getränkevorrat rettet uns das Leben.

 

Der Verkehr auf der Passstraße wird unerträglich und die vorbei rauschenden Motorräder und Sportwagen mit ihren knappen Überholmanövern zeigen kein Verständnis für Radlfahrer. Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Die Motivation steigt, den Anstieg schnell hinter uns zu bringen. Auf dem Pass (2224m) angekommen, wechseln wir schnell unsere nassgeschwitzten Trikots gegen eine ordentliche Jacke. Die Abfahrt macht Freude, bis es wieder zu regnen beginnt und meine hintere Bremse nicht mehr zieht. Leichte Panik stellt sich ein. Das muss ich bei nächster Gelegenheit reparieren lassen.

 

Auf dem Campingplatz in Gadmen gönnen wir uns nach zehn Tagen einen ersten Tag Pause, wir wollen ausgeruht an den Wendenstöcken klettern, die noch abtrocknen müssen. Klamotten waschen, Yoga machen, Pizza essen und Zeit mit Freunden verbringen, steht heute auf dem Programm. Es ist ein herrlicher Ort mit Blick auf die steilen Felswände.

 

Von Steinschlag und Steinböcken

Ein letzter Anstieg führt uns mit dem Rad auf die Wendenalp, dann endlich steigen wir zu Fuß weiter. Es ist ein heißer Sommertag, die Wände sind südlich exponiert. Es geht kein Wind und unsere ambitionierten Pläne schrumpfen wegen der Hitze schon beim Zustieg.

 

Der Excalibur Pfeiler türmt sich imposant vor uns auf. Doch während einer Traverse zum Einstieg geht die Freude schnell in eine totale Schockstarre über. Ohne Vorwarnung geht ein massiver Steinschlag ab, Steine und ganze Blöcke schlagen neben uns ein und wir können nichts tun, als unter unseren Rucksäcken Schutz zu suchen. Zurück bleiben ein starker Schwefelgeruch und weiche Knie. Glück gehabt, aber so schnell finden wir nicht zurück in den gewohnten Enthusiasmus.

 

Kurze Zeit später kommen wir in der Heimat der Steinböcke an. Am Einstieg begrüßt uns eine Steingeiß mit ihrem Kitz. Keine Chance, dass sie uns Platz macht, also warten wir erstmal ab. So bleibt noch etwas Zeit, unseren Schock zu verarbeiten.

 

Die Route Excalibur bietet für uns beide die optimale Schwierigkeit nach diesen Momenten der Angst und dennoch fällt sie uns nicht leicht. Anspruchsvoll abgesichert und immer wieder unsichere Reibungstritte. Ueli Steck ist die Route 2004 Free Solo geklettert. Ich bin schwer beeindruckt. Irgendwie fühlt es sich heute an wie die Flucht nach oben, keiner will an den bevorstehenden Abstieg durch die exponierte Rinne denken.

 

Später, in Innertkirchen, lassen wir die Bremsen reparieren und nehmen weitere 500 Höhenmeter in Kauf, um nicht auf der stark befahrenen Straße bleiben zu müssen. Unser nächstes Ziel soll der Genfer Pfeiler an der legendären Eiger-Nordwand sein. 

 

In der Nacht soll es wieder zu regnen beginnen, so beziehen wir Quartier bei meiner Freundin Mary nahe Interlaken. Sie begleitet uns mit ihrem Mountainbike bis Grindelwald, es fällt uns schwer, mit ihrem Tempo mitzuhalten. Ich lasse mich zurückfallen, der Anhänger wiegt heute besonders schwer, meine Beine sind müde.

 

Und vor uns liegt noch ein langer Anstieg an der Eiger-Nordwand vorbei bis zum Eigergletscher. Auch diese Route über die kleine Scheidegg wollen wir aus eigener Kraft schaffen. Doch am darauffolgenden Tag ist eine Pause nötig. Hier treffen wir auf die Kletterer Roger Schäli und Nina Caprez. Sie haben ihr Ziel erreicht, eine neue Route am Genfer Pfeiler frei zu klettern und waren schon im Aufbruch. Bevor sie in den Zug springen, können wir alle übrigen Essensvorräte übernehmen. Großartig.

 

Die Eiger-Nordwand

Am Eiger finden wir dann einen Platz mit Aussicht für unser kleines 1,5-Personen-Zelt. Ich freue mich auf den kommenden Tag.

 

Doch der Wind legt stark zu und die Temperaturen sinken über Nacht. Wir entschließen uns deshalb für einen späten Start.

 

Am Einstieg müssen wir erst einmal die Zehen warmreiben, dann startet Caro in die erste Seillänge. Ohne Gefühl in den Fingern und Zehen geht es langsam voran. Und plötzlich der Moment, wo ihr Kopf andere Pläne hat als ihr Körper. Caro probiert ein ums andere Mal, vom letzten Bohrhaken zum Stand zu klettern. Ich erinnere sie, dass wir die Mittagszeit bereits überschritten haben, aber noch immer am Einstieg stehen. In Tränen aufgelöst über ihre heutigen schwachen Nerven übergibt sie mir das scharfe Ende des Seils. Deshalb sind wir als Team unterwegs, um uns gegenseitig zu unterstützen und in schwierigen Situationen wieder aufzubauen.

 

Aber auch meine Finger sind inzwischen gefühllos vor Kälte. Die ersten Längen muss ich ordentlich kämpfen. In der Wandmitte schauen wir auf die Uhr und stellen fest, wir haben nicht genug Zeit, um es bis oben zu schaffen. Zum Glück gibt es den Notausstieg nach rechts. Wir lassen unser Material zurück, um die Begehung am nächsten Tag fortzusetzen, was uns auch gelingt. Caro ist wieder glücklich und ich selbst ganz schön fertig.

 

Wir sind gar nicht traurig über den Regen, der uns in den nächsten Tagen zu einer Pause zwingt, die wir beide gut gebrauchen können. Hier sprechen wir bereits über die Option einer langen alpinen Überschreitung zahlreicher Gipfel im Westwallis am Ende unserer Reise, was in mir große Freude und Motivation hervorruft, trotz Regen weiterzutreten.

 

Die goldenen Spitzen – Aiguilles Dorées

Aber noch sind es einige Tage auf den Bikes, bis wir dort ankommen. Unterwegs nehmen wir noch eine Route an der Südwand der Gastlosen mit. Schon seit wir Interlaken verlassen hatten, fahren wir bis in die Nacht hinein. Der Vorteil ist der geringere Verkehr auf den Straßen. Auch unser Zeitplan hängt seit der Zwangspause ein bisschen hinterher. Das Wetter spielt für alle unsere Begehungen eine große Rolle, während man auch bei schlechtem Wetter auf dem Rad sitzen kann.

 

Im Rhonetal schiebt uns der Wind Richtung Martigny, bevor es auf der Passstraße zum Großen St. Bernhard steil bergan geht. Mit Zwischenstopp bei Freunden, bei denen wir uns sämtliches Material für eine alpine Route in winterlichen Verhältnissen ausleihen, geht es tags drauf weiter mit dem Radl und später weiter zu Fuß auf die Cabane du Trient, eine Hütte auf über 3000 Metern auf der Schweizer Seite des Mont Blanc-Gebietes. Die goldenen Granitspitzen der Aiguilles Dorées hoch über dem Val Ferret begrüßen uns im Abendlicht. Der Neuschnee hat sich inzwischen hoffentlich zu brauchbarem Trittschnee umgewandelt.

 

Unser letzter Klettertag erfüllt mehr als Träume. Das Licht, die Fernsicht, die Kletterei, die Verhältnisse… alles ist perfekt, wenn auch fordernd für unsere müden Beine, denn die gesamte Traverse von Ost nach West ist lang, hat aber immer wieder eine ordentliche Kletterstelle parat.

Wir steigen über den Grat auf unseren letzten Gipfel, den Aiguille de la Varappe auf 3513 Meter. Caro und ich nehmen uns fest in die Arme und jede noch so kleine Unstimmigkeit ist bereits vergessen. Ein schöneres Ende unserer Route durch die Schweiz hätte ich mir nicht vorstellen können.

 

Wer noch nicht genug hat: Am 27. Januar 2021 berichten Ines und Caro übrigens in der #DAVbergschau von ihrem Abenteuer.

 

Text: 

 

Ines Papert (viermalige Weltmeisterin im Eisklettern und mehrfache Weltcup-Siegerin; beeindruckende Erstbegehungen und Expeditionen wie die Erstbesteigung des Sechstausenders Likhu Chuli I in Nepal (2013), die freie Begehung von The Hurting, eine der schwierigsten Eis-Tradrouten der Welt (2015), oder im Fels die erste sowie erste freie Begehung der 200 Meter-Route Schwarze Madonna (8a) am heimischen Untersberg)

 

Caro North (zweite Winterbegehung des Walkerpfeilers an den Grandes Jorasses in einem Tag (2019), Erstbegehungen in Alaska und British Columbia in Fels und Eis (2018), Erstbesteigung Monte Iñaki 5300 Meter, Kishtwar (2016), erste freikletternde Frauenseilschaft auf dem Cerro Torre in Patagonien (2015) und Mitglied des DAV Expedkaders (2011-2013)