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„Klettern und Leben sind dasselbe.“

Was bringt Extrembergsteiger dazu, sich Strapazen und Gefahren auszusetzen? Andi Dick erhielt dazu spannende Antworten vom slowenischen Spitzenalpinisten Marko Prezelj. Das vollständige Interview zum Beitrag in DAV Panorama 4/2018.

Wie bist du zum Klettern und Bergsteigen gekommen?

Ich bin in Slowenien aufgewachsen, in der Stadt Kamnik nahe den Bergen. Wäre ich am Meer geboren, hätte ich vielleicht Segeln oder Fischen als Sport meines Lebens gewählt. Doch so wurde ich Bergsteiger – es war einfach normal, der Sport hat eine große Tradition in Slowenien. Vielleicht auch deshalb, weil er kostengünstig ist – zumindest solange du ihn heimatnah ausübst.

 

Welche Rolle haben andere Leute (Partner, Mentoren) dabei gespielt?

Damals gab es kein organisiertes Mentoring für junge Alpinisten wie heute. Aber wir haben in Slowenien ein sehr gutes System von alpinen und Kletterclubs. Jede größere Stadt hatte ihren eigenen Club, der Kurse für Klettern und Bergsteigen organisiert. In Kamnik, wo ich aufgewachsen bin, war einer der stärksten Clubs, so bekam ich eine sehr gute Ausbildung und Startenergie.

 

Was daran lässt dich nicht mehr los?

Nun, es ist meine Leidenschaft, so einfach ist das. Ich war ja ein Glückspilz, privilegiert im Vergleich mit der heutigen Generation. Als ich jung war, änderte sich die Mentalität zum Freiklettern. Freiklettern ist eine Stilfrage, und so verstand ich von Anfang an, welch wichtige Rolle der Stil spielt – im Alpinismus wie im Leben.

 

Man kann sagen, dass meine Jugendzeit die goldene Zeit des Freikletterns war. Die heutige Generation lebt theoretisch im goldenen Zeitalter des guten Stils an großen Bergen. Die Logistik ist bequem, Infrastruktur und Informationen sind gut, sie haben die besten Voraussetzungen und Möglichkeiten, um in ihrem Alpinismus guten Stil zu verwirklichen. Aber ein Teil der Szene wird von den Sozialen Medien geprägt; es ist nicht leicht für junge Leute, eine gesunde Beziehung zum Alpinismus zu bewahren.

 

Du denkst also, dass beispielsweise der gefühlte Druck, aus dem Basislager per Satellitentelefon live zu bloggen, das authentische Gefühl von Ausgesetztheit am Berg gefährdet?

Am Berg musst du unbeeinflusst und authentisch sein, wenn du Erfolg an einer anspruchsvollen Route willst. Wenn du Druck von außen spürst, wird es schwierig. Schon wenn du nur sagst „Ich spüre keinen Druck“, bist du dir des Themas bewusst und bist nicht völlig frei, dein Bestes zu leisten. Aber diese Freiheit muss natürlich und von innen kommen; es ist nicht möglich, von dir selbst zu fordern: „sei frei, sei spontan“.

 

Trotzdem denke ich, dass der Alpinismus überleben wird. All die jungen Leute, mit denen ich als Mentor arbeite, sie wissen, dass es in den Bergen kein Posing gibt. Es ist so gefährlich, verglichen mit anderen Sportarten, dass du dir selbst gegenüber ehrlich sein musst, wenn du überleben willst.

 

Wie kann man sich das nur antun? Macht das wirklich Spaß? Besser gefragt: Was treibt dich zum alpinen Spiel?

Vor allem ist es Neugier. Ich liebe die Ungewissheit, das Unbekannte, je komplexer, je besser – und einfache Lösungen zu finden. Das fängt schon beim Sportklettern an, auch wenn das nur ein winziger Teil des Alpinismus ist. Beim Sportklettern ist mir onsight am liebsten: Du hast nur eine einzige Chance, das Puzzle zu lösen, die beste Lösung für eine Kletterpassage zu finden. Routen projektieren und auschecken, um sie dann irgendwann Rotpunkt zu begehen, finde ich langweilig. Es funktioniert, und ich habe es gelegentlich gemacht, aber es reizt mich nicht.

 

In den Bergen ist alles noch größer und komplexer. Du musst die Logistik auf die Reihe bringen, die beste Linie am Berg finden, die Detaillösung für die kommende Passage, vielleicht eine versteckte Möglichkeit hinter dem nächsten Eck – und die Konsequenzen sind viel ernster. Du musst deine Hausaufgaben ordentlich machen: Training, Information, deinen Partner kennenlernen. Ich mag die Ehrlichkeit dieser Situation: Wenn ich am Berg einen Fehler mache, ist es meine eigene Schuld und nicht die Verantwortung von irgend jemand anderem.

 

Das bringt uns zum Thema Risiko. Wie schaffst du es, dass es in einem verantwortbaren Rahmen bleibt?

Ich versuche gerne, mich an meine Grenze zu treiben. Je mehr Fähigkeiten ich einsetzen muss, um den Erfolg zu erreichen, umso interessanter wird das Spiel. Aber es ist wichtig, nie zu weit zu gehen – und diese Balance zu finden, ist nicht immer einfach.

Wenn ich mich auf eine Tour vorbereite, spiele ich sie im Kopf durch. Ich versuche, alle möglichen Situationen vorab zu visualisieren, ich checke unterschiedliche Optionen, Alternativen und Backup-Pläne. Ich habe Chemie-Ingenieur studiert und denke wie ein Ingenieur: einen guten Plan haben, aber auch mehrerlei Alternativen.

 

Entscheidend ist, dich selbst gut zu kennen, ein realistisches Bewusstsein deiner Erfahrungen und Kenntnisse zu haben. Sie sind die Grundlagen für gute Entscheidungen. Ich sage nicht: für die richtigen Entscheidungen, denn das Optimum wirst du nur selten erwischen. Aber du musst deine Entscheidungen so gut treffen wie du kannst – und dann flexibel und clever auf die Situation reagieren. Und je besser du dich selbst kennst, umso mehr Optionen hast du.

Als ich mit Steve House in der Erstbegehung am North Twin unterwegs war und er hoch oben in der Wand im Biwak seine Schuhschale fallen ließ, wäre die normale Reaktion ein Rückzug gewesen. Aber der wäre auch schwierig und gefährlich geworden; also entschieden wir uns, die Flucht nach oben zu versuchen – und es hat funktioniert. Das war eine Frage der Intuition.

 

Wie hilft dir die Intuition zu guten Entscheidungen?

Intuition ist die Verbindung zwischen Wissen und Erfahrung. In Situationen wo ich ängstlich oder besorgt bin, wechsle ich in den Intuitions-Modus. Wenn sich die Situation nicht gut anfühlt, drehe ich um oder suche nach einem sicheren Ausweg. Aber manchmal ist ein Rückzug nicht möglich oder gefährlicher, dann musst du nach oben raus.

Auf jeden Fall ist die Basis für Intuition eine breite Erfahrung und ein offener Geist. Und manchmal brauchst du auch einfach – sagen wir: Glück. Ich bin nicht religiös, deshalb habe ich dafür keine Erklärung: Manche gefährliche Situationen habe ich überlebt, wo andere vielleicht gestorben wären. Glück gehört nicht zur Kalkulation. Aber ohne eine gewisse Portion Glück im richtigen Moment wäre wohl keiner von uns noch am Leben.

Ein Fundament für Intuition ist auch, dass du dir selbst vertrauen kannst; sonst kannst du deine Grenzen nicht erweitern. Aber dieses Selbstvertrauen muss auf Erfahrung und Wissen beruhen.

 

Du bist verheiratet und hast zwei Kinder. Hat es deine Einstellung zum Risiko verändert, als du Vater wurdest?

Ich bin noch nie unsinnige Risiken eingegangen. Insofern hat sich nichts in meinem Verhalten verändert dadurch, dass ich Kinder hatte. Die wesentliche Auswirkung ist, dass ich mich mehr fokussiere. Jetzt ist es Zeit für mein alpines Spiel – jetzt ist es Zeit für die Familie – jetzt ist es Zeit für die Arbeit. Ich habe mein Leben besser strukturiert, und durch diese Fokussierung wurde ich sogar ein noch besserer Alpinist.

Für meine Familie ist es natürlich schwerer als für mich: Ich weiß ja, was geschieht und wie ich mich fühle – sie erfahren es nur gelegentlich durch ein Telefongespräch. Aber wenn ich mit dieser Situation nicht zurechtkäme, würde ich daheim bleiben.

 

Du bist professioneller Fotograf – siehst du die Berge eher durch die Linse oder noch mit den Augen?

Die Fotografie ist eine andere Leidenschaft von mir, sie hat sich parallel mit dem Alpinismus entwickelt. Viel Geld verdiene ich aber nicht damit. Mein Hauptberuf wurde Industriefotografie, ein interessanter Kontrapunkt zur Outdoorfotografie: Outdoor bist du auf der Jagd nach dem Moment, indoor musst du ihn gestalten. Manchmal arbeite ich fünf Stunden lang an einer einzigen Aufnahme einer Industriemaschine.

In den Bergen sehe ich definitiv mit den Augen, nicht durch den Sucher. Und in den letzten Jahren finde ich es schwierig, Alpinist und Fotograf zu sein. Sobald du die Kamera rausnimmst, verhalten sich die Leute anders – du änderst also die Situation. Und das kann in solch intensiven Momenten irritieren; wie wenn du fotografierst, während du mit deiner Geliebten zusammen bist.

 

Also versuche ich, nicht als Eindringling zu wirken. Und wenn die Situation wirklich ernst wird, schalte ich das Fotografieren auf Standby. Wenn ich nach der Tour zuhause die Fotos anschaue, stelle ich manchmal fest, dass es von einem bestimmten Abschnitt keine Bilder gibt – dann weiß ich, da war es zu ernst zum Fotografieren.

 

Was inspiriert und motiviert dich für dein jeweils nächstes Bergziel?

In den letzten Jahren wurde der Faktor Mensch zunehmend wichtig: An einen interessanten Berg gehen, mit jemandem, den ich mag, mit dem ich gut zusammenarbeite, dem ich vertraue, und der mich vielleicht inspiriert oder von dem ich etwas lernen kann.

Und natürlich sollten der Berg und die Route selbst sicher sein und attraktiv: eine schöne Bergform, eine klare Linie, eine eindrucksvolle Landschaft, kein Massenbetrieb. Ich suche nach Zielen, die eine sportliche Herausforderung versprechen – und sie brauchen eine gewisse Ästhetik.

 

Du bist 52 – ändert sich etwas mit den Jahren?

Natürlich spüre ich, dass ich weniger Kraft habe, nicht mehr so schnell bin. Ich brauche mehr Ruhetage, und in den letzten Jahren hatte ich einige Verletzungsprobleme mit Sehnen und Gelenken. Aber im Kopf geht’s immer noch bergauf, ich lerne noch immer dazu und bin flexibel. Allerdings, tja, es ist wie mit einem Smartphone: Du kannst Updates aufspielen, aber die Hardware wird schwächer.

 

Du arbeitest als Coach für junge slowenische Alpinisten – schließt sich da ein Kreis: Was Du von den Älteren gelernt hast, gibst du jetzt an die Jüngeren weiter?

Es ist kein Kreis, ich sehe es als Straße in die Zukunft. Es sollte normal sein im Leben, dass man von den Älteren lernt und das Wissen an die Jüngeren weitergibt. Ich persönlich habe viel von den erfahrenen Alpinisten gelernt, als ich jung war; dann habe ich einige persönliche Erfahrungen dazu gewonnen. Und es wäre dumm, das nicht mit den Jüngeren zu teilen – die ihre eigenen Sachen dazufügen werden. In Slowenien haben wir eine neue Generation mit guten Köpfen und guten Ideen.

 

Wie ist das Mentoringsystem in Slowenien organisiert?

Es ist bei uns anders als beispielsweise bei euch in Deutschland mit dem Expedkader; es entspricht unserer Bergsteiger-Kultur und -Tradition. In den Mentoring-Gruppen wird nicht geführt. Die jungen Leute sollen so viel wie möglich selber machen. Sie erzählen mir ihre Ideen; wenn sie zu mainstream oder altbacken sind, sage ich es ihnen. Dann gehen sie raus und leben ihre Ideen; einmal geht der eine voraus als Führer und Organisator, beim nächsten Mal ein anderer. Als ihr Mentor begleite ich sie nur – und solange sie nicht zu gefährlich unterwegs sind, lasse ich sie machen, auch wenn mal was schief geht. In Lebensgefahr möchte ich sie nicht geraten lassen, aber sie müssen ihre eigenen Fehler machen, um daraus lernen zu können.

 

Und welche Werte des Alpinismus möchtest du ihnen rüberbringen?

Für unsere Mentoring-Gruppen ist es immer wichtig, in Austausch zu kommen: mit anderen Ländern, anderen Leuten – unterschiedliche Kulturen und Lebensstile kennenlernen. Ihnen zeigen wie wir den Alpinismus angehen, lernen was sie tun. Und für junge Leute ist es auch wichtig, etwas über die Geschichte zu lernen – durchs Klettern und durch Begegnungen mit älteren Alpinisten.

Und einen wichtigen Wert hat ein alter Freund von mir so beschrieben: Schlecht klettern ist schlecht leben. Klettern und Leben sind dasselbe, die Werte sind die selben. Dein Fokus und deine Entschlossenheit entscheiden darüber, ob dein Leben gelingt oder nicht. Wenn du andere für deine Fehler verantwortlich machst, wirst du am Berg keinen Stich machen – und du wirst in deinem Leben nicht glücklich werden.

 

Marco Prezelj (* 13.10.1965), verheiratet, zwei Söhne, ist Chemieingenieur, UIAGM-Bergführer und Fotograf, lebt in Kamnik (SLO). 1991, 2006, 2014 und 2015 wurden seine alpinistischen Leistungen mit dem Piolet d’or ausgezeichnet. Befragt nach seinen persönlichen Highlights im Alpinismus antwortet er: „Ich betrachte es als Erfolg, dass ich immer noch Spaß am Alpinismus habe und viele Freunde als Partner. Das Leben geht weiter. Ich bin immer noch neugierig darauf.“ Auf seiner Website steht der Satz von Marie von Ebner-Eschenbach: „Man bleibt jung, so lange man noch lernen, neue Gewohnheiten annehmen und Widerspruch ertragen kann.“