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„Ich wollte wissen was geht.“

„Wie gut kann ich werden?“ Um diese Frage zu erforschen, organisierte Jan Hojer sein Leben neu. Der Lohn: der erste deutsche Gesamt-Weltcupsieg im Bouldern. Das komplette Interview zu DAV Panorama 5/14.

 

Glückwunsch zum Weltcupsieg! Wie kam es zu diesem Erfolg?

Meine Ergebnisse sind in den letzten Jahre immer besser geworden; seit ich in Innsbruck 2013 zum ersten Mal einen Weltcup gewonnen habe, wusste ich, dass ich prinzipiell immer aufs Treppchen klettern kann, aber es gab noch ziemliche Schwankungen. Für dieses Jahr habe ich mir ein noch besseres Ergebnis vorgenommen und mich sehr professionell vorbereitet.

 

Wie hast du dafür trainiert, und wie viel Zeit hast du investiert?

Ich habe regelmäßig gedehnt und an meiner Beweglichkeit gearbeitet; durch bewusste Ernährung konnte ich fünf Kilo abnehmen. Trainiert habe ich gemeinsam mit Jule (Wurm), auch unsere Trainingspläne haben wir gemeinsam entwickelt. Außerdem haben wir zusätzlich Videos von Wettkämpfen analysiert und auf mögliche Taktikverbesserungen angeschaut.

Alles in allem waren das etwa 20 Std. Training pro Woche, davon reines Klettern etwa 15 Std., also ungefähr je 3 Stunden an fünf Tagen pro Woche.

 

Und was genau tust du im Training?

In der Vorbereitung auf Wettkämpfe bolze ich zwei Wochen lang Kraft: am Campusboard, den Ringen, mit Klimmzügen und Hangeln von Bouldern.

Danach gehe ich für etwa zehn Tage in ein Klettergebiet, um mich in extrem schweren Projekten auf die Qualität der Bewegung zu konzentrieren. Das ist auch wegen der Motivation nötig; denn nach zwei Wochen Plastik muss ich an den Fels – wenn ich zuviel am Plastik bin, werde ich unmotiviert. Deshalb fahre ich regelmäßig nach Fontainebleau und in die Schweiz.

 

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Jan Hojer bei der Boulder-WM 2014, Foto: Vertical Axis

 

Machst Du auch Ausgleichstraining, bei dieser Intensität?

Ich mache fast jeden Tag Yoga, um beweglicher zu werden. Außerdem bin ich immer mal wieder laufen gegangen oder hab Basketball gespielt, um was für die Ausdauer zu tun.

 

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Nationaltrainer Udo Neumann?

Udo war in den letzten Jahren als Betreuer bei allen Wettkämpfen und kümmert sich außerdem um die Organisation der Lehrgänge und die Nominierungen. Regelmäßig zusammen trainiert haben wir noch nie. Ich gestalte mein Training grundsätzlich alleine und habe diesen Winter fast immer mit Jule Wurm trainiert. In der gesamten Wettkampfvorbereitung haben wir nur an zwei Wochenenden mit Udo bei Lehrgängen trainiert.

 

Haben dich deine ersten Erfolge eher unter Druck gesetzt oder beflügelt?

Ich war eher locker. Nach den ersten Erfolgen wusste ich, dass ich aufs Treppchen kann. Die Gewinne beim ersten und dritten Weltcup 2014 waren eine Bestätigigung dafür. Wenn’s gut läuft, macht’s Mut. Wenn’s schlecht läuft, sage ich mir: Das kann mal passieren (in Innsbruck zum Beispiel habe ich es nicht ins Finale geschafft) und versuche dann, mich einfach weiter gut vorzubereiten. Mein Ziel für dieses Jahr war sowieso nicht der Gesamtsieg, ich wollte nur immer mal wieder aufs Treppchen kommen. Dass ich die Gesamtserie gewinnen könnte, wurde erst nach dem vorletzten Wettkampf eine realistische Option. Beim letzten wusste ich dann, dass ich nur Vierter werden musste, selbst wenn Dimitri (Sharafutdinov) gewinnen würde. Deshalb habe ich versucht, mich auf mein eigenes Klettern zu konzentrieren, und das hat geklappt. Ich bin zwar „nur“ Vierter geworden, habe also gerade das Minimum geschafft, aber Dimitri ist sowieso in der Qualifikation ausgeschieden.

 

Wie gehst du mit dem Druck in der Wettkampfsituation um, auf den Punkt Leistung bringen zu müssen?

Nun, ich habe von Anfang an Wettkampfklettern betrieben, deshalb ist die Situation für mich nicht so aufregend. Natürlich stehst du anders unter Spannung als im Training. Aber nach dem 50. Wettkampf hält sich das in Grenzen. Beim Bouldern ist sowieso die Hauptaufgabe, im Kopf klar zu bleiben. Wenn du gut vorbereitet bist, musst du nur cool bleiben, keinen Quatsch machen, von Versuch zu Versuch denken – und nicht nervös werden, wenn’s mal nicht so läuft.

 

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Jan Hojer bei der Deutschen Meisterschaft in Friedrichshafen, Foto: Vertical-Axis

 

Du boulderst auch „draußen“ – was reizt dich am Wettkampf, was am Fels?

Ich mag die Kombination, die beiden Spielformen ergänzen sich. Am Fels sieht man, wie schwer es geht. Da gibt es einzelne Züge, für die man mehrere Tage braucht, bis man sie hinkriegt. Aber ich kann am Fels auch einfach mal Urlaubsstimmung empfinden.

Der Wettkampf zeigt mir, ob das Training was gebracht hat. Da sind die Züge nicht so maximal, man weiß, dass man sie im Prinzip klettern kann, hat aber nur vier, fünf Minuten für jedes der Probleme. Am Fels kann man ewig an eine Stelle hinprobieren, im Wettkampf muss man nach langer Vorbereitung die Leistung punktgenau abrufen. Diese Leistungskonzentration würde mir ohne Wettkampfsituationen fehlen. Würde ich nur Wettkämpfe klettern, wäre mir die Pause zwischen den Saisonen zu lang; da ist es schön, auch mal wieder Fels zu spüren. Andererseits bin ich nach einem Monat Reisen und Fels auch wieder motiviert zum Trainieren.

 

Woher nimmst du überhaupt so viel Zeit?

Nach dem Abi letztes Jahr wollte ich zwei Jahre nur klettern gehen, bevor ich mit einem Studium anfangen würde, damals hatte ich noch keine Sponsoren. Nach den Erfolgen jetzt läuft es mit Sponsoren und Preisgeldern ganz gut und ich denke, dass ich diese Lebensphase vielleicht noch um ein, zwei Jahre ausdehne. Ich habe eh noch keinen Plan, welcher Studiengang mich reizen könnte.

Ich habe mich schon immer gefragt: Wie gut kann ich noch werden? Ob ich zum Beispiel den Weltcup gewinnen kann, wäre eine auf ewig unbeantwortete Frage geblieben. Jetzt weiß ich es. Beim Bouldern bist du jung am stärksten; in zehn Jahren werde ich nicht mehr so gut sein. Es hätte mir Leid getan, die Zeit zu verschwenden und die Chance zu verpassen, in meinem Leben so einen Höhepunkt zu erleben. Deshalb habe ich auch ganz konsequent trainiert und gelebt: ein Jahr lang habe ich keinen Alkohol getrunken, keinen Zucker und kaum Fett gegessen. Nicht dass ich mir hinterher Selbstvorwürfe machen müsste, ich hätte nicht alles getan, um meine Chancen zu nutzen.

 

Adam Ondra dagegen legt derzeit seinen Schwerpunkt aufs Studium und macht nur die Lead-Weltcupserie mit.

Adam ist eh der beste Kletterer der Welt, er hat schon den Lead- und den Boulder-Gesamtweltcup gewonnen und die schwersten Routen und Boulder geklettert, für ihn wäre das nichts Neues mehr. Das ist eine ganz andere Lebenssituation als bei mir.

 

Was fasziniert dich generell am Bouldern? Bringt es dir mehr als das Seilklettern?

Ich komme ja vom Seilklettern her, Bouldern war früher nur Training. In meiner Jugend gab es noch keine Boulder-Europacups, deshalb habe ich die Wettkämpfe im Lead mitgemacht.

Aber mich stört daran, dass es beim Leadklettern eigentlich nur um die Ausdauer geht. Wenn Du da vorne mitklettern willst, musst du dich entscheiden, 40 Stunden pro Woche Ausdauertraining durchzuziehen. Fürs Bouldern reichen mir 20 Stunden.

Außerdem ist beim Bouldern jeder Wettkampf eine neue Herausforderung; in jeder Runde gibt es Probleme, wie man sie noch nie gesehen hat. Das ist abwechslungsreicher als beim Lead und es macht auch mehr Spaß, weil man nicht nur auf die Ausdauer konzentriert ist.

 

Anfangs hat dein Kletterstil ziemlich kraftorientiert gewirkt, heute sieht es geschmeidiger und kreativer aus. Woher kommt das?

Naja, es hat vielleicht früher so gewirkt. In Wirklichkeit aber habe ich bei den ersten Weltcups bemerkt, dass mir die Spitzenleute rein physisch überlegen waren, und ich habe zuerst diesen Abstand ausgeglichen. Ich hatte den Eindruck, dass ich wegen den physischen Anforderungen rausfalle, also habe ich Kraft und Athletik trainiert, bis ich die im letzten Jahr ausgeglichen hatte.

Dann habe ich andere Fehler oder Schwächen an meinem Klettern wahrgenommen, die nun noch entscheidend waren für das letzte Quäntchen Erfolg. Deshalb habe ich letztes Jahr viel an Volumen trainiert und die Beweglichkeit verbessert.

 

Neulich bist du für ein Video die „Action Directe“ nochmal geklettert, und es hat fast banal ausgesehen: täuscht das? Oder ist es mit Boulderstrom so leicht?

Komplett geklettert bin ich sie nicht, das wurde missverstanden. Der Kamerakran ging nur bis kurz vor dem Ausstieg. Ich bin eingestiegen, der Einstiegssprung hat auf Anhieb geklappt, dann bin ich noch bis fünf Züge vor Schluss gestiegen und hab „Zu“ gesagt.

Aber wenn ich im Video einen soliden Eindruck gemacht habe, dann kommt das sicher vom Bouldern. Vor vier Jahren bei meiner Begehung war ich noch eher der Routenkletterer, die Züge fielen mir deutlich schwerer als jetzt. Obwohl ich seit damals nicht mehr in Franken und an winzigen Fingerlöchern geklettert habe, war ich viel kontrollierter unterwegs.

 

Was waren für dich Highlight-Erlebnisse beim Bouldern?

Im Wettkampf sicher mein erstes Weltcupfinale 2012 in Vail: Ich hatte lange geführt, bin dann „nur“ Dritter geworden. Aber ich habe erstmals gesehen, dass ich vorne mitklettern kann und mich nicht verstecken muss. Der erste Weltcusieg 2013 in Innsbruck hat das dann bestätigt und verstärkt.

Am Fels ist mir meine erste 8A+ in Erinnerung, „Total Eclipse“ in Bleau; ich habe sie mir hart erarbeitet und hatte erstmals das Gefühl, einen richtig schweren Boulder zu klettern. Im allgemeinen bleiben aber beim Felsklettern eher gute Trips im Gedächtnis, z.B. in den südafrikanischen Rocklands vor zwei Jahren: gute Zeiten mit guten Leuten und coolen Linien, aber ohne einzelne Highlights.

 

Und welche Ziele hast du noch?

Kurzfristig natürlich die Boulder-WM in München. Im Winter möchte ich diverse Boulderprojekte in Bleau und der Schweiz probieren, das wären Erstbegehungen, an denen ich schon dran war.

Die Wettkampf-Motivation für die Zukunft möchte ich abhängig machen von der WM und wie es mir im Winter ergeht. Momentan macht der Wettkampf auf jeden Fall noch Spaß; vielleicht versuche ich mich auch mal wieder im Lead, wenn ich mehr Zeit für bessere Vorbereitung habe. Den Gesamt-Weltcup im Lead kann ich sicher nicht gewinnen, aber vielleicht reizt es mich mal, zu schauen, wie weit ich es mit gezieltem Training bringen kann.

 

Was sagst du zu der Diskussion um die Bewertung härtester Boulder?

Viele Leute trauen sich nicht, für ihre Erstbegehungen den Grad 8C+ vorzuschlagen. Derzeit gibt es viele leichte 8Cs, die nicht viel schwerer als manche 8B+ sind. Andererseits existieren etliche deutlich schwerere Boulder. Es gibt sicher jetzt schon Boulder, die später mal auf 8C+aufgewertet werden.

Boulder der Schwierigkeit 9A gibt es sicher als Projekte – aber sie sind noch nicht begangen. Welcher Routenschwierigkeit ein Bouldergrad entspricht, das kann man noch am ehesten über die Anzahl der Begeher ableiten. Aber beim Bouldern spielt der Liegefaktor eine besonders große Rolle; bei Routen gleicht er sich eher aus.

 

Was rätst du Boulder-Einsteigern?

Einfach bouldern gehen und viel Erfahrung sammeln. Nicht gleich unglaublich stark werden wollen, schon gar nicht durch isoliertes Krafttraining, aber auch nicht durch reines Techniktraining. Werde ein besserer Kletterer, dann wirst du auch stärker.

 

Der DAV als Ausrichter von Kletter- also auch Boulderwettbewerben wird oft kritisiert. Wofür?

Die Kritik bezieht sich weniger auf das Ausrichten der Wettkämpfe; die sind schon ziemlich gut und die Bouldercups sind bei den Teilnehmern beliebt.

Probleme sehe ich eher bei der Jugendförderung, und auch das Stützpunktsystem funktioniert nicht ganz so wie erhofft. Das läuft in manchen anderen Ländern besser, aber da gibt auch der Staat mehr dazu. Immerhin ermöglicht uns der DAV die Reisen zu den Wettkämpfen, was nicht in jedem Land der Fall ist.

Die Probleme haben auch weniger mit den verantwortlichen Funktionären zu tun, sondern mit den Gremien, die über das Geld entscheiden. In jedem großen Verband gibt’s solche Probleme, und bei der Aufgabenvielfalt des DAV ist es fast unvermeidlich, dass das Geld für den Spitzensport zu knapp ist. Mit einem so limitierten Budget wird man nie erreichen können, dass alle zufrieden sind.

Aber im großen und ganzen funktioniert es ja einigermaßen.

 

Wie steht die aktive Szene dem DAV gegenüber?

Man hat es an der starken Reaktion auf eine kritische Äußerung von mir in Facebook gesehen: Viele Leute haben Probleme mit dem DAV. So gut wie alle ehemaligen Wettkämpfer sind nicht gut auf ihn zu sprechen. Das ist schade für den DAV. Und es ist teils selbst verschuldet, teils liegt es am begrenzten Budget.

 

Was sollte der DAV anders machen?

Konkrete Vorschläge zu Verbesserungen in Wettkämpfen haben wir Athleten schon auf dem kleinen Dienstweg eingebracht.

Das Grundproblem ist aber, wie man mit den verfügbaren Ressourcen umgehen und etwas Sinnvolles aufstellen soll. Und die sind notorisch zu knapp, weil die Leute, die über das Budget und das Leistungsklettern entscheiden, nichts mit dem Sport zu tun haben. Mit Guido Köstermeyer sitzt zwar ein ehemaliger Weltcupsieger im Präsidium, aber er ist nur einer von Fünfen.

Die Probleme der Zukunft werden vor allem aus der Jugendförderung kommen. Wir „Alten“ wissen, wie wir trainieren sollen. Aber wenn die Jugendlichen nicht gezielt gefördert werden, ist es für sie schwierig, sich effizient und gesund aufzubauen.