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Einmal längs durch: Genf – Nizza mit dem MTB

Ein Westalpencross in 14 Etappen, vom Genfer See ans Mittelmeer, das war der Plan. Über die Freuden und Mühen einer außergewöhnlichen Transalp, die Aufs und Abs der erfahrenen Landschaften und erlebten Stimmungen berichtet Traian Grigorian (Text und Fotos). Artikel aus DAV Panorama 4/2020

Plus zum Heft: Streckenstenogramm + Bildmaterial

 

Was für eine Aussicht!

Der Mont Blanc. Da klotzt er in seiner ganzen Pracht herüber, der „Weiße Riese“. Spektakuläre Aussichten wie diese ziehen uns doch immer wieder in die Berge. Dieses Mal bin ich mit meinem Freund Patrick unterwegs, von Genf nach Nizza. Einmal längs des Westalpenbogens mit dem Mountainbike über alle Berge lautet die selbstgestellte Aufgabe. Und von solch gewaltigen Aussichten wird es auf dieser Tour noch viele geben, denn ein Bergmassiv ums andere schiebt sich entlang der französisch-italienischen Grenzlinie dem Alpencrosser in den Weg, bevor er seine müden Beine in den Wellen an der Côte d’Azur erfrischen kann.

 

An Tag drei …

… stehen wir auf dem Signal de Bisanne, einem isoliert postierten Knappzweitausender mit 360-Grad-Panorama. Oberhalb von Beaufort in Hochsavoyen, nach lokaler Definition noch Voralpen. Drei Tage Alp- und Weidelandschaften, bimmelnde Kuhherden, Milchgewinnung und Käseerzeugung. Was nun die kommenden Etappen bringen werden, daran lässt der Mont Blanc keinen Zweifel: alpines Hochgebirge mit Passübergängen bis auf fast 3000 Meter Höhe… Rückblende: Die erste spektakuläre Aussicht bescherte uns der Genfer Hausberg Mont Salève gleich zu Tourenbeginn: Blick zurück über den See, das Arve-Becken und den Jura-Grenzkamm. Die Gedanken flogen: Grenzen? Gibt’s nur auf Landkarten. Mit denen hatten wir uns für die Planung beschäftigt. Das Ziel: eine möglichst attraktive Route, viele Aussichtspunkte, tolle Singletrails bergab, kaum Straßenverkehr. Monatelang hatten wir Karten studiert, Berichte und Bücher gelesen, mehrsprachig Internetforen zu Rate gezogen, und am Ende standen 14 Tagestappen mit im Schnitt 2000 Höhenmetern Aufstieg und sieben Kilogramm Gepäck auf dem Rücken.

 

Ins Reich der „richtigen“ Berge

Dass im Aufstieg die eine oder andere Passage zu Fuß warten würde, war klar. Vor uns lag das Bornes-Plateau und die quergestellte Aravis-Kette, wie ein zu überwindendes Eintrittstor ins Reich der „richtigen“ Berge. Noch guten Mutes rollten wir über das gewellte Plateau, stellten aber schon bald fest, dass auch Kleinvieh Mist macht, jede noch so kleine Delle im Gelände sich zu veritablen Höhenmetern am Ende eines Tages zusammenaddiert. Spätestens als wir die unscheinbare Berggruppe der Sous-Dîne erklommen, um auf unser Übernachtungsplateau zu gelangen, und über die Jöcher schoben und trugen, ahnten wir, dass die nächsten zwei Wochen anstrengend werden würden. 20 Uhr war’s am ersten Abend, als wir abgekämpft und müde mit über 2000 Aufstiegshöhenmetern in den Beinen in die Hütte kamen, 21 Uhr am zweiten. Würde es jeden Tag so gehen?

 

War der Ehrgeiz doch zu groß?

Dass wir leichte Varianten ausschließen und jeden über einen Schlenker erreichbaren Singletrail mitnehmen wollten, musste sich ja irgendwie auswirken. Auch an der Aravis-Kette, durch das Beaufortain und selbst quer durch das Vanoise-Massiv wollten wir wegen des Bikeverbots im Nationalpark lieber drei Stunden stoisch schieben, als 100 Kilometer Teer-Umweg über die Passstraßen in Kauf zu nehmen. Das französische Fernwanderwegenetz der „Grandes Randonnées“ bietet ein taugliches Gerüst für eine Streckenplanung über die französischen Alpen. Da es sich dabei um Wanderwege handelt, ist eine Befahrung mit dem Mountainbike aber nicht zwingend gewährleistet. Gute Kondition und fahrtechnisches Können mögen dazu beitragen, dass fortgeschrittene Biker einen Gutteil dieser Wege befahren können, aber die Steilheit, die Beschaffenheit des Untergrunds und die nicht selten haarsträubende Ausgesetztheit der alpinen Steige weisen jederzeit darauf hin, dass dies eine Alpenüberquerung ganz im Sinn der Heckmairschen Ur-Definition ist: eine alpine Unternehmung, mit einem Fahrrad dabei.

 

Berühmter Alpkäse und saure Äpfel

Nachdem wir den berühmten Alpkäse von Beaufort verkosten durften, lassen wir den Mont Blanc links liegen und steuern über den Col de Coin (2406 m) und die Tarentaise dem Vanoise-Massiv entgegen. Die Übergänge sind ausnahmslos steil und Bergwanderland. Das Schieben nehmen wir aber gerne in Kauf, denn was die Landkarten an Singletrail-Abfahrten versprechen, das halten die Steige in aller Regel in der Realität auch ein. Noch mehr: die Dimensionen, mit denen sich so ein Pfad in den Westalpen nicht selten 15 bis 20 Kilometer lang zu Tale zieht, können einen Wanderer ob der schieren Länge erblassen lassen, nicht aber uns Biker, die wir genau das und die technische Herausforderung wünschen.

 

Das Erfahren solcher Landschaften zeigt aber nach einigen Tagen auch: Nicht alles ist Natur, was ein Berg ist. Mancher Gebirgsgruppe wurde und wird übel mitgespielt. Das Skigebiet von La Plagne macht den Anfang. Wir steigen über den Pas de Brébis am Mont Jovet und erblicken das Landschaftsdesaster dahinter: die Hänge von Courchevel, Tignes und Méribel vor der Vanoise-Gruppe sind überzogen von Liftnarben. Das ist der saure Apfel, in den wir beißen müssen. Hinauf geht es nur auf steilen Zubringerstraßen, und obwohl im Sommer kein nennenswerter Tourismus stattfindet, sind die Straßen voll von qualmenden Kleintransportern und Lieferwägen. In Courchevel erstaunt uns eine rege Bautätigkeit. Ein neues Wellenbad entsteht. Im Corona-Jahr 2020 ist es jetzt erst einmal geschlossen. Es sieht fast so aus, als würde in den Resorts in der einen Jahreshälfte der Skirubel rollen und in der anderen wieder für Hotelneubauten ausgegeben. Ist das der „ewige“ Wirtschaftskreislauf, ohne den die Alpen an vielen Orten anders aussähen?

 

Über hundert Dreitausender

Am sechsten Tag liegt die nächste spannende Aufgabe vor uns: der Vanoise-Nationalpark. Der 1963 gegründete, älteste der französischen Nationalparks ist zum Glück das völlige Gegenteil zum Urlaubsvermarktungswahnsinn der ihn umliegenden Skigebiete. Das verdankt er der strikten Durchsetzung strenger Regeln, die auch uns betreffen. Nationalpark-Besucher dürfen ziemlich vieles nicht, auch nicht Radfahren. Die auf Regeleinhaltung achtenden Gardiens sind in Bikerkreisen berüchtigt. Mit dem ausgedruckten Bescheid in der Tasche, dass zumindest Schieben erlaubt ist, bewältigen wir also einen Bergsteigertag und schonen die mitgeschobenen Bikes. Heckmair und die Gardiens hätten ihre Freude an uns gehabt. Acht Kilometer, 400 Höhenmeter im Aufstieg und 700 im Abstieg vom Col Chavière (2793 m) „kostet“ uns die Episode (und Patrick vermutlich ein paar verdrückte Tränen wegen des Trailverzichts), aber zumindest hatten wir die Muße, einige der Dreitausender zu bestaunen, von denen es hier über hundert geben soll.

 

Wertschätzung für Bergradler

In der Maurienne bekommen die Ortsnamen einen italienischen Einschlag. Modane zu Füßen der Thabor-Gruppe verlassen wir flugs, steil stemmen wir uns dem Col de la Vallée Étroite entgegen. Das „enge Tal“ war bis 1947 italienisch und wurde in den Pariser Verträgen in Folge des Zweiten Weltkriegs Frankreich zugeschlagen. Auf einem ruppigen Abschnitt der Via Alpina kurven wir vorsichtig talauswärts und erreichen die einzige Talsiedlung Granges, wo es italienische Hütten-Restaurants gibt. Patrick kann sich gar nicht bremsen und bestellt Pasta, Cappuccino, Chinotto und Espresso auf einmal. Wieder meiden wir Straßen, die uns schneller ans Ziel bringen würden, und nehmen lieber zusätzliche Aufstiegshöhenmeter zu Fuß in Kauf. Konflikte zwischen Wanderern und Mountainbikern gibt es nicht. Kulturell genießt der Bergradler im Süden eine generelle Wertschätzung, hinzukommt, dass das Wegenetz westalpentypisch größer ist – und dass wir uns zu benehmen wissen und gerne mit anderen Naturliebhabern ein paar nette Worte wechseln.

 

Spektakuläre Abfahrt nach Abriès

Mit jedem Passübergang wechseln wir eine Gebirgsgruppe weiter: Über das Briançonnais gelangen wir zu den Befestigungsanlagen von Montgenèvre und zum elend langen Übergang ins Queyras. 400 Höhenmeter können wir bis in den Talschluss noch fahrend bewältigen, die restlichen 850 zum Pass beim Pic Malrif dann nur noch schiebend und tragend. Dreieinhalb Stunden später, pünktlich zu Mittag, gönnen wir uns bei Traumblicken auf Grand Glaiza, Barre des Écrins und Monviso einen Energieriegel. Wir werden ihn brauchen: die Abfahrt nach Abriès gehört zum Spektakulärsten, was wir bisher unter die Reifen genommen haben. Aber auch zum Gefährlichsten. Teile des GR 58 sind abschüssig, weggebrochen, verblockt und schwindelerregend. Stürzen wäre hier fatal. Dass dieser Weg eine „Null-Toleranz-Politik“ verlangt, ist sofort klar. Schieben ist angeraten, auch bergab lieber ein paar Meter zu viel als zu wenig. Alles geht gut, und so empfinden wir die nächste Auffahrt Richtung Monviso als geradezu entspannend gegenüber dem Nervenkitzel der Malrif-Flanke. So entspannt halt, wie 600 Höhenmeter auf fahrbaren Wegen und weitere 700 im verblockten Aufstieg sein können. Auch der Cottische Kaiser macht es uns nicht leicht.

 

War da eine Grenze?

Am Monviso ist mit dem Passo Vallanta Italien erreicht. Um im Piemont vom Varaita- ins Mairatal und schließlich ins Sturatal zu gelangen, heißt es Abschnitte der Quertäler entlangzufahren, um auf fahrbare Übergänge über die Berge zu treffen. Aber immer lassen sich launige Wegelein abseits der Verkehrsstraße entlang der Wildbäche finden, und zumindest der Übergang über die Gardetta-Hochebene ist verkehrsfrei und einsam.

 

An Tag 12 …

… fahren wir in der Nähe der Wallfahrtskirche Sant’Anna di Vinadio am Col de la Lombarde zum letzten Mal über eine nicht existente Grenze nach Frankreich. Das kleine, abgelegen im Hinterland verschlafene Skiresort Isola 2000 kann uns nicht mehr schrecken. Im Nationalpark Mercantour der Seealpen ist ein holpriger Karrenweg zum Col de Salèse in der Vésubie für Mountainbiker legalisiert. Langsam spüren wir, wie die Kräfte nachlassen, die über 600 zurückgelegten Kilometer an der Substanz zehren. Die Nachwirkungen eines Windbruchs auf dem Sentier valléen hinter dem Wolfszentrum von Le Boréon lassen uns nur kurz den erhofften Trail suchen. Wir haben die Nase voll von Stolperabenteuern im Unterholz, verzichten das erste Mal auf den Trail und rollen lieber auf der Straße zur Unterkunft.

 

… hat was Entspannendes

In den Voralpen der Küste machen wir noch einen letzten Versuch auf dem GR 5 ans Meer. Das Karstgebirge mag zwar weniger hoch sein, an Dornen, scharfem Gestein, ausgesetzten Hangflanken und fahrtechnischen Schwierigkeiten steht es dem Hochgebirge aber in nichts nach. Nach einer weiteren Etappe mit sehr viel Fußmarsch beschließen wir, die letzten 25 Kilometer doch auf der Straße nach Nizza zu rollen – das Meer und ein großer Eisbecher rufen. Nach 710 Kilometern, fast 28.000 Höhenmetern und ungezählten Passübergängen erreichen wir schließlich bei der Proménade des Anglais das Mittelmeer und blicken auf die völlig zackenfreie, aber nicht weniger spektakuläre azur-blaue Horizontlinie. Patrick murmelt: „Irgendwie auch schön, hat was Entspannendes. Genau was ich jetzt brauche.“

 

Der Autor

 

Traian Grigorian, freier Alpinjournalist, liebt es, besondere Mountainbike-Touren zu planen und zu fahren. Der Alpencross Genf – Nizza war eine der härtesten Touren, die er bislang unternommen hat.

 

Westalpencross Genf – Nizza

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Der Alpinjournalist und Mountainbike-Guide Traian Grigorian (Fotos) fuhr die besondere Transalp von Genf nach Nizza nach eigener Planung. Aus den hier zusammengestellten Etappen-Informationen wird ersichtlich, dass dieser anspruchsvolle Westalpencross fortgeschrittene Mountainbike-Skills mit guter Kondition und Fahrtechnik verlangt. Auch tourenplanerische Fähigkeiten und die (Leidens)Bereitschaft, das Rad immer wieder auch längere Strecken zu schieben oder zu tragen, sind notwendig. Mehr Infos zum Artikel in DAV Panorama 4/2020 Für alle, die sich an der Tour versuchen wollen, gibt's hier den GPS-Track. hr.first-paragraph-separator { display: none !important; }