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Über den Hohen Atlas im Alleingang

Von Josef Schlegel

 

Am Sammelplatz Sidi Mimoun in der Nähe des Stadttores Bab Er Robb in Marrakesch springe ich als letzter Fahrgast zum doppelten Fahrpreis gegenüber den Einheimischen auf den Minibus. Zum Vergnügen der mitfahrenden Berber bleibt mir nur noch der Platz auf einer ausgedienten Lautsprecherbox an der Rückseite des lädierten Fahrzeugs. Aber Geld ist Zeit und ich habe an diesem Tag noch einiges vor.

 

Meine Fahrt endet schon nach etwa einer Stunde in Asni. Die ersten Überraschungen bieten hier das Eco-Musée und gegenüber die feudale und aufwändig restaurierte Kasbah „Tamadot Home“ des britischen Unternehmers und Abenteurers Richard Branson. Für nur etwa einen Euro mehr hätte ich zwar zur üblichen Endstation Imlil am Fuße des Atlas mitfahren können. Aber ich will mich dem Atlas eher bedächtig und mit der angebrachten Demut nähern und vor allem die Nordostgrenze des Toubkal-Nationalparks wandernd überschreiten.

 

Als ich meine erste Etappe nach 17 Kilometern und vierstündiger Gehzeit gegen Abend zurückgelegt habe, empfangen mich in Imlil ein Gewitter – und Mohamed, ein ehemaliger Atlas-Bergführer, der mich in seine „Gite Amagourane“ schleppt, für 150 Dirham (etwa 14 Euro, „Halbpension mit sehr großem Frühstück für die Tour“). Die Verhältnisse erweisen sich als äußerst einfach, aber immerhin erlebe ich mein erstes im Tagine-Tontopf geschmortes Abendessen und eine intensive Beratung – nicht ohne den Hinweis, dass mein Alleingang höchst gefährlich und eigentlich gar nicht machbar sei.

 

Um mein Leben zu retten, bietet mir Mohamed die Begleitung seiner Brüder mit Muli an, dann nur noch sein Muli alleine und schließlich wenigstens ein Zelt, das ich in einem Hotel in Marrakesch hinterlegen könne, da ich ja nicht mehr nach Imlil zurückkehren will. Ich bin unbelehrbar. Zu sehr hat sich die Vorstellung von einer Überquerung des Hohen Atlas im Alleingang in mir festgesetzt. Für alle diejenigen aber, die auf der sicheren Seite sein, bis zu zwei warme Mahlzeiten am Tag zu sich nehmen und sich das Tragen des gesamten Gepäcks ersparen wollen, ist es ratsam, die mehrtägige Atlas-Rundtour mit einem lizensierten Bergführer zu unternehmen.

 

Auf den Djebel Toubkal

Am frühen Morgen des nächsten Tages breche ich nach dem versprochenen üppigen Frühstück in Richtung Toubkal-Hütte auf. Eigentlich will ich ja den Hohen Atlas überqueren – und nach Möglichkeit auch retour. Aber zu verlockend steht der Djebel Toubkal (4167 m) als zusätzliches Gipfelziel an meiner Trekkingroute. Nach etwa zweieinhalb Stunden wird der islamische Wallfahrtsort Marabout Sidi Chamharouch passiert. Weitere zweieinhalb Stunden später erreiche ich die einer Festung ähnelnde Toubkal-Hütte des französischen Alpenvereins (CAF) der Sektion Casablanca in 3207 Metern Höhe. Die Vorlage des DAV-Ausweises bringt mir die übliche Übernachtungsvergünstigung und für insgesamt 390 DH (etwa 36 Euro) erhalte ich zwei Mal Halbpension mit warmer Dusche – und sogar europäischen Toiletten. Das Abendessen ist außerordentlich: Es gibt jeweils eine Suppe als Vorspeise, zwei verschiedene Hauptgerichte und sogar Nachtisch in Form von frisch zubereitetem Obst. Der Kiosk liefert außerdem alles, was man noch zusätzlich braucht; vor allem Trinkwasser in PET-Flaschen zu erschwinglichen Preisen. Heißen Menthe-Tee gibt es jederzeit am Desk der Küche als Zusatzverdienst des dortigen Personals zu entsprechend unterschiedlichen Preisen. Dafür ist es allerdings sehr empfehlenswert, Münzen parat zu haben, um die fälligen Beträge passend bezahlen zu können. Kleingeld ist oft Mangelware auf der Toubkal-Hütte, die ansonsten gut ausgestattet und entsprechend ausgelastet ist.

 

Die direkt nebenan liegende Mouflon-Hütte führt dagegen ein eher kümmerliches Dasein und wird – nicht nur aufgrund der Preislage – eher gemieden und auch von Einheimischen nicht empfohlen. Für den Fall der Fälle dient sie aber als Ausweichstation bei einer befürchteten Überfüllung der ehemals als „Nelter-Refuge“ bezeichneten CAF-Hütte.

 

Am nächsten Tag steht der Aufstieg zum Djebel Toubkal auf dem Plan. In drei Stunden anstrengender Gehzeit wird der Gipfel erreicht. Obwohl der Weg relativ kurz erscheint, sollte der Anstieg von 3200 auf 4167 m nicht unterschätzt werden. Nicht wenige Aspiranten kommen mir wieder entgegen, weil sie den Strapazen nicht gewachsen sind. Bergsteigerisch bietet der höchste Berg Nordafrikas jedoch keine besonderen Herausforderungen.

 

Den höchsten Punkt ziert im Lande Allahs natürlich kein Kreuz, sondern ein stählernes Pyramidengestell. Für viele Marokkaner ist das Erreichen dieses Ortes ein wichtiges, ja spirituelles Erlebnis, das oft sogar mit einem Gebet gewürdigt wird. Da ich keine Lust verspüre, mich der Prozession der Absteigenden anzuschließen, reitet mich die Abenteuerlust und ich überschreite den Toubkal ins Nachbartal hinein. Dort bin ich tatsächlich für die nächsten vier Stunden völlig alleine in der Einöde des Atlasmassivs. Beim Abstieg entdecke ich am Abhang einige silbern leuchtende Gegenstände, die sich bei näherem Hinsehen als das Wrack eines vor Jahren abgestürzten Flugzeuges entpuppen. Die Einzelteile begleiten den Weg kilometerweit ins Tal hinab; unterwegs findet man außer dem Motorblock sogar einen Propeller, der als Wegmarkierung zweckentfremdet wurde. Aus einer völlig anderen Richtung kommen schließlich die beiden Hütten ins Blickfeld und eröffnen damit eine ganz neue Perspektive, wie sie wohl noch nicht viele Besucher der Gegend beobachten und fotografieren konnten.

 

Herzliche Begegnungen

Am nächsten Morgen bin ich wieder auf der Strecke meiner geplanten Normalroute über die Wasserscheide des Tizi-n-Ouanoum auf immerhin 3664 Metern. „Tizi“ steht für Pass oder Joch, bezeichnet also den Übergang zwischen zwei Tälern. Der Anstieg ist steil und damit relativ schnell begangen, der Abstieg das Gegenteil. Am Ende der anstrengenden Strecke lockt dafür der Lac d´Ifni (2312 m), der einzige, unergründlich scheinende und noch kaum erforschte See im Nationalpark. Das übliche abendliche Gewitter beschleunigt meine Schritte und beim Einsetzen der ersten Graupelkörner erreiche ich ein Azib, die Unterkunft eines Schafhirten, der mir prompt seinen Stall als Rast- und Schlafplatz anbietet. So schnell wie es kam verschwindet das Unwetter auch wieder und ich überlege, ob ich noch weiter gehe ins nächste Tal zu den ersten Berbersiedlungen jenseits des Hauptkammes. Einige junge Einheimische halten mich davon ab und laden mich zum Essen und Verweilen ein. Diese herzliche Begegnung soll nicht die einzige bleiben.

 

Der nächste Tag beginnt wie der letzte endete: Mit einem gemeinsamen Mahl in einem der Azibs. Auch hier, und das ist für Atlaswanderer elementar, gibt es abgefülltes Wasser zu kaufen. Jedoch muss bedacht werden, dass die Schafhirten nur in den Sommermonaten ihre Azibs bevölkern, und zur Sicherheit sollte man Entkeimungsmittel dabei haben. Das Wasser des Sees gilt als ungenießbar und die wenigen Zuflüsse sind zum Trinken ebenfalls nicht empfehlenswert. Abgesehen davon ist der eigentlich als Schutzgebiet gedachte Nationalpark zu einer Müllhalde unbeschreiblichen Ausmaßes degeneriert. Alles was nicht mehr benötigt wird, findet seinen Weg in Felsnischen, Wadis, Flüssen  – einfach überallhin, hemmungslos und haufenweise.

 

Ibrahim, der Führer meiner neuen marokkanischen Freunde, führt uns mit seinem Muli über eine traumhafte Hochgebirgslandschaft nach Imhilene und Aít Igrane. Unversehens bin ich Teil einer Gruppe geworden, die sich ständig um mich sorgt, weil ich mit einigem Abstand folge. Die Gegend ist einfach zu schön, um nur eilig passiert zu werden.

In Amsouzart haben die jungen Leute ihr Ziel erreicht, wir nehmen Abschied voneinander. Auch Ibrahim geht mit dem Maultier seiner Wege. Ich bleibe zwei Tage in der Gite Ait Stidar unter annehmbaren Bedingungen in erträglicher Preislage und vor allem mit gutem und üppigem Tagine-Essen. Den zweiten Tag meines Aufenthalts nutze ich zu einer Wanderung mit leichtem Gepäck an den Südrand des Nationalparks. Hier kommt man am ehesten mit der Lebensweise der Berber in Berührung, da mein Weg ja zumeist durch unbewohnte Gebirgsregionen führt.

 

Das wirkliche Abenteuer der Atlasüberquerung wartet: Der Weg zurück über eine wenig begangene und nicht als Trekking-Route gekennzeichnete Strecke. Das Fernziel ist Setti Fatma, am Nordostrand des Nationalparks. Es geht wieder über einen Pass, den 3120 Meter hohen Tizi-n-Ourai. Wenn alles gutgeht, finde ich am Abend wieder eine Azib-Schlafstelle, wenn nicht, droht mir eine Übernachtung unter freiem Himmel. Die Warnung Mohameds vom ersten Abend in Imlil, der mir so dringend sein Zelt ans Herz gelegt hat, klingt mir in den Ohren.

 

Nach Setti Fatma

Ich habe Glück, entgehe wieder einmal dem allabendlichen Unwetter und bekomme für 15 Dirham ein Lager in Azib Likemt, einem der Knotenpunkte für Atlastrekker. Wieder sind es junge Marokkaner, die den Kontakt bei einem gemeinsamen Frühstück suchen. Eigentlich wollten sie ja schon um sechs Uhr morgens aufbrechen und zwei Tagesetappen in einer Tour bis nach Setti Fatma zurücklegen. Ich halte diesen Plan für verrückt, hüte mich aber, als Fremder belehrend zu wirken. Sie gehen stramm voran; ich lasse mir Zeit, da ich es nicht sonderlich eilig habe. Der Weg führt durch eine tiefe gefährliche Schlucht, vor der ich mehrfach gewarnt wurde, weil es bei einem Wassereinbruch keine Fluchtmöglichkeit gibt. Es sieht in den letzten Tagen des August jedoch nicht nach Hochwasser aus und obwohl es keinen erkennbaren Pfad gibt, wird die Richtung ja durch den Verlauf der Schlucht unentrinnbar vorgegeben.

 

Unzählige Male überquere ich den kleinen Fluss in der Klamm, verpflege einen verwundeten Schafhirten und erreiche am Abend eines langen Tages mein Ziel Izough. Die Jungs sind keine zehn Minuten vor mir angekommen. Sie wollen trotz aufkommendem Gewitter noch weiter nach Setti Fatma und dann so schnell wie möglich heim. Ein einheimischer Berber bietet mir eine Schlafkammer an. Sie entpuppt sich als das Wohnzimmer der Familie. Die Frau zetert, die Kinder jammern; ich verzichte dankend und gehe mit den anderen den Weg zu Ende – was ich am Morgen noch für unmöglich gehalten hatte.

Damit bin ich schon einen Tag früher am Ziel: Ich habe den Hohen Atlas gleich zwei Mal diagonal überquert. Die Mühe ist vergessen, das Geld knapp, dafür habe ich glücklicherweise noch vier Tage Zeit – für Marrakesch.

 

 

Infos: Über den Hohen Atlas

 

Karten

Trekking Map (laminiert) „High Atlas Morocco 1:100 000 einschließlich: Morocco Tourist Road Map 1:1 500.000, Marrakech City Map 1:20.000 und Western Sahara Tourist Road Map 1:3.000.000, Verlag terraQuest (2011)

 

Literatur/Reiseführer

Moroccan Atlas – The trekking Guide, Alan Palmer, Verlag trailblazer guides (2010), mit 44 handgezeichneten Routenvorschlägen und zahlreichen weiteren nützlichen Tipps

Marokko – Handbuch für individuelles Entdecken, Erika und Astrid Därr, Reise Know-How Verlag (2011), der „… wohl umfangreichste Reiseführer zu Marokko …“!

 

Währung

Dirham (DH) 1 DH ≈ 10,6 EUR

 

Trekkingroute

  1. Asni – Imlil (4 - 4½ Std.)
  2. Imlil – Toubkal Hütte (4½ - 5 Std.)
  3. Toubkal-Hütte – Toubkal-Gipfel (3 Std.); Toubkal-Gipfel – Toubkal Hütte (2 Std. für Normalweg, 4 Std. für Seitental)
  4. Toubkal Hütte – Lac d’Ifni (5 Std.)
  5. Lac d’Ifni – Amsouzart (2½ Std.)
  6. Amsouzart – Tanmitert – Amsouzart (2 Std. + 2 Std.)
  7. Amsouzart – Azib Likemt (6 Std.)
  8. Azib Likemt – Setti Fatma (9 Std.)

 

Anreise

Flug nach Marrakesch (3 Std. ab Basel), dann Busverbindung nach Asni (ca. 1 Std.) oder  Imlil (+½ Std.)

Rückreise von Setti Fatma nach Marrakesch per Bus (ca. 1 Std.)