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Christian Berg: Ist Nachhaltigkeit utopisch?

Sachbuch

06.05.2020, 14:10 Uhr

„Ein Leben im Einklang von Mensch und Natur“ – ist das fromme Märchenlyrik oder eine Vision, die wir zu Realität machen könnten? Dieses Buch zeigt auf, welche Barrieren der Utopie Nachhaltigkeit im Weg stehen, und mit welchen Handlungsprinzipien wir sie überwinden könnten.

Der erste Bericht an den Club of Rome, „Die Grenzen des Wachstums“, war 1972 ein Weltbestseller: Über 12 Millionen Exemplare in über 30 Sprachen wurden verkauft. Das Buch stellte klar, dass auf dem begrenzten System Erde kein unbegrenztes Wachstum möglich ist (was viele Betriebswirtschaftler bis heute nicht kapiert haben) und kündigte an, dass die Menschheit die Grenzen des Planeten zwischen 2000 und 2100 überschreiten würde. Daraus entwickelte sich die politische Vision der „Nachhaltigkeit“, also nicht mehr Ressourcen zu verbrauchen, als im gleichen Zeitraum neu entstehen. Der Begriff wird heute oft wahllos missbraucht zur Schönfärbung von Greenwashing und oberflächlichen Maßnahmen. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen von 2016 wirklich weltweit umzusetzen, ist dagegen die große Aufgabe der Menschheit, gerade im Blick auf die Klimakatastrophe und daraus entstehende Kriege. Dieses Buch – ein neuer „Bericht an den Club of Rome“ – will zeigen, wie die Aufgabe gelingen könnte. Damit eine Weltordnung, die auch unseren Enkeln ein gutes Leben erlaubt, nicht Utopie bleibt, sondern Möglichkeit wird.

 

 

Der Autor Christian Berg ist Professor für Nachhaltigkeit an der TU Clausthal und Präsidiumsmitglied im deutschen Club of Rome. In einem nach seinen Worten nie dagewesenen Ansatz bringt er Sichtweisen aus vielen Wissenschaftsfeldern zusammen für einen ganzheitlichen Ansatz – mit dem Ziel, diese Transformation wirklich zu machen. Dabei geht er davon aus, dass es nicht reicht, zu wissen, was zu tun wäre (Energie sparen, regenerative Energien nutzen) – es fehle uns an Konzepten zur Umsetzung dieser Erkenntnis; an Wegen in die neue Realität. Dazu sei ein Blick auf die systemischen Strukturen nötig, die oft Barrieren für den Übergang in ein Zeitalter der Nachhaltigkeit darstellen. Mit diesen befasst er sich in der ersten Hälfte des Buches. Denn Hindernisse (oder Widersprüche zwischen den „17 Nachhaltigkeitszielen“) sind leichter zu beschreiben als Lösungen. Zu diesen Barrieren, die nachhaltigem Handeln im Weg stehen, gehören "intrisische", also menschlich bedingte wie Verständnismangel, Kluft zwischen Werten und Handeln, Egoismus und Populismus. Und "extrinsische", also institutionell oder systembedingte in Wirtschaft, Politik, Recht und Technik.

 

Prinzipien für nachhaltiges Handeln

Im zweiten Teil stellt er die Frage, was zu tun wäre, und entwickelt Handlungsprinzipien, die einen Übergang der Gesellschaft zu nachhaltigem Handeln und nachhaltigen Strukturen fördern könnten. Einige dieser Ideen haben zur (Corona-)Zeit eine Bewährungsprobe, etwa "Genügsamkeit feiern" oder "den sozialen Zusammenhalt stärken". Wenn Nachhaltigkeit Gefahr läuft, Utopie zu bleiben, liegt das unter anderem daran, dass die "17 Goals" der UN kaum alle gleichzeitig bearbeitet und erreicht werden können. So müssen sich Akteure auf eine Auswahl davon konzentrieren, und daraus können Widersprüche entstehen.

Prinzipien müssen umfassend gelten, wie etwa der kategorische Imperativ Kants oder Hans Jonas‘ Aktualisierung dazu: Handle so, „dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“. Gleichzeitig müssen sie aber konkrete Hinweise geben, welche Handlung dieses Ziel am ehesten erreicht – was oft im Detail schwierig ist. So mag der Leitsatz „kaufe regionale Erzeugnisse“ prinzipiell Nachhaltigkeit fördern. Wenn aber beispielsweise Tomaten in Deutschland im beheizten Treibhaus angebaut werden, kann ihre Ökobilanz vielleicht schlechter sein als die spanischer Freilandtomaten inklusive LKW-Transport.

 

Den Übergang zu einer nachhaltigen Welt vergleicht der Autor mit dem Phasenübergang von Wasser (zu Dampf), der von Temperatur und Druck abhängt. Wenn man nur die Temperatur erhöht, aber der Druck steigt, wird die Verdampfung schlecht gelingen. Schraubt man dagegen an beiden Parametern (erhöht also die Temperatur und senkt den Druck), so können relativ kleine Änderungen schon zum Ziel führen.

 

Deshalb bringt er in diesem Abschnitt, der sich an die gesellschaftlichen Akteure in ihren verschiedenen Rollen richtet, eine große Auswahl von Prinzipien, die zu kombinieren wären: „naturbezogene“ wie Verursacherprinzip, Vorsorgeprinzip, Suffizienz versus Effizienz, nachhaltiger Konsum; „persönliche“ wie Komtemplation oder Genügsamkeit; „gesellschaftsbezogene“ wie Bildung, Unterstützung der Schwächsten, Aufbau von Vertrauen; und „systembezogene“ wie Vielfalt, Transparenz und systemisches Denken.

 

Damit sein Schlusskapitel "Die Veränderung kommt" nicht Wunschdenken bleibt, formuliert der Autor zuletzt einen pragmatischeren Ansatz: "Lebenswohl", also „ein Leben, das die Zukunft der Erde und des Menschlichen ermöglicht.“ Dabei stellt er klar, "dass wir unsere westlichen Lebensstile verändern müssen". Und sein Schlusssatz, dass für unmöglich gehaltene Veränderungen oft schneller eintreten als geahnt, hat gerade heute eine unerwartete Aktualität.

 

Kurzcheck

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Besonders geeignet für … alle Menschen, die privat und politisch daran mitarbeiten wollen, die Erde als Lebensraum für die Menschheit zu erhalten.

 

Christian Berg: Ist Nachhaltigkeit Utopisch?, Oekom Verlag, 2020, 464 S., 32 Euro

 

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