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Heimatliche Paradegipfel

Von Heinz Zak

 

Die Kalkberge des Karwendelgebirges sind schroff, wild, urtümlich. Und bieten Bergtouren mit Suchtpotenzial für viele Geschmäcker, von leicht bis anspruchsvoll: Wer einmal im Karwendel war, wird gerne wieder kommen.

 

Das Karwendel hat keine berühmten Schauplätze und bekannten Gipfel, die man gesehen oder bestiegen haben muss, wie etwa die Drei Zinnen oder das Matterhorn. Im Karwendel gibt es aber auch keinen Kolonnenverkehr wie auf den Passstraßen in den Dolomiten und keine Tiefgaragen wie in Zermatt. Wer auf dem höchsten Punkt, der Birkkarspitze (2749 m), steht, sieht rundherum nur Berge. Die Ortschaften und Städte in Südbayern – falls im Dunst des Tieflandes überhaupt erkennbar – sind nur Randerscheinungen am Horizont. Wer hier heraufgestiegen ist, hat viel Schotter hinter sich: 18 Kilometer Schotterstraße von Scharnitz bis zum Karwendelhaus oder 15 Kilometer bis zur Kastenalm, dann Schotter in den weiten Karen und Schrofen – und nochmal Schotter am Gipfel. Trotzdem wächst einem das Karwendel ans Herz, und man kommt nicht mehr los von seinen türkisgrünen, glasklaren Bergbächen, frischgrünen Karen mit großen Gamsrudeln, duftenden Blumenwiesen auf den Almböden, von den gewaltigen Schutthalden und einsamen Gipfeln.

 

Grabenkarspitze-Karwendel
Gewitterstimmung an der Grabenkarspitze, Foto: Heinz Zak

 

Wer zur richtigen Zeit unterwegs ist, kann hier einzigartige Augenblicke erleben und die Sonne als glutroten Feuerball aufsteigen oder einen Adler aus nächster Nähe kurz vor Sonnenuntergang am Gipfel vorbeigleiten sehen. Das Karwendel vor meiner Haustüre in Scharnitz ist Heimat. In den letzten 30 Jahren habe ich jeden Gipfel der vier Hauptketten bestiegen, viele mehrmals. Eine Auswahl der besten Gipfeltouren ist natürlich immer subjektiv, aber die hier vorgestellten Berge haben etwas Besonderes: eine wunderbare Aussicht, einen interessanten Aufstieg oder einfach etwas „Urkarwendeliges“, das man „zwischen den Zeilen“ lesen und selbst entdecken muss. Die Karwendelberge bieten noch viel Freiraum, und das Motto des großen Karwendel- Erschließers Hermann von Barth gilt bis heute: „Selbst sehen, selbst planen, selbst handeln – das ist hier die Losung“.

 

Wir beginnen mit leichten Gipfeln und steigern den Anspruch, wobei sich die Gipfel-Auswahl für dieses Mal auf die vier Hauptketten im westlichen Karwendel beschränkt. Den Ausflug zur Westlichen Karwendelspitze (2385 m) habe ich unzählige Male gemacht: als Spaziergang am Nachmittag, bei Fotoworkshops oder als Gipfelbiwak in winterlichen Vollmondnächten. In den eisigen Nächten reichte der Blick weit über das Lichtermeer von München mit der blau- oder rotfarben leuchtenden Bayernarena. Nur wenige Karwendelberge bieten derart gute Ein- und Fernblicke: Tief stürzen direkt vom Gipfel die Felsen und Kare ins enge Karwendeltal ab, wo sich die steilen Nordflanken des Karwendelhauptkamms aufbauen – über dem Latschengürtel die einsamen Hochkare mit ihren fahlen Schutthängen, dann die schrofigen Wände mit den eigentlich unspektakulären Gipfeln. Und dahinter liegen in weiter Ferne die schneebedeckten Zillertaler und Stubaier Alpen. Von Mittenwald schwebt man mit der Karwendelbahn schnell hinauf in die Karwendelgrube und wundert sich über lachende Japaner im Anzug und Hunde, die im Rucksack spazieren getragen werden – das Besucher-Spektrum reicht von Lackschuhen bis High Heels!

 

Reitherspitze-Karwendel
Die gut besuchte Reitherspitze über Seefeld, Foto: Heinz Zak

 

Noch spannender ist für viele der mit Drahtseilen versicherte Weg zum Gipfelkreuz: Es sieht ganz schön abenteuerlich aus, wenn Ungeübte über den Fels nach oben kriechen oder am Hosenboden herunterrutschen! Von Seefeld führen die Bergbahnen Rosshütte auf das Seefelder Joch, den ersten herrlichen Aussichtspunkt auf das westliche Karwendel, das Seefelder Plateau und das Wetterstein. Von hier zieht ein präparierter Steig entlang des Gratrückens zur Seefelder Spitze (2220 m) mit ihrer wunderbaren 360-Grad-Rundschau. Noch schöner ist die Besteigung der Reither Spitze (2372 m). Von der Rosshütte gelangt man mit der Schwebebahn zur Bergstation Härmelekopf, wo der bestens angelegte Weg leichter als erwartet durch die schrofige Flanke zur Reither Scharte führt. Es folgen einige steilere, versicherte Passagen, wobei Vorsicht geboten ist, wenn Leute weiter oben Steine lostreten! Der Gipfel ist der westliche Eckpfeiler des Karwendel und bietet beste Ausblicke: Nach Norden schaut man ins menschenleere Gebirge, nach Süden fällt der Blick nahezu 2000 Höhenmeter ins stark besiedelte Inntal. In wenigen Minuten kann man südseitig absteigen zur sonnigen Terrasse der Nördlinger Hütte. Der Abstieg zurück zur Seilbahn oder weiter nach Seefeld ist einfach.

 

Pleisenhuette-Karwendel
Siggi und Andrea Gaugg, Hüttenwirtspaar auf der Pleisenhütte, Foto: Heinz Zak
Auf halber Strecke zur Pleisenspitze (2567 m) steht die beliebte Pleisenhütte, die Toni Gaugg – bekannt als „Pleisen-Toni“ – erbaut hat. Aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, verwirklichte er hier seinen Lebenstraum. Toni war ein richtiges Urgestein und ein passionierter Bergsteiger, der seine Karwendel-Erlebnisse fotografisch festhielt und darüber in Vorträgen berichtete. Auch Tonis letzter Wunsch, direkt an der Kapelle neben der Hütte beerdigt zu werden, ging in Erfüllung. Heute führt sein Sohn Siggi mit Frau Andrea in bester Manier die Hütte, was die Gäste zu schätzen wissen. Auf dem schattigen Waldweg geht es von Scharnitz bequem in zwei Stunden zur Hütte. Für den südseitigen Weiterweg zur Pleisenspitze durch den obligatorischen Latschengürtel sollte man nicht zu spät am Tag unterwegs sein. Über einen Gratrücken, an dem meist ein angenehmes Lüftchen weht, erreicht man auf gutem Steig den herrlichen Aussichtsberg, insgesamt eine leichte, aber konditionell anspruchsvolle Tour.

 

Von der Pleisenhütte zum Karwendelhaus führt in sechs bis acht Stunden der „Toni-Gaugg-Weg“, für mich der eindrucksvollste und schönste Karwendelhöhenweg. Zu empfehlen ist die Begehung, die Orientierungsvermögen und gute Kondition voraussetzt, nur bei frühem Aufbruch nach einer Übernachtung auf der Pleisenhütte. Denn die Querung der Felsriegel in den südseitigen Karen ent- lang des Karwendelhauptkamms „zieht“ sich, und in brütender Nachmittagssonne droht hier großer Durst! Nach der Breitgrießkarscharte (deren Notunterkunft wir- klich nur für die allergrößte Not gedacht ist) und der Seekarscharte wechselt man auf die schattige Nordseite, wo im Marxenkar saftig grüne Böden überraschen. Der Abstecher auf die formschöne und mit einem mächtigen Gipfelkreuz lockende Große Seekarspitze (2677 m) ist absolut lohnend. Wer auf dem Höhenweg wandert, sollte unbedingt die beiden AVKarten dabei haben! Besonders beim Weiterweg aus dem Marxenkar Richtung Karwendelhaus kann man sich vertun und auf dem Jagdsteig Richtung Karwendeltal und Angeralm absteigen, statt den letzten Gegenanstieg zum Brendelsteig anzugehen! Notfalls sieht man anhand der Karte auch, wo man die Tour abbrechen kann.

 

Die Birkkarspitze (2749 m) ist ein absolutes Muss für Bergsteiger. Ein typischer Karwendeltraum, mit langem Tal-Zustieg, einem mühsamen Aufstieg durch ein Schuttkar und einem schrofendurchsetzten Gipfelaufbau. Sommers wie winters bin ich auf diesen Lieblingsberg hinaufgestiegen, meistens, um am höchsten Gipfel des Karwendel zu biwakieren. Am besten plant man die Besteigung der Birkkarspitze als Bike & Hike-Tour mit einer Übernachtung auf dem ehrwürdigen Karwendelhaus. Am Morgen liegen die Hänge im Schlauchkar noch angenehm im Schatten. Gleich nach dem Karwendelhaus wartet eine der anspruchsvollsten Stellen des Aufstiegs: Der felsige, sehr steile Weg ist zwar teilweise mit Drahtseilen versichert, aber Nässe und erdiger Boden machen die Tritte auf den abschüssigen Platten manchmal recht glitschig. Danach führt der Weg in das Schlauchkar. Eine kleine Pause lohnt sich auf der grünen Wiese, bevor man in angenehmer Steigung durch das Schuttkar in die Scharte am Hauptkamm steigt. Hinter dem kleinen Notunterstand des Birkkarhüttls darf man sich nicht vom Gipfelweg abschrecken lassen: Die ersten, mit einem Drahtseil versicherten Meter nach der Scharte sind weitaus die anspruchsvollsten. Wer diese Passage schafft, steht schnell in leichterem Gelände, das über Bänder und einige steilere, abermals gesicherte Felsstufen zum höchsten Punkt führt. Wenn im Frühjahr noch Schnee in den Steilflanken der Nordseite liegt, sind Steigeisen und Pickel anzuraten.