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Schneearten und Lawinenprobleme

Neuschnee

Merkmale

Das Problem entsteht durch aktuelle Schneefälle oder kurz zuvor gefallenen Neuschnee. Der Haupteinflussfaktor ist die kritische Neuschneemenge, die von mehreren Faktoren, wie zum Beispiel Temperatur oder Eigenschaften der alten Schneeoberfläche abhängt.

 

Zu erwartende Lawinenarten

  • trockene Schneebrettlawinen
  • trockene Lockerschneelawinen
  • spontane und künstliche Auslösungen

Auslösemechanismen

Trockene Schneebrettlawinen: Zusatzbelastung durch den Schneefall auf existierende oder neu gebildete Schwachschichten
Trockene Lockerschneelawinen: Fehlende Verbindung zwischen den Neuschneekristallen

 

Dauer

Während des Schneefalls bis einige Tage danach.

 

Problemerkennung im Gelände

Das Neuschneeproblem ist relativ einfach zu erkennen. Beachte die kritische Neuschneemenge und frische Lawinen. Beachte, dass kleine Wetteränderungen (z.B. Wechsel der Luftfeuchte) die Neuschneebedingungen markant ändern können.

 

Verhaltensempfehlung
Trockene Schneebrettlawinen: Warte, bis sich der Neuschnee stabilisiert hat
Trockene Lockerschneelawinen: Beachte vor allem die Mitreiß- und Absturzgefahr im extremen Steilgelände

 

Triebschnee

Merkmale
Das Problem entsteht durch windverfrachteten Schnee. Triebschnee kann sowohl mit, als auch ohne gleichzeitigen Schneefall entstehen.

 

Zu erwartende Lawinenarten

  • trockene Schneebrettlawinen
  • spontane und künstliche Auslösungen


Räumliche Verteilung
Ausgesprochen unregelmäßig verteilt, tendenziell in windabgewandten Bereichen (Lee), in Rinnen, Mulden, hinter Geländekanten und anderen windberuhigten Flächen. Häufiger über der Waldgrenze als darunter.

 

Position der Schwachschicht in der Schneedecke
Meist am Übergang zur alten Schneeoberfläche oder innerhalb des Triebschnees (Schichtungen durch Änderung der Windgeschwindigkeit während einer Sturmperiode) und gelegentlich auch tiefer in der Altschneedecke.
 

Auslösemechanismen
Zusatzbelastung durch den Triebschnee auf eine Schwachschicht. Triebschnee bildet ein Schneebrett, welches speziell zur Bruchausbildung neigt.


Dauer
Triebschnee kann sehr rasch entstehen. Das Problem dauert üblicherweise während der Verfrachtung bis einige Tage nach dem letzten Windeinfluss (abhängig vom Schneedeckenaufbau).


Problemerkennung im Gelände
Das Triebschneeproblem ist mit Übung und bei guten Sichtverhältnissen relativ leicht zu erkennen, außer der Triebschnee wurde von Neuschnee überlagert. Beachte Windzeichen und lokalisiere Triebschneeablagerungen. Typische Hinweise: Triebschneeablagerungen, Rissbildung, Wumm-Geräusche, frische Lawinen. Oft ist es aber schwierig, das Alter des Triebschnees abzuschätzen und Triebschnee muss nicht zwingend ein Problem sein (z.B. bei fehlender Schwachschicht).

 

Verhaltensempfehlung
Vermeide Triebschneeablagerungen in steilem Gelände, insbesondere an Übergängen von viel zu wenig Schnee und von weichem zu hartem Schnee.

 

Altschnee

Merkmale
Das Problem entsteht durch vorhandene Schwachschichten in der Altschneedecke. Typische Schwachschichten sind eingeschneiter Oberflächenreif, Tiefenreif (auch Becherkristalle oder „Schwimmschnee“ genannt) oder kantige Kristalle.

 

Zu erwartende Lawinenarten

  • trockene Schneebrettlawinen
  • meist künstliche Auslösung (z.B. Wintersportler, Sprengung); spontane Lawinen sind selten, meist in Kombination mit einem anderen Problem

Räumliche Verteilung
Das Lawinenproblem kann sowohl großflächig verteilt als auch kleinräumig konzentriert sein. Es ist in allen Expositionen möglich, aber häufiger in schattigen, eher windgeschützten Hängen. Position der Schwachschicht in der Schneedecke irgendwo im Altschnee, oft tief in der Schneedecke. Wenn die Schwachschicht von mächtigen, stabileren Schichten überdeckt ist, wird die Auslösung schwieriger.


Auslösemechanismen
Bruch einer Schwachschicht im Altschnee, wenn die Zusatzlast die Festigkeit der Schwachschicht überschreitet.

Dauer
Wochen bis Monate, teilweise während des gesamten Winters.
 

Problemerkennung im Gelände
Das Altschneeproblem ist äußerst schwierig zu erkennen. Zeichen für Instabilität (z.B. Wumm-Geräusche) sind typisch, aber nicht zwingend vorhanden. Schneedeckentests können helfen, die Schwachschichten zu erkennen. Informationen zur Schneedeckenentwicklung und Informationen im Lawinenlagebericht/Lawinenbulletin sind wichtig. Die Bruchfortpflanzungen erfolgen üblicherweise über weite Strecken. Fernauslösungen sind ebenfalls möglich.

 

Verhaltensempfehlung
Meiden von großen Steilhängen und Zurückhaltung. Beachte den Witterungsverlauf und die Schneedeckenentwicklung in einem Gebiet. Besondere Vorsicht in schneearmen Bereichen und Übergängen von schneearmen zu schneereichen Bereichen. Das Altschneeproblem ist die Hauptursache von tödlichen Lawinenunfällen bei Wintersportlerinnen und Wintersportlern.

 

Nassschnee

Merkmale
Das Problem entsteht durch eine zunehmende Schwächung der Schneedecke durch Wassereintrag, entweder durch Schmelze oder Regen.

 

Zu erwartende Lawinenarten

  • Nasse Schneebrettlawinen
  • Nasse Lockerschneelawinen
  • Meist spontane Auslösungen


Räumliche Verteilung
Wenn die Sonneneinstrahlung die Hauptursache des Problems ist, hängt die Verbreitung vor allem von der Höhenlage und der Exposition ab. Wenn Regen die Ursache ist, sind alle Expositionen betroffen.
 

Position der Schwachschicht in der Schneedecke
Irgendwo in der Schneedecke.
 

Auslösemechanismen
Trockene Schneebrettlawinen: Schwächung und Bruch ehemaliger Schwachschichten in der Schneedecke oder Abgleiten von Schichten an Wasserhorizonten

Nasse Lockerschneelawinen: Verlust von Bindungen zwischen den Schneekristallen

Dauer

  • Stunden bis Tage
  • rascher Stabilitätsverlust möglich
  • besonders kritisch ist das erste Eindringen von Wasser tiefer in die Schneedecke, sobald die Schneedecke 0 °C-isotherm ist
  • spontane Lawinenabgänge sind am Nachmittag wahrscheinlicher als am Morgen (außer wenn Regen die Hauptursache des Problems ist)


Problemerkennung im Gelände
Das Nassschneeproblem ist meist einfach zu erkennen. Beginnender Regen, Bildung von Schneeballen oder Schneerollen, kleine nasse Schneebrett- oder Lockerschneelawinen kündigen oft nasse Lawinenaktivität an. Tiefes Einsinken in die Schneedecke ist ebenfalls ein Zeichen zunehmender Durchfeuchtung/-nässung.

 

Verhaltensempfehlung
Nach einer kalten, klaren Nacht sind die Bedingungen am Morgen meist günstig. Nach warmen, bedeckten Nächten tritt das Problem oft bereits am Morgen auf. Bei Regen auf eine trockene Schneedecke tritt das Problem meist unmittelbar auf. Gutes Timing und eine gute Tourenplanung sind entscheidend. Beachte Lawinenauslaufbereiche.

 

Gleitschnee

Merkmale
Die gesamte Schneedecke gleitet auf glattem Untergrund (z.B. Grashänge oder glatte Felszonen) ab. Hohe Aktivität von Gleitschneelawinen ist typischerweise verbunden mit einer mächtigen Schneedecke mit wenigen oder keinen Schwachschichten. Gleitschneelawinen können sowohl bei einer trockenen, kalten als auch bei einer nassen, 0°C-isothermen Schneedecke auftreten. Den genauen Abgangszeitpunkt von Gleitschneelawinen vorherzusagen ist kaum möglich, obwohl sie sich meist durch Gleitschneerisse (sogenannte Fischmäuler) ankündigen.


Zu erwartende Lawinenarten

  • Gleitschneelawinen; trocken/kalt und nass/0°C-isotherm
  • Fast ausschließlich spontane Auslösungen. Künstliche Auslösungen sind unwahrscheinlich.

 

Gleitschnee
Nicht nur im Frühjahr, sondern auch im Hochwinter, insbesondere wenn der erste Schneefall mächtig war und auf einen warmen Boden fiel, können Gleitschneelawinen eine Gefahr darstellen. Sie können ohne Vorwarnung zu jeder Tages- und Nachtzeit abgehen.


Räumliche Verteilung
Vor allem auf glattem Untergrund. In allen Expositionen, aber öfter an Südhängen.

 

Position der Schwachschicht in der Schneedecke
Am Übergang der Schneedecke zum Boden.
 

Auslösemechanismen
Gleitschneelawinen werden aufgrund des Reibungsverlusts auf einer wassergesättigten Schicht zwischen Schneedecke und Boden ausgelöst.


Dauer
Tage bis Monate, Auslösungen während des gesamten Winters möglich. Auslösungen können zu jeder Tages- oder Nachtzeit auftreten. Im Frühling treten sie meist im späteren Tagesverlauf auf.


Problemerkennung im Gelände
Gleitschneerisse (Fischmäuler) sind zwar einfach zu erkennen, der Auslösezeitpunkt kann jedoch so gut wie nicht vorhergesagt werden. Auslösungen sind auch ohne die Bildung von Gleitschneerissen möglich.

 

Verhaltensempfehlung
Halte dich nicht in der Nähe von Gleitschneerissen auf.

 

Illustration: Georg Sojer

 

 

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Das „Lawinen-Mantra“: Strategie & Handwerkszeug

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Seit rund 20 Jahren gibt es die SnowCard als DAS Tool zur Risikoabschätzung im Lawinengelände – ob auf Skitour, beim Freeriden oder mit Schneeschuhen. Sie ist eingebettet in das „Lawinen-Mantra“ als DIE Entscheidungsstrategie im DAV. Wie die Strategie funktioniert und welche Rolle dabei das Werkzeug SnowCard spielt, erklären Jan Mersch und Christoph Hummel. 40.000 Exemplare der SnowCard sind bis heute bei Skitourengehern und Freeriderinnen angekommen. Die SnowCard wird kontinuierlich aktualisiert, zum Beispiel hinsichtlich des Lawinenlageberichts (LLB, vgl. DAV panorama 06/2019) oder der Lawinenkunde (Stichwort „Probleme“). Im Ausbildungswesen des DAV wird das „Lawinen-Mantra“ als DIE Entscheidungsstrategie für den Lawinenkontext favorisiert; es bringt das Beste aus „analytischer“ und „probabilistischer“ Denkweise systematisch zusammen.