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Wohin gehst du? Wohin gehen wir, Alpenverein?

19.03.2019, 16:26 Uhr

Alpen, Hütten und Naturerlebnisse – Das sind gemeinsame Vorstellungen, die uns alle verbinden. Doch gleichzeitig gibt es ganz unterschiedliche Ansichten, wie die gemeinsame Vorstellung dann im Detail aussehen soll.

 

Um genau das zu diskutieren, hat die Sektion München am 09. und 10. November Experten und Gäste aus dem erweiterten Umfeld des Alpenvereins auf die Albert-Link-Hütte eingeladen, sich mit dem Thema „Brauchen Berge Komfort“ auseinanderzusetzen. Ziel der Veranstaltung war bisherige Muster aufzubrechen und die eigenen Ansprüche auf den Prüfstand zu stellen. Angestoßen wurde die Diskussion durch eine Initiative aus der Gruppe „Vorsicht Friends“.

 

Am Freitag lieferte Bergphilosoph Jens Badura den inhaltlichen Auftakt und dekonstruierte in seinem facettenreichen Vortrag unsere Vorstellung einer ewig heilen und zu erhaltenden „Heidi-Bergwelt“. Bereits seit 150-Jahren werden die Alpen als die gleiche Kulisse „verkauft“. Die Wahrheit hingegen zeigt Massentourismus und Skischaukeln. Das Verhalten des Bergkonsumenten zeichnet sich durch eine fly-in-fly-out-Mobilität aus und gipfelt im biografischen Abhaken einzelner Bergerlebnisse. Er fordert, dass Erwartung, Anspruch und Marketing sich endlich neu erfinden müssen und der Wirklichkeit annähern.

 

 

 

Axel Klemmer, Alpin-Journalist, knüpfte gedanklich mit seinem Vortrag an und skizzierte eine Veränderung der Wertevorstellungen. In einer Welt des grenzenlosen Konsumverhaltens wird es zunehmend schwieriger die Frage der Leitkultur zu beantworten. Obwohl sich der Alpenverein in vielerlei Hinsicht dem Mainstream anbiedert, sieht er Beispiele für einen reflektierten Sinneswandel. Wahre Werte zeigen sich jedoch erst in Taten.

 

Der Alpenverein, als einer der größten Beherbergungsbetriebe der Alpen, ist einerseits Auslöser und andererseits Leidtragender der aktuellen touristischen Entwicklung. Eine Steuerung der Massen ist dringend notwendig. Stefan Witty (CIPRA Deutschland) referierte zum Thema „Overtourism“, der Steigerung des Massentourismus. In seinem Vortrag umriss er die selbstgesetzten Leitplanken des Alpenvereins, dessen Grundsatzprogramm und der Alpenkonvention. Es ist möglich und dringend nötwendig endlich Lenkungsmaßnahmen zu ergreifen.

 

Die zweitägigen Diskussionen der rund 60 Anwesenden verliefen angeregt und kontrovers, sodass viele Facetten des Themas „Bergkomfort“ in unterschiedlicher Stärke und Ausprägung behandelt wurden. Im Laufe einer offenen Podiumsdiskussion und verschiedener Erfahrungsberichte aus der Hüttenpraxis kristallisierten sich unterschiedlichste Ansprüche und Vorstellungen der Tagungsteilnehmer weiter heraus. Dabei erschwerte ein Vermischen von Emotionen und Fakten den Versuch einen Konsens der unterschiedlichen Ansprüche zu erreichen. Aber genau deswegen kann ein positives Resümee gezogen werden; Da offensichtlich wurde, wie unterschiedlich die Wertevorstellungen einer ursprünglichen Bergwelt entgegen den Bedürfnissen der betroffenen Akteure in Zeiten des boomenden Alpintourismus zueinander stehen.

 

Steuert der Alpenverein weiter in Richtung Hyperindividualisierung oder kommt es zu einem föderativen Werteverständnis, in dem sich die unterschiedlichen Interessen versuchen auszugleichen und sich die Alpenvereins-Gemeinschaft entgegen den individuellen Trend-Interessen im Vordergrund stellt?

 

Untermalt und eingerahmt würde das Wochenende von schönstem Wetter und üppigen Essen. Ein Dank gilt den Initiatoren, Referenten und Organisatoren, sowie der gesamten Gasthausbelegschaft für den inhaltlichen Anstoß und die erfolgreiche Bewältigung der Tagung.

 

Roman Ossner