Michael Feil und Friederike Kaiser im Gespräch mit Tina Gauß

Ein neues Haus für die Bergbegeisterung

Das Alpine Museum wurde von 2021 bis 2024 grundlegend umgebaut. Der Architekt Michael Feil und die Geschäftsbereichsleiterin Kultur des DAV, Friederike Kaiser, sprechen mit der DAV-Pressereferentin Tina Gauß über Aufgaben und Neugestaltung des Alpinen Museums.

Tina Gauß Tina Gauß

Dem Umbau des Alpinen Museums zwischen 2021 bis 2024 ging ein Architekturwettbewerb voraus. Friederike Kaiser, wie kam es dazu und wie lautete die Aufgabenstellung?

Friederike Kaiser, Geschäftsbereichsleiterin Kultur München Friederike Kaiser

Der Deutsche Alpenverein versteht das Alpine Museum mit Archiv und Bibliothek als sein kulturelles Zentrum. Ein Ort, der für DAV-Mitglieder und die breite Öffentlichkeit die Möglichkeit bieten soll, sich über alpine Themen auszutauschen. Fallstudien der Universität München und der Hochschule Rosenheim kamen zu dem Ergebnis, dass das Haus aufgrund seines Eingangs durch den Garten von der Stadtseite aus nur wenig wahrgenommen wird. Ein zentraler Wunsch war also von Beginn an eine bessere Sichtbarkeit und Präsenz im Stadtbild. Die Verbesserung der Barrierefreiheit war ein weiteres grundlegendes Anliegen. Die Aufgabenstellung des darauffolgenden Ideenwettbewerbs sah vor, das Alpine Museum mit seinen einzelnen Funktionseinheiten wie Ausstellungsflächen, Bibliothek oder Veranstaltungsbereich zu modernisieren, um es so noch stärker zum öffentlichen Begegnungsort mit hoher Aufenthaltsqualität werden zu lassen. Im Detail sollten die Ausstellungs- und Veranstaltungsflächen des Museums vergrößert werden. Es galt zudem, ein gemeinsames Eingangsfoyer für alle Funktionseinheiten des Hauses mit gastronomischem Bereich, Museumsshop und Verbindung zur Bibliothek und den Veranstaltungsräumen auf den verschiedenen Geschossebenen zu gestalten. Darüber hinaus war eine bessere Platzierung der Bibliothek und des Archivleseraums gewünscht. Bei allem war uns wichtig, dass die Geschichte des Gebäudes berücksichtigt wird.

Tina Gauß Tina Gauß

Feil Architekten ist das ideengebende und ausführende Architekturbüro. Herr Feil, wer steht hinter dem Entwurf?

michael-feil_feil-architekten.jpg Michael Feil

Durch unsere Zusammenarbeit mit dem Künstlerpaar Lutzenberger, das seit vielen Jahren Ausstellungen im Alpinen Museum konzipiert, erfuhren wir vom geplanten Wettbewerb des Deutschen Alpenvereins. Wir freuten uns sehr, dass wir dann zur Teilnahme eingeladen wurden. Seit Gründung des Büros beschäftigt uns das große Themenfeld des Bauens im und mit dem Bestand. Das Spektrum reicht hier von der Konservierung und dem Erhalt bestehender Gebäude über Umbau und Erweiterung bis zur Transformation.

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Wie kommt man von einer Idee zu einem Entwurf beziehungsweise Konzept?

michael-feil_feil-architekten.jpg Michael Feil

Bei der Bearbeitung des Wettbewerbs und der Beschäftigung mit der Geschichte des Hauses fiel uns sehr früh auf, dass das Gebäude durch viele Wiederaufbau- und Umbauphasen seinen ursprünglich sehr klaren Grundriss verloren hatte. Das Gebäude bekam so einen fast labyrinthartigen Charakter. Uns war schnell klar, dass diese kleinteilige Struktur, die im Lauf der letzten Jahrzehnte entstanden ist, grundlegend verändert werden muss. Unsere Planung sah daher vor, das Alpine Museum in Anlehnung an die frühere Ordnung so umzubauen, dass die ursprüngliche Großzügigkeit der Räumlichkeiten zurückkehrt. Die vorgeschlagene Neuordnung verstehen wir als Reparatur, Freilegung und Wiederherstellung der ursprünglichen Raumorganisation.

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Bevor Sie uns erzählen, welche Herausforderungen das Bauen im Bestand mit sich bringt – nehmen Sie uns mit auf eine kleine historische Gebäudezeitreise, damit wir Ihre Überlegungen nachvollziehen können.

michael-feil_feil-architekten.jpg Michael Feil

In seiner bewegten Geschichte hat das Museum bereits mehrere Umbauten zu verschiedenen Zeiten mitgemacht. 1887/88 ursprünglich als Restaurant-Café „Isarlust“ mit einem großen Biergarten von Friedrich Loewel als Anziehungspunkt für das Bürgertum Münchens auf der Praterinsel errichtet, stellte die Stadt München das neubarocke Gebäude 1908 dem Alpenverein zur Verfügung. Durch geringe bauliche Änderungen konnte das Museum dann 1911 eröffnet werden. Nach einer Erweiterung der Ausstellungsflächen 1926 und großen Kriegsschäden erfolgte durch Wolfgang Rothenbücher in den Jahren 1948 bis 1952 der Wiederaufbau. Die Gebäudestruktur wurde dabei weitgehend übernommen, das äußere Erscheinungsbild jedoch dem Zeitgeist entsprechend in einfacher und reduzierter Form verändert. Heute präsentiert sich das Alpine Museum außen in der letzten prägenden Gestaltung der 1950er-Jahre. Allerdings wurde die ursprünglich klare und eindeutige Grundrissorganisation nach dem Wiederaufbau durch die Verlegung des Treppenhauses, die Flächenerweiterung im Bestand durch die Errichtung eines vollständigen Zwischengeschosses im Jahr 1964, den Einbau eines Aufzugs und weitere Unterteilung der Innenräume 1996 schrittweise verändert und auf diese Weise stark verunklärt. Durch diese Zergliederung funktionierte irgendwann das Gebäude nicht mehr. Diese Situation galt es zu lösen.

Tina Gauß Tina Gauß

Welche Maßnahmen haben Sie sich überlegt?

michael-feil_feil-architekten.jpg Michael Feil

Die baulichen Veränderungen beziehungsweise die durch die Jahrzehnte geschaffenen Strukturen bildeten den Ausgangspunkt unserer Überlegungen und Ideen. Durch die Überlagerung der Grundrisse aus den verschiedenen Gebäudephasen ergab sich sehr schnell eine klare und robuste Grundstruktur. Diese beinhaltete zum Beispiel ein Zurückführen der beiden Treppenhäuser an ihren ursprünglichen Ort und ein Freilegen der Raumstrukturen des Wiederaufbaus der 1950er-Jahre. Die Idee, das Gebäude zur Stadt hin zu öffnen und den Eingang nach Westen, zum Isarkanal hin zu verlegen, verbessert die Sichtbarkeit. Die Öffnungen schaffen zudem eine Sichtachse – von der Stadt durch das Gebäude hindurch bis in den Garten. Diese Achse verbindet nicht nur den Stadtraum mit dem Naturraum der Isar, sondern sie bildet das Rückgrat, um das sich die verschiedenen Funktionsbereiche angliedern.

Das Alpine Museum wird sichtbar. Die neue Fassade mit Eingang zur Straßenseite hin. Quelle: Feil Architekten
Friederike Kaiser, Geschäftsbereichsleiterin Kultur München Friederike Kaiser

Was dem Alpenverein an dem Konzept besonders gut gefallen hat – Stichwort Nachhaltigkeit – ist, dass das Raumkonzept flexibel ist. Wir wissen nicht, welche Ansprüche Besucher*innen in zwanzig oder dreißig Jahren an ein Museum oder eine Bibliothek haben werden. Das neue Gebäudekonzept ermöglicht uns eine große Flexibilität in der Nutzung. So können wir den ehemaligen Festsaal – nun in seiner ursprünglichen Größe – als Veranstaltungsort und Ausstellungsraum nutzen, genau wie die beiden angrenzenden Ausstellungsräume auch. Wir können eine Ausstellung machen, drei verschiedene oder nur Veranstaltungen – alles ist möglich.

michael-feil_feil-architekten.jpg Michael Feil

Nachhaltigkeit spielt natürlich auf unterschiedlichen Ebenen eine Rolle im Konzept. Zur Reduzierung des Energieverbrauchs wurde die Haustechnik, vor allem im Vergleich zu anderen Museen, deutlich reduziert und sehr energieeffizient gestaltet, insbesondere durch den vollständigen Verzicht einer Klimatisierung. Auch der Einsatz natürlicher, ressourcenschonender Materialien war uns wichtig. Aber richtig nachhaltig wird das Gebäude besonders durch seine klare Struktur, die viele Nutzungen ohne größere bauliche Änderungen in Zukunft ermöglicht.

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Das Thema Nachhaltigkeit liegt dem Alpenverein in vielen Themengebieten am Herzen. Sie haben ein gutes Stichwort gegeben: Materialität. Ihr Konzept hat auch überzeugt, weil der Alpenverein sich in ihm sichtbar wiederfindet.

michael-feil_feil-architekten.jpg Michael Feil

Natürlich hat uns von Anfang an die Frage begleitet, wie wir auf aktuelle Art und Weise die Berge in dieses Haus transportieren. Letztendlich war es ein Prozess, der nicht mit der Beauftragung endete. Mit Beginn der Planung begann eigentlich erst alles. Gemeinsam haben wir viel diskutiert und überlegt, ob und in welcher Weise die Bestimmung des Museums auch im Gebäude präsent wird. Und ich denke, die Entscheidung, Bestehendes fortzuführen und bewusst Neues zu gestalten, war richtig. Ich denke da beispielsweise an die rauen, grob gestockten Betonoberflächen der beiden neuen Treppenhäuser oder die Verwendung von Nagelfluh für den Eingangsraum, einem Material, das bereits das Äußere des Hauses prägt. Als steinernes Band zieht sich dieses Gestein – ein Konglomerat verschiedener Gesteine des Alpenraums – vom Eingang über das Foyer bis nach außen zu den Terrassen im Garten.

Friederike Kaiser, Geschäftsbereichsleiterin Kultur München Friederike Kaiser

Der Alpenverein findet sich in vielen weiteren Elementen wieder. Das reicht vom Parkett bis zu Einbauten und Bibliotheksregalen, die aus unterschiedlichen Hölzern der Bergwelt gefertigt wurden, und es setzt sich im Mobiliar fort. Nicht nur durch das verwendete Material, sondern auch in seiner Gestaltung erinnert dies an die Einfachheit unserer Berghütten.

Die neue Leselounge. Ein Ort zum Verweilen und für Begegnungen. Quelle: Feil Architekten
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Bauen im Bestand – ein spannendes Unterfangen, wie schon anfangs erwähnt. Welche Überraschungen hat das Gebäude Ihnen und dem Alpenverein beschert?

michael-feil_feil-architekten.jpg Michael Feil

Eine wesentliche Herausforderung lag sicherlich darin, den historischen Charakter des Gebäudes zu bewahren, seiner Geschichte Rechnung zu tragen und gleichzeitig behutsam neue Elemente zu integrieren. Ein Umbau im Bestand ist stets geprägt von einer Abwägung zwischen der Wertschätzung für das Alte und der Notwendigkeit einer zeitgemäßen Gestaltung. Während der Umbauarbeiten im Museum wurden zum Beispiel verdeckte historische Bauelemente freigelegt, darunter mehrere Natursteinsäulen. Wir standen also immer wieder vor der Frage: Wollen wir diese „Fundstücke“ vergangener Bauphasen wieder sichtbar machen oder nur bewahren? Stärken oder schwächen sie den Entwurf? Dürfen beziehungsweise müssen sie im Zuge des Umbaus gar verändert werden? Vielleicht macht dieses Ringen das Bauen im Bestand aus. Es ist ein Prozess, eine Gratwanderung – und so ganz anders als bei einem Neubau.

Friederike Kaiser, Geschäftsbereichsleiterin Kultur München Friederike Kaiser

Eine besondere Überraschung war die barockisierende Treppenanlage, über die man früher von der Gartenseite her das Gebäude betrat. Wir kannten sie durch Fotos, aber hatten keine Ahnung, dass sie in Teilen noch existiert. Über den Umgang mit ihr haben wir lange und herzlich gestritten. Letztlich haben wir uns, auch in Abstimmung mit dem Denkmalamt, gegen die alte Treppe entschieden. Sie ist mittlerweile überbaut, bleibt aber, wenngleich nicht sichtbar, erhalten. Ihr Charakter – man steigt zu einem Museum auf, erklimmt die „Höhen der Kunst“ – hätte nicht zum Selbstverständnis des Alpenvereins heute gepasst. Wir verstehen uns als Verein für jeden Menschen. Das Museum als offenes Haus. Alle sollen sich ohne Barrieren willkommen fühlen.

michael-feil_feil-architekten.jpg Michael Feil

Die bewusste Entscheidung für den Überbau der Treppe und für den modernen Gestaltungsentwurf bewirkt nun an dieser Stelle genau das: Man fühlt sich willkommen, es ist ein Ort für Begegnung entstanden. Wir haben aber selbstverständlich auch alte Bauteile gefunden, bei denen sofort klar war, dass wir sie integrieren. Wie die mit Blumen bemalte grüne Holzdecke im Festsaal, die fünfzig Jahre im Verborgenen geblieben war. Sie wurde aufwendig restauriert und fügt sich nun ganz wunderbar in die neuen Räume ein.

Friederike Kaiser, Geschäftsbereichsleiterin Kultur München Friederike Kaiser

Besonders schön ist es natürlich, dass man in der blaugrünen Farbgestaltung und dem Blumenschmuck den Alpenverein als Naturschutzverband wiederfindet. Die Decke im zweiten Obergeschoss prägt den Festsaal und macht den gesamten Raum und seine beiden Seitenräume zu einem ganz besonderen Erlebnis. Eigentlich wiederholt sich hier im Obergeschoss die Achse, die im Erdgeschoss durch das „steinerne Band“ mit dem Nagelfluh gebildet wird. Das Grün der Decken setzt sich stadtseitig zur Isar und auch in die andere Richtung, den Garten, fort. Es ist ein stimmiger Farbfluss. Und es entspricht auch unserem Wunsch, dass wir keine neutralen, weißen Ausstellungsräume wollten. Wir haben uns immer ein Gebäude und Räume mit Charakter gewünscht, auf die wir reagieren können. Und wir freuen uns sehr, dass genau das entstanden ist.

Blick in den Mittelraum mit historischer Holzdecke. Quelle: Feil Architekten

Michael Feil

Geboren in Kelheim. Studium der Architektur an der Hochschule Regensburg. Diplom 2005, Master 2009. Bürogründung 2010 in Regensburg, seit 2021 in Partnerschaft mit Georg Müller. 2008–2018 Lehrauftrag an der Hochschule Regensburg: Elementares Bauen und Entwurf, seit 2016 Lehrauftrag an der Technischen Hochschule Nürnberg: Bauen im Bestand. 2019 Aufnahme in den Bund Deutscher Architekten, BDA. Arbeitsschwerpunkte des Büros sind neben Neubauten der Bereich Bauen im Bestand und Denkmalpflege.

Friederike Kaiser

Geboren in Zeven (Niedersachsen). Studium der Kunstgeschichte, Neueren Deutschen Literatur und Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Berufliche Stationen in der Pasinger Fabrik, Kultur- und Bürgerzentrum der Landeshauptstadt München, und im Museum für Kommunikation, Nürnberg.

Seit 2000 Leiterin des Alpinen Museums und seit 2007 Geschäftsbereichsleiterin Kultur des DAV. U. a. verantwortete sie das Projekt Historisches Alpenarchiv mit ÖAV und AVS sowie eine Reihe größerer Ausstellungen: Berg Heil! Alpenverein Bergsteigen 1918–1945; Hoch hinauf! Wege und Hütten in den Alpen (beide zusammen mit ÖAV und AVS); Alpen unter Druck. Erschließungsprojekte im Alpenraum; Über den Himalaya. Die Expedition der Brüder Schlagintweit nach Indien und Zentralasien 1854 bis 1858; Die Berge und wir! 150 Jahre Deutscher Alpenverein. Seit 2014 betreut sie den Umbau des Alpinen Museums mit.

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