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Die Landschaft, die wir uns leisten

Jahrbuch-Stoerer Der Wohlstand schafft sich seine Infrastrukturen: Straßen, Reihenhaussiedlungen, Gewerbegebiete, Seilbahnen. Auf seiner Wanderung nach Sölden hat Axel Klemmer den Tunnelblick des Freizeitbergsteigers abgelegt und gesehen, wie unsere Art zu leben die Alpen verändert.

 

Wer wissen will, wie ein wohlhabendes Land aussieht, geht einfach vor die Haustür. Oder er geht vom Bahnsteig hinaus auf die Straßen der Siedlung Ötztal Bahnhof. Nirgends sonst in der EU ist die Arbeitslosenquote so niedrig wie in Tirol und im benachbarten Salzburg – nur 2,5 Prozent. Wohlstand resultiert in großen Häusern und großen Autos, alle neu oder jedenfalls sehr gepflegt. Dazwischen liegen saubere und geräumige Verkehrsflächen, auf denen man die großen Autos um die Kurve bringt, ohne mit ihnen anzustoßen oder sie schmutzig zu machen. Am eindrucksvollsten aber sind die Häuser: in allen Farben, mit allen Fenster-, Balkon-, Tür- und Zaundesigns, mit Sattel-, Pult- und Flachdächern, mit aufwändig gepflegten Gärten, in denen man jeder Blume den Rat geben möchte, sich bloß nicht hängen zu lassen.

 

Gleich dahinter beginnt ein modernes Naturschutzgebiet. Von Föhren bewachsen und von Stromleitungen überspannt, eingefasst von Verkehrsinfrastrukturen, Siedlungskonglomeraten, Industrie- und Gewerbeflächen, schützt es das Leben von Waldameisen und Sibirischen Schwertlilien. Das 342,5 Hektar große Naturschutzgebiet Tschirgant Bergsturz entstand 2009, weil gleichzeitig inmitten der Schutzgebietsgrenzen an der Mündung der Ötztaler Ache in den Inn ein 6,5 Hektar großer und ziemlich teurer Spielplatz errichtet werden musste; Waldameisen und Sibirische Schwertlilien hatten bei der Generierung von noch mehr Wohlstand nicht kooperiert. Unter dem riesigen Betonband der Schnellstraßenbrücke hindurch und weiter durch den Wald zur Eisenbahnbrücke – man sieht den Spielplatz wirklich erst, wenn man unmittelbar darüber steht.

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erklärte der englische Bergsteiger Leslie Stephen die Alpen bekanntermaßen zum „Playground of Europe“. Dass dieser sich zum „Ultimate Outdoor Playground“, der 2010 eröffneten Area 47, weiterentwickelt hat, ist folgerichtig. Die „Location am 47. Breitengrad“ bietet 30 Funsportarten, den 8000 Menschen fassenden Ötztal Dome, eine „Waterworld“ mit Riesenrutschen, Kletter- und Boulderwände und unter der hohen Brücke der B 171 alle erforderlichen Installationen zum Hochseilgärtnern und Megaswingen. Im Gym stemmen tätowierte Jungmänner Gewichte. Vor dem „Lakeside Restaurant“ sitzen Gruppen von Jugendlichen an den Tischen, jeder ins Display seines Smartphones vertieft. Die Guides haben die Sonnenbrillen hochgeschoben und telefonieren. Begegne ich Mitarbeitern, grüßen sie mich ausgesprochen freundlich. Alles hier trägt ein gut sichtbares Label. Auf der Kletterwand und auf den Mitarbeitern steht zum Beispiel Adidas. Das steht übrigens auch auf den 180 Bergführern des DAV Summit Club, die 2011 in der Area 47 mit Adidas-Produkten eingekleidet wurden. Warum auch nicht? Bergsport ist ein hart umkämfter Markt, und ohne Kooperationspartner kommt kein Reiseveranstalter, kein Profiathlet und keine Fachredaktion über die Runden.

 

Ein anderer Sponsor der Area 47 ist Red Bull, das Flügel verleiht – nur nicht den leergetrunkenen Dosen, die neben den Straßen auf den Wiesen liegen. Red Bull ist auch ein wichtiger Partner des Ötztaler Weltskiorts Sölden. Da will ich morgen hin. Sehr früh verlasse ich das Gelände, gehe unter der hohen Brücke auf die weiten Parkflächen hinaus und rechts auf einen Feldweg. Und bin allein. Das Rauschen kommt rechts von der Ötztaler Ache und links von der B 186. Auf dem Ötztal-Trail komme ich hinaus auf freie Wiesen. Oben auf der Terrasse die ersten Häuser von Sautens, unten, neben der Ache, die dazugehörige Kläranlage und der riesige Wertstoffhof. Wer wissen will, ob es den Menschen gut geht, muss sich ihre Wertstoffhöfe anschauen.

 

Vor Oetz verläuft der Weg direkt neben der Straße. Ich sehe große, schnelle Autos, wilde Überholmanöver und ein Idyll: Im spitzen Winkel zwischen der Straße und dem hier abknickenden Wiesenweg steht eine alte, kleine Kapelle. Kleine Bänke davor – ich wüsste gerne, wer sich hier hinsetzt. Später passiere ich noch eine Bank, die langjährige Stammgäste gestiftet haben. Die Bank steht unter einem großen Strommast. An neuen Häusern vorbei gelange ich nach Oetz, wo ich zusammen mit automobilen Arbeitnehmern auf dem Weg ins Büro bei MPreis einkehre. Im Tiroler Planungsverband 13, Ötztal, hat sich die Anzahl der Gebäude zwischen 1971 und 2012 mehr als verdoppelt: von 3021 auf 6753. Noch auffälliger ist das Wachstum der architektonischen Stilblüten. Spitze und stumpfe Winkel, überall Schiefgestelltes, Asymmetrisches, Angestückeltes. Es erstaunt, welchen Aufwand die Menschen treiben und wie viel Geld sie investieren, um in solchen Objekten zu leben. Dörfer, wie man sie früher kannte, sind aus dem Tal verschwunden. An ihre Stelle sind wachsende Agglomerationen von Ein- und Mehrfamilienhäusern getreten. Die Stadel auf den Wiesen sind groß und neu gedeckt. Alles ist groß.

 

Oetztal-Baustelle
Baustelle im Söldener Ortsteil Kaisers, Foto: Axel Klemmer
In Habichen stehen alte Höfe neben bunten Neubauten. Ein schmaler Pfad leitet unter Felsplatten zu einer Pferdekoppel und schließlich zum Rand eines dicht bewaldeten Bergsturzes, aus dem sich ein rauschender Bach in den kleinen Habicher See ergießt. Es ist eine arkadische Szenerie, mit Wiesen und Felsblöcken, mit Schafen und Ziegen. Ein wunderbarer Weg beginnt, den Bergsturz hinauf und oben neben einem hübschen Kanal nach Tumpen, wo ich die Straße überquere, um auf der anderen Talseite, am Fuß der steilen, wilden Bergflanke, zwei idyllische Sportstätten zu passieren: zuerst den Spiel- und Trainingsplatz des wenig bekannten 1. FC Tumpen, danach den vergleichsweise berühmten Klettergarten der eindrucksvollen, dunklen Engelswand. Ein leichter Anstieg führt weiter zur frei stehenden Kirche Maria Schnee bei Lehn und über weite Wiesen weiter Richtung Umhausen. Parallel dazu, nur 200 Meter daneben, verläuft das Zersiedlungsband entlang der Straße. Wo der alpinistische Tunnelblick nur unscharfe, wenig relevante Bewegtbilder durch das Autofenster wahrnimmt, unterscheidet der Fußgänger Wohn- und Zweckbauten, Autohändler, Werkstätten und andere Betriebsgebäude.

 

Umhausen ist groß, aufgeräumt und sauber. Die Umgebung ist schön. Ich folge der Radwegmarkierung hinab zur Ache und gelange später durch ein Schotterwerk zur Straße. Sie ist geschützt mit großen Dämmen, Gittern und Befestigungen, und wo sie schließlich auf den weiten, offenen Talboden von Längenfeld hinausführt, entstand das Gewerbegebiet von Au. Bauelemente, Baustoffe, Bauträger, Fassadenbau, Reparaturen. Dahinter leitet der Weg rechts zur Ache und taleinwärts in eine lichte Parklandschaft. Unmengen von Maikäfern schwirren in der Luft. Die Atmosphäre ist bezaubernd, fast magisch. Aus dem Auwald hinaus gelange ich schließlich auf eine große Wiese. Vor mir neue Einfamilienhäuser, Doppelhäuser und Reihenhäuser, aufgereiht an Zufahrtsschleifen neben der Bundesstraße. Auf einmal drückt der Föhn über den Hauptkamm, einzelne Tropfen peitschen durch die Luft. Längenfeld sieht zunächst fast wie ein Dorf aus, aber nach hinten raus folgen die vertrauten Architekturen und Erschließungen, MPreis und Spar.

 

Riesengroß, kantig und modern steht auf grüner Wiese das Hotel der Therme Längenfeld. Der „Aqua Dome“ ist sozusagen die stille Alternative zur Area 47. Bis Huben geht es flach dahin. Ungerührt, unberührt stehen die Berge über dem Geschehen, gekleidet in dichten Wald, geschützt von steilen Felsen, ohne jedes Zeichen einer touristischen Verwertung. Echt wahr: So sieht es im Ötztal meistens aus. Über freie Wiesen komme ich nach Huben, das mit ausgebaggerten Baugruben beginnt. An den Häusern, die genauso aussehen wie alle großen Häuser im Tal, sind Auerhähne aufgemalt, röhrende Hirsche, bunte Blumen und spitze Berge. Vor den Häusern stehen Mountainbikes, Enduros und dicke Autos. Auf einem besonders eindrucksvollen schwarzen Pick-up schwört eine weiße Frakturschrift „Dem Land Tirol die Treue!“. Hinter dem Ort führt der Ötztal Trail direkt neben der Straße am großen Gelände eines Betonwerks vorbei zu weiteren Häusern, die ein hoher Lawinenwall schützt.

 

Das Tal ist eng, der Felsabbruch über der Straße mit Stahlnetzen gesichert. Vor mir Bruggen, eine Handvoll Häuser: neu, kantig, kahl, sauber, abweisend. Die Engstelle hinter Aschbach umgehe ich auf dem Höhenweg gute 100 Meter über der Straße, was mir am Ende einen schönen Blick auf mein Ziel gewährt: Sölden im Sonnenschein, umgeben von grünen Wiesenhängen, überragt von verschneiten Bergen. Eine Kirche und rundherum viele Häuser, die noch weit genug entfernt sind, um keine Abwehrreaktionen hervorzurufen. Ein aussichtsreicher Weg führt hinab ins Tal, das ich beim Ortsteil Kaisers erreiche. In einer Frühstückspension gleich am Ortseingang checke ich ein. Am nächsten Morgen ist der Föhn endgültig zusammengebrochen. Es regnet waagrecht – beste Bedingungen für den Spaziergang durch das „hässlichste Dorf Tirols“, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung Sölden einmal nannte. Womit sie übertrieb. Denn die zwei Kilometer von Sölden sind kurios, sonderbar, bizarr, keine Frage, aber die 40 Kilometer zwischen Ötztal Bahnhof und Sölden sind es streckenweise auch – ganz zu schweigen von den 250 Kilometern zwischen München, Innsbruck und Sölden. Ötztal ist überall.

 

„Wer sagt, was schön ist?“

Thema Erschließung & Tourismus - Interview

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Eine Begegnung mit Jakob Falkner, 57, Geschäftsführer und Miteigentümer der Söldener Bergbahnen, Mitinvestor der "Area 47" und des "Aqua Dome" in Längenfeld.