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Jan Mayen: Forschungsreise ins Nordmeer

Das Team um den Geowissenschaftler Stephan Weinbruch unternahm eine Forschungsreise auf die abgelegene Insel Jan Mayen, östlich von Grönland. Dabei bestiegen sie auch den 2277 Meter hohen Beerenberg - ein eisbedeckter Vulkan mitten im Nordatlantik.

Text und Fotos von Stephan Weinbruch

 

Land in Sicht

Gespannt schauen wir zum Horizont. Ist dies nur eine Wolke, oder ist da Land zu sehen? Ja, tatsächlich. Da ist der Beerenberg! Kein Zweifel, wir sind da! Drei Jahre Vorbereitung, wegen Corona bis zum Schluss Unsicherheit, ob die Einreise nach Norwegen genehmigt wird. Zwei Wochen Quarantäne auf einer Hütte in den Wäldern nördlich von Oslo, dann die Fahrt nach Ålesund und fünf Tage Segeltour in einer Nussschale über den Nordatlantik. Jetzt sind wir endlich da und es geht los.

 

Gletscher bis ins Meer

Jan Mayen ist eine kleine Insel im Nordatlantik, die im Wesentlichen aus dem Vulkan Beerenberg (Nord-Jan) und einem kleinen Anhängsel mit vielen niedrigeren Vulkankegeln (Sør-Jan) besteht. Der Beerenberg ist noch aktiv, zuletzt brach er im Januar 1985 aus. Einige Gletscher des Vulkans reichen bis ins Meer. Entdeckt wurde Jan Mayen 1614 durch den englischen Walfangkapitän John Clarke. Es gibt Spekulationen über frühere Entdeckungen durch irische Mönche im 5., durch Wikinger im 13. oder durch die venezianischen Zeno-Brüder Ende des 14. Jahrhunderts. Allerdings finden sich keinerlei archäologische Belege für diese Theorien. Auf der Insel befindet sich heute ein kleiner Stützpunkt des norwegischen Militärs und eine Wetterstation des amtlichen Wetterdienstes. Insgesamt 18 Personen verrichten für jeweils sechs Monate ihren Dienst auf Jan Mayen. Es gibt keine reguläre Reisemöglichkeit dorthin, hin und wieder wird die Insel von Kreuzfahrtschiffen besucht.

 

Traumgipfel mitten im Nordatlantik

Um 4 Uhr morgens fahren wir mit einem Geländewagen zum Ekerolddalen, dem Startpunkt für eine Beerenberg-Besteigung. Wir wollen heute auf jeden Fall zum Gipfel kommen, die ersten Schneeproben nehmen und das beste Gelände für die weitere Arbeit erkunden. Die ersten 600 Höhenmeter geht es gemächlich über Vulkanasche und unglaublich dicke Moospolster bis zum Gletscherrand und dann weiter mit Ski. Anseilen ist noch nicht notwendig, da es praktisch keine Spalten gibt. Das Wetter ist gut, allerdings wurden für den Nachmittag Wolken und Sturm gemeldet. Erster Anlaufpunkt ist der Nunatak auf 1480 Metern, ein markanter Felsen. Nach vier Stunden sind wir dort, machen eine lange Pause und melden uns per Funk bei der Station. Am Nunataken ist auch unser Skidepot. Wir seilen uns an und weiter geht’s über den steileren und jetzt spaltenreichen Gletscher zum Kraterrand. Wir gehen westlich der üblichen Route direkt zur Scharte vor dem Gipfel. Technisch ist die Tour einfach (einige Stellen bis 40 Grad), und wir haben besten Firn. Allerdings sind inzwischen Wolken aufgezogen und es beginnt ordentlich zu blasen. Nach knapp drei Stunden sehen wir endlich den pilzförmigen Gipfelaufbau des Haakon VII Topp (2277 m). Die letzten Meter geht es wieder ohne Seil über einen schmalen Grat zum höchsten Punkt. Die Freude ist riesig. Ein Traumgipfel für uns allein, mitten im Nordatlantik. Bei -10 °C und starkem Wind ist es allerdings wenig gemütlich. Wir sammeln Schneeproben, essen ein paar Bissen und machen uns schnell an den Abstieg. Einige Male stoppen wir noch zur Probenahme, und mit schwerem Gepäck (wer trägt schon Schnee ins Tal?) erreichen wir am späten Nachmittag in dichtem Nebel unser Auto.

 

Erstbesteigung 1921

Die Erstbesteigung des Beerenbergs gelang dem Schweizer Professor für Meteorologie und Geophysik Paul-Louis Mercanton und den Engländern James Wordie und Thomas Charles Lethbridge am 11. August 1921. Wordie war zu diesem Zeitpunkt schon ein bekannter Polarforscher - als ehemaliges Mitglied der legendären Antarktisexpedition von Ernest Shackleton, deren Teilnehmer nach dem Scheitern der geplanten Durchquerung des Kontinents nur durch heroischen Einsatz überlebten. Lethbridge war ein junger Student an der Universität von Cambridge, wurde Archäologe und schrieb später einige Bücher über Parapsychologie. Insgesamt also eine illustre Gesellschaft. Unser Team - hundert Jahre später - ist weniger glanzvoll, aber immerhin auch international: Stine und Tor aus Norwegen, William von der Universität Oxford und der Autor dieser Zeilen von der TU Darmstadt. Am Beerenberg begleitet uns noch Johan, ein Mitarbeiter der meteorologischen Station und guter Kenner des Berges.

 

Urlaubsgefühle?

Acht Tage später, wieder früh morgens im Ekerolddalen. Heute haben wir noch zwei Pulkas zum Schneetransport dabei. Ziel ist der Nunatak, wo wir ein Schneeprofil graben wollen. Außerdem müssen wir noch Proben vom unteren Teil des Gletschers nehmen. Diesmal zeigt sich das Wetter von der besten Seite: strahlender Sonnenschein, Plusgrade und absolute Windstille. Es hat etwas von Urlaub. Allerdings ist der Schnee weniger tief als erwartet und wir suchen lange nach einer geeigneten Stelle für das Profil. Schwerstarbeit beim Ausheben der Schneegrube und stundenlanges Messen und Sammeln, das Urlaubsgefühl ist schnell verflogen. Nach 17 Stunden sind wir müde, aber auch zufrieden zurück am Auto. Am nächsten Tag buckeln Stine und Tor noch die letzten hundert Kilogramm Schnee vom Gletscherrand ins Tal.

 

Mineralstaub und Mikroplastik

Wieso tut man sich so etwas an? Nun, wir haben mehre wissenschaftliche Fragestellungen, die wir hier beantworten wollen. Darunter die Bedeutung von sogenanntem Mineralstaub aus Island im Nordatlantik. Der Staub beeinflusst zum einen die optischen Eigenschaften der Atmosphäre. Zum anderen führt er zu schnellerem Abschmelzen, wenn er auf Schneeflächen deponiert wird. Außerdem trägt der Staub Nährstoffe ins Meer ein, was zu verstärktem Wachstum von Plankton führen kann. Das vermehrte Wachstum des Planktons stellt prinzipiell eine Senke für atmosphärisches CO2 dar. Um seine Menge in der Atmosphäre zu untersuchen, haben wir einen Filtersammler, Partikelmessgeräte und eine Wetterstation in Olonkinbyen aufgebaut. Diese sind Teil eines größeren Messnetzes (Färöer, Island, Grönland, Spitzbergen, Nordnorwegen, Jan Mayen) und sollen insgesamt etwa zwei Jahre lang in Betrieb sein. Zusätzlich zum Mineralstaub möchten wir herausfinden, in welchem Ausmaß Mikroplastik und verschiedene organische Schadstoffe über die Atmosphäre in die Arktis gelangen. Dass Mikroplastik in Flüssen zum Meer transportiert wird, ist inzwischen gut dokumentiert. Die Rolle des atmosphärischen Transports ist dagegen nur wenig bekannt. Wir haben Schnee- und Wasserproben am Beerenberg und an vielen anderen Stellen auf Sør-Jan gesammelt, um die arktischen Konzentrationen und den Einfluss des Ferntransports zu bestimmen.

 

200 Kilogramm Proben

Wir stehen an der staubigen Landepiste vor dem Transportflugzeug der norwegischen Luftwaffe. Unser Gepäck inklusive 200 Kilogramm Proben ist verstaut. Wir verabschieden uns von unseren norwegischen Freunden. Mit Wehmut denken wir an die letzten Wochen. Eine abenteuerliche Segeltour, vier Wochen anstrengende Feldarbeit und spannende Bergtouren in einer exotischen arktischen Landschaft sind vorbei. In knapp vier Stunden werden wir in Oslo sein.

 

Über den Autor

Prof. Dr. Stephan Weinbruch lehrt am Institut für Angewandte Geowissenschaften der TU Darmstadt, ist seit über 40 Jahren als Trainer B Hochtouren aktiv und Mitglied im Präsidialausschuss Kultur.