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Michael Kopatz: Schluss mit der Ökomoral

Sachbuch

06.05.2020, 14:21 Uhr

Wenn die richtige Entscheidung die leichtere ist – dann öffnen sich Wege in eine enkeltaugliche Zukunft. Dieses Buch bietet dazu viele inspirierende Beispiele und macht klar: Nur politisches Engagement führt dorthin.

„Arsch hoch! Du bist das Volk.“ Michael Kopatz hat keine Scheu vor klaren Worten. Der promovierte Politikwissenschaftler und Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie ist überzeugt: „Unpolitische Ökos werden die Welt nicht retten.“ Viele Menschen wissen, wie sie sich besser verhalten könnten/sollten, um die Menschheit vor der selbstverursachten Klimakatastrophe zu retten. Viele wären sogar bereit, es zu tun. Doch „bei sich selbst anfangen, das möchten nur wenige“. Deshalb hält er politisches Engagement für wichtiger als privaten Konsumverzicht; es gehe darum, „die Verhältnisse zu ändern, nicht das Verhalten“.

 

Ziel dieser Veränderung ist sein politisches Konzept der „Ökoroutine“ – in seinen Worten: „Öko wird erst dann zum Normalfall, zur Routine, wenn sich die Strukturen ändern und sich nachhaltiges Verhalten besser anfühlt, cleverer.“ Wenn etwa Städte so umgebaut werden, dass man mit Fahrrad und Bus+Bahn besser, effizienter und angenehmer zurechtkommt als mit dem Auto: dann kann sich das durchsetzen – und die zunehmende Zahl von Radfahrern bestärkt die Politiker in ihren Entscheidungen.

 

Kopatz‘ Ökoroutine funktioniert über Standards und Limits. Standards müssen angehoben werden: transparent kommuniziert und in einem realistischen Zeitraum. Dazu gehören auch Beschränkungen etwa für Gifteinsatz in der Landwirtschaft oder Treibhausgas-Emissionen. Und es braucht Limits: etwa keine zusätzlichen Lizenzen für Flüge, Einfrieren auf Status Quo. Oder kein weiterer Straßenausbau, womöglich Umbau zugunsten von Rad und ÖV. Die Einschränkung unbegrenzter persönlicher Freiheit zum Wohle der Gemeinschaft ist Wesen und Aufgabe des Staates. Erfolgsbeispiele gibt es zuhauf: Hühnerhaltung, Katalysator, Standbyverluste von Elektrogeräten, Rauchverbot.

 

Nach der Vorstellung dieser Idee analysiert der Autor gesellschaftliche Strukturen, die enkeltaugliches Handeln behindern: etwa die von der Werbung getriebene Illusion, durch Konsum Anerkennung zu finden. Die „Erzählung“ von der „Macht des Verbrauchers“. Fake News und Lobbyismus. Oder den reflexhaften Verweis auf Arbeitsplätze – die aber theoretisch auch in sinnvolle Branchen verlagert werden könnten. So verdienen in der Braunkohleindustrie noch 20.000 Menschen ihren Lebensunterhalt, mit erneuerbaren Energien dagegen schon 360.000 – und trotzdem geht der Ausstieg so langsam?

 

Es geht! Man muss nur wollen

Den Hauptteil des Buches machen vier Kapitel aus, in denen Kopatz gute Beispiele vorstellt, was schon geht – in den Bereichen „Unterwegs“, Konsum, Essen und „Wohnen, Wärme, Strom“. Pfiffige Ideen, ermutigende Erfolge, irritierende Konflikte. Für die gesamte Lebenswelt zeichnet er damit Wege in eine bessere Zukunft. Doch „Du rettest die Welt nicht durch den Kauf von Bioprodukten oder persönlichen Verzicht. Du musst das System verändern“. Deshalb schließt sich der Kreis im letzten Kapitel „Arsch hoch, liebe Demokraten!“. Darin analysiert er politische Meinungsbildungsprozesse und appelliert an seine Leser, nicht (nur) das eigene Verhalten zu ändern, sondern politisch aktiv zu werden. „Für alle Facetten des Umweltschutzes gibt es Vereine oder Verbände. Zusammen können die Menschen etwas bewegen.“

 

Das Buch ist Inspiration und Mutmacher. Es zeigt Lösungen und öffnet Wege dorthin. Die Sprache ist herzerfrischend, konkret – und auch wenn viele Schlüsselsätze fast schon penetrant wiederholt werden: Vielleicht wirken sie dann.

 

Kurzcheck

Sprache
Anregung
Info

Info

Besonders geeignet für … Menschen, die den Satzanfang „man sollte…“ nicht mehr hören können

 

Michael Kopatz: Schluss mit der Ökomoral, Oekom Verlag, 2019, 240 S., 20 Euro

 

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