Klimawandel in den Alpen: Tourenplanung ist wichtiger denn je

- Die seit Wochen heißen Temperaturen in den Alpen machen deutlich: Die Klimakrise verändert den Bergsport bereits heute. Warum klassische Erfahrungswerte nicht mehr ausreichen und welche Rolle eine moderne Tourenplanung für die Sicherheit am Berg spielt, erläutert der Deutsche Alpenverein (DAV).

Schutt statt Eis - ein immer häufigeres Bild im Hochgebirge. Foto: DAV/Marco Kost

Hitzetage am Berg über 30 Grad, tropische Nachttemperaturen von 20 Grad in den Tälern, eine Nullgradgrenze über 4000 Meter Höhe, schmelzende Gletscher und Eiswände und große Steinschlaggefahr im Hochgebirge prägen derzeit die Verhältnisse in vielen Teilen der Alpen. Was noch vor wenigen Jahren als Ausnahme galt, tritt heute immer häufiger auf: Routen verändern sich innerhalb kurzer Zeit, Zustiege werden anspruchsvoller, Übergänge sind unmöglich und die üblichen Zeitfenster für klassische Hochtouren verschieben sich.

Der Deutsche Alpenverein (DAV) nimmt die aktuell außergewöhnlichen Wetter- und Witterungsverhältnisse zum Anlass, auf die hohe Bedeutung einer sorgfältigen und zeitgemäßen Tourenplanung hinzuweisen.

„Der Klimawandel ist in den Alpen keine abstrakte Zukunftsfrage mehr. Bergsportlerinnen und Bergsportler erleben seine Folgen unmittelbar vor Ort. Umso wichtiger ist es, Touren flexibel zu planen, aktuelle Informationen einzuholen und Entscheidungen konsequent an die tatsächlichen Verhältnisse anzupassen“
- Stefan Winter, Ressortleiter Sportentwicklung beim DAV

Alte Erfahrungswerte verlieren an Bedeutung

Die Bedingungen im Gebirge verändern sich so schnell, dass frühere Erfahrungen und ältere Tourenbeschreibungen oft nur noch eingeschränkt gültig sind. Besonders im Hochgebirge über 2500 Meter Höhe schaffen Gletscherrückgang und tauender Permafrost neue Gefahren: Steinschlag nimmt zu, Geröllzonen werden instabiler und Zustiege verändern sich innerhalb weniger Jahre deutlich. Was gestern noch problemlos möglich war, kann heute deutlich anspruchsvoller oder gar nicht mehr sicher begehbar sein. Im schlimmsten Fall drohen Fels- und Bergstürze wie unlängst am Matterhorn und im Mont-Blanc-Gebiet.

Saisons verschieben sich

Der Klimawandel verändert nicht nur einzelne Touren, sondern ganze Bergsport-Saisons. Viele klassische Hochtouren bieten inzwischen eher im Frühjahr oder Herbst als im Hochsommer gute Bedingungen. Gleichzeitig werden die Jahreszeiten unberechenbarer. Wandern und Mountainbiken zu Weihnachten, Hochtouren im Winter sind die neue Normalität. Dieses Jahr bestimmen vor allem die Temperaturen das richtige Zeitfenster für eine Tour und nicht der Kalender. Nicht nur Klettern ist bei hohen Temperaturen südseitig kein Genuss, auch Wandern stellt bei über 30 Grad in praller Sonne, ohne Schatten eine Gesundheitsgefahr für das Herz-Kreislauf-System dar.

Risikomanagement wird wichtiger

Steinschlag, Felsstürze, instabile Gletscherbereiche sowie intensive und öfter auftretende Starkregenereignisse verändern die Bedingungen am Berg. Muren, Hangrutsche oder Wegsperrungen können Tourenpläne kurzfristig beeinflussen. Hinzu kommt die zunehmende Hitzebelastung, die das Risiko von Erschöpfung und Dehydrierung erhöht. Gleichzeitig wird Wasser in vielen Alpenregionen knapp, was auch Alpenvereinshütten zunehmend vor Herausforderungen stellt.

Tourenplanung wird zur Schlüsselkompetenz

Gute Tourenplanung bedeutet heute weit mehr, als Strecke, Höhenmeter und Gehzeit zu kennen. Wer sicher unterwegs sein möchte, muss Wetter, Verhältnisse, Jahreszeit, aktuelle Warnungen und mögliche Alternativen in seine Entscheidungen einbeziehen.

Deshalb gewinnt die Informationsbeschaffung vor jeder Tour weiter an Bedeutung. Neben Wetterprognosen für den geplanten Tourenzeitraum sollten Bergsportler*innen auch den Witterungsverlauf der vergangenen Tage und Wochen berücksichtigen. Darüber hinaus lohnt sich die Recherche auf Websites, Webcams und Social-Media-Kanälen von Hütten, Bergschulen und regionalen Tourismusorganisationen. Aktuelle Hinweise zu Wegsperrungen oder erosionsbedingten Einschränkungen können wichtige Informationen für die Tourenauswahl liefern. Bei allen Informationen sollte immer zwischen geprüften Quellen und User-generiertem Content unterschieden werden.

Auf alpenvereinaktiv.com lassen sich unter „Aktuelles“ alle dem DAV bekannten Wegsperrungen sowie weitere wichtige Hinweise zur Tourenplanung einsehen: Bedingungen • Gefahren, Hinweise & mehr » alpenvereinaktiv.com

Bei hohen Temperaturen empfiehlt der DAV zudem einen besonders frühen Tourenstart, eine laufende Beurteilung der Verhältnisse unterwegs sowie die Bereitschaft, geplante Vorhaben anzupassen oder gegebenenfalls abzubrechen. Alternativrouten und ein Plan B sollten heute selbstverständlicher Bestandteil jeder Tourenplanung sein. Die Ausrüstung darf beim Wandern gerne um Sonnenhut mit weit ausladender Krempe und Sonnenschirm, UV-beständige Kleidung und eine Extraportion Sonnencreme erweitert werden.

Sicher unterwegs in einer sich wandelnden Bergwelt

Der DAV ruft Bergsportler*innen dazu auf, die Veränderungen im Gebirge bewusst wahrzunehmen und die eigene Tourenplanung entsprechend anzupassen. Denn auch in Zeiten der Klimakrise bleiben sichere und eindrucksvolle Bergerlebnisse möglich – vorausgesetzt, Planung und Risikomanagement entwickeln sich mit den Bedingungen am Berg weiter.

Der zentrale Faktor zur Eindämmung der Entwicklungen ist konsequenter Klimaschutz. Wo möglich, empfiehlt der DAV die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, um den CO₂-Ausstoß im Zusammenhang mit Bergsportaktivitäten zu reduzieren, denn die Anreise ist der größte direkte Hebel, den Bergsportler*innen nutzen können

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