logo-dav-116x55px

„Das Bild im Kopf ist negativer als die Wirklichkeit“

Michael ist Skitourengeher und ein Exot. Denn zu den Ausgangspunkten seiner Touren fährt er öffentlich. Ein Gespräch über Kameradschaft, die Ambivalenz vieler Bergsportler und Après-Ski-Hits.

Michael, du gehst seit 20 Jahren auf Skitour, seit zehn Jahren nur noch öffentlich. Hat sich in dieser Zeit etwas geändert ins Sachen Wintersport und öffentlicher Mobilität?

Michael: Ja und nein. Einerseits sind viele Skitouren-Regionen mit Bus und Bahn besser erschlossen, als noch vor einigen Jahren oder gar Jahrzehnten. Andererseits fahren sie viel zu oft leer durch die Gegend. Sprich: das Angebot wäre da, es hapert an der Nachfrage.

 

Ist das denn so? Sind nicht die Bahnen gerade aus den Städten heraus oft unangenehm voll?

Im Sommer schon. Zum Wandern und Bergsteigen öffentlich zu fahren, ist nicht mehr unüblich. Aber im Winter haben meine Leute und ich oft den ganzen Bus für uns allein. Andere Skitourengeher oder Schneeschuhwanderer sehen wir nur ab und zu.

 

Allenthalben wird von der Verkehrswende gesprochen. Warum scheint das gerade in der Freizeitmobilität so schwierig?

Man hat das jahrzehntelang so gelernt. Die meisten von uns sind dermaßen mit dem Auto sozialisiert, dass es schwierig ist, sich davon zu emanzipieren. Kennst du den Song Schifoan?

 

Den Après-Ski-Hit von Wolfgang Ambros?

Ja, genau. Er singt:

 

Am Freitog auf d'Nocht montier i de Schi

Auf mei Auto und dann begib i mi

In's Stubaitoi oder noch Zöll am See

Wei durt auf de Berg obm ham's imma an leiwandn Schnee!

 

Der Song ist von 1976 und seither hat sich kaum etwas geändert. Diese Privilegien abzugeben scheint für viele schwierig. Mit dem Auto in die Berg zu fahren ist natürlich auch komfortabel. Man muss sich keine Gedanken machen, welchen Zug man nehmen muss, wie man von der Haltestelle bis zum Startpunkt der Tour kommt oder welche Fahrkarte aus dem Ticketdschungel die richtige ist.

 

Also muss man doch erst das Angebot nachbessern?

Da gibt es sicher auch noch einiges zu tun. Beispielsweise fahren viele Bergsteigerbusse den ganzen Sommer über, im Winter bleiben sie aber im Depot. Dadurch zwingt man die Leute ja, mit dem eigenen Auto anzureisen. Aber man muss auch sagen, dass es schon heute so viele Verbindungen gibt, dass man keine einzige Tour in der Saison zwei Mal gehen muss. Solange die Leute sich aber hinstellen und sagen, das funktioniert nicht, das wollen wir nicht ändern, wird auch alles so bleiben, wie es ist.

 

Generell unterstellt man Bergsportlern eine gewisse Naturverbundenheit und Sorge um das Klima. Kann man das überhaupt so sagen?

Für ganz viele gilt das bestimmt. Aber wir Menschen sind nun mal sehr ambivalente Wesen. Die ganze Woche verhalten wir uns umweltfreundlich, fahren mit dem Rad zur Arbeit und trennen unseren Müll. Aber am Wochenende will ich mir was gönnen, da bin ich nicht bereit, mich einzuschränken. Das passt natürlich nicht zusammen, aber nur wenige wollen diesen Widerspruch überhaupt sehen.

 

Muss man denn die Erzählung ändern? Also nicht von Einschränkung und Verzicht sprechen, sondern von den Vorteilen für jeden Einzelnen, die eine öffentliche Mobilität bietet?

Absolut. Mein Lieblingsbeispiel sind Überschreitungen, denn die sind mit dem Auto gar nicht drin, weil du ja da wieder runterkommen musst, wo du das Auto geparkt hast. Wenn du mit dem Bus gekommen bist, kannst du an einer anderen Haltestelle einsteigen, als du ausgestiegen bist. Das eröffnet ganz andere Tourenmöglichkeiten. Zumal Überschreitungen auch abwechslungsreicher sind als Rundtouren.

 

Das ist nur dann ein Argument, wenn auf der anderen Seite des Berges auch eine Haltestelle oder ein Bahnhof ist.

Stimmt, aber es gibt viel mehr Möglichkeiten, als man anfangs denkt. In einigen Regionen geht das natürlich besser als in anderen. Im Allgäu, in der Brennerregion und in Tirol funktioniert öffentliche Mobilität zum Beispiel ziemlich gut. Auch alles um den Spitzingsee herum kann man mit der Bahn gut erreichen. Gerade von München aus, aber auch von Rosenheim, Augsburg, Ulm oder Stuttgart kommt man ganz hervorragend mit der Bahn in viele Skitourengebiete.

 

Trotzdem haftet dem ÖPNV das Manko an, zu teuer, zu unflexibel und zu langsam zu sein. Kurzum: für Wintersport nicht geeignet.

Die Fahrzeit ist oft länger, als wenn ich mit dem Auto fahren würde. Dafür ist die Fahrt bereits Teil des Ausflugs. Wer mit dem Auto fährt, beginnt seine Skitour erst in dem Moment, in dem er in seine Skier steigt. Mit den Öffis wird ein ordinärer Ausflug zu einer Reise, die beginnt, wenn ich mich auf den Weg an den Bahnhof mache. Ich finde, das wertet so eine Skitour auf. Außerdem kann man sich viel besser unterhalten. Im Auto sitzen zwei vorne, zwei hinten und man ist froh, wenn man wieder aussteigen kann. Zugfahren ist viel geselliger. Vor der Tour kann man sich gemeinsam über die Karte beugen und nochmal die Route besprechen, auf der Rückfahrt trinkt man ein Bier zusammen und lässt die Tour Revue passieren. Geht im Auto nur halb so gut.

 

Und teuer ist ein sehr relatives Argument. Wenn man sämtliche Kosten, die ein Auto verursacht, in die Berechnung einfließen lässt, würde die Bahn haushoch gewinnen. Macht aber niemand, und wenn man den Ticketpreis nur an den Benzinkosten misst, hinkt der Vergleich ganz massiv.

 

Ist also alles nur eine Frage der Aufklärung?

Das ist sicher ein richtiger Ansatz. Noch wichtiger ist aber, dass sich das Bewusstsein ändert. Als Bergsteiger hat man doch immer auch eine Haltung, man möchte die Natur erleben. Dann kann ich nicht gleichzeitig erwarten, dass alles maximal erschlossen ist, inklusive kostenlosem Großraumparkplatz. Jeder will tolle Winter mit viel Schnee und dass der nächste Winter noch besser wird. Gleichzeitig tragen wir mit unserem Verhalten dazu bei, dass es genau so nicht mehr wird.

 

Als einzelner Bergsteiger brauche ich ja nicht zu denken, die Gletscherschmelze aufhalten zu können, nur weil ich mit dem Bus fahre?

Natürlich nicht, aber der Klimawandel ist ja nicht die einzige negative Begleiterscheinung unseres Verhaltens. Jedes Jahr werden neue Straßen, neue Parkplätze gebaut. So ein Riesen-Parkplatz unten am Berg ist zwar nicht schön, aber die Politik sagt, die alte Straße ist zu schmal, der alte Parkplatz zu klein also muss man erweitern. So trägt jeder, der mit dem eigenen Auto in die Berge fährt, dazu bei, dass noch mehr Infrastruktur entsteht. Auf der anderen Seite gibt es ein System, das oft schon über einhundert Jahre alt ist, und super funktioniert. Das ist die Bahn, aber das Streckennetz wird in einigen Regionen immer weiter gekürzt und vernachlässigt. Weil es zu wenig genutzt wird und es sich nicht lohnt, darin zu investieren.

 

Hat Corona daran etwas geändert? Viele haben ja doch ihr Reiseverhalten überprüft.

Im Sommer haben die Leute zwar keine Fernreisen mehr gemacht, sondern sind daheim geblieben. Aber ob man daraus einen Trend ablesen kann? Ich bin mir nicht sicher. Für das Weltklima ist das natürlich eine gute Nachricht, aber bei uns werden sich die Probleme noch verschärfen. Die wenigsten, die vorher nach Thailand geflogen sind, setzten sich jetzt hier in den Zug und fahren in die Berge, sondern setzen sich ins Auto und fahren in die Berge. Nur weil ich mich regional bewege, bin ich ja nicht unbedingt klimafreundlich unterwegs.

 

Ich glaube ja auch, dass die Leute gleich wieder losfliegen, sobald die Restriktionen fallen. Kann man’s ihnen übelnehmen? Das Flugticket nach London kostet 29 Euro und du bist der Depp, wenn du ein Bayern-Ticket für 50 Euro kaufst. Das ist schon eine Riesensauerei.

 

Sollten wir also kapitulieren?

Auf gar keinen Fall! Das Bild im Kopf der Leute ist sehr viel negativer als die Wirklichkeit. Man muss die Erzählung ändern. Weg von der Geschichte, dass die Öffis ein Verlegenheitsverkehrs-mittel sind, hin zur Geschichte, dass Fahrten mit Bus und Bahn mehr sind als reine Distanzüberwindung. Geselligkeit, auch Kameradschaftlich-keit, die vielen Bergsteiger ja wichtig ist, spielen in den Öffis eine viel größere Rolle als im Auto. Außerdem kommen wir ganz oft mit anderen Bergsportlern ins Gespräch. Man tauscht sich dann aus und bekommt Tipps für Touren, die man sonst nie gefunden hätte.

 

Ganz konkret: Was muss sich ändern, damit sich was ändert?

Da sind alle Akteure gefragt. Einerseits diejenigen, die darüber entscheiden, ob Bahnstrecken und Buslinien stillgelegt werden oder ob größere Parkplätze und breitere Straßen asphaltiert werden. Andererseits wir Bergsportler, die das bestehende Angebot auch nutzen müssen, damit es nicht wieder eingemottet wird. Damit die Leute Lust darauf bekommen, sollte man nicht immer von Verzicht und Moral sprechen, sondern die Vorteile des ÖPNV hervorheben. Wer es zwei oder drei Mal probiert und alles funktioniert gut, der bleibt dann vielleicht auch dabei. So war’s zumindest bei mir.