Klettern, Skibergsteigen und Paraclimbing unter einem Dach: Als neuer Geschäftsführer der DAV Leistungssport gGmbH spricht Stefan Knirsch über Chancen, erste Schwerpunkte im DAV und was ihn an der Aufgabe besonders reizt.
Was hat dich persönlich an der Aufgabe beim DAV besonders gereizt?
"Seit ich denken kann, bin ich auf ganz unterschiedliche Weise in den Bergen und in der Natur unterwegs, im Sommer wie im Winter – beim Wandern, Klettern, Snowboarden, auf Skitouren oder auch auf dem Surfbrett oder im Kanu. Insofern fühlt sich die Aufgabe beim DAV für mich tatsächlich wie ein besonderes Match an.
Gleichzeitig habe ich in den vergangenen, fast 20 Jahren im Leistungssport bei den Snowboardern intensive Erfahrungen sammeln dürfen und in unterschiedlichen Rollen dazu beigetragen, Strukturen weiterzuentwickeln. Mich begeistert am Leistungssport die Haltung, immer wieder an Grenzen zu gehen, Dinge und Prozesse zu hinterfragen und so für Athletinnen und Athleten, für Teams und für alle, die im Verband arbeiten das bestmögliche Umfeld zu schaffen.
Genau diese Herausforderung sehe ich auch beim DAV. Mich reizt die Möglichkeit, an etwas anzuknüpfen, das bereits mit viel Engagement, Kompetenz und Leidenschaft gestaltet wird, und es gemeinsam weiterzuentwickeln. Ich glaube, dass im Leistungssport des DAV weiter viel Potenzial steckt – strukturell, sportlich und auch in der Sichtbarkeit nach außen. Gleichzeitig ist mir wichtig zu betonen, dass der olympische & paralympische Leistungssport beim DAV zwar im Vergleich zur Gesamtverbandsgeschichte noch relativ jung ist, für mich aber kein Gegensatz zu dem darstellt, wofür der Verband seit jeher steht. Im Gegenteil: Er ergänzt diese Idee auf sehr passende Weise."
Der DAV vereint mit Klettern, Skibergsteigen und Paraclimbing sehr unterschiedliche Sportarten. Wo siehst du die größten Chancen in dieser besonderen Konstellation?
"Gerade in dieser Vielfalt liegt für mich eine große Stärke. Der DAV ist insgesamt breit aufgestellt, vielfältig und zugleich in seinen Werten sehr klar. Das sehe ich auch in den Sportarten Klettern, Skibergsteigen und Paraclimbing: Sie sind unterschiedlich, haben jeweils ihren eigenen Charakter und ihre eigenen Anforderungen – und passen doch sehr gut zusammen.
Ich glaube, dass jede dieser Sportarten ihre eigene Wertigkeit hat und genau darin eine große Chance liegt. Im Klettern sehe ich zum Beispiel das Potenzial, den Leistungssport und die starken Leistungen der Athletinnen und Athleten noch näher an Menschen, Fans und Öffentlichkeit heranzubringen. Die Bekanntheit ist bereits hoch, und gerade deshalb gibt es die Möglichkeit, Sichtbarkeit, Reichweite und vielleicht auch die Attraktivität für Partner und Sponsoren weiter zu stärken.
Im Paraclimbing liegt für mich eine ganz besondere Kraft. Diese Disziplin kann dazu beitragen, den Parasport insgesamt noch stärker in den Fokus zu rücken und die außergewöhnlichen Leistungen der Athletinnen und Athleten sichtbarer zu machen. Zugleich steckt darin auch eine wichtige gesellschaftliche Dimension: Hier können wir viel darüber lernen, was wir oft als selbstverständlich ansehen, obwohl es das nicht ist. Gerade mit Blick auf Werte, Haltung und menschliche Stärke sehe ich im Paraclimbing enormes Potenzial.
Skibergsteigen wiederum steht aus meiner Sicht noch am Anfang einer spannenden olympischen Entwicklung. Bei anderen Sportarten, die neu ins olympische Programm aufgenommen wurden, hat man gesehen, wie schnell das internationale Niveau noch einmal ansteigt. Ähnliches erwarte ich auch hier. Entsprechend wird es wichtig sein, uns frühzeitig gut zu positionieren und diese Entwicklung aktiv mitzugestalten. Auch eine Weiterentwicklung des olympischen Formats halte ich hier für möglich.
Die besondere Konstellation beim DAV bietet aus meiner Sicht also die Chance, sehr unterschiedliche Disziplinen in ihrer Eigenständigkeit ernst zu nehmen und gleichzeitig voneinander zu lernen. Genau darin liegt für mich eine große Stärke."
Welche Schwerpunkte möchtest du in den ersten Monaten als Geschäftsführer setzen?
"In den ersten Monaten geht es für mich vor allem darum, genau hinzuhören, viel zu verstehen und ein gutes Gefühl für die Menschen, Themen und Abläufe zu bekommen. Mich interessiert, was bereits sehr gut funktioniert, wo große Stärken liegen und an welchen Stellen wir gemeinsam besser werden können.
Ich komme nicht mit dem Anspruch, auf alles sofort Antworten zu haben. Mir ist wichtig, zunächst über die unterschiedlichen Ebenen hinweg die Perspektiven der Athletinnen und Athleten, der Trainerinnen und Trainer, der Mitarbeitenden und der weiteren Stakeholder kennenzulernen. Gute Entwicklung entsteht aus meiner Sicht von innen, da wo wir es schaffen unterschiedliche Sichtweisen zusammenzubringen und dann gemeinsam die richtigen Prioritäten setzt. Wenn wir das geschafft haben, brauchen wir sicherlich dennoch hier und da ein erhöhtes Maß an Resilienz, um Entscheidungen dann langfristig durchzuhalten. – Auch das gehört dazu.
Deshalb möchte ich mich zu Beginn vor allem auf Themen konzentrieren, bei denen wir unabhängig von größeren Strukturfragen bereits konkret vorankommen können. Natürlich gibt es grundsätzliche Überlegungen dazu, wie der Leistungssport im DAV strukturell weiterentwickelt werden soll. Ich würde aber ungern warten, bis die ganz großen Fragen geklärt sind, bis dahin können wir sicher schon einige Schritte gehen.
Sportlich stehen aktuell ganz unterschiedliche Themen an: Im Skibergsteigen endet gerade die Wintersaison, gleichzeitig beginnt mit den Planungen für die kommende Saison schon die nächste Phase. Wir haben hier nach dem Olympia-Debüt viel Aufmerksamkeit, leider nicht nur positive, aber auch damit müssen wir umgehen. Im Klettern und im Paraclimbing startet die Saison und ich freue mich darauf, möglichst viele Eindrücke bei Wettkämpfen, Lehrgängen und in Gesprächen vor Ort zu sammeln. Der Fokus hier liegt schon klar auf Los Angeles 2028, dort dann mit drei olympischen Disziplinen und einer paralympischen Premiere
Leistungssport bedeutet auch sich in besonderem Maße der Konkurrenz zu stellen. Diese ist vor allem in den olympischen Disziplinen enorm. Hier stoßen wir zum Teil international auf ganz andere Vorstellungen, Geschwindigkeiten und Werte, gegen die wir uns behaupten müssen. Insgesamt möchte ich meinen Beitrag dazu leisten, den Leistungssport im DAV so weiterzuentwickeln, dass er leistungsorientiert, wertebasiert und eng mit dem verbunden bleibt, was den DAV insgesamt stark macht."
Was bedeutet für dich erfolgreicher Leistungssport im DAV – auch über Medaillen hinaus?
"Medaillen sind im Leistungssport natürlich ein wichtiger Maßstab. Sie sind meist die nach außen hin sichtbare Bestätigung dafür, dass vieles richtig gemacht wurde. Gleichzeitig lässt sich Erfolg nicht allein daran festmachen. Man kann sehr gute Arbeit leisten und am Ende dennoch nicht auf dem Podium stehen, weil die internationale Konkurrenz enorm stark ist. Dann können wir nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern brauchen vor allem nach innen hin die Gewissheit, gemeinsam in die richtige Richtung zu marschieren.
Entscheidend ist für mich deshalb, die Voraussetzungen so zu gestalten, dass sportlicher Erfolg möglichst wahrscheinlich wird. Ziel ist es, die Grundlagen zu schaffen, die sportlichen Erfolg und Medaillen wahrscheinlicher machen. Dazu gehören gute Strukturen, klares Kommittent, ein professionelles Umfeld und eine leistungsorientierte, zugleich aber wertebasierte Kultur.
Deshalb geht es für mich über Medaillen hinaus auch um die Frage, wie wir miteinander arbeiten und wie wir Menschen entwickeln. Der Leistungsgedanke ist aus meiner Sicht ohnehin tief im DAV verankert – ob sich das am Ende in einer Medaille ausdrückt, in einem Eintrag ins Gipfelbuch oder in einem besonderen Erlebnis, das man aus den Bergen mitnimmt."
Wenn du nicht gerade beruflich mit dem Leistungssport beschäftigt bist – wo und wie bist du am liebsten in den Bergen unterwegs?
"Mein Herz schlägt vor allem in möglichst unberührter Natur ein bisschen ruhiger. Ich bin großer Skandinavien-Fan, und besonders die Berge und Fjorde im Norden Norwegens haben es mir angetan. Gleichzeitig mag ich die Vielfalt: Im vergangenen Jahr war ich mit der Familie in einem großartigen Kletterurlaub in Ailefroide in Frankreich - im Winter kann mich genauso eine einfache Abendskitour im bayerischen Alpenvorland glücklich machen.
Am Ende ist es für mich genau diese Bandbreite, die den Reiz ausmacht – je nach Jahreszeit, Gelegenheit und Stimmung. Mal ist es die große Landschaft, mal das Unterwegssein in Ruhe, mal die sportliche Herausforderung. Genau das fasziniert mich am Berg- und Outdoorsport."
....und wird dir das Snowboarden fehlen?
"Nein – denn ich werde ja nicht damit aufhören. Ich snowboarde aus Leidenschaft und so wird es auch bleiben. Genauso war ich übrigens auch in den vergangenen Jahren schon während meiner Zeit beim Snowboardverband nie ausschließlich auf dem Snowboard unterwegs, sondern immer auch beim Klettern, auf Skitour, beim Wandern, mit dem Mountainbike in den Bergen oder dem Surfbrett auf den Wellen.
Insofern bleibt das Snowboarden ein Teil meines Lebens – so wie der Berg- und Outdoorsport insgesamt. Vielleicht ist genau das auch ein schöner Übergang zum DAV: nicht das Eine gegen das Andere auszutauschen, sondern die eigene Erfahrung mitzunehmen und sich gleichzeitig auf Neues einzulassen."