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Kompensieren? Aber richtig!

Geld zu zahlen, um Emissionen zu kompensieren: Das wird oft als Ablasshandel bezeichnet, wenn man sich um echte Vermeidung drücken will. Doch die Kompensation ist ein unentbehrlicher Baustein jeder Klimastrategie – mit einer großen Auswahl an möglichen Methoden.

 

Wenn ich meine Flüge kompensiere, ist alles wieder gut; also kann ich ruhig an Ostern nach Kalymnos, im Herbst nach Nepal und im Winter nach Antalya düsen.“ Rein theoretisch ist dieser Satz berechtigt. Denn für die Atmosphäre ist es ziemlich egal, wo Emissionen entstehen – und wo sie vermieden oder rückgängig gemacht werden.

 

Das klassische Kompensations-Modell folgt also einer einfachen Gedankenkette:

  1. Mein Flug emittiert eine bestimmte Menge an Treibhausgasen (THG) – deren stärkere Wirkung in hohen Luftschichten muss natürlich berücksichtigt werden.
  2. Ich unterstütze finanziell ein Projekt, mit dem beispielsweise Menschen in Nepal oder Ecuador mit Biogasöfen oder Solaranlagen versorgt werden.
  3. Diese vermeiden die gleiche Menge an Emissionen, die sonst durch die ortsüblichen Technologien entstünden.
  4. Damit ist die Klimawirkung meines Fluges praktisch auf Null „kompensiert“.
 

Auch wenn die Rechnung und die Argumentation stimmt: Als Freibrief für unbedenkliches Emittieren ist das nicht gedacht. „Vermeidung von Treibhausgasemissionen hat Vorrang vor der Kompensation“ schreibt das Umweltbundesamt (UBA) ausdrücklich, und „Kompensationen allein sind nicht ausreichend, um das globale Problem des Klimawandels zu lösen“.

Wenn ich es als Ehrensache betrachte, meinen persönlichen Fußabdruck auf die zwei (besser: null) Tonnen THG zu beschränken, die für das 1,5-Grad-Ziel nötig sind: dann muss ich zuerst mein Leben daraufhin abklopfen, worauf ich verzichten und was ich energiesparender machen kann (Vermeidung+Reduktion). Wenn dann der Anden-, Yosemite- oder Himalaya-Urlaub als Lebenstraum nicht verzichtbar erscheint, bleibt die Kompensation als „ultima ratio“ – und als selbstverständliche Verpflichtung, wenn man schon das persönliche, global-sozial vertretbare Budget überlastet. Nicht von ungefähr bietet der DAV Summit Club seine Berg-Flugreisen nur noch inklusive Kompensationsbeitrag an.

 

Über Kompensation nachdenken sollte man allerdings nicht erst und nur, wenn man sich eine Flugreise gönnen möchte. Auch wer nicht fliegt, steht vor der Aufgabe, für seinen persönlichen Lebensstil mit dem Zwei-Tonnen-Limit zurechtzukommen. Und dieses Budget lässt sich in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht alleine mit Vermeidung+Reduktion einhalten. Selbst ohne Auto, mit reduziertem Konsum, mit veganer Ernährung, mit regenerativer Wärme und Strom für die Wohnung wird höchstwahrscheinlich ein Rest bleiben – wer Klimaneutralität erreichen möchte, ist also angewiesen auf Kompensation; sie ist ein unentbehrlicher Baustein jeder Klimastrategie (siehe auch DAV Panorama 5/21).

 

Kompensation: „klassische“ Prinzipien

Wie funktioniert nun das Konzept „Emissionen mit Geld irgendwie wiedergutmachen“? Es gibt dazu verschiedene Möglichkeiten, mit unterschiedlichen Wirkmechanismen und Zukunftsperspektiven.

 

Emissionssenkung mit Sozialbonus

Die vielleicht bekannteste und verbreitetste wurde eingangs skizziert; sie wird von Testsiegern („Finanztest“ 2018) wie Atmosfair oder Klimakollekte angeboten: emissions-vermeidende Projekte mit Entwicklungshilfe-Bonus. Ein Beispiel ist das Biogas-Projekt des DAV Summit Club mit Atmosfair in Nepal: In Reaktoren wird aus Abfällen Methan, das effiziente Öfen antreibt; so müssen die Einheimischen kein Holz mehr verheizen. Das erspart dessen Emissionen, verhindert eine Übernutzung der Wälder, erlaubt effizienteres Kochen und gibt den Menschen mehr Zeit für Soziales oder Bildung. Ein Mehrfachnutzen also, dessen Emissionsvermeidung zertifiziert wird und so angerechnet werden kann.

Für dieses Kompensationsprinzip gibt es Qualitätskriterien: So müssen die finanzierten Maßnahmen erst durch die Kompensation möglich gemacht werden; lediglich schon Geplantes zu fördern, brächte keinen Zusatznutzen. Auch sollen die Projekte in Ländern laufen, die sich nicht ohnehin in Klimaverträgen zu Reduktionszielen verpflichtet haben – also nicht in Europa. Und die Verwaltungskosten der Anbieter sollen vertretbar sein. Der „Gold Standard“ ist das bekannteste Gütesiegel.

 

Verschmutzungsrechte blockieren

Einen anderen Weg gehen Initiativen wie compensators oder ForTomorrow: Sie kaufen „Verschmutzungsrechte“ auf dem Europäischen Markt auf und blockieren sie. Diese Papiere mit seltsamem Namen sind Teil der EU-Strategie, um die Industrie klimafreundlicher zu machen: Firmen, die Emissionen verursachen, müssen Zertifikate kaufen, die ihnen diese Emissionen quasi erlauben. Diese Papiere sind auf dem Finanzmarkt frei handelbar, so dass ihr Preis mit der Nachfrage steigt. Parallel werden sie von der Politik künstlich verknappt, was sie weiter verteuert. So wird es für die Firmen auch eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, ob sie in Maßnahmen zur Emissionssenkung investieren oder lieber die „Rechte“ bezahlen. Das „Wegkaufen“ dieser Lizenzen vom Markt erhöht den Druck auf die emissionsintensiven Industriebetriebe, sauberer zu werden, beschleunigt also die Emissionsminderung. Die Einnahmen aus den Papieren fließen übrigens in einen EU-Fonds für Klimaschutzmaßnahmen.

 

Wälder und Moore erhalten

Eine dritte Möglichkeit, Emissionen zu verhindern, hat einen Nebennutzen im Naturschutz: Man kann Wälder kaufen und ihre Rodung verhindern. Oder, wie die Initiativen MoorFutures oder Moorland, Moore kaufen und durch Wiedervernässung renaturieren. In Holz und Moor-Masse ist CO2 gebunden, das nun nicht frei wird; bei der Trockenlegung von Mooren entweicht obendrein Methan, das noch viel klimaschädlicher ist. Dabei stellt sich jedoch die Frage der Dauerhaftigkeit: Eine andere Regierung kann ja irgendwann die Biotope zurückkaufen und dann doch noch verheizen; selbst Naturschutzgebiete sind davor nicht sicher, wie der Ex-US-Präsident mit Ölbohrlizenzen für das „National Monument“ Bears Ears bewiesen hat (was sein Nachfolger Biden wieder rückgängig gemacht hat).

 

Kompensieren? Ja – aber zuerst vermeiden!

Wohin man schaut: Alle technologischen Lösungen brauchen Massen an regenerativer Energie, um fossile Brennstoffe unnötig zu machen. Je mehr von ihnen man einsparen kann, umso eher kann die Aufgabe gelingen. Es bleibt also dabei: Der Königsweg heißt „Vermeiden und Reduzieren“ – jegliche Kompensationsmaßnahme sollte nur dem letzten, möglichst kleinen Rest vorbehalten bleiben.

 


Die Kampagne #machseinfach ist Teil des Projekts „Bergsport mit Zukunft“, das durch das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz (StMUV) und Globetrotter gefördert wird

 

Unterstützt wird die Kampagne von VAUDE, dem offiziellen Ausrüster des DAV.