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DAV, ÖAV und WWF: Kein neuer Stausee in den Ötztaler Alpen

Verbände fordern Stopp der Ausbaupläne Kraftwerk Kaunertal

19.09.2022, 14:39 Uhr

Klimaschutz und Naturschutz müssen Hand in Hand gehen – davon sind der WWF Österreich und die Alpenvereine in Deutschland und Österreich überzeugt. Die Pläne der Tiroler Wasserkraft AG zum Ausbau des Kaunertalkraftwerks stehen diesem Grundsatz entgegen. Denn der Neubau eines zusätzlichen großen Stausees und die dafür notwendigen Wasserableitungen zerstören Lebensräume und Artenvielfalt und verschärfen die Wasserknappheit in der Region. Die Verbände fordern deshalb den Stopp der Ausbaupläne.

Die Tiroler Wasserkraft AG (TIWAG) plant den großflächigen Ausbau des bestehenden Wasserkraftwerks im Kaunertal. Vier Wildbäche sollen dafür zum Teil aufgestaut und durch unterirdische Stollen in den Gepatschstausee abgeleitet werden. Von dort wird das Wasser in den neu angelegten Stausee im Platzertal gepumpt. Wichtige Lebensgrundlagen für Natur, Landwirtschaft, Tourismus, Industrie und Bevölkerung im Ötztal drohen zerstört zu werden.  

 

Gravierende Auswirkungen auf großer Fläche

Die Genehmigung der Ausbaupläne hätte nicht nur weitere jahrelange Großbaustellen im Hochgebirge zur Folge. Sie bedeutet auch massive irreversible und flächenhafte negative Auswirkungen auf die alpine Landschaft, die Biodiversität, alpine Lebensräume und den Wasserhaushalt in der Region.  

  

„Die Ableitung der Gletscherflüsse zerstört extrem wichtige Flusslebensräume“, erklärt Bettina Urbanek, Gewässerschutzexpertin des WWF Österreich. “Wir haben nur mehr sehr wenige dieser intakten Gletscherbäche und -flüsse. Daher haben das Umweltministerium und der WWF schon Ende der 1990er Jahre die Venter- und die Gurgler Ache als Flussheiligtümer ausgewiesen, die unbedingt erhalten werden sollen”, so Urbanek.  

 

„Durch die Erschließung des Platzertals wird ein Naturjuwel mit einem vielfältigen, alpinen Lebensraum für immer zerstört. Das Platzertal ist ein bislang nahezu unberührtes Hochtal, in dem eine Vielfalt an Lebensformen vorherrscht und viele geschützte Tier- und Pflanzenarten einen ihrer letzten intakten Rückzugsorte in den Alpen finden“, sagt Clemens Matt, Generalsekretär des Österreichischen Alpenvereins.

 

Nicht zuletzt wird durch die Zerstörung der Moorflächen vor Ort ein wichtiger Verbündeter im Klimaschutz zunichtegemacht: Moore bieten nicht nur Lebensraum, sondern sie binden und speichern auch effektiv CO2. 

 

Neben gravierenden Auswirkungen auf Natur und Biodiversität würden die zusätzlichen Wasserableitungen die Wasserknappheit im Ötztal verschärfen. „Der vergangene Sommer hat bewiesen, dass es schon jetzt durch den Klimawandel zu Engpässen in der Wasserverfügbarkeit kommt. Und dieses Problem wird sich mit dem voranschreitenden Gletscherrückgang extrem verschärfen“, prognostiziert Tobias Hipp, Gletscher- und Naturschutzexperte beim Deutschen Alpenverein. 60 bis 80 Prozent des Abflusses von Venter und Gurgler Ache sind aktuell in den Sommermonaten auf die Schnee- und Gletscherschmelze zurückzuführen. Bis Mitte des Jahrhunderts werden die Ötztaler Gletscher größtenteils abgeschmolzen sein. Damit fehlt dem Ötztal eine riesige Wasserreserve. „Es wird ohnehin zu Nutzungskonflikten kommen. Bei diesen Prognosen ist es absurd, zusätzlich Wasser für die Wasserkraft zu entziehen“, so Hipp. 
Verschärfend kommt hinzu, dass für die derzeit im Bau befindliche Erweiterung der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz die  Wildflüsse Fisch- und Winnebach abgeleitet werden, die ebenfalls in die Ötztaler Ache fließen. Der Wasserentzug in der Region summiert sich also. Dabei gilt das hintere Ötztal schon heute als sogenanntes inneralpines Trockental. 

 

Alpin- und Umweltverbände fordern Stopp des Ausbaus und eine naturverträgliche Energiewende

WWF, DAV und ÖAV befürworten den Ausbau erneuerbarer Energien zur Erreichung der dringend nötigen Reduktion unserer Treibhausgasemissionen und der Einhaltung des Pariser Klimaabkommens. Aufgrund der großflächigen Zerstörung von Lebensräumen und Ökosystemen ist dieses Vorhaben jedoch kein Beispiel für eine naturverträgliche Energiewende.  

31 Umweltschutzorganisationen - darunter auch der WWF Österreich, der Deutsche und Österreichische Alpenverein - sowie 11 Wissenschaftler*innen haben sich in der Kaunertal-Erklärung 2022 gemeinsam klar gegen das Ausbauprojekt positioniert. Sie fordern den Stopp des Ausbauprojekts Kraftwerk Kaunertal und einen umfassenden Schutz der letzten ökologisch intakten Alpenflüsse sowie den Erhalt alpiner Naturlandschaften.  

  

„Wir brauchen eine konsequent naturverträgliche Energiewende. Es ist niemandem geholfen, wenn wir für den Ausbau der Erneuerbaren die letzten Lebensräume zerstören und damit die Biodiversitätskrise weiter anheizen. Wir müssen mehrere Krisen gemeinsam bewältigen – das ist eine riesige Herausforderung, aber die Augen davor zu verschließen, ist auch keine Lösung“, sagt Urbanek. Die Umweltverbände fordern für eine naturverträgliche Energiewende beispielsweise, bestehende Kraftwerke durch Modernisierung effizienter zu machen und bereits verbaute Flächen zur Stromerzeugung durch Photovoltaikanlagen zu nutzen. Noch wichtiger sind Maßnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs, ohne die eine Energiewende nicht gelingen kann. 

 

Die Eckdaten des Ausbauprojekts:

  • Stausee im Platzertal für den Betrieb eines Pumpspeicherkraftwerks: 
    • 120 Meter hoher und 450 Meter breiter Staudamm im Platzertal 
    • Stausee mit 42 Millionen Kubikmeter Fassungsvolumen 
    • Verlust von 6,3 Hektar Moorflächen im Platzertal 
  • Wasserableitungen zur Speisung des Wasserkraftwerks 
    • Beileitung von Wasser aus einem Einzugsgebiet von 272 Quadratkilometern 
    • Wasserfassungen an Ferwallbach, Königsbach und Gurgler Ache bei Obergurgl 
    • Wasserfassung an der Venter Ache unterhalb von Vent 
    • Bis zu 80 Prozent weniger Wasser im Ötztal als Folge der Ausleitung von vier Gebirgsbächen und -flüssen 
    • Neubau von etwa 23 Kilometern unterirdischer Stollen 
    • Bau von vier neuen Kraftwerken 
    • Erhöhung der Schwallbelastung am Inn, davon vier Kilometer de facto ökologisch zerstört durch extreme Schwallbelastung   
 

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