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Lawinen: Prävention und Sicherheit

21.01.2020, 10:00 Uhr

Ski- und Schneeschuhtouren liegen im Trend: Immer mehr Menschen zieht es im Winter in die Berge – auch abseits gesicherter Skipisten und Talwege. Eine große Gefahr für Wintersportlerinnen und Wintersportler geht im freien Gelände von Lawinenabgängen aus. Ein verantwortungsvoller Umgang mit dieser Gefahr erfordert ein paar wichtige Kenntnisse und Fähigkeiten. Kernelemente dabei sind der Lawinenlagebericht, die Tourenplanung, das Risikomanagement auf Tour und die richtige Ausrüstung.

DAV-Statistik: Unfälle abhängig von Winter

Nach Schätzungen des DAV gibt es in Deutschland mehr als 600.000 Ski- und Snowboardtourengeher. Unfälle dieser beiden Gruppen werden in der DAV Unfallstatistik unter "Skitouren" zusammengefasst. Eine Unfallursache im Winter sind Lawinen. "Im langjährigen Vergleich sehen wir, dass die Unfallzahlen von Winter zu Winter stark variieren. In Saisonen mit ungünstigem Schneedeckenaufbau, wie im Winter 2009/2010, stiegen die Unfälle stark an." (siehe Grafik rechts), erklärt Christoph Hummel von der DAV-Sicherheitsforschung. Allerdings zeichnet sich auch ein erfreulicher Trend ab: Die Zahl der lawinentoten DAV-Mitglieder liegt seit einigen Wintern auf einem sehr niedrigen Niveau. "Trotzdem ist natürlich jeder Verunfallte oder gar Tote einer zuviel, weshalb wir vom DAV noch weiteren Aufklärungs- und Schulungsbedarf sehen", so Sicherheitsexperte Hummel.

 

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Die Basis der Tourenplanung: der Lawinenlagebericht

"Der Lawinenlagebericht (LLB) ist das grundlegende Planungstool für alle Wintersportlerinnen und Wintersportler, die sich im freien Gelände bewegen möchten", erklärt Dr. Thomas Feistl von der Lawinenwarnzentrale Bayern im bayerischen Landesamt für Umwelt. Sein Haus gibt deshalb in den Wintermonaten jeden Abend ab 17.30 Uhr für die bayerischen Alpen den Bericht für den nächsten Tag heraus – getrennt nach Vormittag und Nachmittag. Und weil in jeder Region oftmals ganz unterschiedliche Bedingungen herrschen, gibt es regionalisierte Gefahrenstufen für die sechs bayerischen Gebirge: Allgäuer Alpen, Ammergauer Alpen, Werdenfelser Alpen, Bayerische Voralpen, Chiemgauer Alpen und Berchtesgadener Alpen.

 

Der LLB liefert Antworten auf die wichtigsten Fragen:

 

  1. WIE groß ist die Gefahr: erklärt anhand von vier bzw. fünf Gefahrenstufen
  2. WAS ist die Gefahr: fünf Gefahrenmuster geben darüber Aufschluss
  3. WO sind die Gefahrenstellen: Höhenlage (unter und über Waldgrenze, Hochlagen, usw.) und Exposition (Ausrichtung des Hanges)
  4. WARUM besteht die Gefahr: Infos zu Schneedeckenaufbau und Wetter

 

Dabei sind diese Fragen wie eine Informationspyramide aufgebaut (siehe Grafik links): Frage vier bildet die Basis, die rohen Messdaten und Informationen zum Schneedeckenaufbau. Frage eins steht wiederum ganz oben als Spitze der Pyramide – als Zusammenfassung der Gefahr. "Allerdings darf man sich nicht dazu verleiten lassen, nur auf die Zahlen zu vertrauen", so Feistl. Diese allein betrachtet verleiten zu Fehlinterpretationen. So bedeutet Lawinenstufe eins (die niedrigste Stufe) nicht "keine Gefahr", sondern "geringe Gefahr" – Verschüttungen sind hier trotzdem möglich. Das größte Missverständnis entsteht bei Stufe drei. Feistl: "Hier werden Wintersportler oft verleitet, an eine 'mittlere Gefahr' zu denken, da die Skala ja bis fünf reicht." Das sei aber nicht richtig, Stufe drei bedeute "erhebliche Lawinengefahr" – und bei dieser Stufe würden 50 Prozent aller tödlichen Lawinenunfälle passieren. Zudem sollte man immer den ergänzenden Text (Fragen zwei und drei) beachten, erst durch ihn lässt sich die Gefahrenstufe richtig interpretieren.

 

Und noch eine weitere Einschränkung gilt für den Lawinenlagebericht, der bereits 1967 ins Leben gerufen wurde: Er kann immer nur die Gefahr in einem größeren Gebiet darstellen. Im Einzelhang kann es aber durch bestimmte Verhältnisse oder Geländeformationen zu einer ganz unterschiedlichen Gefahrenbeurteilung kommen. "Der LLB speist sich aus 20 Messstationen, rund 50 Webcams, 20 Schneeprofil-Messfelder, 30 menschliche Beobachter und weitere Wetterinfos – trotzdem kennen wir nicht die Verhältnisse in jedem Hang im Einzugsgebiet. Und wir beurteilen auch nicht weitere Faktoren, die das Risiko für Wintersportler minimieren oder steigern", so Feistl. Solche Punkte sind zum Beispiel fehlende Sicht oder eine regelmäßige und starke Frequentierung eines Hangs. Es ist daher unerlässlich, die Daten aus dem LLB auf Tour regelmäßig zu hinterfragen und eigenverantwortlich im Gebirge unterwegs zu sein.

 

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Risikominimierung vor und während der Tour: DAV-Snowcard und Lawinen-Mantra

Lawinen und die ihnen zu Grunde liegenden Prozesse sind auch heute noch nicht vollständig erforscht. Durch verschiedene Methoden kann man aber das Risiko, auf Tour in eine Lawine zu geraten, minimieren. Das Wissen um Lawinen, ihre Entstehung und das Handwerkszeug zur Bestimmung des eigenen Lawinenrisikos sind dabei unerlässlich. Der DAV lehrt deshalb die Anwendung der DAV-Snowcard als Bestandteil der Risiko-Strategie "Lawinen-Mantra".

 

Die "DAV-Snowcard" nähert sich dem Problem Lawinen aus probabilistischer (wahrscheinlichkeitsbasierter) Sicht. Das bedeutet: "Sie berechnet das Unfallrisiko aus der Kombination von Unfalltoten in Lawinen in Relation zu Gefahrenstufe und weiteren Geländeparametern", so Mersch. Dafür besitzt sie auf der einen Seite einen Prismendruck, auf dem je nach Neigung der Karte zwei verschiedene Gefahrenskalen erscheinen. Ein Pendel dient als Neigungsmesser. Die Rückseite enthält nützliche Informationen zur Anwendung sowie Planzeiger für verschiedene Kartenmaßstäbe. "Mit ihnen kann man die Hangsteilheiten bereits vor der Tour auf der Karte ermitteln", erklärt Mersch. Die Karte benötigt drei Werte, um das Risiko zu ermitteln:

  1. Die Gefahrenstufe, die der Lawinenlagebericht (LLB) für die jeweilige Region und den jeweiligen Tag ausgibt.
  2. Die steilste Stelle im Hang. Wie groß dabei der zu berücksichtigende Hangbereich ist, variiert je nach Gefahrenstufe des LLB und kann von der unmittelbaren Spur bis zur gesamten Geländekammer (also inklusive Gegenhänge) reichen.
  3. "günstig/ungünstig nach Lawinenlagebericht". Der LLB besteht nicht nur auf den fünf Stufen, sondern enthält auch Zusatzinformationen wie das Lawinenproblem des Taages, gefährdete Hangrichtung (Exposition) oder Höhenstufe. Befindet man sich in einem Hang, der nach dem LLB als ungünstig eingestuft wird, muss man dies auf der Snowcard berücksichtigen.

Mithilfe dieser drei Angaben erkennt man auf der Snowcard das Risiko für den jeweiligen Hang: grün: geringes Risiko; gelb bis orange: mittleres Risiko; rot - hohes Risiko; Für jede Farbe gibt es unterschiedliche Verhaltenstipps.

 

Aber: Da die SnowCard "nur" ein statistisches Instrument ist und nicht die tatsächliche Situation in einem Hang zu einem bestimmten Zeitpunkt abbilden kann, empfiehlt sich die Anwendung eingebettet in eine größere Risiko-Strategie - das Lawinen-Mantra. Mersch: "Die beste Entscheidung im Gelände erreichen wir, indem wir laufend alle uns zugänglichen Informationen strukturiert zusammentragen, hinterfragen und neu bewerten." Dass man nichts vergisst, dafür gibt es das Lawinen-Mantra, in das auch die Ergebnisse der Snowcard einfließen. Das Mantra besteht aus fünf Schritten:

  1. Probabilistische Hangbeurteilung (ausgegeben über die Snowcard)
  2. Analytische Hangbeurteilung (basierend auf den fünf Lawinenproblemen aus dem LLB)
  3. Faktor Mensch (zum Beispiel Bauchgefühl, Zusammensetzung der Gruppe, usw.)
  4. Konsequenzen eines Lawinenabgangs
  5. Vorsichtsmaßnahmen (Risikoreduktion, zum Beispiel durch Entlastungsabstände)

Das Mantra trägt seinen Namen wegen der Häufigkeit der Wiederholungen: Die fünf Schritte müssen laufend angewandt werden: bei der Tourenplanung zu Hause, vor Ort und am Einzelhang. 

 

Ist man sich nicht sicher, das Risiko zu hoch, die Hangbeurteilung zu unklar oder meldet der Bauch Bedenken an, sollte man lieber einmal öfter umdrehen. Das sieht auch der Bergführer so: "Die Folge eines vielleicht unnötigen Tourabbruchs ist im schlimmsten Fall eine verpasste Abfahrt bei schönstem Wetter im staubenden Pulverschnee. Die Folge einer falschen Beurteilung ist im schlimmsten Fall der Tod."

 

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Wenn es doch passiert: Notfallausrüstung

"Das oberste Ziel muss natürlich sein, gar nicht erst in eine Lawine zu geraten", erklärt Christoph Hummel von der DAV-Sicherheitsforschung. Sobald man von einer Lawine erfasst wird, befindet man sich in Lebensgefahr. Auch wenn die Tourenfreundinnen und -freunde noch so oft den Umgang mit der Notfallausrüstung trainiert haben: Sie können einen Verschütteten dann zwar schnell finden und ausgraben, ein sicherer Schutz vor dem Ersticken ist dadurch aber nicht garantiert. Zudem besteht weiterhin die Gefahr mechanischer Verletzungen – zum Beispiel, wenn man gegen einen Baum oder Fels gedrückt wird.

 

Wenn es trotzdem passiert, ist es unerlässlich, dass die Kameraden sofort Hilfe leisten. Sprich: die geeignete Notfall-Ausrüstung dabei haben und sie auch anwenden können. Auf Tour ist es daher Standard, dass jeder Teilnehmende ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) am Körper trägt. Mit diesem kann die suchende Person nach dem Stillstand der Lawine schnell die Verschüttungsstelle finden. Eine sogenannte Sonde hilft im Anschluss an die LVS-Suche bei der sogenannten „Punktortung“ der verschütteten Person. Sobald der oder die Verschüttete genau lokalisiert wurde, muss er oder sie dann schnellstmöglich ausgegraben werden – mit einer passenden Schaufel. "Das Zeitfenster ist dabei sehr eng. Nach etwa 15 Minuten unter dem Schnee sinken die Überlebenschancen drastisch – ohne Atemhöhle erstickt man sogar innerhalb nur weniger Minuten", so Hummel. Wer die Notfallausrüstung nicht dabei hat oder den Umgang mit ihr nicht geübt hat, der schafft das Auffinden und Ausgraben einer komplett verschütteten Person nicht innerhalb dieser entscheidenden Minuten! Und selbst nach dem erfolgreichen Ausgraben ist die Krisensituation noch nicht vorbei: Viele Verschüttete sind verletzt oder bewusstlos und dann nach dem Ausgraben schnell auch unterkühlt. Hier helfen Biwaksack und Erste-Hilfe-Set weiter. "Auch grundlegende Erste-Hilfe-Kenntnisse sollte man haben", empfiehlt Hummel.

 

Auf die Hilfe der Bergwacht alleine sollte man bei Touren im winterlichen Gebirge übrigens nicht bauen. Sicherheitsexperte und Bergführer Christoph Hummel: "Bis die Bergwacht aus dem Tal den Unfallort erreichen kann, sind in der Regel bereits mehr als 15 Minuten vergangen. Bei Lawinenunglücken hat darum die Kameradenhilfe erste Priorität!" Auch sogenannte Lawinen-Airbags sind keine Wunderwaffen. "Zwar steigern sie die Chancen, nicht vollständig verschüttet zu werden, ein sicherer Schutz sind sie aber keinesfalls." Oftmals schaffen es von einer Lawine erfasste Sportlerinnen oder Sportler beispielsweis nicht mehr, den Airbag auszulösen.

 

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Material für Einsteigerinnen und Einsteiger

Notfallausrüstung, also LVS, Schaufel und Sonde sind teuer – gerade, wenn man anfängt und noch gar nicht weiß, ob der neue Wintersport der Richtige ist. Sparen sollte man aber an diesem Equipment trotzdem nicht: Es sollte bei jeder Ski- oder Schneeschuhtour im freien Gelände dabei sein. Die praktische Alternative für Start und Gelegenheitswintersportlerinnen und -sportler: Das Ausleihen von Material. Das geht in Bergschulen und größeren Shops – oder aber in vielen DAV-Geschäftsstellen. Oft leihen diese die Ausrüstung aber nur an ihre Mitglieder aus.

 

Eine Ausnahme bilden hier die Sektionen München und Oberland: Von Tourenski und Schneeschuhen bis zur LVS-Ausrüstung gibt's in den drei Servicestellen in der Münchner Innenstadt und im DAV Kletterzentrum Gilching auch für Nichtmitglieder für nahezu alle Bergsportarten das richtige Leih-Equipment. Übrigens: Ab zwei Tagen Leihdauer ist ein Tag kostenlos. Alle Infos: alpenverein-muenchen-oberland.de/servicestellen-standorte-kontakt