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SnowCard und DAV-Lawinen-Mantra

Jeden Winter beschäftigt das Thema „Lawine“ alle, die in die Schneelandschaft eintauchen wollen. Bei den dabei anstehenden Entscheidungen kann die DAVSnowCard helfen - sie ist seit 18 Jahren zentraler Bestandteil der DAV-Ausbildungskonzepte.

von Jan Mersch und Wolfgang Behr

 

Die DAV-SnowCard ist als Entscheidungshilfe im Winter das zentrale Instrument für Tourenplanung und Lawinenentscheidungen. Dabei erlaubt die Kombination dreier Hauptkriterien, das Risiko des Geländes einzuschätzen: „grün“ bedeutet niedriges Risiko (keine Verhaltensmaßnahmen empfohlen), „gelb“ bedeutet mittleres Risiko (Sicherheitsmaßnahmen empfohlen), „orange“ und „rot“ stehen für hohes Risiko (Verzicht empfohlen). Diese drei Kriterien sind:

1. die Gefahrenstufe aus dem aktuellen, lokalen Lawinenlagebericht (LLB),
2. die Hangsteilheit im so genannten Einzugsbereich – der umso größer ist, je höher (gefährlicher) die Gefahrenstufe ist,
3. die Gefahrenstellen des LLB. Der Lawinenlagebericht benennt besonders lawinengefährdete Bereiche wie zum Beispiel „Triebschnee an allen Schattenhängen oberhalb 2200 Meter“. Für diese Zonen wird die Diagramm-Seite „ungünstig“ der SnowCard verwendet, der Rest des Geländes gilt als „günstig“

Die SnowCard ist ein so genanntes „probabilistisches“ Entscheidungswerkzeug, da sie auf statistischen Auswertungen von Unfällen basiert und ahrscheinlichkeiten für eine Lawinenauslösung angibt. Seit Langem ist sie  fester Bestandteil in DAV-Ausbildungskursen zur Lawinenkunde.Allerdings ist unser Eindruck aus der Praxis (den Umfragen estätigen), dass dieses Werkzeug von vielen Skitourengehern nicht ganz ernst genommen und (vielleicht deshalb) auch im Gelände nicht sehr konsequent angewendet wird. Gleichzeitig beobachten wir immer wieder Skitourengeher, die gerade noch die Gefahrenstufe kennen, aber die wertvollen und wichtigen Zusatzinformationen (z.B. „Lawinenprobleme“) nicht in ihre Entscheidungen einbeziehen. Parallel dazu wird in den letzten Jahren der Nutzen von Schneedeckenuntersuchungen (über?)betont. Freilich hat das  Wissen über die Bruchmechanik von Schnee und über brauchbare Schneedeckentests in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Oft aber reicht das Können und Wissen der „User“ nicht für eine sinnvolle  Anwendung einer Schneedeckenuntersuchung – und bei manchen Situationen ist sie gar nicht sinnvoll. Die Zahl tödlicher Unfälle ist dabei nahezu unverändert hoch geblieben: Rund hundert Menschen sterben jährlich in den Alpen in Lawinen. Darunter auch sehr erfahrene Menschen, die viel Schneewissen angesammelt haben und es vermeintlich professionell anwendeten. Könnten sie – und vor allem jene, die auf Normalniveau im  Winter unterwegs sind – nicht davon profitieren, sich stärker an den Empfehlungen der SnowCard zu orientieren?

 

Nagelprobe für die Snowcard

Die Nagelprobe für eine Entscheidungshilfe wie die SnowCard ist, ob sie den jeweiligen Unfall hätte vermeiden können. Dies wäre dann der Fall, wenn der Unfall in einem Geländeabschnitt passiert ist, der von der SnowCard am Tag des Unfalls als „orange“ oder „rot“ gekennzeichnet worden wäre, also zum Verzicht empfohlen. Da trotz der vergleichsweise klaren Kriterien der SnowCard gewisse Graubereiche in der  Entscheidungsfindung bleiben und weil die SnowCard nicht alle, sondern nur die meisten Unfälle vermeiden soll, braucht es zur Beantwortung dieser Frage eine ausreichend hohe Anzahl von Unfällen. Deshalb haben wir Berichte über fast alle tödlichen Lawinenunfälle (insgesamt 185 Todesfälle) aus Österreich und der Schweiz über fünf Winter (2013/2014 bis 2017/2018) detailliert ausgewertet. Basis für die Auswertung waren 149 Lawinenunfälle mit 185 Todesfällen. Diese wurden anhand aller öffentlich verfügbaren Informationen (Unfallberichte, Presseberichte, Fotos) nachvollzogen (vor allem tödliche Unfälle sind recht gut dokumentiert, meist von der Alpinpolizei). Ergänzt wurde die Auswertung durch die weiteren für die Beurteilung nach SnowCard notwendigen Informationen: jeweiliger lokaler Lawinenlagebericht mit allen Detailinformationen sowie online verfügbare Hangneigungskarten aus dem Unfallgebiet.

 

Die Ergebnisse zeigen recht eindeutig, dass die DAVSnowCard ein sehr effektives Werkzeug gegen Lawinenunfälle ist: 84 Prozent aller Todesfälle wären vermeidbar gewesen (s. Diagramm A). Wendet man sie sehr vorsichtig an (das heißt: Man verzichtet auch noch auf die gelben Bereiche), wären es sogar 96 Prozent. Wir konnten dabei nicht auswerten, ob die ab „gelb“ empfohlenen Sicherheitsmaßnahmen (zum Beispiel Entlastungsabstände) eingehalten wurden, denn diese Daten sind nicht für alle Unfälle verfügbar. Wenn wir dies auch noch berücksichtigen würden, wäre die Vermeidbarkeit wahrscheinlich noch höher.

 

Aber es gibt noch weitere interessante Ergebnisse. Die SnowCard basiert nämlich ganz wesentlich auf den Detailinformationen des Lawinenlageberichts (notwendig für die Einschätzung des Geländes als „günstig“ oder „ungünstig“). Und diese Zusatzangaben sind offenbar sehr gut: Fast alle (95 %) der laut SnowCard vermeidbaren Unfälle lagen in Geländebereichen, die der Lawinenlagebericht als potenziell gefährlich benannt hatte (s. Diagramm B). Es stimmt zwar, dass der LLB immer eine ganze Region abdeckt und natürlich nicht jeden einzelnen Hang bewerten kann. Aber das Wetter ist großflächig nicht so variabel, um derart  unterschiedliche Verhältnisse entstehen zu lassen, dass die Lawinenlageberichts- Angaben zu allgemein wären. Das belegt unsere Unfall-Auswertung eindeutig.

 

Und schließlich zeigt die Auswertung auch, dass die SnowCard bei den drei wichtigsten (weil häufigsten) Lawinenproblemen und -situationen gleichermaßen gut funktioniert: Die Vermeidungsquote ist bei Altschnee-, Neuschnee- und auch bei Triebschneeproblemen ähnlich hoch (s. Diagramm C). Ein Fakt, den manche Experten bezweifelt haben. Eine kleine Einschränkung gibt es allerdings: Bei niedrigeren Gefahrenstufen (insbesondere Stufe 2 = mäßige Lawinengefahr) ist die  Trefferquote in „ungünstigen“ Geländebereichen schlechter. Oft hat hier eine Triebschneesituation zum Unfall geführt. In einem solchen Fall heißt der Praxistipp also entsprechend den erweiterten Empfehlungen der SnowCard: sogenannte Alarmzeichen wie etwa „frischen Triebschnee“ erkennen und die entsprechenden Stellen meiden oder umfahren. Man mag sich wünschen, dass alle Unfälle vermieden werden könnten  (Vermeidungsquote 100 %). Aber es ist nun mal nach wie vor so, dass man Lawinen und Schneebretter nicht exakt vorhersagen kann. Schon gar nicht mit Methoden, die auch für Skitouren-Amateure sinnvoll anwendbar sein sollen. Selbst absolute Schneeexperten können nicht jede Lawine vorhersehen (das „führende“ physikalische Modell für Schneebretter hat sich erst vor drei Jahren noch mal grundlegend geändert …). Daher kann es immer nur darum gehen, einen Großteil der Unfälle zu vermeiden. Ein gewisses Risiko bleibt beim Bergsteigen – das gilt insbesondere für Unternehmungen im Winter wie Skitouren, Freeriden oder Schneeschuhgehen. Unsere Unfallanalyse zeigt jedenfalls, dass die SnowCard ein wertvolles Werkzeug gegen die Lawinengefahr ist. Das gilt für das Verständnis in der Theorie, aber vor allem auch in der Praxis  draußen im Gelände.

 

Der integrierte Blick: das DAV-Lawinen-Mantra

Auch wenn die SnowCard eine „relativ“ einfach aufgebaute Entscheidungshilfe ist: Ganz ohne eine gewisse Ausbildung und Beschäftigung mit der Materie und dem Vorgehen kommen wir nicht aus, wenn wir im Winter „gut“ unterwegs sein wollen. Für uns ist klar: Die SnowCard sollte immer der erste Filter sowohl bei der Tourenplanung als auch bei Entscheidungen im Gelände sein. Das gilt für alle Könnensstufen. Denn die Alternativen für Entscheidungen sind entweder vage und kaum nachvollziehbar („Erfahrung“) oder erfordern sehr gutes analytisches Schneewissen, quasi ein Diplom in theoretischer Physik oder Schneeforschung. Probabilistische Methoden wie die SnowCard sindaber auch kein Allheilmittel. Zu einem guten Gesamtpaket „sicher durch den Winter“ gehören weitere Elemente – je nach Ausbildung und Wissen: etwa eine geschickte, an die Lawinensituation angepasste Geländewahl; die Abschätzung der Konsequenzen eines Lawinenabgangs; und durchaus auch mal ein „analytischer Blick“ in die Schneedecke oder eine Einschätzung der Schneesituation anhand der vergangenen Wetterentwicklung.

 

Es bringt nichts, das eine oder das andere Vorgehen gegeneinander auszuspielen: Im Gelände braucht es einen integrierten Blick. Dies leistet das DAV-Lawinen-Mantra, dessen „Gebetsmühlen“ in DAV Panorama 6/2016 vorgestellt wurden und das die derzeitige Empfehlung des DAV zum Umgang mit der Lawinengefahr ist. Dieses Mantra fordert zu allererst, die Detailinformationen aus dem Lawinenlagebericht zu verarbeiten (nicht nur die Gefahrenstufe). Auf dieser Basis liefert die SnowCard eine Risikoabschätzung für die angepeilte Tour. Und danach fließen die Detailinfos des LLB in alle weiteren Überlegungen und Entscheidungen zur Schneekunde (Analytik) ein. Sie beeinflussen auch die Überlegungen zu den Konsequenzen eines Lawinenabgangs und die sinnvoll möglichen Vorsichtsmaßnahmen – schon in der Vorbereitung, aber mindestens genauso wichtig auch unterwegs in jedem einzelnen Hang, in jeder Entscheidungssituation. So wird man je nach persönlicher Kompetenz der „weißen Gefahr“ mit einem umfassenden Ansatz entgegentreten und – hoffentlich – immer zu guten Entscheidungen finden.