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Quali DM Bouldern: Manches bleibt gleich in ungewöhnlichen Zeiten

16.09.2020, 13:27 Uhr

Am heutigen 19. September ging im Landesleistungszentrum Augsburg die Qualifikation der Deutschen Meisterschaft Bouldern über die Bühne. Die Rahmenbedingungen waren so ungewöhnlich, wie es in diesem Jahr inzwischen fast schon normal ist: kein Publikum, überall Alltagsmasken, und die Athletinnen und Athleten mussten die Griffe selber putzen. Ihre Leistung haben sie trotzdem abrufen können. Alle Favoriten sind ins morgige Halbfinale eingezogen - aber nicht immer ohne Mühe.

Sommer, Sonne, Sonnenschein

Perfekter könnten die äußeren Bedingungen eigentlich kaum sein: Temperaturen um die 25 Grad, Schatten an der Wand, der grüne Hügel vor der Wand in der Sonne. Nur: Auf dem grünen Hügel keine Zuschauer - so ist das eben in Corona-Zeiten. Der sportlichen Qualität des Wettkampfes hat das erstaunlich wenig geschadet, was wahrscheinlich nicht zuletzt an den wirklich sehr gut geschraubten Boulderproblemen gelegen hat. Sowohl bei den Damen als auch bei den Herren war alles dabei, was die moderne Boulderwelt an Bewegungsrätseln so zu bieten hat. Entsprechend begeistert dürften die vielen hundert Zuschauerinnen und Zuschauer gewesen sein, die von zuhause aus den Livestream verfolgten. Alleine: Ihre Anfeuerungsrufe reichten nicht bis nach Augsburg. Für erstaunlich viel Stimmung sorgten allerdings die wenigen Menschen, die leibhaftig vor Ort waren: Trainerinnen, Helfer und die bereits fertigen Athletinnen und Athleten.  

 

Damenquali: Vom ersten Zug weg hart

Vier Damen zogen alle fünf Boulder der Qualifikationsrunde: Roxana Wienand (DAV Aschaffenburg), Hannah Meul (DAV Rheinland-Köln), Lucia Dörffel (DAV Chemnitz) und Afra Hönig (DAV Landshut). Letztgenannte tat das mit den wenigsten Versuchen, die Zweitplatzierte des vergangenen Jahres geht also mit Rang eins aus dem ersten Tag. Titelverteidigerin Lucia Dörffel brauchte nur beim ersten Boulder einige Versuche, kam dann aber immer besser in den Tritt. Bemerkenswert war die Leistung von Hannah Meul, denn sie kletterte vor zwei Tagen (Donnerstag) im European Youth Cup Lead - ebenfalls in Augsburg - auf den dritten Podiumsplatz und dürfte deshalb noch ein paar Milchsäuremoleküle in den Armen gehabt haben. Roxana Wienand schließlich musste beim ziemlich bewegungskomplexen ersten Boulder wie die allermeisten Konkurrentinnen ein paarmal ansetzen, erreichte dann aber in souveräner Manier alle fünf Tops.

Mitfavoritin Alma Bestvater (DAV Weimar), die ihren zweiten Wettkampf nach langer Verletzungspause absolvierte, scheiterte tatsächlich am ersten Boulder. Aus der Ruhe hat sie das aber nicht gebracht; da kam ihr wohl ihre große internationale Wettkampferfahrung entgegen. Im letzten Boulder war sie denn auch so gut im Lauf, dass sie die letzten Züge über eine sehr kleingriffige und wackelige Platte mit einem gekonnten Doppeldynamo übersprang. Ähnlich wie bei Alma lief die Qualifikation auch bei Hannah Pongratz (DAV AlpinClub Hannover): Am ersten Boulder scheiterte die Drittplatzierte des letzten Jahres, alle anderen Boulder nahm sie im ersten Versuch mit. Unterm Strich zeigt ein Blick auf die Ergebnisliste der Damen-Quali: Alle Athletinnen aus dem engeren und erweiterten Favoritenkreis ziehen ins Halbfinale der besten Zwanzig ein.

 

Herrenquali: Style wie bei den Damen

Was bereits bei den Damen sichtbar war, zeigte sich auch bei den Herren: Der allererste Move im ersten Boulder hatte es gleich in sich. In diesem Fall war es ein ziemlicher Sprung mit einbeiniger Landung auf einem Volume. Nicht wenige Athleten brauchten den einen oder anderen Versuch, um sich einzugrooven - sogar einer der Besten im Feld: Yannick Flohé (DAV Aachen) schaffte zwar nach einigen Anläufen diesen Sprung, scheiterte dann aber in der superkleingriffigen Platte danach. Ein Problem war das nicht für den Vorjahresdritten, die restlichen Boulder fertigte er im ersten oder zweiten Versuch ab. 

In absoluter Topform präsentierte sich Max Kleesattel (DAV Schwäbisch Gmünd): Nur für den ersten Boulder brauchte er drei Versuche, alle anderen gelangen ihm onsight. Womöglich beflügelte ihn der unbedingte Wille, diesmal aufs Podium zu klettern; im letzten Jahr in Dortmund verpasste er selbiges denkbar knapp um einen Platz. Der Gewinner von Dortmund erwischte im Gegensatz dazu nicht seinen besten Tag - möglichweise allerdings infolge einer zurückliegenden Ringbandverletzung. Erst den fünften und letzten Boulder stieg Max Prinz (DAV AlpinClub Hannover) bis zum Top. Für den Einzug ins morgige Halbfinale reichte es aber, das Projekt Titelverteidigung ist damit weiterhin möglich. Schließlich noch der Deutsche Vizemeister: Philipp Martin vom DAV Kempten schaffte vier Boulder und hatte damit keine Mühe, eine Runde weiterzukommen. Ebenfalls keine Mühe mit dem Weiterkommen hatten Kim Marschner (DAV Schwäbisch Gmünd) und Elias Arriagada Krüger (DAV AlpinClub Berlin). Die beiden waren neben Max Kleesattel die einzigen, die alle fünf geforderten Boulder klettern konnten.

 

Morgen Halbfinale und Finale

Der erste nationale Wettkampf des Jahres nach langer Pause fand unter besonderen Vorzeichen statt. Den Verantwortlichen war klar, dass das eine große Herausforderung sein würde, vor allem, weil in den zwei Tagen zuvor an gleicher Stelle ein European Youth Cup stattfand. "Es herrscht ein toller Teamgeist unter den Beteiligten," sagte Julia Zschiesche vom DAV. "Großer Dank gebührt vor allem den vielen Freiwilligen vom DAV Augsburg." Das Engagement lohnt sich ganz offensichtlich, denn der erste DM-Wettkampftag ging reibungslos über die Bühne. Sichtlich zufrieden gab sich denn auch Bundestrainer Urs Stöcker: "Bei den besten zehn bis fünfzehn Damen und Herren haben wir heute intenational konkurrenzfähige Leistungen gesehen. Hohe Qualität hatte auch der Routenbau: Da war alles drin, was beim Bouldern auf Spitzenniveau gefordert wird."

 

Die kompletten Ergebnisse der Qualifikation gibt es im Artikel "Livestream und Ergebnisse" ganz unten. Dort finden finden sich auch die Links zu den morgigen Livestreams. Das Halbfinale startet am morgigen Sonntag, 20. September, um 9.30 Uhr.  

 

 

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Was ist Bouldern?

Die Sportart als Wettkampf

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Bouldern bedeutet Klettern ohne Seil in Absprunghöhe – also einer Höhe, aus der noch ohne Verletzungsgefahr abgesprungen werden kann. Weichbodenmatten sollen bei einem eventuellen Sturz vor Verletzungen schützen. Das Bouldern ist eine eigene Disziplin des Sportkletterns und hat in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung durchlaufen. Bei dieser Kletterdisziplin geht es darum, Probleme zu lösen, also Boulder richtig zu lesen. Im Wettkampf müssen komplexe Einzelzüge und komplizierte Bewegungsabläufe in einer vorgegeben Zeit bewältigt werden: Ziel ist es, den Topgriff, also den obersten Griff, mindestens drei Sekunden lang stabil zu halten. Beim Bouldern ist vor allem Maximalkraft gefragt. Diejenigen Kletterinnen und Kletterer, die an der Weltspitze dabei sein wollen, brauchen darüber hinaus ein hohes Maß an Athletik, eine sehr gute Beweglichkeit und ein ausgeprägtes Koordinationsvermögen. Akrobatische Bewegungsabläufe, Sprünge oder ungewöhnliche Körperpositionen gehören mittlerweile zum abgefragten Repertoire bei den Wettkämpfen. Durch seine spektakulären Bewegungen, viel Action in kurzer Zeit sowie dem zuschauerfreundlichen Modus hat das Wettkampfbouldern in den vergangenen Jahren zunehmend an Anziehungskraft gewonnen. Zu dem diesjährigen Boulderweltcup in München, bei dem der deutsche Starter Jan Hojer Bronze gewann, kamen mehr als 5000 Besucherinnen und Besucher.