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Kletterdebüt in Tokio: Spannende Spiele

06.08.2021, 15:00 Uhr

Eine Verletzung, ein unerwarteter Sieger, eine klare Favoritin, die ihrer Rolle gerecht wurde und jede Menge Rechenspiele – das Kletterdebut in Tokio sorgte für manche Spannung. Und zeigte das große Potential der Sportart.

Die Ausgangslage

Als sich 2016 das IOC dafür entschied, Klettern bei den Olympischen Spielen in Tokio mit einem Medaillensatz als Programmsportart aufzunehmen, war die Freude bei Verbänden und Funktionären groß. In der Szene freute man sich zunächst weniger: „Olympia macht Klettern kaputt“ war eine vielgehörte Befürchtung. Erst recht, als man hörte, dass es einen Dreikampf aus den Disziplinen Speed, Bouldern und Lead geben sollte und somit bisher völlig getrennte Sportarten zusammenfassen wollte. Namhafte Athlet*innen sprachen sich dagegen aus. Doch schon nach den ersten Testläufen, zum Beispiel bei der WM in Innsbruck, verstummten viele Stimmen. Das neue Format, so schien es, sorgte doch für große Spannung. Immerhin werden die Rankings in den Einzeldisziplinen multipliziert und am Ende gewinnen die Athlet*innen, mit dem niedrigsten Wert. Es kann sich also bis zum Schluss alles ändern – und das kann durchaus passieren, wie wir später sehen werden.

 

Die Olympioniken

Zwanzig Damen und Herren konnten sich dann 2019 und 2020 für Tokio qualifizieren, maximal zwei pro Land. In der Regel funktionierte das auch. Alles, was Rang und Namen hat (bis auf ein paar Ausnahmen), war am Ende im Line-Up vertreten (Link zu den Qualifizierten). Auch Deutschland konnte wenigstens bei den Herren sein Kontingent ausschöpfen, und die beiden Superstars Jan Hojer (DAV Frankfurt/Main) und Alexander Megos (DAV Erlangen) ins Rennen schicken.

 

Die Verschiebung

Mitten in den Qualifikationsveranstaltungen kam dann die Pandemie und warf die Zeitpläne ordentlich durcheinander – bis hin zur Verschiebung der Spiele um ein Jahr. Für die meisten Sportler*innen war dies aber eine willkommene Gelegenheit: Ein Jahr mehr trainieren, ein Jahr länger Zeit, um die jeweils schwächste Disziplin zu Üben.

 

Die Herren-Quali

Dann war es endlich soweit: Das Olympia-Debüt startete mit den Herren. Zunächst schien alles gut zu laufen – aus deutscher Sicht. Jan Hojer legte mit einer gesunden ersten Runde im Speed vor, und Alex Megos – traditionell im Speed eher langsam – lieferte gleich eine neue persönliche Bestzeit. Doch während sich die meisten Teilnehmer in Runde zwei steigern konnten, rutschten die beiden deutschen Athleten ab und mussten sich nur mit einer guten Wertung zufrieden geben. Am Ende landete Megos auf 19 und Hojer auf 11. Bitter vor allem für Jan Hojer: Er gilt unter den Allroundern als Speed-Spezialist und hätte eigentlich eine Wertung in den Top-10 gebraucht.

 

Weiter ging es mit Bouldern: Die Boulder waren gut geschraubt und sorgten für eine gute Separierung der Platzierungen unter den Athleten. Megos startete hier gut rein, es schien sein Tag zu sein! Den ersten Boulder schaffte er im zweiten Versuch, im zweiten holte er sich als einziger eine Zonen-Wertung – nur zwei kamen an B2 bis zum Top. Für eine wirkliche Top-Platzierung hätte er aber noch eine zweite Top-Wertung gebraucht und so landete er auf Platz 6. Keine schlechte Lage, immerhin kommt seine Spezialdisziplin noch. Hojer kämpfte wacker, und schaffte auch eine Top-Begehung. Am Ende wurde es Platz 9 für ihn.

 

Auch die Lead-Route war sehr gut geschraubt und Megos kam bis in die Head-Wall. Aufgrund seiner Speed-Platzierung hätte er hier mindestens in die Top 5 klettern müssen – an einem normalen Tag für ihn kein Problem. Aber er rutschte vom Tritt – zu früh – und landete schließlich nur auf Rang 6. Hojer kletterte schnell und souverän bis in die Mitte der Wand, doch bei Griff 29+ war für ihn Schluss – Rang 9. Für Hojer reichte es nicht, die Runde der besten acht war zu weit entfernt. Am Ende wurde er 12. Unglücklich für Megos: Er beendete den Wettkampf auf Rang 9.

 

Die Verletzung

Megos war an diesem Tag nicht der einzige Unglückliche: Bassa Mawem (FRA), holte sich bei Zug 7 im Lead eine Bizepsverletzung und konnte nicht mehr weiterklettern. Aufgrund seiner hervorragenden Ergebnisse in den Vorrunden reichte es jedoch für die erfolgreiche Quali. Nun kam es zum Problem: Von den acht Finalisten konnte einer nicht klettern, im Speed wird aber im KO-Modus gestartet. Schnell wurden Diskussionen laut, man solle Alex Megos ins Finale nachrücken lassen und dafür zwei 8. Plätze vergeben. Gerade vor dem Hintergrund dieser besonderen Spiele und dem Doppelsieg im Hochsprung, keine überraschende Idee. Leider gibt dies das Regelwerk nicht her, wie übrigens auch bei anderen Sportarten. Megos blieb draußen und ein Platz unbesetzt. Im Speed klettert jeder drei Mal: die Sieger-Gruppe im ersten Lauf um die Plätze 1-4 und die Verlierergruppe um die Plätze 5-8. Die Gegner des Verletzten würden im Finale immer den Sieg zugesprochen bekommen.

 

Besonders im ersten Lauf ist das brisant, denn er entscheidet darüber, ob man in der oberen oder unteren Hälfte um Platzierungen klettert. Größter Nutznieser war ausgerechnet: Adam Ondra (CZE), im Feld unbestreitbar der Langsamste. Wäre Mawem angetreten, Ondra hätte ziemlich sicher verloren und wäre maximal auf Platz 5 gekommen. So wurde ihm der vierte Platz „geschenkt“. Bedenkt man, dass diese Platzierungen noch mit zwei weiteren Platzierungen multipliziert werden, macht dies einen riesigen Unterschied. Eine Medaille für Ondra hätte immer auch ein „Gschmäckle“ gehabt. Andererseits: Wäre Megos als nicht-Qualifizierter nachgerückt und hätte eine Medaille gewonnen – der Beigeschmack wäre ebenfalls dagewesen. Ein Dilemma, das zum Glück in Zukunft keine große Bedeutung mehr haben wird: Olympic Combined gibt es so künftig nicht mehr.

 

Das Finale der Herren

Auch hier ging es wieder spannend zu: Speed gewann der erst 18-jährige Spanier Alberto Ginés López gegen den Franzosen Mickael Mawem, dem Bruder von Bassa Mawem. Im Boulderfinale holte sich Nathaniel Coleman (USA) den Sieg, wieder vor Mickael Mawem. Ginés López wurde hier siebter. Auch für den Superstar Adam Ondra (CZE) lief es im Bouldern nicht gut. Er beendete den Wettkampf auf Platz 6. Die Ausgangslage vor Lead war entsprechend spannend: Mawem, Coleman und der Japaner Tomoa Narasaki gingen alle mit 6 Punkten ins Rennen, Ginéz López folgte mit 7 Punkten. Jakob Schubert (AUT) lag mit 35 Zählern auf Platz 7, Ondra mit 24 Punkten auf 6 und der erst 17-jährige Colin Duffy (USA) mit 20 Punkten auf 5. Durch die enge Platzierung konnte sich alles noch einmal ändern – und das tat es auch. Ondra erreichte eine Bestmarke, fiel erst kurz vor dem Top. Doch seine 24 Punkte lasteten schwer, es musste ein besonderes Ranking der bisherigen Top 4 passieren, um ihm die Gold-Medaille zu sichern. Zunächst sah es so aus! Die vier bisherigen Top-Athleten fielen genau in der Reihenfolge aus der Wand, die für Ondra notwendig gewesen wäre, um ihm den Sieg zu geben – nach dem vorletzten Starter lag er auf Platz 1. Dann kam Jakob Schubert. Er überkletterte in einem Kraftakt Ondras Bestmarke und hängte als Einziger das Top ein – hier ging der Routenbau voll auf. Dadurch verwies er Ondra auf Platz 2. Doch bei diesem Ranking-Modus bedeutet Platz zwei alles! Ondra, zuvor bei 24x1, hatte nun 24x2 also 48 Punkte. Und rutsche so von Gold auf Rang 6. Schubert – bisher Letzter – holte sich Bronze, Nathaniel Coleman bekam Silber und Alberto Ginéz López, im Lead auf Rang 4, bekam Gold.

 

Die Damen-Quali

Die Damen-Wettkämpfe fanden leider ohne deutsche Beteiligung statt, es wurden trotzdem spannende Duelle. Auch hier ging der Routenbau im Bouldern und Lead gut auf. Im Speed nahmen sehr viel mehr Spezialistinnen als bei den Herren teil, entsprechend weiter hinten positionierten sich die Lead- und Boulder-Stars. Janja Garnbret (SLO) musste sich mit dem 14. Platz begnügen, beste Nicht-Spezialistin wurde Miho Nonaka (JPN) auf Rang 4. Im Bouldern zeigte Garnbret dann ihre Klasse und flashte alle vier Probleme – das gelang außer ihr keiner weiteren Athletin. Im Lead, ebenfalls ihre Paradedisziplin musste sie sich der Koreanerin Chaehyun Seo, Jessica Pilz (AUT) und Miho Nonaka geschlagen geben.

 

Das Finale der Damen

Im Finale der Damen standen am Ende die Slowenin, die Koreanerin, die beiden Japanerinnen Miho Nonaka und Akiyo Noguchi, Brook Raboutou aus den USA, Jessy Pilz sowie die Speed-Spezialistinnen Aleksandra Miroslaw (POL) und Anouck Jaubert (FRA). Im Speed durfte sich eine Frau riesig freuen: Die Polin Aleksandra Miroslaw gewann nicht nur verdient, sie stellte auch einen neuen Weltrekord auf: Bei 6.84 Sekunden liegt nun die neue Bestmarke.

 

Im Bouldern gab es wie immer eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Janja Garnbret (SLO) und der Rest. Für die Routenschrauber eine schwierige Entscheidung. Immerhin kann man die Boulder noch so gut schrauben, Garnbret zieht sie weg (im Finale bei zwei von drei Bouldern), während die meisten anderen Athletinnen keinen Auftrag haben. So war es dann auch: die zwei ersten Boulder sahen je eine Begehung von Janja und sonst niemandem, im dritten Boulder erreichte sie die Zone. Klar, wenn sie weiß, dass sie als einzige Boulder getoppt hat, braucht sie sich nicht mehr anstrengen. Insofern ist es natürlich auch eine Grundsatzentscheidung, ob man der Ausnahmeathletin einfach drei Flashs zugesteht und dafür dem Publikum vor Ort noch ein bis zwei Tops mehr zeigt – oder eben nicht. Die Platzierungen von zwei bis sieben entschieden sich über die Zonen und die Zonenversuche, die letzten beiden Athletinnen erreichten bei keinem Problem die Zone.

 

Im Lead wurde es nochmal spannend: Akyio Noguchi kletterte bis auf 29+ in das obere Drittel der Wand. Garnbret musste kämpfen, doch überkletterte ihre Marke dann doch deutlich, auf 37+; Nachdem nur noch drei Frauen hinter ihr kamen, konnte sie maximal auf Platz vier kommen. Doch die Höchstmarke blieb bestehen, selbst Lead-Weltmeisterin Jessica Pilz kam nicht höher. Und damit sorgte zumindest Garnbret für keine Überraschung. Die Slowenin domminiert seit Jahren die Weltcups, wurde als heißeste Gold-Favoritin gehandelt, und gewann! Platz zwei ging an Miho Nonaka aus Japan, erste Bronze-Trägerin wurde ihre Teamkollegin Akiyo Noguchi.

 

Alberto Ginés López gewinnt erstes olympisches Gold im Klettern

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Nach einem extrem spannenden Wettkampf holt sich der Spanier Alberto Ginés López die Goldmedaille. Silber geht an den Amerikaner Nathaniel Coleman, Bronze gewinnt Jakob Schubert aus Österreich. Endstand: Gold: Alberto Ginés López (ESP), 28 Punkte Silber: Nathaniel Coleman (USA), 30 Punkte Bronze: Jakob Schubert (AUT), 35 Punkte Tomoa Narasaki (JPN), 36 Punkte Mickael Mawem (FRA), 42 Punkte Adam Ondra (CZE), 48 Punkte Colin Duffy (USA), 60 Punkte Bassa Mawem (FRA) dns ("Did not start")  

Alexander Megos

Olympia-Teilnehmer

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Alexander Megos von der Sektion Erlangen ist einer von zwei Athleten, die sich für die Olympischen Spiele 2021 in Tokyo, Japan, qualifizieren konnten. Mit der Kampagne #climbtotokyo begleitet der DAV das deutsche Team auf seinem Weg nach Tokyo. Name Alexander Megos Jahrgang 1993 Wohnort Erlangen DAV-Sektion Erlangen  

Jan Hojer

Olympia-Teilnehmer

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Jan Hojer von der Sektion Frankfurt am Main ist einer von zwei Athleten, die sich für Tokyo 2021 qualifiziert haben. Mit der Kampagne #climbtotokyo begleitet der DAV das deutsche Team auf seinem Weg nach Tokyo. Name Jan Hojer Jahrgang 1992 Wohnort Frechen DAV-Sektion Frankfurt am Main  

Was ist Olympic Combined?

Das neue Wettkampfformat

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Im Sommer 2016 beschloss das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Aufnahme von Sportklettern in das Olympische Programm. Bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio 2021 wird die Premiere stattfinden. Der Wettkampfmodus für Tokio ist ein neu geschaffenes Kombinationsformat, das Olympic Combined, das sich aus den drei Disziplinen Lead, Bouldern und Speed zusammensetzt. Der Wettkampf bei Olympic Combined läuft über zwei Runden: Qualifikation und Finale, die an unterschiedlichen Tagen stattfinden. Alle Athlet*innen müssen in allen drei Disziplinen starten. Die Abfolge ist festgelegt: Begonnen wird mit Speed, danach kommt Bouldern und als letzte Disziplin Lead.   Die Ergebnisse aus der Qualifikationsrunde werden multipliziert und daraus ein Ranking erstellt. Kletter*in A hat beispielsweise in den drei Disziplinen die Platzierungen 2, 5 und 10, die multipliziert eine Punktezahl von 100 ergeben. Kletter*in B landet in allen drei Disziplinen auf Platz 6 und erhält 216 Punkte. Kletter*in A hat weniger Punkte, landet in der Gesamtwertung also vor Kletter*in B und hat bessere Chancen, ins Finale einzuziehen. Die acht Athlet*innen mit der niedrigsten Punktezahl werden dort starten. Im Finale werden die drei Disziplinen mit kurzer Pause direkt hintereinander geklettert. 

Lexikon des Wettkampfkletterns

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Klettern ist eine Welt für sich. Von A wie Affenindex bis Z wie Zone ergibt sich ein ganzes Lexikon aus Equipment, Positionen und Schrittfolgen, die im Klettersport ganz bestimmte Bezeichnungen haben. Wir führen euch einmal durch's ABC des Kletterns und erklären euch, was die Begriffe bedeuten.  Schnellnavigation: A - B - C - D - E - F - G - H - I - K - L - M - N - O - P - Q - R - S - T - U - V - W - Z