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Interview mit Jan Hojer

02.04.2019, 15:19 Uhr

Jan Hojer ist neben Alex Megos der derzeit bekannteste und erfolgreichste deutsche Kletterer. In den vergangenen Jahren konzentrierte sich der 27-Jährige beim Wettkampfklettern vor allem auf das Bouldern und war national und international sehr erfolgreich. Er war unter anderem mehrfacher deutscher Bouldermeister, gewann 2014 den Gesamtweltcup im Bouldern, holte sich ein Jahr später dort den 2. Platz und wurde im gleichen Jahr Europameister im Bouldern. Inzwischen aber hat sich sein Fokus verändert: „Olympia ist mein ganz großer Traum“, sagt Jan. Tokio ist wohl seine erste und einzige Chance, bei Olympischen Spielen dabei zu sein. Und die will er nutzen. In dieses Ziel investiert Jan sehr viel Zeit und Energie: Mittlerweile hat er den deutschen Speedrekord unter 7 Sekunden gedrückt – 6,671.

Jan, wie lange kletterst du schon und wie bist du zum Klettern gekommen?

 

Ich bin mit elf Jahren über meine ältere Schwester zum Klettern gekommen. Die hat mich damals eigentlich zum Sichern in die Halle mitgenommen. Ich war vom ersten Tag an total begeistert, habe mir dann auch gleich ein Kletterset gekauft und mit einem Einsteigerkurs begonnen. Von da an war ich sieben Mal die Woche klettern.

 

Hast du eine Lieblingskletterdisziplin? Wo liegen deine Stärken?

 

Ich habe mich mehrere Jahre lang auf das Bouldern konzentriert und habe bei vielen Weltcups mitgemacht. Das Sportklettern mag ich aber gleichermaßen, das hat mir übrigens schon immer Spaß gemacht. Früher konnte man bei den europäischen Jugendcups auch nur im Lead starten, für das Bouldern gab es die Jugendcups damals noch nicht. Später habe ich dann zwei komplette Lead-Weltcup-Saisons mitgeklettert. Meine Stärken? Das sind im Bouldern die eher athletischen und dynamischen Boulder. Lässt sich auch wunderbar auf das Speedklettern übertragen: als Athletik auf Zeit.

 

Wie kamst du zum Wettkampfklettern?

 

Nach ein paar Monaten in der Kletterhalle sind die erfahrenen Kletterer auf mich aufmerksam geworden und haben mir von den Kid-Cups erzählt. Da habe ich dann schließlich auch teilgenommen, danach ging es vom Landeskader zum Bundeskader.

 

Du bist auch viel am Fels unterwegs: Hast du einen Lieblingsspot und was war deine wichtigste Begehung?

 

Das Felsklettern bedeutet für mich ein Ausgleich zu den Wettkämpfen. Das ergänzt sich sehr schön. Einen Lieblingsspot habe ich aber zumindest momentan nicht. Vor ein paar Jahren war das Fontainebleau. Eine Zeitlang habe ich dann viele Deep Water Soloing-Routen auf Mallorca gemacht, war aber auch in den Rocklands unterwegs… mir gefällt es immer dort, wo ich gerade bin. Die für mich wichtigste Begehung war „Es Pontas“ im vergangenen Jahr. In diese Route habe ich drei- bis viermal mehr Zeit als in jedes andere Projekte investiert.

 

Hast oder hattest du ein Vorbild?

 

Also ich hatte nie Kletterposter in meinem Zimmer hängen. Aber in meiner ersten Kletterhalle, dem Chimpanzodrome, gab es Kletterer, die noch Wolfgang Güllich gekannt haben und viele Geschichten von ihm erzählten. Als ich mit dem Felsklettern begann, war er für mich ein Vorbild.

 

Stichwort Olympia: Was kommt dir als Erstes in den Sinn?

 

Ein sehr hoher Trainingsaufwand.

 

Road to Tokyo: Wie trainierst du? Und wie wichtig ist der Kopf dabei?

 

Jeder legt seinen Fokus natürlich anders. Bei mir liegt er beim Bouldern und beim Speed – dort kann ich am meisten punkten. Momentan trainiere ich alle drei Disziplinen, mache beispielsweise zweimal in der Woche eine Speed-Einheit und arbeite auch an meiner Ausdauer. Der Kopf spielt meiner Meinung nach immer eine große Rolle. In dieser Saison aber eine besonders große, da ich nicht weiß, wie lange sie für mich dauern wird. Vielleicht muss ich ja auch noch im kommenden Frühjahr bei den Europameisterschaften an den Start, um mich für Tokio zu qualifizieren. Da ist es besonders wichtig, nicht den Spaß zu verlieren und nicht nur physisch, sondern auch mental stark zu bleiben.

 

Hast du eine Lieblingsmusik, die du auch beim Trainieren hörst? Und hast du – unabhängig vom Klettern - einen Lieblingsfilm?

 

Im Chimpanzodrome, wo ich klettermäßig groß wurde, haben wir früher immer Hip-Hop gehört. Mittlerweile trainiere ich in ganz vielen verschiedenen Hallen und habe da keinen Einfluss, welche Musik gespielt wird. Bei den Trainingseinheiten oder auch während der Wettkämpfe höre ich keine Musik über Kopfhörer. Viele Athleten machen das ja während der Iso, um sich nicht ablenken zu lassen. Ich bekomme ganz gerne mit, was um mich herum passiert. Lieblingsfilm? Nö, habe ich nicht.

 

Wie stimmst du dich auf den Wettkampf ein? Hast du ein Ritual, bevor du an die Wand gehst?

 

Rituale habe ich keine. Aber ich habe ein ganz bestimmtes Aufwärmprogramm, das ich beim Training und vor den Wettkämpfen abspule. Das hilft mir, körperlich und mental präsent zu werden, den richtigen Fokus zu bekommen und Spannung aufzubauen. Das ist immer das gleiche Programm, das ich schon automatisch abspule und mir hilft, den Kopf abzuschalten.

 

Wie gehst du mit Niederlagen um?

 

Niederlagen sind Teil des Wettkampfkletterns. Ich habe vielleicht 70 bis 80 Weltcups bestritten und sechs davon gewonnen. Man muss auch aus den Niederlagen etwas Positives mitnehmen, beispielsweise eine Schwäche erkennen, an der man dann arbeiten kann. Deshalb analysiere ich im Nachhinein auch meine Wettkämpfe. Wichtig ist, dabei schnell einen Weg herauszufinden.

 

Deine Ziele für 2019?

 

Mein einziges Ziel ist, mich für Tokio zu qualifizieren. Selbst wenn ich sechs Weltcups gewinne, aber die Quali nicht schaffe, habe ich mein Ziel nicht erreicht.

 

Und in zehn Jahren: Halle oder Fels?

 

Ganz sicher Felsklettern. Aber das wahrscheinlich schon in drei bis fünf Jahren.

 

Du bist neben Alex Megos der einzige deutsche Profikletterer: wie lange glaubst du, dass du noch von deinem Sport leben kannst?

 

Mit 50 Jahren werde ich vermutlich kein Profikletterer mehr sein. Aber im Moment habe ich gute Verträge, die noch bis Ende 2020 laufen. Ich kann mich also ganz auf meinen Sport konzentrieren. Und es gibt keinen Job, den ich lieber machen würde.

 

Interview: Gudrun Regelein