Alpenvereine und Naturschutzorganisationen fordern besseren Schutz der Alpen

- Stauseen, Zufahrtsstraßen, Liftanlagen: Der Nutzungsdruck auf alpine Landschaften nimmt stetig zu. Die Alpenvereine aus Österreich, Deutschland und Südtirol sowie weitere Naturschutzorganisationen fordern deshalb mehr Verantwortung bei Energie- und Tourismusprojekten im Hochgebirge sowie den Schutz unberührter alpiner Natur.

Vertreter*innen von Bergsport- und Naturschutzverbänden fordern einen besseren Schutz alpiner Natur. Foto: ÖAV/Peter Neuner-Knabl

Gemeinsame Pressekonferenz am 16. Juni 2026 in Kühtai (Tirol)

Stauseen, Zufahrtsstraßen, Liftanlagen: Der Nutzungsdruck auf alpine Landschaften nimmt stetig zu. Die Alpenvereine aus Österreich, Deutschland und Südtirol sowie zehn weitere Naturschutzorganisationen, darunter WWF und BirdLife, machen in Kühtai (Tirol) auf Fehlentwicklungen aufmerksam. In einer breiten Allianz fordern sie mehr Verantwortung bei Energie- und Tourismusprojekten im Hochgebirge. Unberührte alpine Natur ist eine wertvolle Ressource, die es zu erhalten gilt. Die Politik müsse daher Beteiligungsrechte sichern und klare Grenzen für Bauvorhaben ziehen.

Der Österreichische Alpenverein, der Deutsche Alpenverein und der Alpenverein Südtirol hatten zu dem Ortstermin auf 2.000 Metern Seehöhe geladen, wo sich eine internationale Allianz aus befreundeten alpinen Vereinen und Naturschutzorganisationen wie Naturfreunde, WWF, CAI, Club Arc Alpin, BirdLife, WET und vielen mehr eingefunden hat.

Ihre gemeinsame Botschaft lautet: Die Alpen sind keine unbegrenzte Ressource. Wer Bergnatur auch für kommende Generationen erhalten will, muss heute klare Grenzen ziehen.

Denn ist Natur einmal verbaut, sei diese meist unwiederbringlich verloren. „Wir müssen also hinsehen und erkennen, was auf dem Spiel steht“, sagt Roland Stierle, Präsident des Deutschen Alpenvereins.

„Mit der Dortmunder Hütte sind wir hier seit den 1930er-Jahren präsent. Wir erleben unmittelbar, wie schwierig die Balance zwischen Nutzung und Schutz der Alpen geworden ist. Gerade weil auch wir Infrastruktur betreiben, sprechen wir nicht leichtfertig über Grenzen der Erschließung. Die entscheidende Frage lautet: Wann ist es genug?“
- Roland Stierle, Präsident des Deutschen Alpenvereins

Der Ort der Pressekonferenz sei bewusst gewählt, erklärt Wolfgang Schnabl, Präsident des Österreichischen Alpenvereins. Nicht weil es darum gehe, eine Region an den Pranger zu stellen, sondern weil hier sichtbar wird, was viele alpine Landschaften zunehmend prägt – Skipisten, Lifte, Zufahrtsstraßen, Beschneiungsanlagen und Energieinfrastruktur. Im Hintergrund eine Großbaustelle: Mit Muldenkippern, Bulldozern und Baggern wird gerade am 113 Meter hohen Staudamm gebaut - für einen weiteren Speichersee im Längental. 

„Die Energiewende ist notwendig, ebenso eine verantwortungsvolle Tourismusentwicklung. Beides darf jedoch kein Freibrief für Eingriffe in sensible Hochgebirgslandschaften sein. Der Nutzungsdruck wächst - umso dringlicher sind klare Leitplanken zum Schutz der letzten unberührten Ökosysteme.“
- Wolfgang Schnabl, Präsident des Österreichischen Alpenvereins

Was in Kühtai passiert, könnte schon bald auch im Tiroler Platzertal Realität werden, wo trotz vieler offener Risiken ein Stausee entstehen soll. Die anwesenden Organisationen warnen eindringlich davor, eines der größten noch weitgehend unberührten hochalpinen Moor- und Feuchtgebiete Österreichs zu opfern. „Mitten in der Klima- und Biodiversitätskrise sind solche Naturräume unverzichtbar“, betont Marlis Knapp vom WWF: „Sie speichern Wasser, binden klimaschädliches CO₂ und bieten seltenen Tier- und Pflanzenarten einen Rückzugsraum. Während europaweit Millionen in die Wiederherstellung von Mooren investiert werden, soll ausgerechnet das Platzertal zerstört werden. Das ist widersinnig.“ 

Blick auf die Baustelle im Längental im Jahr 2022. DAV/Franz Güntner

Dass die Erschließungen in den Alpen ein kritisches Maß erreicht haben, sei kein rein österreichisches Phänomen, stellt der Präsident des Südtiroler Alpenvereins Georg Simeoni fest. Mehr denn je brauche es kritische Fürsprecher für die Natur, die allerdings von der Politik systematisch geschwächt würden: „In Italien, wie in Deutschland und Österreich wird es immer schwieriger, als Naturschutzorganisationen an Entscheidungsprozessen bei den verschiedensten Projekten aktiv mitzuarbeiten und Perspektiven einzubringen. Diese Entwicklung ist nicht nur ökologisch, sondern auch demokratiepolitisch bedenklich.“ Die Alpenvereine und Naturschutzorganisationen verlangen einen verantwortungsvollen Umgang zum Schutz unberührter Naturräume. Diese sind die Lebensgrundlage kommender Generationen.

Forderungen der Alpenvereine und Naturschutzorganisationen

  • Platzertal erhalten. Der größte hochalpine Moor- und Feuchtgebietskomplex ist durch ein Kraftwerksprojekt bedroht. Ökologisch wäre der Verlust nicht vertretbar. 

  • Alternativen ernsthaft prüfen. Bestehende technische Räume müssen zuerst effizienter genutzt werden, bevor naturnahe Hochtäler verbaut werden. Großprojekte im Hochgebirge dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen in ihrer gesamten Wirkung geprüft werden – gemeinsam mit bestehenden Speichern, Wasserableitungen, touristischer Infrastruktur, Zufahrten und den zunehmenden Risiken des Klimawandels. 

  • Beteiligungsrechte sichern. Natur braucht eine starke Stimme – und demokratische Verfahren brauchen kritische Beteiligung. Wenn Umweltorganisationen und unabhängigen Umweltinstanzen Rechte genommen werden, schwächt das den Naturschutz und die demokratische Kontrolle. 

  • Klare Leitplanken zugunsten des Naturschutzes. Die Energiewende ist notwendig. Sie darf aber nicht auf Kosten unberührter Naturräume vorangetrieben werden. Beschleunigte Verfahren, vereinfachte Genehmigungen und gelockerte Schutzbestimmungen dürfen nicht dazu führen, dass sich die Grenzen immer weiter zulasten der Natur verschieben.

Artikel zum Wasserkraftwerksprojekt Sellrain-Silz/Kühtai

Das Kraftwerks-Bauvorhaben im Längental

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