LLB: Der LLB warnt für die relevante Höhenstufe vor einem latenten Altschneeproblem. Im mittleren Teil der Schneedecke sei in Schattenhängen eine störanfällige Schicht aus aufbauend umgewandelten, großen und kantigen Kristallen konserviert. Daneben sei wenig windbeeinflusster Neuschnee zu beachten, der meist auf einer günstigen Altschneeoberfläche zu liegen kam und deshalb nur vereinzelt störanfällig sei.
Beobachtungen: Seit die Tourengeher aus dem Wald in freies Gelände gingen, beobachten sie klare Warnzeichen für gebundenen, oberflächigen Schnee (Spursteg, wechselnde Einsinktiefen, Kometenschweife und Windkolke). Alarmzeichen wie Wumm-Geräusche oder shooting cracks bleiben jedoch aus. Dies bestätigt die Aussagen zum Neuschnee aus dem LLB.
Die Tourengeher wählen für den Blick in die Schneedecke einen kurzen, knapp über 30° steilen Hangbereich unterhalb einer schützenden, hohen Felswand. Dieser Bereich befindet sich oberhalb ihrer auf einer flachen Terrasse angelegten Spur. Beim Schaufelschertest fallen zwei potenzielle Schwachschichten auf: in 20 und 70 - 80 cm Tiefe.
ein großer Schattenhang. Auf einer ansteigenden Terrasse geht eine Aufstiegsspur unterhalb einer großen Felswand auf einen großen, steilen Gipfelhang zu. Vor dem Ende der Felswand, welche die Terrasse von oben schützt, führen zwei Tourengeher einen Schneedeckentest durch, um zu beurteilen, ob sie in den steilen Hang reinspuren können.
Eine Lupe zu einem einfachen, 1 m Tiefen Schneeprofil: eine dünne Schwachschicht in ca. 20 cm Tiefe aus Graupel-Körnern, eine dicke Schwachschicht aus kantig abgerundeten Körnern in ca. 70 cm Tiefe; die Körner im Schneeprofil anhand der internationalen Symbole
Der ECT liefert eine Schwachschicht: ECTP13@20 (Darstellung Daumenmethode in Klammern -> schlechte Stabilität). Eine Lawinenauslösung durch geringe Zusatzbelastung ist demnach in dieser Schicht möglich.
Der KBT liefert zwei Brüche: KBT leicht + rauh @ 20 (Darstellung Daumenmethode in Klammern -> schlechte Stabilität) und KBT stark + gestuft @70 (Darstellung Daumenmethode in Klammern -> gute Stabilität). Dies bestätigt den ECT.
Bei der Untersuchung der tieferliegenden Schwachschicht stellen die Tourengeher fest, dass diese aus großen Kristallen besteht (1-3 mm). Es handelt sich hierbei offensichtlich um das im LLB beschriebene Altschneeproblem. Die Kristalle sind jedoch nicht kantig, sondern kantig abgerundet. Die Schichthärte liegt zwischen 1F und 4 F. Dies erklärt den gestuften Bruch beim starken Klopfen beim KBT. Die im LLB erwähnte, störanfällige Schicht aus großen, kantigen Kristallen unterlag offensichtlich dem Prozess der abbauenden Umwandlung, was die Kristalle abrundete und zu Versinterung und somit zu Festigkeitszunahme innerhalb der Schicht führte. Die Schicht ist daher an dieser Stelle nicht mehr störanfällig. Dies kann als Indiz dafür gewertet werden, dass das Altschneeproblem im naheliegenden Gipfelhang nicht mehr so stark ausgeprägt ist, wie im LLB beschrieben. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass die am Teststandort beobachtete abbauende Umwandlung nicht zwingendermaßen im ganzen Hang stattgefunden hat. Wenn es Stellen im Hang gibt, an denen diese Schicht nahe an der Oberfläche liegt, dann herrscht dort in dieser Schicht zumindest phasenweise ein großer Temperaturgradient, der zu weiterer aufbauender Umwandlung führt und dort den Prozess der abbauenden Umwandlung verhindert.
Beim genauen Blick in die kritischere der beiden Schwachschichten in 20 cm Tiefe stellt sich heraus, dass diese aus Graupel besteht. Da sich Graupel unterhalb von Felswänden sammelt, liegt die Vermutung nahe, dass diese Schwachschicht nur lokal unter der Felswand stark ausgeprägt vorhanden ist. Im fraglichen Hang hat sie keine Relevanz, wenn es sich nur um vereinzelt eingelagerte Graupelkörner handelt. Bestätigt sich diese Vermutung bei einem weiteren Blick in die Schneedecke abseits der Felswand und zeigt sich dort keine weitere schwache Schicht, dann könnte die Gruppe den Gipfelhang z.B. unter Einhaltung von Entlastungsabständen begehen. Um diese Entscheidung fällen zu können, bedarf es allerdings weiterer Überlegungen (-> Risikomanagement, S. XX).
Merke: Die Übertragung von lokal gewonnenen Erkenntnissen zum Schneedeckenaufbau und zur Stabilität auf andere Hangbereiche im Sinne des Prozessdenkens ist auch für Erfahrene manchmal komplex und fehlerbehaftet. Mit Übung und Erfahrung lernt man, die Treffergenauigkeit selbst einschätzen zu können und zu erhöhen.