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Bergsportwelt trauert um Auer, Lama und Roskelley

23.04.2019, 09:49 Uhr

Letzte Woche wurden drei der besten Alpinisten der Welt bei einer gemeinsamen Bergtour am Howse Peak im kanadischen Banff-Nationalpark von einer Lawine verschüttet. Am Sonntag, den 21. April 2019, wurden schließlich die Leichen der beiden Österreicher Hansjörg Auer (35) und David Lama (28) sowie des Amerikaners Jess Roskelley (36) gefunden. Die internationale Bergsportszene trauert um den Verlust dieser herausragenden Persönlichkeiten.


Die drei Ausnahmeathleten waren seit mehreren Tagen in den kanadischen Rocky Mountains unterwegs und hatten schon einige Extremklassiker geklettert. Ihre letzte Tour war die schwierige Route "M16" (WI 7+, A2) in der Ostwand des Howse Peak (3295 Meter). Steve House, der die Tour 1999 mit Barry Blanchard und Scott Backes zum ersten Mal durchstiegen hatte, beschrieb sie so: "Finishing this route almost took more than we had to give".

 

Wie es scheint, hatten die drei am Dienstag, 16. April, die Route durchstiegen und standen um 12.43 Uhr auf dem Gipfel. Beim Abstieg müssen sie von einer Lawine verschüttet worden sein – der Lawinenwarndienst sprach von "Frühjahrsverhältnissen", das heißt zunehmender Gefahr im Lauf des Tages. Als Roskelley sich nicht wie angekündigt bei seinem Vater meldete, alarmierte dieser die Parkverwaltung. Schlechtes Wetter und die zunehmend verschärfte Lawinensituation erschwerte die Suche nach den drei Verletzten. Bei einem Überflug mit dem Hubschrauber sahen die Retter einen riesigen Lawinenkegel und sichteten Teile der Kletterausrüstung. Schon zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die Profis kaum mehr Überlebenschancen hatten. Am Ostersonntag wurden die drei Bergsteiger dann tot geborgen; auf Roskelleys Handy war ein Gipfelselfie der drei.

 

Hansjörg Auer (35)

Bis 2007 war der Ötztaler Hansjörg Auer in der Szene relativ unbekannt. Dann gelang ihm mit einer Freesolo-Begehung an der Marmolada-Südwand ein Paukenschlag: Der "Weg durch den Fisch" ist eine 1220 Meter lange Route in der Schwierigkeit 7b+ (IX-) – und Auer kletterte sie ohne Seil, nachdem er sie nur am Tag zuvor abseilend grob ausgecheckt hatte. Bis 2008 arbeitete er noch als Sport- und Mathematiklehrer, dann wurde er Profi-Bergsteiger.

 

Auch mit Seil machte er immer wieder mit schwierigsten (Erst-)Begehungen auf sich aufmerksam. Die Highlights in seinem Tourenbuch: Bruderliebe (800m, X) und die erste freie Begehung von L’ultimo dei Paracadutisti (650 m, X+) an der Marmolada Südwestseite.

 

Als kompletter Alpinist war er auch an den großen Bergen der Welt erfolgreich. Die wichtigsten Touren: Erstbesteigung des Kunyang Chhish East (7400 Meter) über die 2700 Meter hohe Südwestseite (piolet d'or 2013), Erstbesteigung des Gimmigela East (7005 Meter) durch die Nordwand sowie die Solobesteigung des Lupghar Sar West (7157 Meter).

 

David Lama (28)

Der Tiroler David Lama galt als das Wunderkind unserer Zeit: Als Sohn eines Nepalesen und einer Tirolerin wurde er schon mit fünf Jahren vom Himalaya-Veteran Peter Habeler entdeckt. Es folgten Siege bei Kletterwettkämpfen und Top-Leistungen am Fels: Lama wurde zweimal Jugendweltmeister und gewann bereits als 15-Jähriger in seiner ersten Wettkampfsaison sowohl im Lead als auch im Bouldern einen Weltcup – als bislang einziger Rookie. Zudem holte er sich die Goldmedaille bei der Lead-Europameisterschaft in Russland. Ein Jahr später stieg er auch bei der Boulder-Europameisterschaft auf das oberste Podium. Damit war er der erste Kletterer, der gleich in beiden Disziplinen Gold gewann.

 

Abseits der Welt aus Plastik kletterte Lama regelmäßig in den höchsten Schwierigkeitsgraden: 2010 gelang ihm die erste freie Begehung der 1100 Meter langen Brento Centro (X) im Sarcatal. Mit Bellavista (X+) an der Westlichen Zinne und der Voie Petit (X) am Grand Capucin folgen zwei weitere alpine Mehrseillängenrouten im zehnten Grad. Zwei Jahre später gelang Lama sein bisher größtes Projekt: Als Erster kletterte er die berühmte Kompressor-Route am Cerro Torre frei – ein Meilenstein der Klettergeschichte. "Das war die Zeit, als ich zum Alpinisten wurde", sagte er später über diese Erfahrung.

 

Letztes Jahr verewigte er sich im Himalaya: Im Alleingang bestieg er als erster Mensch den 6895 Meter hohen Lunag Ri.

 

Jess Roskelley (36)

Der US-Amerikaner Jess Roskelley gehörte ebenso wie Auer und Lama zum Athletenteam des Bergsportausrüsters The North Face. Zusammen mit seinem Vater John Roskelley (der den piolet d'or 2014 für seine Lebensleistung erhalten hatte) bestieg Jess 2003 als damals jüngster Amerikaner den Mount Everest (8848 Meter). 2017 gelang ihm mit Clint Helander in sieben Tagen die erste Begehung des "Gauntlet Ridge" (2500 m, Alaska 6, M6, A0, 95°), des kompletten Südgrates am Mount Huntington in Alaska. Es folgten weitere schwierige Eis- und Felsrouten in Nord- und Südamerika sowie in Asien.

 

Der Deutsche Alpenverein betrauert den Tod der drei großen Bergsportler und wünscht den Angehörigen viel Kraft für die kommende Zeit.