logo-dav-116x55px

Expedkader Frauen - Eine Reise ins Reich der Risse

11.11.2021, 09:16 Uhr

Von 6. - 8. Oktober war unser Expedkader der Frauen wieder im Gelände unterwegs - genauer gesagt ging es für das eingeschweißte Team zum Rissklettern ins italienische Cadarese. Dabei ging es nicht nur darum Finger, Hände und Füße in unnachgiebige Felsrisse zu verklemmen, denn gerade das Legen von sogenannten Placements, also der Selbstsicherungen sollte geübt sein. Was sie dabei erlebt und auch gelernt haben, das erzählen Luisa Deubzer und Rosa Windelband.


Der schwarze Totem (ein Klemmgerät, das zur Sicherung in Felsrisse verspreizt werden kann) liegt bombe, aber es ist kein allzu großes Placement und mittlerweile auch schon etwas weit weg. Lea fighted sich die Verschneidung am Ende von Crack-a-Gogo hoch, als ihr -Zack- ein Fuß rutscht. Sie macht einen ziemlichen Abgang, bei dem ich sogar noch Zeit habe, ein wenig Seil einzuziehen. Der Cam hält, Lea flucht, Janina und ich bejubeln den weiten Sturz und das Vertrauen ins Placement.

Für mich ist diese Szene bezeichnend dafür, was ich an unserem Team schätze: man ärgert sich füreinander, man fiebert mit, man freut sich und man cheert für Dinge, die die Person selbst vielleicht in dem Moment gar nicht sieht.

 

Es ist schon cool: Lea hatte einen harten Sommer, an dessen Ende ihr Kopf beim Klettern eigentlich nicht besonders gut war, nachdem einer ihrer Freunde beim Sportklettern einen schweren Unfall hatte. Und jetzt klettert sie kühner als wir alle, weit über den mobilen Sicherungsmitteln und gibt dabei alles. Auf die Frage, wie sie sich diesen plötzlichen mentalen Switch erklärt, entgegnet sie, „das Umfeld und die Dynamik im Team”, die einfach ziemlich empowernd sind und die es leichter machen, über sich hinauszuwachsen - dort, wo die Gefahr objektiv nicht groß ist, der Kopf aber manchmal doch streikt. Auch ich hatte vor ein paar Monaten eine ähnliche Erfahrung in den Dolomiten gemacht.

Während unserer paar Tage in Cadarese (drei Lehrgangs-Tage, an denen Dörte und Laura uns beim Kampf mit den Klemmern mit ihrer Erfahrung zur Seite standen und ein paar Tage im Anschluss, an denen einige von uns noch länger geblieben sind - weil es einfach noch zu viel zu tun gab) änderte sich mein Blick auf die ungebohrten Linien fundamental: am Anfang schien alles noch etwas einschüchternd, einfach, weil es keine Bolts gab, am Ende hängte ich mich überall rein, solange es nur einen Riss gab: da kann man zur Not ja eh hochaiden.

 

Cadarese ist ein bisschen wie Fountainbleau: Man versucht in alles, was gut ausschaut, denn Schwierigkeitsgrade sind teilweise wirklich unaussagekräftig - man kann gemütlich am Wandfuß picknicken und dabei zuschauen, wie die anderen im Größer-als-Hand-Rissdach verzweifeln. Gerade deshalb ist es das perfekte Setting, um sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Zum Beispiel: Um mehr Vertrauen in mobile Placements zu bekommen, weil die Placements a) sehr gut sind und man b) auch mal an der Leistungsgrenze was probiert, also auch mal ordentlich reinkachelt. Denn wie wir an unserem ersten Tag feststellen, ist es etwas anderes meinen Placements in einer 6c zu vertrauen, in der ich eh wahrscheinlich nicht falle, als in einer deutlich schwierigeren 7c mit schlechten Tritten (Überraschung). Bei ersterer ist das Vertrauen eher theoretisch, bei zweiterer - wenn ein Sturz auf einmal sehr wahrscheinlich ist - überlegt man sich am Anfang doch noch ein zweites Mal, ob der grüne Microcam wirklich kein Backup braucht. Nach ein paar Tagen war das Vertrauen jedenfalls dann auch praktisch da.

Als neue Herausforderung stellte sich auch das Merken der Riss-Beta (Griff- und Tritt-Reihenfolge) heraus: „Das gibts doch nicht, der Fingerriss sieht überall gleich aus, ich verlier immer den Überblick an welcher Stelle ich grad bin und vergesse die Reihenfolge der Klemmer...“. Doch genau da ist es umso spannender mit anderen gemeinsam die Züge ausarbeiten zu können. Und spätestens nach ein paar Tagen Übung konnten wir uns beim gemeinsamen abendlichen Visualisieren der Projekte sogar, zumindest über einen großen Teil, der Züge austauschen. Natürlich darf dabei auch das Fachsimpeln an welchem Fingerglied der Riss nun am besten klemmt und welches Cam Placement man noch weglassen könnte, auf keinen Fall fehlen.

Und wie tausende Bouldernde jedes Jahr nach Bleau pilgern, in der Hoffnung mit besseren Plattenskills gesegnet zu werden, hofften wir darauf, in Cadarese eine Erleuchtung für Klemmer jeder Art zu finden. Ob das geklappt hat?

 

Naja, nicht ganz, aber gelernt haben wir trotzdem viel. Weil viele der Risse entweder auch mal Verjüngungen oder Griffe und Tritte außerhalb des Risses hatten, hat es sich doch teilweise etwas mehr wie normales Klettern angefühlt - der Sprung ins Wasser war daher zumindest nicht ganz so kalt. Und genau deshalb war es das ideale Lern-Setting mit vielen kleineren Erfolgserlebnissen. Zugegeben: Die Erleuchtung gab es nicht, aber vielleicht die Erkenntnis, dass das mit dem Klemmen kein Zauberwerk ist, und selbst die Un-rissigsten von uns, vielleicht gar nicht mehr so schlecht in dieser Kletterart sind, wie sie immer dachten.

Und wie immer, wenn man besser in etwas wird, merkt man: es gibt in jedem Fall noch viel zu lernen: Cadarese wir kommen wieder, dann aber mit Amelie im Gepäck, die wir dieses Mal leider an ihre Uni-Einführungswoche entbehren mussten.

Laura, mega cool dich endlich mal kennen lernen zu dürfen, wir hoffen du bist bald mal wieder dabei!

 

In unserer Zeit in Cadarese sind wir folgende Touren clean geklettert:

  • The Doors 8a+
  • Mustang 7c
  • c’era una volta (ohne bolts) 7b+
  • Crack-a-Gogo 7a
  • Imbuto Crack 7a
  • Non parlo inglese 7a
  • L´amour toujours (offwidth) 6c
  • Un pomeriggio da Leoni 6c
  • la freccia 6b+
  • Mission gin lemon 6b+
  • Larco 6b
  • Foglie Cadenti 6a+
  • Lo sceriffo di cadda 6b
 

Weitere Infos zum Expeditionskader Damen und Herren

Mer Infos zum Expedkader gibt es unter alpenverein.de/expedkader

oder auf den Sozialen Medien: 

 

Expedkader der Frauen: Spannende Tage im Höllental

Mehr erfahren
Im August hat sich der Expedkader der Frauen im Höllental getroffen um ein besonderes Projekt zu verwirklichen: Die Erschließung und Erstbegehung zweier Kletter-Touren am Riffelkopf. Was es bedeutet sich dorthin zu wagen, wo vorher noch niemand war und wie es dem Team dabei ergangen ist, berichten Lea Luithle und Luisa Deubzer.

Expedkader Frauen - Lehrgang Alpinklettern in den Dolomiten

Ein Nachbericht von Amelie Kühne

Mehr erfahren
Dolos, wir kommen! 6 Tage Alpinklettern standen vor der Tür und wir waren gespannt darauf, welche Touren uns dieses Mal erwarten sollten. Der Rucksack war gepackt: Hammer, Haken, Keile, Cams, Halbseile, Einfachseile, Alpin-/Sportkletterexen... ob wir das alles brauchen? - Ganz egal, Hauptsache alles ist dabei! Wir waren gewappnet für alle Eventualitäten. Wie es uns dann ergangen ist und was wir dabei erlebt haben: Hier geben wir euch einige Einblicke in unseren Lehrgang Alpinklettern, der vom 22. bis 29. Juni in den Dolomiten stattfand.

Perfektes Eis: Expedkader Frauen in den Dolomiten

Es geht endlich los: Expedkader Frauen trifft sich unter besonderen Auflagen zum ersten Lehrgang

Mehr erfahren
  Karacho oder Finger- und Fußspitzengefühl. Die Eisrouten in Venetien, genauer den Dolomiten, Italien, erforderten beides von uns. Anders als erwartet und unter ganz besonderen organisatorisch- und logistischen Bedingungen durfte Ende Februar/Anfang März endlich unser erster Lehrgang stattfinden. Dazu trafen wir uns mit Dörte und special guest Chris Semmel in den Dolomiten. Fünf Tage lang pickelten wir was das Zeug hielt.  

20 Jahre Expedkader

Bergpodcast Folge 31

Mehr erfahren
Der DAV-Expeditionskader – kurz: Expedkader – feiert in diesem Jahr runden Geburtstag. Vor 20 Jahren wurde diese neue Art der Förderung des Leistungsbergsteigens ins Leben gerufen. Das Konzept: Talentierte, junge Bergsteiger sollen drei Jahre lang mehrere Ausbildungsblöcke durchlaufen und abschließend auf eine gemeinsame Expedition gehen. Unterstützt wurde er dabei bereits von Beginn an vom Partner Mountain Equipment. In dieser Folge möchten wir euch den Expedkader, seine Geschichte und Ziele, Erfolge und Niederschläge vorstellen. Reporter Georg Bayerle hat dazu mit Teilnehmern, Absolventinnen, Trainern und Partnern gesprochen:   Dörte Pietron, erste Frau in einem Expedkader und mittlerweile Trainerin des Frauenkaders Caro North, Absolventin des Frauenkaders 2013 und in diesem Jahr zum ersten Mal Ausbilderin im Sichtungscamp Florian Storkenmaier aus dem aktuellen Männerkader Thomas Strobl von Mountain Equipment