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Lange Neutouren - Erstbegehungen um jeden Preis?

12.11.2021, 08:09 Uhr

Von "älteren" Leuten höre ich immer wieder, dass "früher alles besser war". Oft folgen dem solche Sätze wie:
"Da waren die Alpen noch unverbaut, viele große Wände noch frei, die Kletterer viel mutiger und die Frauen viel schöner."
Lange Zeitbrachten mich diese Aussagen nur zum Schmunzeln, doch mittlerweile stimmen sie mich nachdenklich. War das denn wirklich so, oder sind das nur verklärte Wahrnehmungen?

Vielen von diesen Punkten kann man sicherlich zustimmen. An anderer Stelle sollte man aber aufpassen, dass nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden.
Sicherlich, Geschmack ändert sich und auch die Randbedingungen sind nicht mehr die gleichen. Vor 25 - 40 Jahren gab es in den Alpen bei weitem nicht so viele Mehrseillängenrouten wie jetzt, schon gar nicht Wände, die mit Bohrhaken erschlossen waren.
Heute sieht das ganz anders aus. Man könnte im Alpenraum problemlos jedes Wochenende in eine unbekannte Route einsteigen, ohne zum Wiederholungstäter zu werden. Früher war dem nicht so, da stand der Pioniergeist im Vordergrund.




 

Unter welchen Bedingungen dieser gelebt wurde, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Das Loch für den Haken mit Hand bohren, das ist schon unbequem. Dies jedoch freistehend auf einer Granitreibung 10 m über der letzten Sicherung, das ist der wahre Alptraum. Schon beim Gedanken daran bekomme ich einen Wadenkrampf. Doch früher sind viele Haken genau so in den Fels gekommen. Das Schweizer Klettergebiet am Grimselpass mit dem passenden Namen "Eldorado" ist nur ein Bespiel dafür.
Andere Veteranen haben mit einer 9 kg schweren Benzinbohrmaschine in der Wand gearbeitet. Auch keine sehr erfreuliche Vorstellung. Mit einem schweren Rucksack zwischen den Beinen abzuseilen ist das eine, aber so ein stinkendes und lärmendes Monster gegen die Wand zu pressen um einen Haken zu setzen, nein danke. Im Vergleich dazu erscheint mir die 5 kg schwere Hilti der 1990er Jahre, quasi der Dinosaurier unter den Akkubohrmaschinen, schon als ein echtes Hightech-Gerät. Auch ich habe noch mit der Hilti im Skyhook sitzend Haken gesetzt. Jedes Mal, wenn die Bohrmaschine ans Hilfsseil gehängt wurde, knirschte der Hook bedrohlich und manchmal hing ich auch gleich wieder im Haken darunter.

Erstbegehungen im letzten Jahrtausend waren wahrlich kein Zuckerschlecken. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum es in vielen älteren Routen so wenig Haken gibt, denn da war die Hürde einen Haken zu setzen um einiges größer. Vielleicht war es dadurch leichter, die Pobacken zusammenzukneifen und noch ein paar Meter weiter zu klettern? Auch in der damaligen DDR, also im Elbsandstein, war das oft der Fall. Doch mangelte es dort zusätzlich am notwendigen Material für die Ringe. Bekannte Erstbegeher der Sächsischen Schweiz sind sogar bis zur Ostsee gefahren, um Stahl für ihren Schmied zu besorgen. Erst dann gab es wieder Ringe.

Doch zurück zur Gegenwart:
Man sagt ja: "Jede Generation sucht sich ihre eigenen großen Herausforderungen". In Zeiten, wo Haken überall verfügbar sind, Akkubohrmaschinen weniger als 3 kg wiegen und das Material immer leichter wird, wo ist da die Herausforderung?
Wahrscheinlich besteht sie darin, sich von der breiten Masse abzugrenzen. Also immer neue bzw. eigene Wege zu gehen.
 

 

Doch leider sind, wie schon angesprochen, viele tolle Wände bereits erschlossen. Manche mit einer Routendichte, wo man sagen möchte, dass weniger doch manchmal mehr ist. Durch die übermäßige Erschließung vieler Klettergebiete kam es bereits in einigen Gebieten zu Konflikten mit Gemeinden, Nationalparks, dem Umweltschutz oder der lokalen Klettergemeinde. Die Zeiten, in denen man mit der Bohrmaschine einfach losziehen und munter drauflos bohren konnte, sind vorbei. Die Herausforderung für die nächste Generation ist weniger das Bewältigen der Linie, als vielmehr, eine zu finden.
Vielleicht ist die neue große Herausforderung auch das Überwinden bürokratischer Hürden? Nicht nur in einigen der osteuropäischen Sandsteingebiete ist das Erstbegehen nur nach vorherigem, schriftlichem Antrag gestattet. Auch im französischen Nationalpark "Parc national des Écrins" ist das gelebte Praxis. Im Frankenjura gibt es ein Kletterkonzept mit einer Zonierung, welches die Beschränkungen leichter ersichtlich macht.

Bei Neutouren wurden schon viele Fehler gemacht und das ist auch etwas Menschliches. Nur liegt es an uns selber, ob man aus diesen Fehlern eine Lehre ziehen kann. Angesichts der zwangsläufig immer weiter abnehmenden Möglichkeiten für Erstbegehungen und der damit einhergehenden stetig steigenden Wahrscheinlichkeit von Konflikten mit bestehenden Routen, erscheint es mir absolut notwendig, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

 

 

Was sollte ich also beachten, wenn ich meinen Drang nach Neuland unbedingt ausleben will?

Hier ein kleine Checkliste dazu:

  • Das Mindeste ist es, zuerst die Nachbarrouten der geplanten Erstbegehung zu klettern, um überhaupt erst einmal ein Gefühl für die Wand und die bestehenden Linien zu bekommen. Eine Neutour sollte bestehende Routen in ihrer Anlage weder verändern noch beeinflussen. Nur weil die Haken der Nachbaroute extrem weit links oder rechts stecken, heißt es nicht, dass die logische Kletterlinie auch dort verläuft. Je größer die Wand, umso großzügiger kann auch die Kletterlinie von den Haken abweichen.
     
  • Einen oder mehrere Locals vor Ort nach den örtlichen Gegebenheiten für Erstbegehungen fragen. Da man nicht alle Einheimischen fragen kann, wäre hier auch etwas mehr Offenheit wünschenswert. Wir haben mal in der Schweiz von drei verschiedenen Locals drei verschiedene Antworten bekommen. Diese reichten von der Aussage "Kein Problem!" bis hin zu "Die anderen, die Ja gesagt haben, kommen aus dem Nachbarort, die haben hier nichts zu sagen." Freunden von mir erging es einst in den Dolomiten sehr schlecht: Nach Rücksprache mit dem lokalen Verein und einem Bergführerbüro schien es keinerlei Probleme mit Neutouren in der von ihnen anvisierten Wand zu geben. Leider war dem dann doch nicht so und am Ende schien es, dass sie die "Heilige Kuh" des Gebietes mit Bohrhaken geschändet hatten, worauf ihnen Arroganz und Intoleranz vorgeworfen wurde. Ungeachtet dessen sind auch solche Erlebnisse kein Grund, auf eine Kontaktaufnahme mit den Locals zu verzichten.
     
 

Auch mal auf eine genehmigte Linie verzichten. Das fällt besonders schwer, da man schon viel Bürokratie hinter sich gebracht und Herzblut in die Anträge gesteckt hat. Jedoch ist es das Ergebnis, das zählt. Wenn dann die neue Route nur reingequetscht, unselbständig oder der Fels eher brüchig ist, dann sollte man sich selbst fragen, ob es das Ganze wert ist.
 

Rücksprache mit den Erstbegehern der Route(n) halten, die ggf. beeinflusst werden könnte(n). Viele Missverständnisse ließen sich vermeiden, wenn man vorher darüber gesprochen hätte.
 

Beim Auffinden von Haken einer unbekannten Route seine eigene Linie hinterfragen und ggf. eine andere Linie wählen oder die Neutour abbrechen.

 

Wenn die Route für einen nicht kletterbar ist, auch mal auf die Linie verzichten. Das Manipulieren von Griffen ist leider in manchen Gebieten ganz normal. Egal ob damit das Vergrößern oder Zuschmieren vorhandener Griffe gemeint ist, es ist eine Manipulation. Wer sich seine eigene Route basteln will, kann bestimmt in der lokalen Kletterhalle nachfragen, ob er dort behilflich sein kann. Griffmanipulationen nehmen der zukünftigen Generation ihren Gestaltungsraum. Bei großen Wänden ist es üblich, dass solche Stellen A0, also mit Hakenhilfe, geklettert werden. Da können dann ambitionierte Wiederholer ihr Glück versuchen und sich die erste freie Begehung holen. Viele Routen im Verdon wurden so erst viele Jahre nach der Erstbegehung frei geklettert. Hätte man damals die Griffe manipuliert, gäbe es diese Routen so nicht mehr.

 


Diese Aufzählung soll kein festgeschriebenes Gesetz sein, sondern nur eine Art Checkliste und Handlungsempfehlung darstellen. Wenn dadurch Probleme und Missverständnisse vermieden werden können, ist es ein Gewinn für die ganze Klettergemeinschaft.

 

Tobias Wolf, November 2021