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„Ich muss immer irgendwas tun“

Andi Hammerstingl, Mitglied im DAV-Expeditionskader, hat es nicht weit von Peißenberg in die Alpen. Dort möchte er dieses Jahr gerne einige alpine Klassiker klettern.

 

Bist du schon gut in die Sommersaison gekommen?

Im Winter habe ich nicht viel gemacht, weil ich aufs Abi lernen musste. Das Kader-Eisklettercamp in Argentière, ein bisschen was am Geierkopf und ein paar Skitouren. Im Wesentlichen war ich ziemlich auf die Schule konzentriert. Aber ich konnte zumindest, als der Schnee weg war, viel sportklettern in den Oberammergauer Gebieten. Mit dem „Ölberg“ (7c) ist die Saison schon gut angelaufen.

Nach dem Abi muss jetzt dann was Alpines gehen. Vielleicht einmal die „Heiße Nummer“ im Oberreintal oder etwas von den Klassikern am Schüsselkar: die Direkte oder die Südost. Ich finde es faszinierend anzuschauen, was die früher so gemacht haben, mit viel schlechterem Sicherungsmaterial.

Mit Xari Mayr habe ich letzten Herbst eine Neutour am Pantherkopf angefangen mit dem Ziel, möglichst wenig Bohrhaken zu setzen, heuer im März ist sie fertig geworden, jetzt müssen wir sie noch rotpunkt klettern. Unten wird sie so um die Sieben sein, oben kommt ein Riss im oberen achten, unteren neunten Grad, dort mussten wir drei Bohrhaken setzen. Wo aber mobile Sicherungen gehen, haben wir nix gebohrt, insgesamt kommen wir mit nur vier Zwischen-Bohrhaken auf vier Seillängen aus; die Stände sind gebohrt.

 

Du hast das Klettern als Schulsport gelernt – wie lief das?

In der Realschule Peißenberg gab es eine Klettergruppe als freies Angebot für alle Schüler, das hat mir gut getaugt, dann wurde mehr daraus. Herr Bertle, der Leiter der Gruppe, hat mich unterstützt. Ein Highlight waren die Osterferien: Da sind wir für eine Woche nach Arco gefahren, und ich konnte meine ersten Mehr-Seillängen-Routen klettern.

In der Peißenberger Kletterhalle, wo wir von der Schule aus hingingen, habe ich auch Leute vom Alpenverein getroffen, mit denen ich dann auch rausgegangen bin und zum alpinen Klettern.

 

Welche Rolle spielt Bergsport in deinem Leben? Ist er nur ein Hobby unter anderen?

Auf jeden Fall ist er ein ziemlich viel Zeit einnehmendes Hobby. Durch den Kader ist es mehr geworden. Aber ich lebe nicht ausschließlich für den Bergsport, habe Freunde, Freundin und die Schule. Außerdem brauche ich in meinem Leben auch Platz für andere Hobbys, zum Beispiel das Kajakfahren. Ich fahre ganz ordentlich, ungefähr bis zur Schwierigkeit Fünf, danach wird’s saugefährlich. Wenn ich beim Klettern vier Meter über dem Haken stehe, weiß ich was mir bei einem Fehler droht; beim Kajakfahren hat man weniger Einfluss und kann’s schlechter einschätzen. Und man kann auch nicht zurück, wenn man mal in eine Stelle eingefahren ist.

 

Geht deine Freundin mit zum Klettern?

Ja. Das ist für mich gleichzeitig ein netter Ausgleich zum schweren Klettern. Beim Sportklettern kann natürlich jeder sein Ding machen, da mach ich auch mal eine schwere Route. Aber beim Alpinklettern wählen wir eher gemütlichere, gemeinsame Ziele: zum Beispiel haben wir die Südwandrisse am Pantherkopf oder die Stinkverschneidung am Kofel miteinander gemacht.

 

Wie sieht deine berufliche Perspektive aus? Wäre Bergführer was für dich?

Bergführer als Beruf interessiert mich nicht, eher stelle ich mir einen normalen Beruf vor, der Zeit lassen sollte zum Bergsteigen. Studieren werde ich vielleicht Regenerative Energien, in Regensburg, nahe dem Frankenjura.

 

Wie viel Zeit investierst du in Training und Aktion?

Natürlich am Wochenende, dazu unter der Woche ein- bis zweimal in die Halle (im Winter) oder an den Fels – wenn nicht gerade das Abi ansteht. Also ungefähr drei volle Tage in der Woche. Zwischendurch mal Kajakfahren ist auch nicht schlecht; irgendwann kann man den Fels nicht mehr sehen und möchte auch mal was anderes machen. Ein Ausgleich muss sein; deshalb gehe ich auch gerne auf Skitour oder zum Skifahren, gelegentlich auch mal Rennradfahren.

 

Du sagst, dass du nicht richtig chillen kannst – empfindest du das wirklich als Schwäche?

Ich muss immer irgendwas tun, kann nicht daheim rumliegen und gar nichts tun. Einen Ruhetag zu machen, das funktioniert einen halben Tag lang, dann muss ich irgendwas anstellen. Den Tag vertrödeln mag ich nicht.

 

Was gehört für dich zu einem guten Tag am Berg?

Freunde, mit denen man Spaß hat. Eine schöne Tour, Erfolg, der Gipfel. Das Wetter muss passen – wobei es auf Skitour ruhig auch schneien darf, das ist auch ein cooles Erlebnis. Und gesund runterkommen und danach zusammenhocken gehört dazu.

 

Was waren bisherige Highlights in deinem Berg-Leben?

Die „Petit Viking“ beim Kader-Sichtungscamp: den Gletscher reinlaufen, saugutes Wetter, gute Verhältnisse für meine erste alpine Eistour. Oder „Locker vom Hocker“ mit Sepp, an dem Tag hat alles zusammengepasst. Wir haben lauter Bekannte im Schüsselkar getroffen – und so einen Klassiker, eine namhafte Tour zu machen, ist ein Erlebnis. Zumal es nach oben immer schwerer wird und nicht toll abgesichert ist.

 

Gab’s auch schlechte Erlebnisse?

Am Musterstein haben wir uns schon im Vorbau verhauen, beim Abseilen hat sich das Seil verhängt – wenn’s nicht will, dann will’s eben nicht. Wir sind dann eine leichtere Route gegangen; wenn sich die Probleme so anhäufen, ist es vielleicht als Warnung gut, dass man nichts Großes macht. Danach haben wir natürlich von unten geschaut mit Topo und Wandbild, und uns überlegt wo wir hinmüssen hätten, damit uns das beim nächsten Mal nicht wieder passiert.

 

Wie hältst Du’s generell mit dem Risiko?

Ein einsehbares Risiko kann ich annehmen. Beim Bootfahren, wo man nicht so klar sieht, bin ich eher mal vorsichtig. Beim Klettern je nachdem: Wenn der Runout von einem soliden Bohrhaken startet, mit gutem Fluggelände, da probier ich auch mal einen schweren Zug. Bei Schlaghaken oder mobilen Sicherungen bin vorsichtiger. Auf gut Glück mal was probieren täte ich jedenfalls nicht – heil runterkommen ist wichtiger als eine Tour zu machen; wer umdreht, kann’s ja nochmal probieren.

 

Außer an großen Bergen…

Wenn man weiter weg ist und ein großes Ziel hat, mag man schon in Versuchung kommen, mehr zu probieren, auch wenn’s nicht hundertprozentig solide ist. Aber ich habe lieber ein geiles Gesamterlebnis als eine Tour, bei der ich mir weh tue. Auch wenn man die Tour nicht schafft, kann es eine coole Aktion gewesen sein.

 

Welche Disziplin gefällt Dir besonders gut?

Klassisches Alpinklettern, mit nicht übertriebener Absicherung, auch wenn es nicht so schwer ist. Auch Wände mit kombinierten Stellen und Schneegestapfe sagen mir zu. Diesen Winter bin ich auch einige Male am Geierkopf gewesen. Richtige alpine Nordwände, mit Pickel und Steigeisen, habe ich noch nicht viele gehen können, aber das interessiert mich sehr.

 

Und wo möchtest Du noch besser werden?

Beim Eisklettern hab ich noch nicht so viel Erfahrung, dieser Winter war erst meine zweite Saison. Beim schweren Klettern ist natürlich immer Potenzial nach oben. Aber gezieltes Training ist überhaupt nicht mein Ding. Ich hab’s schon oft probiert, aber spätestens nach einem Monat war es mir zu langweilig. Lieber gehe ich im Winter viel in die Halle zum Bouldern; dadurch wird man auch besser – und hat mehr Spaß dabei.

 

Welche Touren stehen auf deiner Wunschliste?

Die „Ende Nie“ in den Loferern reizt mich – eine Tour mit 33 Seillängen findest du nicht so oft. Auch die Grate hier bei uns würde ich gerne mal gehen: Teufelsgrat, Wettersteingrat, Wetterstein-Gesamtüberschreitung. Die sind zwar teils als brüchig verschrien, aber wenn’s nicht extrem ist, braucht es kein Top-Fels zu sein. Und natürlich reizen mich so alpine Klassiker wie der Frêneypfeiler. Der Eiger war auch auf der Liste, als diesen Winter so super Verhältnisse waren, aber es hat sich nicht ergeben.

 

Reizen dich „echte“ Expeditionen?

Auf jeden Fall. Weit weg sein, andere Kultur und Länder kennenlernen, eine Neutour, Erstbegehung oder gar Erstbesteigung, vielleicht ein Sechstausender, wo noch keiner oben war. Naja, ein Fünftausender wäre auch ok. Wenn’s ein cooler Berg ist, ist die Höhe egal. Es muss auch nicht superschwer sein, eine nette kombinierte Firn- oder Eiswand wäre schon gut. Bei maximalen Schwierigkeiten kommst Du schnell an den Punkt, wo es nicht mehr weitergeht, und kommst dann mit ganz leeren Händen zurück.

 

Habt ihr schon ein Ziel für Eure Abschlussexpedition?

Vielleicht Indien oder Karakorum – aber es ist noch nichts Konkretes besprochen. Jedenfalls ist das eine super Chance für mich als jungen Bergsteiger, mal eine Expedition auf die Beine zu stellen. Ich hätte so was sicher nicht in absehbarer Zeit gemacht. Organisation und Finanzierung sind ein brutaler Aufwand.

 

Und wie geht’s Dir im Kader-Team?

Super. Das ist ein cooler Haufen, mit dem man Spaß haben kann. Mit Xari und Ludwig, die in meiner Gegend wohnen, gehe ich auch mal nachmittags zum Klettern. Im Sommer geht’s als nächste gemeinsame Maßnahme ins Val di Mello zum Technoklettern, im Dezember in die Tatra.

 
Andreas Hammerstingl (* 9.12.1994, Sektion Peißenberg) hat gerade an der FOS in Weilheim Abitur gemacht.
 
Highlights

Kerze (WI II, 6, 60m) Pinnistal

Petit Viking (TD-, 80°, 500m) Chamonix

Il Modo Infinito (VIII+/IX-, 12 SL) Tessin

Schrei aus Stein (9-/9, 20SL) Gimpl Nordwand

Weg der Bunten Steine (VIII, 14 SL) Rote Platte Westpfeiler

Vinatzer/Messner (VII, 33SL) Marmolada

Locker vom Hocker (VIII-/VIII, 11 SL) Schüsselkar

Sportklettern bis 7c

 

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