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„Teamwork ist alles, was zählt“

Finn Koch, ehemaliges Mitglied des DAV-Expedkaders im Interview

Finn Koch war zwischen 2016 und 2018 Mitglied des Expedkaders. Am 12. März startet der 23-Jährige bei der Langdistanz-WM Pierra Menta, einem Skimo-Wettbewerb. Ein Gespräch übers Geldverdienen, riskante Klettertouren und Lockerheit im Spitzensport.


Finn, du warst Skirennläufer, dann Teil des Expedkaders, hast eine Schreinerausbildung, bist Bergführer, machst gerade ein Ingenieursstudium und startest am 12. März bei der Langdistanz-WM Pierra Menta. Fällt es dir schwer, dich zu entscheiden?

Könnte man auf den ersten Blick denken. Wenn man sich meine einzelnen Stationen aber genauer ansieht, erkennt man, dass das doch schlüssiger ist, als es anfangs scheint.

Du kommst aus der Nähe von Stuttgart. Bergsport auf dem Niveau, auf dem du ihn betrieben hast, ist da auch nicht unbedingt das Naheliegendste.

Als Jugendlicher war ich Skirennläufer, bin vor allem im Slalom und Riesenslalom gestartet. Sogar auf recht hohem Niveau, bis zum Landeskader hat es gereicht. Wegen Rücken- und Knieverletzungen habe ich dann aber aufgehört. Viel von dem, was ich in dieser Zeit gelernt habe, hat mir auch später noch geholfen. Einerseits natürlich das Skifahren an sich, andererseits auch die Mentalität im Spitzensport. Erst später bin ich zum DAV und zum Expedkader gekommen.

 

Wie muss man sich das vorstellen? Du hast bei deiner Sektion angeklopft und gefragt, ob noch Expedkader-Plätze frei sind?

Ganz so läuft es natürlich nicht. Ein Freund hat mich zum Klettern mitgenommen. Mit der Zeit bin ich immer ambitionierter geworden, beim Klettern aber auch beim Bergsteigen. Der DAV hat mich mit seiner Nachwuchsarbeit kräftig unterstützt. Anfangs in Tübingen, später in den Nachwuchscamps. Dort geben Profi-Alpinisten ihr Knowhow an motivierte junge Menschen weiter. So bin ich letztlich zum Expedkader gekommen.

 

Langsam erkennt man eine gewisse Kontinuität. Hast du dir bei all dem auch Gedanken übers Geldverdienen gemacht?

Anfangs war ich überzeugt, mit Alpinismus mein Geld verdienen zu können. Das war vielleicht ein bisschen naiv. Aber Klettern und Bergsteigen konnte ich nun mal richtig gut. Die logische Schlussfolgerung für mich war dann: Probier’s doch mal als Bergführer.

 

Vollzeit als Bergführer zu arbeiten ist aber auch nicht ohne.

Der Beruf des Bergführers ist einer der besten, die es gibt. Aber klar, es gibt schon auch Nachteile. Man ist beispielsweise sehr viel unterwegs und das ist nicht so gut mit einem klassischen Familienleben zu vereinbaren. Außerdem ist man stark auf seinen Körper angewiesen. Und das Klientel, mit dem man unterwegs ist, kann echt anstrengend sein. Deshalb habe ich auch ein Ingenieursstudium begonnen. Momentan ist mein Plan, einen Teil des Einkommens als Bergführer, den anderen als Ingenieur zu verdienen. Die Kombination aus Büro und Berg ist sicher nicht die schlechteste.

 

Du hast ja bereits eine Berufsausbildung. Bevor du zum Expedkader kamst, hast du eine Schreinerlehre gemacht.

2017 habe ich meine Ausbildung als Schreiner im Allgäu abgeschlossen. Da haben meine Eltern und der Michi, der Trainer im Expedkader, mich überzeugt, eine Lehre zu machen. Damals habe ich eigentlich nicht eingesehen, war um ich etwas anderes machen sollte, als in die Berge zu gehen. Heute bin ich froh, dass ich die Ausbildung gemacht habe.

 

Nach dem Ende des Expedkaders hat sich auch dein sportlicher Fokus etwas verändert.

Früher haben mich Speedbegehungen gereizt. Daheim frühstücken, dann schnell eine Tour hochklettern, für die andere mehrere Tage brauchen und zum Abendessen wieder daheim sein. Diese Art zu klettern ist aber sehr riskant. In meinem engsten Freundeskreis gab es immer wieder Unfälle. Als dann Lorenz Gahse, mein Hauptkletterpartner, im Alter von 17 Jahren tödlich verunglückt ist, habe ich die Konsequenzen gezogen und bin mehr leichtere und ungefährlichere Touren gegangen. Gleichzeitig habe ich meinen Fokus auf das Ausdauertraining gelegt.

 

Am 12. März startest du als Teil des Skimo Teams bei der Langdistanz-WM Pierra Menta. Bei diesem Wettkampf kann man eine ordentliche Ausdauer gut gebrauchen.

Das stimmt. Normalerweise müssen die Athleten in vier Tagen 10.000 Höhenmeter überwinden. Dieses Jahr dauert das Rennen nur einen Tag, an dem wir dann aber 3200 Höhenmeter bewältigen müssen. Das ist nicht ohne. Dazu kommt, dass bei der Pierra Menta extrem starke Athleten starten. Locker bleiben ist dabei das wichtigste, der Rest kommt von allein.

 

Wie bist du überhaupt zum Skibergsteigen gekommen? Es ist ja kein Teil des Expedkaders.

Doch, aber es ist nur ein sehr kleiner Bestandteil. Tatsächlich haben mich Skitouren einfach schon immer gereizt. Auf einen Berg hochlaufen und dann im Tiefschnee wieder runter, das macht schon richtig Spaß. Bei den Skimo-Wettkämpfen suche ich vielleicht eher den Kick, den ich früher bei einer Klettertour hatte.

Was mich am Skibergsteigen noch fasziniert, ist die Komplexität. Man muss enorm viele Bewegungsabläufe beherrschen, braucht Kondition und viel technisches Wissen wie beispielsweise für Spitzkehren oder Lauftechnik. Außerdem spielt das Material eine Rolle. Je nach dem wie der Schnee ist, braucht man andere Steigfelle.

 

Wie hast du auf die Pierra Menta trainiert?

Meine Vorbereitung war ziemlich vielfältig: Krafttraining für Arme und Beine, Stabilisationstraining für den Rumpf und eine spezielle Ernährung. Dazu kommt natürlich die Zeit, die ich auf den Skiern verbringe. Am Ende muss alles aufeinander abgestimmt sein, das ist eine komplexe Aufgabe, für die man viel Erfahrung braucht.

 

Die Pierra Menta ist ein Tandem-Rennen. Sprich, man muss sich nicht nur auf sich selbst verlassen, sondern auch auf seinen Partner.

Ich starte zusammen mit Christoph Wachter. Wir trainieren sehr viel zusammen und kennen unsere individuellen Schwächen und Stärken daher sehr gut. Christoph ist extrem stark beim Aufstieg und etwas schwächer in der Abfahrt. Bei mir ist es genau umgekehrt, wir ergänzen uns also ziemlich gut. Bei einem Rennen wie der Pierra Menta ist Teamwork alles, was zählt.

 

Neues aus dem DAV Expedkader - Interview mit Trainer Michi Wärthl

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DAV-Expedkader Geschichte

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Wer waren die Mitglieder der letzten Expedkader und was haben sie gemacht? Hier findet man alle Infos.   Nach nationalen Großexpeditionen der 1930er und 1950er Jahre wurden bis in die 1980er Jahre vor allem einzelne Expeditionen gefördert, teilweise aus dem Kreis des DAV aufgestellt. Die Förderung von Expeditionen und anspruchsvollen bergsportlichen Auslandsfahrten ist heute noch eine Aufgabe des Ressorts Spitzenbergsport im DAV.