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Wintersport neu denken

CIPRA: Positionspapier zu nachhaltigem Tourismus

13.02.2017, 14:25 Uhr

Kein Zweifel: Die Bilder mit verschneiten Bergen und idyllischen Winterlandschaften, durch die sich perfekt präparierte Pisten schlängeln, stimmen immer weniger mit der Realität überein. Doch mit solcher Inszenierung buhlen Tourismusanbieter weiter um Gäste. Skigebietszusammenschlüsse und Investitionen in High-Tech-Infrastruktur sind die vermeintliche Antwort auf stagnierende Skipassverkäufe - obwohl ein verändertes Verhalten der Gäste und der Klimawandel längst neue Strategien erfordern. Anlässlich des Internationalen Jahres des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung, dass die Vereinten Nationen in 2017 ausgerufen haben, hat die Alpenschutzorganisation CIPRA ein Positionspapier veröffentlicht.

Pistensport in der Sackgasse?

Die Übernachtungszahlen sind selbst in ehemals erfolgreichen Wintersportgebieten rückläufig. Urlauber kommen seltener und wenn, dann kürzer. Insbesondere junge Menschen übten Wintersport nur noch gelegentlich aus, so die CIPRA.

Dass die Destinationen weiterhin so stark auf den Pistensport setzen, ist eigentlich widersprüchlich: Die Wünsche der Gäste sind heutzutage vielfältiger. Urlauber wollten heute auch „Schneeschuhlaufen, Konzerte besuchen, sich in Wellness-Oasen oder Mediationskursen erholen, regionale Spezialitäten genießen oder lokales Brauchtum erleben“.

Statt wegen Kunstschneepisten kommen Touristen heutzutage in erster Linie für Natur- und Bergerlebnisse in die Alpen. Künstliche Beschneiung ist darüber hinaus sowieso keine zukunftsfähige Lösung: Dafür braucht es drei bis fünf Tage am Stück mit Minusgraden – und diese sind selbst in mittleren Lagen immer seltener geworden. In Regionen unter 1000 Metern fällt bereits jetzt übers Jahr gesehen mehr Regen als Schnee. Die Skisaison wird außerdem immer kürzer, der Schnee kommt später und der Frühling zieht früher ein. Studien zeigen, dass bis 2050 nur noch Gebiete über 1800 Meter auf Skitourismus setzen können.

 

Wintersportorte machen weiter wie bisher

Ein Umdenken ist kaum erkennbar. Die Wintersportorte reagieren häufig so, dass sie das eigentliche Problem, den Klimawandel verstärken und ihr Kapital, die alpine Ökologie weiter zerstören. Mit dramatischen Folgen: Der Wasser- und Energieverbrauch nimmt durch die künstliche Beschneiung deutlich zu. Da weniger Gäste aus alpennahen Regionen kommen, werden vermehrt Urlauber von weither angelockt. Diese reisen mit dem Flugzeug an, etwa aus Asien, was die Klimaerwärmung verstärkt. Eingriffe in Landschaft und Wasserhaushalt können zu Bodenerosionen und Hangrutschungen führen. Durch den touristischen Verkehr steigen die Lärm- und Feinstaub-Emissionen. Das wirkt sich auch negativ auf die Lebensqualität in den Orten entlang der Anreiserouten aus.

 

Um den Weg in Richtung eines alpenweiten nachhaltigen Tourismus zu beschreiten, stellt die CIPRA stellt 6 Forderungen auf:

  1. Schonender Umgang mit Ressourcen und Förderung innovativer Ansätze
    Der Tourismus in den Alpen benötigt Angebote, die auch das Natur- und Kulturerbe einer Region berücksichtigen. Dabei sollte der Tourismus mit Bereichen wie Landwirtschaft, Handwerk, Bildung oder Wellness gedacht werden. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollen in solche touristische Konzepte mit einbezogen werden.
  2. Keine Erschließung von Gletschern und unberührten Landschaften
    Gäste wollen in erster Linie die alpine Natur erleben. Die CIPRA möchte für den gesamten Alpenraum Neuerschließungen von Gletschern und bisher verschonte Landschaftskammern verbieten. Dabei sollen bewährte Instrumente wie der Bayerische Alpenplan gestärkt werden.
  3. Rückbau von stillgelegten Infrastrukturen und Umwidmung von Bauland
    Die Infrastrukturen in vielen Regionen wurden in einer Zeit geplant und gebaut, in der von einem ungebremsten Wachstum der Skigebiete ausgegangen wurde. Zahlreiche Skilifte und andere Sportanlagen sind mittlerweile stillgelegt worden. Doch das Landschaftsbild verändern sie weiterhin. Baulandreserven für Hotelkomplexe und Zweitwohnungen verhindern außerdem eine flächensparende Raumplanung. Auch hier sollte über einen Rückbau nachgedacht werden.
  4. Schaffung von umweltfreundliche Mobilitätsangeboten
    84 Prozent der Urlaubsreisen in den Alpen werden mit dem Auto unternommen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Verkehr 75 Prozent der touristischen CO2-Emissionen verursacht. Auch die Lärmbelastung beeinträchtigt die Lebensqualität massiv. Wenn es jedoch keine autofreien Angebote in den Urlaubsorten gibt, reist auch niemand mit öffentlichen Verkehrsmitteln an. In weniger frequentierten Gegenden könnten zum Beispiel Ruf- oder Bürgerbusse eingerichtet werden, so der Vorschlag der CIPRA.
  5. Ganzheitlich ausgerichtete regionalen Strategien
    Die CIPRA plädiert für regional angepasste Förderprogramme „für Innovationen und den Um- und Ausstieg aus dem intensiven Wintertourismus, wie etwa dem Umbau von Hotelüberkapazitäten zu Wohnraum.“ Bei solchen Strategien sollen alle relevanten Bereiche wie Energie, Mobilität, Landwirtschaft und Biodiversität mitgedacht werden. In manchen Destinationen sollte auch eine gänzliche Abkehr vom Tourismus in Betracht gezogen werden.
  6. Von Pionieren lernen
    Gute Beispiele gibt es bereits. Naturparks könnten beispielsweise als Modellregionen dienen für einen achtsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Regionen, die Wege im nachhaltigen Tourismus erfolgreich beschreiten, sollen gefördert und bekannt gemacht werden: „Statt mit realitätsfremden Bildern und Pistenkilometern um Gäste aus Asien und Übersee zu buhlen, locken an lokale Gegebenheiten angepasste Angebote natur- und kulturinteressierte Gäste an, die echte Bergerlebnisse suchen.“

 

Weitere Infos finden Sie im Dossier Wintertourismus in den Alpen

 

Empfehlenswert ist außerdem die interaktive Präsentation Wintertourismus – eine Destination gestaltet den Wandel