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„Sich selbst eine Grenze setzen“

Jahrbuch-Stoerer Die Alpenvereine haben die Alpen mit erschlossen, nutzen sie als Bergsportler, schützen sie als Naturschützer. Unter dem Damoklesschwert des Klimawandels profitieren sie vom anhaltenden Run auf die Berge und kritisieren neue Erschließungsvorhaben. Nils Beste vom JDAV-Redaktionsteam und Georg Hohenester von DAV Panorama sprachen mit Prof. Dr. Dominik Siegrist und Prof. Dr. Niko Paech über die Alpen als „grünem Akku“ der Energiewende, die Skierschließungsspirale und die Rolle und Verantwortung von Alpenvereinen - und den Bergsportlern.

 

Die Alpen als „grüner Akku“ der Energiewende

 

Herr Paech, die Alpen sollen bei der Energiewende die Rolle eines „grünen Akku“ spielen. Zum Beispiel sollen Pumpspeicherkraftwerke die in alpenfernen Regionen gewonnene Solar- und Windenergie speichern: Wie stehen Sie zur Energiewende?

Paech: Zunächst möchte ich sagen, dass die Alpen ein sehr wichtiger Naturraum sind und ihnen schon zu viel angetan wurde. Deswegen muss man klarstellen: Stahl, Beton, Glas und Plastik haben nichts mehr zu suchen in den Alpen. Abfinden muss ich mich nur mit dem, was es an baulichen Maßnahmen schon gibt. Zur Energiewende: Ich denke, dass eine Energiewende, die Landschaften zerstört, in Wahrheit kein Problem löst, sondern über sogenannte materielle Rebound-Effekte einfach nur verlagert. Das heißt, ein bestimmtes ökologisches Problem wird transformiert in ein anderes. Diesen Kuhhandel kann ich als Nachhaltigkeitsforscher nicht als Lösung akzeptieren. Zudem erzeugt die Energiewende ein psychologisches Problem: Indem wir den Menschen verkünden, regenerative Energien lösten alle Probleme, wird die Intention zu sparen zunichte gemacht. So können alle sagen: „Ah, nochmal Glück gehabt, da können wir unseren Wohlstand ja weiter praktizieren.“

 

Wie sähe denn eine echte Energiewende aus?

Paech: Ich glaube, dass eine Energiewende, die ihren Namen verdient, auf Energiesuffizienz und -effizienz beruht. Wenn wir es mit dem Energiesparen ernst meinen, müssen wir besonders klimaschädliche Infrastrukturanlagen rückbauen und stilllegen, zum Beispiel Flughäfen, Autobahnen und Industrieparks. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Neben der Reduzierung von Emissionen geben wir Flächen frei, die genutzt werden können für Fotovoltaik- und Windkraftanlagen. Wenn wir dann noch alle Dächer hinzunehmen, die wir mit Fotovoltaik und Solarthermie ausstatten können, und uns strikt an ein Flächen- und Raummoratorium halten, dann ist das, was wir auf diese Weise an Energie erzeugen können, für mich gleichbedeutend mit einem menschlichen Maß. Das ist das, was wir uns nehmen dürfen, ohne über unsere Verhältnisse zu leben.

 

Wie steht die CIPRA zur Energiewende, Herr Siegrist?

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Siegrist: Die CIPRA hat eine klare Position: In erster Linie sollte über die Reduktion des Energieverbrauchs durch weniger Konsum und die Verbesserung der Energieerzeugung durch effizientere Technik gesprochen werden – und nicht über neue Anlagen. Aber in der Praxis ist es natürlich so, dass Regionen und Gemeinden daran interessiert sind, Investitionen in Windenergie oder Wasserkraft zu tätigen. Die Kraftwerke generieren schließlich Einnahmen vor Ort. Ganz abgesehen davon ist die ganze Energiewende-Diskussion ohnehin zu sehr auf den Strom fixiert. Gegen den hohen Ölverbrauch wird bisher noch viel zu wenig getan. Die Heizenergie und das Autofahren beispielsweise fallen für die CO2-Bilanz noch mehr ins Gewicht. Ich stelle immer wieder fest, dass die Menschen in den Alpen mit der Abhängigkeit vom Erdöl ohnehin ihre Mühe haben. Das hat mit ihren Wurzeln zu tun. Die Alpenbewohner haben immer aus anderen Ressourcen Energie erzeugt – vor allem aus Holz. Heute gibt es in den Alpen so etwas wie einen Aufbruch gegen diese globalisierte Erdölgesellschaft.

 

Würden Windräder in den Alpen so stören, dass es nicht ökonomisch wäre, sie zu errichten? Wie steht die Bevölkerung dazu?

Siegrist: Die Bevölkerung ist in den Alpen relativ kritisch eingestellt gegenüber Windrädern, weil sie in der Landschaft doch sehr manifest sind.

 

Paech: Windräder sind eine Form der Nachindustrialisierung unserer Landschaft. Derzeit wird versucht, den landschaftlichen Schaden durch Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energie klein bzw. schön zu reden. Ist nicht auch ein Autobahnkreuz aus der Vogelperspektive betrachtet ein Kunstwerk? Ist es nicht schön, wie sich die Auf- und Abfahrten in mathematischer Gleichmäßigkeit zu einem Kleeblatt zusammenfügen? Ich weiß, das klingt sehr ironisch. Aber wenn man einmal anfängt, Umweltschäden als etwas Attraktives umzudefinieren, dann bitte auch richtig…

 

Siegrist: Zum Thema Windkraft muss man auch sagen, dass in den Alpen die Wasserkraft die wichtigste Energiequelle ist – mal abgesehen von der Sonne. Viele Anlagen kann man heute mit neuer Technik modernisieren, ohne dass dies die Landschaft schädigt. Es gibt bereits gute Beispiele dafür. In der Schweiz liegt der Anteil der Wasserkraft im Strommix bei über 50 Prozent. Früher, vor dem Einstieg in die Atomkraft, waren es sogar einmal fast 100 Prozent. Die Schweiz könnte sich mittelfristig hundertprozentig mit erneuerbaren Energien versorgen.

 

Paech: Aber das schützt die Schweiz nicht vor der Versuchung, trotzdem die Wasserkraft weiter auszubauen. Anderswo ist die Nachfrage nach Ökostrom enorm. Wenn man zum Beispiel in Deutschland den Strommix selbst der vier besten, auch von Umweltverbänden gelobten Ökostromanbieter anschaut – was ist das? Das ist Wasserkraft aus der Schweiz, aus Österreich oder aus Norwegen. Das heißt, wenn ich in Deutschland Ökostrom kaufe, wird der rein bilanziell aus einem Wasserkraft betreibenden Land gebucht – und umgekehrt muss diese Lücke in dem betreffenden Land wieder ausgefüllt werden. Wo kommt der Strom her, der in einem vernetzten Europa bilanziell dort verbucht wird? Das ist dann der dreckige Kohle- und Atomstrom aus Deutschland.

 

 

Die Alpen in der „Skierschließungs-Spirale“

 

Lenken wir den Blick auf das Thema Skierschließung. In den Alpen hat sich ein regelrechtes Wettrüsten entwickelt. Die großen Skigebiete legen vor, die kleinen versuchen nachzuziehen. Da ist eine Erschließungsspirale ohne absehbares Ende im Gang. Auch wenn langfristig vielleicht nur ein Drittel der Skigebiete übrig bleiben wird. Wie schätzen Sie dieses Wettrüsten ein, Herr Siegrist?

Siegrist: Die starken Konzentrationsprozesse führen dazu, dass die großen Skigebiete ihre Marktposition auf Kosten der kleinen verstärken. Die Kleinen haben bereits heute ökonomisch keine Chance mehr. Sie haben kein großes Marketingbudget und kein Geld für Investitionen, um all den Komfort anzubieten, der in Lech oder in Zermatt an der Tagesordnung ist. Zwei Faktoren beeinflussen nun diese Ausgangssituation: der Klimawandel und der demografische bzw. gesellschaftliche Wandel. Die Bevölkerung altert und die Leute fahren weniger Ski, widmen sich den vielen anderen Freizeitmöglichkeiten, die es heute gibt. Der Skitourismus in den Alpen stagniert deswegen massiv, das Ganze ist ein Verdrängungswettbewerb geworden. Aber auch der Klimawandel hat in tieferen Lagen schon zu wirken begonnen. Er wird seinen Teil dazu beitragen, dass in 30 Jahren nur noch ein paar Destinationen mit riesigen Bergbahnanlagen übrig bleiben werden, die in ihren Gebieten alles tun dürfen. Und jetzt kommen wir auf den Punkt: Wie verhindert die Politik – beispielsweise in Tirol bei den fünf größten Anbietern, die auch zu den zwanzig größten auf der Welt gehören –, dass sie noch einen Gletscher, noch ein Tal oder einen zusätzlichen Gipfel erschließen? Gegen diese große Gefahr kämpft die CIPRA gemeinsam mit ihren Mitgliedsorganisationen.

 

Was für Gegenmaßnahmen gibt es?

Siegrist: Wir müssen vor allem mit raumordnerischen Maßnahmen dafür sorgen, dass oberhalb der Gebiete, die bereits erschlossen sind, Schutz- und Ruhegebiete eingerichtet werden. Die stellen sicher, dass die Skigebiete nicht weiter expandieren können. Diese Forderung ist als „absolute Erschließungsgrenze“ bekannt ist – bis hierher und nicht weiter.

 

Was ist mit den kleineren Skigebieten, dürfen die noch einmal ausbauen?

Siegrist: Die haben meistens zu wenig Geld. In Zukunft investieren fast nur noch die großen Skigebiete.

 

Diese Regionen leben vom Skitourismus, machen im Winter zwei Drittel vom Jahresumsatz. Wenn wir als Alpenvereine mit denen sprechen und gefragt werden, wie denn ein sanfter Wintertourismus ausschauen sollte, den wir uns wünschen, ist guter Rat teuer. Welche Möglichkeiten sehen Sie?

Siegrist: Vor 150 Jahren hat in den Alpen auch noch niemand gefragt, was Skifahren ist. Man hat eigentlich auch nicht gewusst, was Tourismus heißt. Nur eine Handvoll betuchte Engländer haben hier Ferien gemacht. Wie können wir wissen, was in 150 Jahren sein wird? Man kann sich den Tourismus in den Alpen heute nicht vorstellen ohne Skifahren. Aber wäre nicht auch ein ganz anderer Tourismus denkbar? Wir sollten auf verschiedenen Ebenen argumentieren. Man kann durchaus auch einmal pragmatisch sein, wenn man sieht, dass bei einem Bauprojekt für die Natur was rausschaut. Dann müssen aber an anderer Stelle Lifte stillgelegt werden.

 

Darf man Ihrer Meinung nach so Kuhhandel betreiben Herr Paech? Den einen Lift gegen den anderen eintauschen?

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Paech: Ich glaube, man kann den Ausbau von Infrastrukturanlagen nicht ökologisch kompensieren, indem man anderswo etwas zurückbaut. Das kostet ja auch Energie im Sinne von Negativproduktion. Mir fehlt jedes Verständnis dafür, wie man nach allem, was in den Alpen bereits gebaut wurde, heute noch weiter materiell expandieren will, statt zu sagen: Wir haben schon alle ökologischen Wachstumsgrenzen durchbrochen. Wir brauchen zwei Formen eines Wandels: Erstens muss das Verständnis von Freizeitgestaltung in Europa ein anderes werden. Mit welchem Recht macht man als Norddeutscher einen Skiurlaub pro Jahr? Wenn Mobilität teurer würde, wäre auch die Freizeit- und Tourismusgestaltung eine andere. Zweitens: Was kann den Menschen in den Alpen in Aussicht gestellt werden, wenn die Expansion nicht mehr stattfindet? Postwachstumsökonomie heißt, dass der Output-Rückgang – das wäre für mich auch denkbar für die Betreiber von Sport- oder Tourismusanlagen – über Arbeitszeitreduktionsmodelle aufgefangen werden muss und über den Aufbau von anderen Formen der Versorgung. Da bin ich bei der modernen Subsistenz. Das heißt also, ökologischer Landbau, Reparatur von Gütern, Gemeinschaftsnutzung, um auch Einkommensrückgänge zu kompensieren.

 

Siegrist: Die Postwachstumsgesellschaft ist ja auch eine Absage an unser globalisiertes Wirtschaftsmodell, unter dem die Alpen im Grunde genommen leiden. Natürlich gibt es Orte wie das Zillertal und St. Moritz, die voll angehängt sind an die Globalisierung. Aber die meisten Räume in den Alpen funktionieren nicht so. Zwei Drittel der Alpengemeinden sind nicht wirklich vom Tourismus abhängig und verfügen über regionalere Wirtschaftskreisläufe. Mit der stärkeren Globalisierung werden diese regionalen Wertschöpfungsketten geschwächt. Darum bietet das Konzept der Postwachstumsökonomie eine große Chance für die Alpen. An vielen Orten in den Alpen zwischen Ljubliana, Passau und Genua setzen engagierte Menschen, Initiativen und Gemeinden diese Ideen bereits praktisch um.

 

Paech: Postwachstumsökonomie heißt ja auch, dass wir einen Plan B entwickeln müssen, damit die Menschen, die abhängig geworden sind von dieser Industrie, nicht ins Bodenlose fallen. Wir brauchen Konzepte für einen vorsichtigen Um- oder vielleicht sogar Rückbau, die andere Formen des Wirtschaftens aktivieren. Aber das geht nicht mit dem Anspruch, unser gegenwärtiges Wohlstandsmodell aufrechtzuerhalten. Das kann bedeuten, dass Menschen in den Alpenregionen wie auch in Resteuropa mit weniger Konsum und mit weniger Mobilität auskommen müssen.

 

Aber es gäbe Verlierer bei diesem Rückbau, vor allem in den Alpenregionen, die von Touristen leben, die von weit her in die Berge fahren und da Urlaub machen.

Paech: Das kann schon sein. Aber diese Regionen haben über Jahrzehnte hinweg in jeder Hinsicht über ihre Verhältnisse gelebt. Das ist genau so, wie wenn Sie einen Bankräuber schnappen, ihm die Beute abnehmen und er dann sagen würde: „Ich bin hier der große Verlierer, was ist das denn für eine Ungerechtigkeit!“ Und man muss ja auch nicht alle Skigebiete zurückbauen. Mein Gott, die Alpen ganz ohne Ski sind ja gar nicht denkbar. Ich finde den Titel Ihres Fokusthemas und der geplanten DAV-Ausstellung „Alpen unter Druck“ ganz prägnant. Diesen Druck wegzunehmen – darum geht es.

 

Siegrist: Man muss das Ganze ohnehin etwas relativieren. Der Wintertourismus erbringt nach wie vor weniger als die Hälfte der Wertschöpfung des Tourismus in den Alpen, und der reine Skitourismus noch weniger. Es gibt Regionen, die davon abhängig sind, das stimmt. Aber es ist nicht so, dass die ganzen Alpen zugrunde gehen würden, wenn der Skitourismus zurückginge.

 

Die Alpenvereine haben mit ihrer Infrastruktur zur Erschließung der Alpen beigetragen. AVS, OeAV und DAV haben Hunderte Hütten in den Ostalpen gebaut und ein enormes Wegenetz angelegt. Für beides tragen sie Verantwortung. Was können die Verbände heute zu einem sanfteren Tourismus beitragen?

Siegrist: Die Alpenvereine müssen aus ihrer enormen Mitgliederzahl eine Stärke machen. Sie alle wachsen, der DAV hat inzwischen eine Million Mitglieder. Man könnte die Größe zunächst als ein Problem ansehen, denn es sind dadurch auch mehr Menschen in den Bergen unterwegs, nutzen die Wege und Hütten, verbrauchen Ressourcen und zertrampeln die Landschaft. Für mich ist das aber eine Chance, denn man kann so auch mehr Menschen erreichen und aufklären. Zum Beispiel ist das Skitourengehen, in gewissen Bahnen gelenkt, eine sanfte Alternative zum Alpin-Skifahren.

 

Paech: Der Alpenverein kann wichtige Informationspolitik betreiben. Er könnte zum Beispiel bilanzieren, was ein Skiurlaub eigentlich insgesamt an CO2 verursacht. Damit man auch einmal eine Brille aufsetzt, die einen erkennen lässt, dass es entspannte und wirklich schöne Formen der Freizeitgestaltung gibt, die eben nicht so energieintensiv sind.

 

Gibt es so was wie eine sanfte Erschließung überhaupt?

Paech: Also, erst einmal wende ich mich gegen den Begriff der Erschließung. Was wollen Sie denn noch erschließen? Die Alpen sind für mich erschlossen, sie sind übererschlossen.

 

Sagen wir sanfte Entwicklung, nicht Erschließung.

Paech: Um das auf den Punkt zu bringen: Für mich ist eine materielle Expansion im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung in keinster Weise zu rechtfertigen. Ich kann über eine Umwidmung reden, indem ich sage, dieselben Menschen, die vormals vielleicht Skisport betrieben haben, werden sich jetzt damit abfinden müssen, dass alleine die Anwesenheit in einem wunderschönen Naturraum auch eine Form der Erholung ist. Wandern beispielsweise halte ich für die sanfteste Form. Es scheint das Dogma in der Luft zu liegen, dass jeder Rückbau der Rechtfertigung bedarf, nämlich dass alle, die vormals eine Ressource genutzt haben, weiterhin in irgendeiner Form in ihren wie auch immer artikulierten oder legitimierten Bedürfnissen befriedigt werden müssen. Wir leben in einer Welt, in der wir so oder so demnächst erleben werden, dass Dinge ersatzlos verschwinden. Wir sind über das Ziel hinausgeschossen.

 

Sollte man weniger und dafür längere Urlaube machen?

Paech: Ja natürlich, das spart Mobilität. Und die verursacht beim Reisen ohnehin bei weitem die meisten CO2-Emissionen. Heute fragmentieren wir ja unsere Freizeit, weil Mobilität so verfügbar und so billig geworden ist, dass man selbst für kürzeste Zeiträume längste Strecken zurücklegt, um dann intensiven Genuss zu praktizieren. Und dann wieder nichts wie weg…

 

 

Bergsport und persönliche Verantwortung

 

Eine persönliche Frage: Ich liebe es, in die Berge zu fahren, wohne aber in München. Das heißt, die Berge sind 100 Kilometer weit weg und ich fahre fast jedes Wochenende dort hin. Darf ich das?

Siegrist: Mit dem Zug?

 

Nein, mit dem Auto. Leider ist das öffentliche Verkehrsnetz nicht überall so gut ausgebaut wie in der Schweiz. Und oft beginnen gute Touren einfach abseits von Bus und Bahn.

Paech: Und was hält Sie davon ab, einfach zu sagen, ich mache es mir zur Bedingung, die Ausübung meines Bergsports daran zu koppeln, dass ich mit Öffis da hinkomme? Entschuldigen Sie, dass ich eine Gegenfrage stelle, aber…

 

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man häufig entweder gar nicht oder nicht zur passenden Uhrzeit zu seiner Traumtour.

Siegrist: Ich finde, es wird einfach nicht alles versucht, was möglich wäre. Man hat halt ein Auto und fährt damit. In größeren Schweizer Städten hat mittlerweile über die Hälfte der Haushalte kein Auto. Tendenz steigend. Für mich ist es doch eine echte Herausforderung, die ganze Bergsaison mit sanfter Mobilität zu bestreiten. Dies im Sinne eines konkreten Beitrags zur notwendigen Postwachstumsgesellschaft.

 

Unabhängig von einer guten öffentlichen Anbindung nehmen sich wirklich leidenschaftliche Bergsportler einfach die Freiheit und sagen: An der Tour xy sind super Verhältnisse, ich fahre hin, gehe am nächsten Tag die Tour und fahre danach wieder zurück. Darüber ins Gespräch zu kommen, ist schwierig. Das geht ans Eingemachte.

Paech: Das gilt natürlich für die ganze Konsumgesellschaft. Da würde ich keinen Unterschied machen. Ob jemand sein Leben über den Verhältnissen damit begründet, dass er Sport macht, oder ob er sagt, ich habe Bock auf dies oder jenes, das ist für mich kein Unterschied. Sie haben das schon richtig formuliert, man nimmt sich die Freiheit. Aber woher nimmt man sich die eigentlich? Es gibt zwei Möglichkeiten: Klimaschutz ja oder nein. Da muss man sich wirklich die Frage stellen: Was kann ich mir noch nehmen und in welchen Dosen? Und ich frage mich auch ernsthaft: Bin ich wirklich glücklich, wenn ich eine Routine einführe, mit der ich einen Genuss fast schon automatisiere? Der Genuss bleibt doch erst dann ein Genuss, wenn die Abstände zwischen den genussvollen Ereignissen auch mal ein bisschen größer werden dürfen. Vorfreude ist doch auch etwas, was zum Genuss gehört.

 

Das Training gehört aber auch dazu. Der Genuss ist schlicht geringer, wenn man nur alle vier Wochen und nicht jede Woche in die Berge geht, weil man nicht so fit ist.

Paech: Naja, man muss natürlich auch mit Fitness umgehen wie mit einer Ressource, indem man sagt: Ist Fitness ein Gebot? Mit welcher Begründung verlangt man sich eine bestimmte Fitness ab? Der Sport kommt ja so wie eine Religion daher. Irgendwie geheiligt, als etwas Besonderes. Sorry, aber das …

 

Man könnte es für sich rechtfertigen, dass man ja keine Waren konsumiert, sondern ein Erlebnis.

Paech: Diese Unterscheidung zwischen Produkten, Dienstleistungen und Erlebnissen funktioniert nicht. Hinter den vermeintlich dematerialisierten Erlebnissen und Dienstleistungen finden ganze Symphonien der Ressourcenverwüstung und Energieumwandlung statt. Als aufgeklärter Mensch kann ich doch rechnen oder mich über ökologische Konsequenzen informieren. Aber es geht mir wirklich nicht darum, Ihren Sport schlecht zu machen. Es geht um die Dosis, und es geht auch darum, sich selbst schlicht als aufgeklärt darzustellen und zu sagen: „Ich kann mir selbst eine Grenze setzen.“

 

Kann ich die Autofahrerei in die Berge denn kompensieren, indem ich zum Beispiel in der Stadt mein Auto nie benutze? Oder indem ich kein Fleisch esse?

Paech: Der CO2-Ausstoß in Höhe von 2,7 Tonnen, der jedem Menschen noch bleibt, wenn die Erderwärmung gestoppt werden soll 1, ist natürlich ein Bereich der individuellen Gestaltung. Das heißt, wenn ich es wirklich schaffe, an anderen Baustellen meines Lebens genug CO2 zu sparen, klar, dann kann ich das machen. Zum Beispiel ein Vegetarier, der nie fliegt, der kein Einfamilienhaus hat, der mit Konsumgütern wahnsinnig sparsam umgeht – das heißt wohlgemerkt nicht in Sack und Asche zu laufen –, der kann sich vielleicht auf den Bergsport konzentrieren.

 

Herr Prof. Paech, Herr Prof. Siegrist, vielen Dank für das Gespräch!

 

 

1 Der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltveränderungen (WBGU) geht bei einer Weltbevölkerung von sieben Milliarden Menschen von einem maximalen individuellen CO2-Ausstoß von 2,7 Tonnen pro Jahr aus, um das Zwei-Grad-Klimaschutzziel der EU noch erreichen zu können. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Ausstoß in Deutschland beträgt rund 11 Tonnen; eine Flugreise nach New York und zurück z.B. verbraucht etwa 4 Tonnen.

 

 

 

Prof. Dr. Dominik Siegrist, geb. 1957 in Zürich, Professur für Naturnahen Tourismus und Pärke an der Hochschule für Technik in Rapperswil, leitet dort das Institut für Landschaft und Freiraum (ILF). Der studierte Geograf und Landschaftsplaner arbeitet an der Schnittstelle zwischen touristischer Nutzung, Landschaftsentwicklung und Naturschutz. Er und sein Team entwickeln Strategien und Produkte eines naturnahen Tourismus und unterstützen mit anwendungsbezogenen Forschungsergebnissen Entscheidungsträger in Wirtschaft, Verwaltung und Politik, damit diese neue, verträgliche touristische Wege gehen können. Als hervorragender Alpenkenner weiß Dominik Siegrist über Erschließungsvorhaben Bescheid und sitzt seit 2004 der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA (www.cipra.org) als Präsident vor. Diese 1952 gegründete nichtstaatliche Dachorganisation mit Vertretungen in den Alpenländern repräsentiert über einhundert Verbände und Organisationen aus sieben Alpenstaaten und arbeitet für den Schutz und die nachhaltige Entwicklung in den Alpen. Die CIPRA setzt sich für die Erhaltung des Natur- und Kulturerbes, für regionale Vielfalt und für Lösungen grenzüberschreitender Probleme im gesamten Alpenraum ein.

Publikationen: Siegrist, D. et. al.: Adaptionsstrategien des Tourismus an den Klimawandel in den Alpen. Ergebnisse des alpenweiten Projekts ClimAlpTour in der Schweiz. Hochschule für Technik Rapperswil, Rapperswil 2012; Siegrist, D./Stremlow, M. (Hrsg.): Landschaft – Erlebnis – Reisen. Naturnaher Tourismus in Pärken und UNESCO-Welterbegebieten. Rotpunktverlag, Zürich 2009; Siegrist, D./Boesch, M./Renner, F.: Labelregionen. Strategie für eine nachhaltige Regionalentwicklung im Alpenraum. vdf-Verlag, Zürich 2009

 

Prof. Dr. Niko Paech, geb. 1960 in Schüttdorf, Niedersachsen, lehrt am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg, entwickelte dort die Postwachstumsökonomie (www.postwachstumsoekonomie.de) und zählt zu den bedeutendsten deutschen Wachstumskritikern. Der Volkswirtschaftler hinterfragt das auf einer ungebremsten Plünderung natürlicher Ressourcen basierende Wachstumsmodell unserer Gesellschaft und zeigt auf, wie dieses System an seine ökologischen wie psychologischen Grenzen stößt. Paech stellt auch den „Green Growth“ in Frage, dessen viel beschworene erneuerbare Energien und „nachhaltiger“ Konsum nur neue Problematiken nach sich ziehen würde. Im Vertrauen darauf würde die Wachstumsspirale weiter getrieben; es würde nicht gespart und der Lebensstil nicht geändert werden. Niko Paech hingegen setzt auf einen fundierten Werte- und Systemwandel, der die „Befreiung vom Überfluss“ zum Ziel hat und eine vernünftige Balance zwischen Suffizienz (Entrümpelung, Entschleunigung), Subsistenz (Selbstversorgung) und Rest-Konsum. Den Weg in die Postwachstumsökonomie begleiten eine deutlich reduzierte Erwerbsarbeit bei gleichzeitigem Zeitgewinn für handwerkliche/soziale/künstlerische Tätigkeiten, die Nutzungsintensivierung von Gütern über Gemeinschaftsnutzung nach dem Motto „teilen statt besitzen“, die Nutzungsdauerverlängerung von Gütern, mehr Sesshaftigkeit und weniger Reisen – vor allem weniger Flugreisen. Mit seinen durchaus radikalen Thesen möchte Paech vor allem jene bestärken, die bereits neue Praktiken einüben, weniger diejenigen überzeugen, die nach wie vor dem Wohlstandsmodell huldigen. Und er geht selbst mit gutem Beispiel voran – entschleunigt als notorischer Nicht-Flieger, ohne Auto, ohne Handy, sich vegetarisch ernährend und viele Kampagnen und Initiativen unterstützend.

Publikationen: Niko Paech: „Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“, Oekom-Verlag, München 2012.