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Magazin des Deutschen Alpenvereins

Ausgabe 2/2013

Alpe-Adria-Trail

Vom Großglockner nach Triest

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Der Pilgerort Monte Lussari nahe Tarvisio, Foto: Joachim Chwaszcza


 

Von Joachim Chwaszcza


Mit fast 700 Kilometer Strecke, verteilt auf 38 Etappen durch drei Länder, ist der neue Fernwanderweg mehr als nur ein Trail. Der fulminante Auftakt am Großglockner, bewegende Momente in den Julischen Alpen und das stimmungsvolle Finale an der Adria zaubern Atmosphäre und Erlebnisse und machen den Weg von Kärnten zum Meer unvergesslich.

 

Schon der erste Blick auf die Karte zeigt, dass der Alpe-Adria-Trail weitaus mehr ist als nur ein neuer Fernwanderweg. Wie ein mäandernder Gebirgsfluss suchen sich die Etappen ihren Weg gen Süden. Jede verspricht alpine Erlebnisse, traumhafte Aussichten auf Gipfel und Täler, kulturelle Juwelen und kulinarische Akzente – Tag für Tag ein vielseitiges und abgerundetes Wandererlebnis. Ob man nun den ganzen Trail am Stück gehen will oder sich etappenweise diesem Weg nahert – beides ist moglich, sinnvoll und hat seine Vorteile. Im Wechselspiel zwischen Wandern, Steigen, Verweilen und Geniesen werden die Tage auf dem Alpe-Adria-Trail zum Vergnügen. Und je länger für mich diese Tage zuruckliegen, umso stimmiger und harmonischer erscheinen sie mir, umso intensiver klingen die Eindrücke gleichsam in einer großen Symphonie zusammen.

 

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In den Nockbergen, im Hintergrund der Millstätter See, Foto: Joachim Chwaszcza
Österreich, Slowenien, Italien. Allein die Kombination dieser drei Länder legt nahe, dass es sich um einen ungewöhnlich stimmungsvollen Weg handelt, der den Wanderer mitnimmt auf eine Zeitreise. Auf eine Begegnung, in der die sportliche Komponente Hand in Hand geht mit Kultur. Österreich, Slowenien, Italien. Das bedeutet, dass man sich nicht nur auf alpinen Pfaden bewegt, sondern auch auf geschichtsträchtigen Wegen. Natürlich schwingt immer ein Hauch von nostalgischem k. u. k. mit. So beginnt der Weg am Großglockner, dem höchsten Berg Österreichs, und endet nahe der Hafenstadt Triest, dem „Wien am Meer“, im venezianischen Muggia. Das vertraute Kärnten, das bäuerlichcharmante Slowenien, das unbekannte, so gegensatzliche Friaul-Julisch Venetien, die geschichtsträchtigen Wege am Isonzo und die Begegnung der Länder im Triester Karst.

 

Nur Wandern ist auf dem Alpe-Adria-Trail zu wenig. Mehr als ein halbes Jahr nach der Recherche sind mir die Etappen noch so gegenwärtig, dass ich sie zu den intensivsten Reiseerlebnissen der letzten Jahre zählen mag. Reiseerlebnisse? Ja, denn der Alpe-Adria-Trail ist keine Wanderung, sondern eine wirklich große, symphonisch vielfältige Reise. Der Großglockner: Wer ihn schon nicht besteigen will oder kann, der möchte ihn zumindest bestaunen. Rund 900.000 Besucher zahlt die Grosglocknerstraße jedes Jahr, etwa 5000 Bergsteiger stehen jährlich auf dem Gipfel. Vielleicht variieren diese Zahlen, aber eines machen sie deutlich: Der Großglockner ist ein Sehnsuchtsziel, und so konnte der Auftakt an der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe nicht besser gewählt sein.

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Der gewalige Gletscherstrom der Pasterze, Foto: Joachim Chwaszcza
Oben am „romantischen“ Parkplatz beginnt der Trail etwas ungewöhnlich mit einem gehörigen Abstieg. Begleitet vom lauten Dröhnen der Motorradfahrer und der um die Kurven zirkelnden Autotouristen führt der Weg in einer glazialen Zeitreise hinunter zur Pasterze. Jahrestafeln markieren den Gletscherrückgang, den oben an der Aussichtsplattform Eis schleckende Automobilisten fotografieren. „Das mag ja was werden“, spukt es mir durch den Kopf.

 

Aber schon nach ein paar Metern talwarts im Schotterfeld der Gletschermoräne bin ich allein, und alle Skepsis ist mit der alpinen Ouvertüre wie weggeblasen. Das gewaltige Szenario um mich herum lost das Dröhnen der Motorräder ab. Wind und Wetter, Wolkentreiben, Sonnenstrahlen und tosende Wasser geben den Ton an. Nach oben der Blick in Fels und Eis, zum Gipfel. Nach unten der Blick ins eng eingeschnittene Tal. Nach dem wuchtigen Auftakt sich weitend und öffnend, einstimmend und besänftigend: Einleitung, Exposition, Durchführung, Reprise, Coda – der Kopfsatz des Alpe- Adria-Trails beginnt mit den klassischen Merkmalen eines orchestralen Werkes. Musikalische Assoziationen im Kopf wandere ich hinunter nach Heiligenblut. Schöner und stimmiger konnte an diesem Tag der Name des ersten Etappenziels nicht sein. Zwar verlaufe ich mich mangels Achtsamkeit oder aufgrund ungewöhnlicher Beschilderung ein paar Mal, doch das verbuche ich als „positive Wiederholung“. Mein mobiler Wanderbegleiter auf dem Smartphone verspricht mir knapp 1400 Hohenmeter Abstieg und einen mittelschweren Tag. Ein paar Etappen später auf der Millstatter Alpe. Das Smartphone sagt mir wieder einmal, wo es langgeht. Der Aufstieg von Seeboden (1616 m) ist angeblich schwer, der Weg 21 Kilometer lang. Hinauf zum Tschiernock (2088 m), dem sudostlichsten Eck der Nockberge, und zur Alexanderhütte. Wiesen, Walder, marketingträchtig im Reich des Feuergranaten und als Wege der „hadischen Leit“ bezeichnet: „Ehedem haben in den Bergen die heidnischen Leute gehaust. Das war ein uraltes Volk, ganz anderer Art als die Menschenkinder und diesen an Größe und Stärke weit überlegen …“ So der Sagenschatz.

 

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Urgewaltig steigen die Slowenischen Bergstöcke aus den Talschluchten hervor, Foto: Joachim Chwaszcza
Für mich geht es auch ohne Sagenwelt, denn oben passt alles perfekt. Ganz allein auf dem beliebten Wandergipfel mit dem einzigartigen 360-Grad-Blick. Der Tag klingt aus, von Müdigkeit oder schwerer Tour keine Spur. Noch eine halbe Stunde Abstieg und ich bin am Etappenziel Alexanderhütte. Unten glitzert der „Millisee“ mit seinen Segelbooten und Sechziger-Jahre- Flair, in der Ferne, jenseits der sanft gerundeten Nockberge ragen die „Julischen“ als schroffe Zacken in den farbigen Spätnachmittagshimmel. Triglav und Mangart zeigen sich so massiv und dominant, dass mich ihre Schroffheit an die Torres del Paine in Patagonien erinnert. Aber noch schwingen andere Töne mit: Adagio, Andante – sanfte Klänge, sich anlehnend an das gesungene Volkslied, die spielerisch und leicht im Kopf Klangformationen bilden und sich in Variationen verlieren. Ich steige hinunter zur Alexanderhütte, Ausflugsgasthof, Sennerei und Etappenziel. Die letzten Parkplatzwanderer mit Kinderwagen brechen gerade auf, ich bleibe der einzige Gast. Das Wetter schlagt um, der Himmel wird tiefblau. Zeit, um sich Spezialitäten wie Glundner, Schmalzkas, Harbner oder Arnikabutter zu widmen. Aus ist es mit der Aussicht, der Regen prasselt und ich bin froh um mein gemütliches Quartier.

 

Den kompletten Artikel lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von DAV Panorama.

 

 

 

 
 

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