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Sichern mit Halbautomaten: die Hintergründe

„Beim Sichern hältst du das Leben deines Kletterpartners in den Händen!“ Das ist eine seit Jahrzehnten gern benutzte Aussage bei der Risikokommunikation in Kletterkursen. Anschaulich und eindringlich beschreibt sie die große Verantwortung des Sichernden für den Kletternden. Will der DAV jetzt davon abrücken? Soll etwa die Verantwortung an Halbautomaten abgegeben werden und sollen sich Sichernde zurücklehnen können, sich gar aus der Verantwortung stehlen?

 

Nein, im Gegenteil! Die Sicherheit beim Sportklettern in Kletterhallen und Klettergärten soll gesteigert werden. Konkret soll das Risiko von Bodenstürzen reduziert werden, wenn fatale menschliche Verhaltensfehler (z.B. Bremsseil loslassen) passieren. Denn Menschen sind eben Menschen, Fehler werden leider immer vorkommen. Und mit der bei korrekter Bedienung wirkenden Blockierunterstützung von Halbautomaten kann ein Bodensturz des Stürzenden besser vermieden werden als mit Tube und HMS. Darin sind sich die Experten nun einig, und Einigkeit besteht auch darin, auf eine gesteigerte Verwendung von Halbautomaten stark hinzuwirken.

 

Positionierung hin zum Wechsel

Der Weg zu dieser Verständigung war lang und steil. Zu groß und vielschichtig ist mittlerweile der Klettersport, als dass eine „offizielle“ Umstellung bei Sicherungsgeräten im Hinterstübchen beschlossen und par ordre du mufti umgesetzt werden könnte. Der DAV nahm sich deshalb die erforderliche Zeit, diskutierte in seinen Lehrteams und Gremien, führte Studien durch, stimmte Meinungen in der Szene und auch auf internationaler Ebene der Alpenvereine ab, um schlussendlich eine Empfehlung vom DAV-Präsidium verabschieden zu lassen.

 

Die Empfehlung bildet die größtmögliche Schnittmenge aller Positionen ab, ohne den beabsichtigten Wechsel hin zu mehr Halbautomaten zu verwässern. Für die Fachressorts der Bundesgeschäftsstelle war dabei von Anfang klar: Nur mit einer textlichen Empfehlung ist es nicht getan. Die Ausbildung muss umgestellt und Lehrmaterial sukzessive angepasst werden, aber auch Antworten auf sich ergebende Fragen in den Bereichen Jugendklettern, Klettern und Recht und vieles mehr müssen im Vorfeld geklärt werden.

 

Umstellung fordert Ausbildung

Stehen nun Tube-Sichernde von heute auf morgen im Abseits? Nein, denn auch mit Tube und HMS kann bei korrekter Anwendung sicher gesichert werden. Es fehlt jedoch das kleine, aber wichtige Backup, das Halbautomaten bieten. Diese Option in Anspruch zu nehmen, bleibt in der öffentlichen Klettergemeinde selbstverständlich der Entscheidung des Einzelnen überlassen. In den Angeboten der Sektionen soll sie mittel- und langfristig zum Standard werden. Auswertungen werden zeigen, wie die Empfehlung in einigen Jahren angenommen wird und wie sich das langfristig auf die Unfallpyramide (Verhaltensfehler und Unfallzahlen) auswirken wird. Denn auch Halbautomaten kann man falsch bedienen. Deshalb kann die Umstellung nur mit Ausbildung und begleitenden Präventionsmaßnahmen wirklich gut gelingen. Dafür wird sich der DAV mit seinen Sektionen und Trainerinnen und Trainern in den nächsten Jahren konsequent einsetzen. Dass dies in den Nachbarländern auch so gesehen wird, zeigt die Diskussion in der Kommission Bergsport des Club Arc Alpin (die acht führenden Bergsportverbände des Alpenbogens), deren grundsätzliche Haltung auch die Basis für den DAV darstellt.