Wie Bergsteiger zu Helden (gemacht) wurden

Vom Wissenschaftler zum Popstar – das ist, auf heutige Begrifflichkeiten heruntergebrochen, die Karriere, die Bergsteigerinnen und Bergsteiger seit der Gründung des Alpenvereins hingelegt haben. Dabei änderte sich auch das WIE des Bergsteigens. Über Bergsteiger, die von der Öffentlichkeit zu „Helden“ gemacht wurden, das Matterhorn, den Umgang mit Gefahren und Friedrich Nietzsche.

„Immer aber steht das Matterhorn in urgewaltiger Größe drohend und lockend über unserem Tal als das große, ewige Symbol aller Geheimnisse“so beschreibt Franz Schmid den Berg, nachdem er dessen 4.478 Meter hohe Nordwand gemeinsam mit seinem Bruder Toni als Erster erfolgreich durchstiegen hatte. Der häufige Steinschlag, die stark vereiste, sehr steile Felswand und die unsicheren Wetterbedingungen machen die Nordwand in der Schweiz auch heute noch zu einer der schwierigsten Wände in den Alpen.

Als einfache Studenten aus München kletterten Franz und Toni Schmid 1931 die Matterhorn-Nordwand hinauf. Als Berühmtheiten kamen sie herab. Die Geschichte der Brüder ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Sensationslust und Medienberichterstattung für eine bisher nicht dagewesene Bekanntheit und Stilisierung von Bergsteigern sorgte.

Die Erstdurchsteigung der Matterhorn-Nordwand

Die Brüder kamen mit dem Rad zum Fuß des Berges und brachen in der Nacht zum 31. Juli, ausgerüstet mit Seil, Eis- und Mauerhaken, Karabiner und Steigeisen, über die Hörnlihütte zum Gipfel auf. Eine Nacht verbrachten sie auf einem Felsvorsprung. Am zweiten Tag kamen sie bei Sturm und Hagel um 14 Uhr oben an.

»Die Nordwand ist unser. Was schert uns jetzt das Toben der Elemente. […] Der knurrende Magen wird mit einer Tafel Schokolade etwas besänftigt.« – Toni Schmid

Nach fast 33-stündiger Kletterei machten sie sich an den Abstieg, um in der Solvayhütte auf 4.003 Metern Schutz vor dem Unwetter zu suchen. Im Talort Zermatt herrschte eine aufgeregte und hoffnungsvolle Stimmung, nachdem die beiden durchs Fernglas in der Nähe der Hütte gesichtet worden waren. Sobald sich das Wetter beruhigt und die Geschwister ausgeschlafen hatten, stiegen sie ins Tal, wo sie eine begeisterte Menschenmenge, unter ihnen viele Reporter, in Empfang nahm.

Wie Franz und Toni Schmid zu „Helden“ werden

Die Zeitungsberichte in ganz Deutschland überschlugen sich vor Begeisterung über den Erfolg der Brüder am Matterhorn. Sie bezeichneten die Besteigung als „Ruhmestat“, „Sensation“ und „Sieg“, die beiden Münchner Studenten wurden zu „Helden vom Matterhorn“ oder „Bezwinger vom Matterhorn“.


Oskar Wiedenhofer, Porträt Franz und Toni Schmid, Öl auf Leinwand, 1931. (Foto: DAV/Archiv)

»Hätte ich das vorausgeahnt, nie wäre ich in die Matterhornnordwand eingestiegen!« – Toni Schmid

Die Heroisierung fand nicht nur in Textform, sondern auch bildlich statt. Die Sektion Oberland gab zusammen mit dem Alpenkränzchen Berggeist bei dem Südtiroler Porträtmaler Oskar Wiedenhofer ein Gemälde in Auftrag, das die Brüder nach der Durchsteigung zeigt. Dabei springt die idealisierende Darstellung der beiden ins Auge: die Körper muskulös, die Figuren stark konturiert und Franz Schmid ins Profil gesetzt. Die beiden schauen in eine unbestimmte Ferne, im Hintergrund das „besiegte“ Matterhorn. Aus den beiden freudestrahlenden, jungen Männern, die auf den Fotos nach der erfolgten Besteigung lachen, wurden zwei Personen, die Männlichkeit und Ernst ausstrahlen.

Auszeichnungen für die Ruhmestat

Die beiden Männer wurden gebührend gefeiert – zum Beispiel bei einem Ehrenabend, den die Sektion Oberland zusammen mit dem Alpenkränzchen Berggeist im Herbst 1931 organisierte. Dabei verlieh der Präsident des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen Franz und Toni Schmid die Adlerplakette. Die Plakette war eine Auszeichnung für besondere Leistungen, die beispielsweise auch der Physiker Max Planck und der Maler Max Liebermann erhalten hatten. Franz und Toni Schmid wurden als erste Bergsteiger damit ausgezeichnet.

Schon zu diesem Zeitpunkt wurde die Durchsteigung nationalistisch instrumentalisiert. Die Brüder hätten dem „deutschen Namen […] in aller Welt Ehre gemacht“, schrieb der Schriftsteller und Verleger Walter Schmidkunz in einem Bericht über den Abend. Walter Schmidkunz war in den 1920er und 1930er Jahren mit literarischen Werken unterschiedlicher Genres maßgeblich an der Erschaffung alpiner Heldenbilder und Identifikationsfiguren beteiligt. Er arbeitete zum Beispiel als Ghostwriter für Luis Trenker – den Bergsteiger jener Zeit, der bei der breiten Masse wohl bis heute am bekanntesten ist.


Leo Maduschka, Leitbild für Jahrzehnte. Schmidkunz’ Biografie und Textsammlung Leo Maduschka. Junger Mensch im Gebirg erschien von 1936 bis um 1960 in mehreren Auflagen. (Foto: DAV/Archiv)

Zurück zum Ehrenabend für Toni und Franz und der Instrumentalisierung ihrer Erstdurchsteigung: Adolf Sotier, Vorsitzender der Sektion Oberland und eine der treibenden Kräfte für den antisemitischen Ausschluss der Sektion Donauland, beendete seine Rede mit den Worten: „Solchen Geist zu deutschen [sic] Wohl“. Als Toni Schmid 1932 am Wiesbachhorn tödlich verunglückte, feierten zahlreiche Grabreden ihn gar als „gefallenen Kriegshelden“, der sich für den Alpinismus und das „deutsche Vaterland geopfert“ habe.

1932 verlieh das Olympische Komitee den Brüdern die Olympische Goldmedaille in der Disziplin Bergsteigen – damit wurde ihr Heldenstatus sozusagen auch international anerkannt.

Wie sich das Bergsteigen wandelte

Doch was ist überhaupt ein „Held“? Und wie wird man als Bergsteigerin oder Bergsteiger zur „Heldin“ beziehungsweise zum „Helden“? Fragen, über die man abendfüllende Diskussionen führen könnte, für die hier der Platz bei weitem nicht reicht. Deswegen soll folgende, sicherlich zu kurz greifende Feststellung genügen: Für viele ist ein Held am Berg jemand, der als erstes oder am schnellsten auf einem Gipfel war, oder einer, der eine außergewöhnlich anspruchsvolle und gefährliche Route gewählt hat, oder jemand, dem die aktuellen Bedingungen am Berg, meist das Wetter, sprichwörtliche Steine in den Weg legten.

Ob das „wer war zuerst?“, „wer war schneller?“ und „wer hatte es am schwersten?“ überhaupt legitime Fragen am Berg sein dürfen, darüber waren sich die Bergsteigerinnen und Bergsteiger damals so wenig einig wie heute. Waren doch Wettkampf und Leistungsvergleich nicht die einzigen Triebfedern hinter den Bergabenteuern der Alpinisten und Alpenvereins-Mitglieder im 19. Jahrhundert – vielen ging es darum, sich überhaupt in der Bergwelt aufhalten und diese erleben zu können oder auch nur Näheres über die Alpen zu erfahren.

Dennoch war das Matterhorn nicht nur Spielort der Geschichte rund um Franz und Toni Schmid, sondern bereits 1865 auch Kulisse für ein wahres Wettrennen am Berg: Die englische Seilschaft um Edward Whymper tat im Juli 1865 alles, um der italienischen Seilschaft um Jean-Antoine Carrel bei der Erstbesteigung des Berges zuvorzukommen – mit Erfolg, auch wenn vier der Erstbegeher den Abstieg mit dem Leben bezahlten. Schon damals wurde deutlich, dass der Wettkampf eine wichtige Rolle spielen konnte – auch wenn er in der deutschsprachigen Alpinliteratur noch lange verpönt war.

Wie aus Bergsteigen Bergsport wurde


Edward Theodore Compton, Michael Innerkofler, Ludwig Purtscheller und Emil Zsigmondy bei der Besteigung des Elferkofels, Tempera auf Karton, 1891. (Foto: ÖAV/Archiv und Museum)

»Es gibt eine Periode im Menschenleben – und wer hätte sie nie durchlebt – wo man nach nichts so sehr sich sehnt, als Ueberwindung von Schwierigkeiten und physischen Gefahren. Für den Starken, für den Beherzten und Kühnen taugt nur das höchste Gebirge, wie für den Taucher das grosse Weltmeer.« – Ludwig Purtscheller, 1883

Als Ludwig Purtscheller diese Zeilen über seine Motivation für die Besteigung des Monte Pelmo in den Dolomiten schrieb, sind die Hauptgipfel der Alpen bereits bestiegen. Die Erstbesteiger waren meist mit einheimischen Führern unterwegs, anders als Ludwig Purtscheller. Der Tiroler Lehrer unternahm seine Touren meist führerlos. Er war einer der Vorreiter einer neuen Bewegung, der es nicht mehr bloß um die Besteigung eines Gipfels ging, sondern auch um die Erschließung neuer, schwerer Routen und die Überwindung von Schwierigkeiten und Gefahren.

Das sogenannte Bergsteigen schärferer Richtung entstand – ausgehend von einer jüngeren Bergsteiger-Generation und begleitet von emotionalen Diskussionen: Ist es verantwortungslos, führerloses Bergsteigen zu propagieren? Ist dieser „neue“ Alpinismus nicht mehr als bloße Rekordjagd, nur des Ruhmes wegen? Steht dahinter ein falscher Ehrgeiz? Wird die Bergwelt zum Sportgerät degradiert? Kann Alpinismus NUR Sport sein und wo bleibt das „Mehr“, das ethische Moment, die persönlichkeitsbildende Erfahrung, die ganzheitliche Betätigung, wenn man die Gefahr nur für den schnellen Kick sucht?

»Wer den Alpinismus nur als Sportsache betrachtet, als Mittel, um das abgekitzelte Nervensystem neu anzuregen, wer die Gefahr aufsucht, blos um mit ihr zu spielen, der ist kein Bergsteiger in unserem Sinne, der verkennt die eigentlichen, ursprünglichen Zwecke desselben.« – Ludwig Purtscheller, 1896

Doch die Versportlichung des Alpinismus war bereits im Gange, der Leistungsgedanke wurde wichtiger, Training professionalisiert und bergsteigerische Leistung in Schwierigkeitsskalen gemessen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich die Einsicht, dass das Sportwesen längst Einfluss auf den Alpinismus gewonnen hatte, weitestgehend durchgesetzt.

Was Nietzsche mit dem Bergsteigen zu tun hat

Woher kam der Wunsch, sich in den Bergen beweisen zu wollen? Das Verlangen etwas zu erleben? Das Streben nach Draußen, nach oben, in die Fremde, in die Bergnatur? Das Verlangen nach Freiheit von Zwang?

Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Industrialisierung den Alltag der Menschen radikal verändert und beschleunigt. Hektik und Nervosität waren häufig genutzte Schlagwörter, um den damaligen Zeitgeist zu beschreiben. Die Menschen suchten nach Kompensation, die manche in der vermeintlich idealen Gegenwelt zum Tal, der Bergwelt, zu finden meinten. Hier würden sie, anders als durch die moderne Arbeitsteilung, nicht nur einseitig, sondern körperlich und geistig gefordert: beim Kartenlesen, Wegfinden oder Wetterdeuten, beim Überwinden von Schwierigkeiten und Gefahren – Alpinismus als Heilmittel und Erziehung für Körper und Geist.

Einfluss auf diese Entwicklung hatte zudem einer, der selbst zwar kein Bergsteiger war, dessen Werke aber auf den Nachttischen vieler Alpinisten lagen: Friedrich Nietzsche. Der Philosoph beschrieb die Bergwelt als eine ernste Landschaft, in der sich der Mensch über das Niedrige erhebt. Nietzsche glorifizierte heldenhafte Momente, betonte das Individuum, die Willenskraft und forderte eine Auseinandersetzung mit Gefahr ein, bei gleichzeitiger Verachtung für Menschen, die nichts riskieren.

Eugen Guido Lammer. (Foto: DAV/Archiv)

Eine elitäre Philosophie, die den damaligen Bergsteigerinnen und Bergsteigern salopp gesagt ganz gut in den Kram passte: Sie sollte die Ausrichtung des deutschsprachigen Alpinismus sowie des Alpenvereins über ein knappes Jahrhundert hinweg bestimmen und nicht zuletzt einen erheblichen Anteil an der Eingliederung des Alpenvereins in den Nationalsozialismus haben. Einer der radikalsten Vertreter dieser neuen Philosophie war der führerlose Bergsteiger Eugen Guido Lammer. Als Einleitung für seinen Aufsatz „Großvenediger. Vom Lieben und Hassen der Berge“ wählte er ein Nietzsche-Zitat, dessen Aussage viele der damals besten Bergsteiger unterschrieben hätten:

»Das Geheimnis, um die größte Fruchtbarkeit und den größten Genuß vom Dasein einzuernten, heißt: Gefährlich leben.«

Und zumindest einige der bekanntesten, zeitgenössischen Alpinisten würden dieses Nietzsche-Zitat, das den Grundstein legte für den modernen Alpinismus und die Heroisierung der Brüder Schmid, vielleicht heute immer noch unterschreiben. Sollte zufällig irgendwer den Freeclimber und Klettersuperstar Alex Honnold treffen, dann fragen wir ihn danach, abgemacht? 🙂

Mehr zum Thema:

Katrin Arens, Rosmarie Berger, Tatiana Slesareva. Franz und Toni Schmid. Die Helden des Matterhorns, in: DAV (Hrsg.): Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein, München 2019
Elisabeth McCarthy, Cindy Rentrop, Maurizio Scelsi: Die alpinen Helden des Walter Schmidkunz, in: DAV (Hrsg.): Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein, München 2019
Maximilian Wagner: Das Bergsteigen schärferer Richtung, in: DAV (Hrsg.): Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein, München 2019
Maximilian Wagner: Bergsteigen in Fels, Eis und Schnee, in: DAV (Hrsg.): Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein, München 2019

Im Titel verwendete Bilder:

Franz Schmid im Film "Gipfelstürmer", 1932/1933. (Bild: Siegel-Monopolfilm GmbH)
Franz und Toni Schmid, Postkarte von 1931, "Die Matterhorn Nordwand und ihre Bezwinger". (Bild: DAV/Archiv)