Als das Klettern noch frei war

Klettern, die vielleicht größte Trendsportart unserer Zeit, entsteht unter anderem aus Mangel an Bergen vor der Haustüre und der Lust an vertikaler Bewegung. Das Klettern wird zur Freizeitbeschäftigung der 68er – aber lange nicht zu der des DAV. Während die Vertreter und Vertreterinnen des neuen Sports das konservative Alpenvereins-Establishment als spießig abstempeln, fragt sich der Alpenverein, wie viel Sport in den Bergen sein darf. Am Ende ist es der DAV, der die Professionalisierung des Kletterns vorantreibt.

Schon die Überschrift dieses Artikels will eine Diskussion anzetteln, denn wann kann von freiem Klettern gesprochen werden? Beginnt man bei Hirten und Jägern? Bei den ersten Bergsteigern, die streng genommen technisch kletterten? Beim Freiklettern, bei dem technische Hilfsmittel nur zur Sicherung und nicht zur Fortbewegung genutzt werden dürfen? Oder entscheidet man anhand der Motivation, mit der die Kletternden ihr eigenes Tun erklären?

Und: War Klettern, im übertragenen Sinne, nicht freier, als für die Besten der Welt noch keine Olympische Goldmedaille in Aussicht stand? Als es mehr Lebenseinstellung war als Sport? Als der junge Bergsport noch nicht in sportpolitischen Strukturen aufging? Und als Kletterer und Kletterinnen sich noch draußen, an der frischen Luft und am Fels austobten, statt drinnen in Hallen an Plastikgriffen?

»Klettern heißt frei sein. (…) Klettern ist aufsässige Selbstverständlichkeit und Ausreißversuch aus sterilem Alltag ins Abenteuer.« – Wolfgang Güllich, deutscher Kletterer

Die Antwort auf die berühmte Frage „Wer hat’s erfunden?“ ist nicht leicht. Denn es kletterten tatsächlich bereits Jäger und Hirten. Wohingegen die ersten Bergsteiger und Bergsteigerinnen ihre Bergfahrten, wie man damals sagt, zunächst aus vor allem wissenschaftlichen Gründen unternehmen, später dann um Natur und Landschaft zu genießen. Klettern war für sie eher Mittel als Zweck. Ähnliches gilt für den hauptsächlich von Briten und Britinnen betriebenen Alpinismus, bei dem die Erstbesteigung von Gipfeln im Vordergrund stand. Manche schreiben zwar bereits von der Freude an der Kletterbewegung, aber von einem Konzept, einer größeren Idee, kann da noch keine Rede sein.

Die Befreiung des Kletterns

Paul Preuß, österreichischer Alpinist und Vertreter des Freikletterns. (Foto: DAV/Archiv)

Auch die Antwort auf die Frage, wer das Freiklettern erfunden hat, ist schwierig. Der Ursprung könnte in der „by fair means“-Haltung britischer Alpinisten zu finden sein. Sie wollten nur die vorhandenen Felsstrukturen zur Fortbewegung nutzen.

Aber auch die Vertreter der sogenannten Wiener und Münchner Schulen sowie sächsische Kletterer und Kletterinnen folgen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts diesem Prinzip.

Zu letzteren gehörte Oscar Schuster, der bereits vor der Jahrhundertwende eine dreiteilige Schwierigkeitsskala für das Freiklettern entwarf. Während die Münchner Schule zunehmend den Gebrauch künstlicher Hilfsmittel auch zur Fortbewegung akzeptiert, verweigern sich viele Anhänger der Wiener Schule dem technischen Klettern.

Ein Vertreter der Wiener Schule – vielleicht ihr prominentester – wirkt bis heute nach: Paul Preuß, der 1911 sogar die Verwendung eines Seils in Frage stellte. Die Idee des freien Stils wird schon vor dem Zweiten Weltkrieg vom Dresdner Fritz Wiessner in die USA exportiert. Mitte der 1960er Jahre setzt sie sich dort durch. Yosemite Valley wurde zum Mekka des Free Climbings.

Der Gegentrend: Die Direttissima

In der Zwischenzeit werden in Europa durch die Weiterentwicklung des technischen Kletterns ab den 1920er Jahren und durch die Erfindung des Bohrhakens nach dem Zweiten Weltkrieg quasi alle bedeutenden Wände der Alpen durchstiegen. Das Direttissima-Klettern gilt in der Öffentlichkeit als das Nonplusultra des Alpinismus. Eine möglichst gerade Linie zum Gipfel ist das erstrebenswerte Ideal. Der „Mord am Unmöglichen“, wie Reinhold Messner die Materialschlacht des technischen Stils bezeichnet, gerät jedoch zunehmend in die Kritik.

Kurt Albert und die Rotpunktbewegung

Auch der Nürnberger Kurt Albert ist der Meinung, dass technisches Klettern eine sportliche Sackgasse sei. Nach seinem Besuch in der Sächsischen Schweiz beginnt er, Routen im Nördlichen Frankenjura, die zuvor nur technisch geklettert wurden, mit einem roten Punkt am Einstieg zu markieren, wenn ihm die freie Begehung gelingt.

Seine erste solche Route ist 1975 der Adolf-Rott-Gedächtnis-Weg am Felsen Streitberger Schild. Das freie Durchsteigen im Vorstieg ohne Sturz, Ausruhen oder Hochziehen am Seil und unter ausschließlicher Verwendung der natürlichen Felsstruktur revolutioniert das Klettern und ist der heute weltweit anerkannte Stil. Als Erstbegeher einer Freikletter-Route gilt seither, wer diese als erster Rotpunkt durchsteigt.

Kurt Albert selbst lässt 2010 beim Klettern im Frankenjura sein Leben: Am Klettersteig Höhenglücksteig in der Nähe von Hirschbach stürzt er fast 20 Meter ab und verletzt sich dabei schwer. Zwei Tage später erliegt er seinen Verletzungen.

Yosemite – das Tal der Hippies 

Während in Deutschland die Rotpunkt-Bewegung boomt, erhält auf der anderen Seite des großen Teichs „das seltsame Wort ‚Yosemite‘ einen besonderen Klang in Kletterkreisen“, wie Bergsteiger, Fotograf und Bestsellerautor Reinhard Karl schreibt: 

Fotos von Reinhard Karl aus dem Yosemite Valley. Seine Fotos dort sind Mitte der 70er Jahre und Anfang der 80er Jahre entstanden.

»Bei uns in Europa war und ist das Bergsteigen ein Sport für harte Männer, für Helden, die weder Tod noch irgendeine kalte Nordwand scheuen. Die amerikanischen Kletterer sahen aus wie Hippies, lebenslustig, ohne irgendwelchen Bierernst. Sie schienen überhaupt nicht daran interessiert zu sein, ständig sich und anderen zu zeigen, welch harte Burschen sie waren. Kurz – den ganzen Luis-Trenker-Traditionalismus-Käse schien es in Amerika nicht zu geben.« – Reinhard Karl, Bergsteiger, Fotograf und Bestsellerautor

Klettern im Yosemite-Valley.
Klettern im Yosemite-Valley
Klettern im Yosemite-Valley
Klettern im Yosemite-Valley
Klettern im Yosemite-Valley


Von Reinhard Karl wurden zu seinen Lebzeiten circa 150 Bilder in den Mitteilungen und im Jahrbuch veröffentlicht. Er ist einer der meist rezipierten Fotografen in DAV-Medien.

Der Verfasser dieser Zeilen war zu seiner Zeit einer der besten Alpinisten im deutschsprachigen Raum. Er durchklettert als Partner von Helmut Kiene 1977 die Pumprisse am Fleischbankpfeiler im Wilden Kaiser und sprengt damit die damals noch sechsstufige Schwierigkeitsskala. Ein Jahr später steht er als erster Deutscher auf dem Mount Everest.

Yosemite, das Kletterparadies in Zentralkalifornien, zieht ihn aufgrund der von ihm beschriebenen Andersartigkeit an. Camp 4 am Fuße des El Capitan ist in den 70er Jahren bevölkert von einem bunten Haufen „Dirtbags“, wie man im Englischen sagt. Junge Menschen, vereint in Weltflucht, Drogenkonsum und Kletterbegeisterung, auf der Suche nach einem freien, intensiven und selbstbestimmten Leben in der Natur. „High sein, frei sein, auf einem Dome sein“ war die Devise, so Reinhard Karl. 

Klettern im Yosemite-Valley
Klettern im Yosemite-Valley

Mehrere Aufenthalte in den USA, vor allem im Yosemite Valley, bilden eine entscheidende Wegmarke in Reinhard Karls leben.

Von der alternativen Lebenseinstellung zum erfolgsorientierten Sport 

Im Deutschland der 1970er Jahre wird Klettern zu der Freizeitbeschäftigung und dem Lebensstil derer, die sich der 68er-Bewegung verbunden fühlten: Dem als repressiv empfundenen Staat stehen die Anhänger und Anhängerinnen dieser Subkultur kritisch gegenüber. Sie tragen lange Haare, Stirnbänder, exotisch gemusterte Hosen und Ohrringe, praktizieren Hatha Yoga und autogenes Training, hören Janis Joplin, Jimi Hendrix und die Stones, lesen Bücher von Hermann Hesse und Ernst Bloch. Vor allem aber glauben sie, in ihren Kletter-Abenteuern den idealen Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaft und in der Natur das Heilmittel gegen Entfremdung gefunden zu haben. Den Kletterer und Kletterinnen dieser Generation geht es nicht mehr um den Kampf um den Gipfel. Klettern ist für sie ein Spiel, eine Lebenseinstellung, die sich zunehmend zum erfolgsorientierten Sport wandelt. Denn den Fans des Freikletterns wird schnell klar, dass ambitionierte Projekte im neuen Stil ohne systematische Trainingsmethoden, zum Beispiel am Griffbrett oder im Kraftraum, nicht zu schaffen sind. Und auch wenn es wie ein Widerspruch erscheint, gesellt sich zur politisch angehauchten Romantik eines freien Kletter-Lebens bald auch die zielgerichtete Planung des klettersportlichen Erfolgs. 

Bergauf Bergab: Sportklettern im unteren Altmühltal

In den Achtzigerjahren war die Weltelite des Sportkletterns im unteren Altmühltal zu Gast. An den extrem glatten Wänden des Tals entstanden Routen wie „The Face“ von Jerry Moffat oder Sepp Gschwendtners „Münchner Dach“.



Der DAV und die „langhaarigen Affen“

Wolfgang Güllich in der Route Action Direct im Frankenjura. (Foto: DAV/Thomas Ballenberger)

Für viele Kletterer und Kletterinnen der 70er Jahre war der DAV ein Verein von konservativen Traditionalisten, „Alpinspießern mit ihren Stehhaaren und den hingetrimmten Reinhold-Messner-Bärten“. Und die Ablehnung war eine gegenseitige, ist doch die Diskussion, inwieweit Betätigung am Berg denn Sport sein darf, schon seit Ende des 19. Jahrhunderts leidenschaftlich im Alpenverein geführt worden und immer noch nicht ganz ausgefochten. Allein der Name „Sportklettern“ ist für manche eine Provokation und so wird dagegen wortreich Stellung bezogen. Für die Kritiker und Kritikerinnen ist Alpinismus mehr als Sport: die Tiefe des Naturerlebnisses, das zur persönlichen Entwicklung beitragen soll, ginge durch die reine Konzentration auf die Überwindung von Schwierigkeiten verloren. Das Klettern in Sachsen oder an den Felsen anderer Mittelgebirge war nur als Training für alpine Touren akzeptiert. Darüber hinaus hätten Wettbewerbe ohnehin nichts mit Alpinismus zu tun. So fand die Etablierung des Sportkletterns zunächst weitgehend ohne den DAV statt. Der Anschluss an einen sich neu entfaltenden Zweig des Alpinismus ging ihm beinahe verloren.

»Zu Beginn der Sportkletterbewegung waren Kletterer wie Wolfgang Güllich und Kurt Albert mit ihren langen Haaren für den Alpenverein die absoluten Freaks. Da fielen wortwörtlich Sätze wie: ‚Was sollen wir mit diesen drogenabhängigen Affen im Alpenverein.‘ (…) Erst durch die Kletterwettkämpfe, die außerhalb des Alpenvereins stattgefunden haben, musste sich der Alpenverein notgedrungen mit dieser zündenden Sportart anfreunden. Und dann hat er gemerkt, dass da eine Entwicklung in Gang kommt, wo sie dabei sein müssen. Schließlich verbarg sich dahinter ja auch ihre zukünftige Klientel.« – Stefan Glowacz, Pionier der deutschen Sportkletterszene

Der DAV auf dem Weg zum Sportverein

Es ist Fritz März, DAV-Vorsitzender von 1980 bis 1992, der das Potential der Sportkletterbewegung erkennt und den Alpenverein dafür öffnet. 1984 organisiert er zu dem Thema ein Symposium in Brixen mit dem Titel: „Bergsteigen heute – morgen“. Heraus kommt ein Forderungskatalog, der eine verstärkte Förderung des Spitzensports und eine Unterstützung der Sportler und Sportlerinnen durch Trainingsprogramme und -stätten vorsieht. In der Folge entstehen Sportklettergruppen in vielen Sektionen, vereinzelt werden erste künstliche Kletteranlagen gebaut. Obwohl März auch auf heftigen Widerstand trifft, setzt er sich weiter für den Spitzensportgedanken ein und beantragt zum Beispiel eine Erhöhung der Fördergelder beim Bund. Unter seinem Vorsitz wird außerdem erstmals ein Beauftragter für den Bereich Sportklettern eingesetzt. Es findet der erste große Kletterwettkampf unter sportlicher Leitung des DAV und 1991 auch die erste Weltmeisterschaft in Frankfurt am Main statt.

Nach der zweiten Weltmeisterschaft 1992 in München fällt der Entschluss, dem Deutschen Sportbund (DSB) beizutreten, was dann drei Jahre später auch passiert. Der Alpenverein wird damit in die deutsche Leistungssportlandschaft integriert und passt sich an die Strukturen des DSB an: In den Sektionen werden Wettkampf- und Spitzensportreferenten ernannt, auf Landesebene Leistungsstützpunkte aufgebaut, Kader gebildet, Bundestrainer engagiert, Wettkämpfe ausgerichtet. Ab den 1990er Jahren werden immer mehr künstliche Kletteranlagen gebaut. Es entstand eine sportliche Infrastruktur, die die Voraussetzungen für den derzeitigen Klettertrend schuf.

Trendsport für die Massen

Alexander Megos klettert in der britischen Route „Hubble“.
Alexander Megos in der britischen Route „Hubble“. (Foto: DAV/Frank Kretschmann)

Allein der Alpenverein betreibt heute rund 200 Indoor- und Outdoor-Kletteranlagen in Deutschland – insgesamt gibt es mehr als 500. Um die Herstellung der Griffe hat sich eine ganze eigene Industrie entwickelt. Auch das Hallenklettern, anfangs abfällig „Plastikklettern“ genannt, für seinen fehlenden Naturbezug kritisiert und allerhöchstens als Training für den echten Fels akzeptiert, hat sich schnell zu einer eigenen und anerkannten Spielart des Sports entwickelt: Sicherer, ohne Naturgefahren und damit tauglich für ein breites Publikum. Während der Bergsport vergleichbarer, strukturierter und ausdifferenzierter wird und sich langsam anderen Sportdisziplinen annähert, entwickelt sich Klettern zu einer Trendsportart, von der auch der Alpenverein profitiert: Fast die Hälfte der mehr als 1,2 Millionen Mitglieder des DAV klettert selbst aktiv und ist kaum älter als 20 bis 40 Jahre. Der Alpenverein wird durchs Klettern jünger, moderner und sichtbarer in den Städten.

Und das Klettern? Die anspruchsvollsten Routen der Welt befinden sich mittlerweile im zwölften Schwierigkeitsgrad. Der Tscheche Adam Ondra und der US-Amerikaner Chris Sharma wechseln sich mit neuen Rekorden ab, neue Stars wie Enzo Oddo aus Nizza oder Alexander Megos aus Franken eifern ihnen nach. Mit der Verfilmung von Alex Honnolds unglaublicher Free-Solo-Besteigung des El Capitan hat sogar erstmals ein Kletterfilm einen Oscar in Hollywood gewonnen. 2020 ist der Sport, der unter anderem aus friedlichem Protest gegen das konservative Bergsteigerestablishment und aus Mangel an echten Berge entstand, mit dem neuen Olympic Combined Format aus Speed, Bouldern und Lead bei den Olympischen Spielen in Tokio dabei. Auch dank des DAV. Bei dieser rasanten und beeindruckenden Entwicklung sei zu den ketzerischen Fragen von Beginn des Artikels noch eine weiterer erlaubt: Was kann da noch kommen?

Mehr zum Thema:

DAV/OeAV/AVS (Hrsg.): Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918–1945, Wien 2011
Richard Goedeke: Der Kampf um die Felsheimat Hohenstein und was er bewirkte, in: DAV (Hrsg.): Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein, München 2019
Nicholas Mailänder: Ein halbes Jahrzehnt im Freikletterfieber. Senkrecht ins Morgenland, in: DAV (Hrsg.): Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein, München 2019
Nicholas Mailänder: Die Ursprünge des Freikletterns. Die Bewegung der Führerlosen und die Wiener Schule, in: DAV/OeAV/AVS (Hrsg.): Berg 2015, Innsbruck 2015
Martin Scharfe: Berg-Sucht. Eine Kulturgeschichte des frühen Alpinismus 1750-1850, Wien 2007
Dominik Speidel/Anna Volkova: ‚High sein, frei sein, auf einem Dome sein.‘ Reinhard Karl im Yosemite Valley, in: DAV (Hrsg.): Die Berge und wir. 150 Jahre Alpenverein, München 2019
Maximilian Wagner: Das Bergsteigen schärferer Richtung, in: DAV (Hrsg.): Die Berge und wir. 150 Jahre Alpenverein, München 2019

Im Titel verwendete Bilder:

Morgenstimmung in Camp 4 im Yosemite Valley, um 1975 bis 1981. (Foto: Reinhard Karl)
Deutsche Meisterschaft Olympic Combined 2018. (Foto: DAV/Marco Kost)