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05.05.2021
Sechs Finalteilnehmer*innen, zwei deutsche Rekorde und zwei Medaillen!

Vom unlösbaren Boulder bis zum Speed Rekord - Das war die Jugend EM in Perm!

Der Blick zurück auf fünf Tage internationalen Wettkampf: Zwei deutsche Rekorde, eine Gold-Medaille im Speed und eine Bronze-Medaille in der Combined-Wertung. Zahlen die zufrieden stimmen können. Aber die EYCH hatte noch deutlich mehr zu bieten!

299 Athlet*innen aus 19 Ländern. Große Konkurrenz also für unsere Starter*innen. Schauplatz war der neue Sportkletter-Komplex in der Sukharev Sport Arena in Perm. Mit einer Wandhöhe von 19,5 Metern, die höchste Indoor Lead Wand in ganz Russland. 
Im Zuge des ersten dort stattfindenden internationalen Event, hieß es für die Jugend A gleich mal auf voller Länge zu zeigen wie es um die Kraftausdauer steht. 

Am besten gelungen ist das Emil Zimmermann. Nach einer souveränen Vorstellung in der Qualifikation (Platz 5) konnte er sich im Halbfinale sogar auf Platz 4 steigern. Nach einem effizienten und schnellem Start in der Finalroute, versuchte er sich an entscheidender Stelle jedoch mit einer alternativen Beta. Diese ging für ihn allerdings nicht auf, ein siebter Platz ist es am Ende dennoch geworden! 
 

Nachgehakt:

Wir haben Emil Zimmermann nach der Qualifikation ein kurzes Statement entlocken können:

Emil: "Von der Konkurrenz habe ich ehrlich gesagt sogar etwas mehr erwartet, aber soll mir ganz Recht sein. ;)
Die anderen Länder schienen Corona- und Trainingstechnisch wohl nicht weniger eingeschränkt zu sein wie wir in Deutschland.
Der Auftakt ist bisher super, alle sind im Halbfinale morgen. Auch wenn die meisten noch eine Steigerung erstreben.
Die Routen waren total cool! Sehr schöne, flowige Züge an tollen Griffe. Ich glaube das fanden auch so ziemlich alle anderen Athleten.

Auch sonst ist die deutsche Truppe ist sehr entspannt. Eine sehr angenehme Stimmung untereinander. Wir sind alle sehr motiviert und haben Bock auf die kommenden Tage!"

 

 

Auch Anna Maria Apel, Anna- Lena Wolf, Michel Sieder und Leander Carmanns konnten sich für den Halbfinallauf qualifizieren. Letzterer hat den Start in diesem dann, aus taktischen Gründen wie wir vermuten, jedoch verweigert. Wie es scheint, genau der richtige Plan! Für die anderen drei Athlet*innen war der Einzug ins Finale dann doch in deutlicher Ferne. Für das begleitende Trainerteam, trotzdem ein sehr zufriedenstellendes Endergebnis wie wir auf Nachfrage erfahren:
 

Nachgehakt:

Unser Team hat sich im Feld gut behaupten können und zeichnet sich durch auffallend gute klettertechnische Qualitäten aus. Lead, nicht immer die beste Disziplin der Deutschen in den letzten Jahren, war diesmal von ausdauernden, progressiv schwerer werdenden Routen geprägt. Im Vergleich zu den Vorjahren konnten wir den Abstand zu den besten sichtbar verkürzen. Finalplätze waren möglich. Emil Zimmermann durfte über alle Runden von einer Medaille träumen. Im Finale am Ende „nur“ ein guter 7. Platz. Die Stimmung und der Zusammenhalt im Team ist trotz, oder vielleicht sogar wegen, der besonderen Umstände und den damit einhergehenden Herausforderungen ausgesprochen gut! Wir freuen uns auf weitere spannungsgeladene Wettkampftage.


Gesamtplatzierung Lead:

  • Anna-Lean Wolf: Platz 14
  • Anna Maria Apel: Platz 17
  • Michel Siedler: Platz 13
  • Emil Zimmermann: Platz 7
  • Leander Carmanns: Platz 26
     
 

Speed

Deutschland die Speed Nation! Eine Disziplin, die erst mit dem umstrittenen olympischen Format mehr Aufmerksamkeit erhält. Und das wird auch Zeit wie es scheint! Kaum ein anderer Sport ist so publikumswirksam, egal ob für Laie oder Profi. Und unsere Jugend ist auf dem besten Weg, dass das auch so bleibt. 
Mit Linus Bader hat der Speed-Krimi in Perm begonnen. Nach zwei souveränen Läufen in der Qualifikation (6.267 & 6.441) zieht er auf Platz 4 in das Viertelfnale ein. Im Lauf gegen den Italiener Jacopo Stefani rutscht er allerdings ab und verliert wertvolle Sekunden. Doch auch dem Italiener passiert der Fauxpas im letzten Drittel. Bader, welcher trotz des Rückschlags dran geblieben ist, holt auf und schlägt zeitgleich aufs Pad. Am Ende waren es 0.04 sec die ihm für den Einzug ins Halbfinal fehlten.

Als einzige weibliche deutsche Speederin ging Anna Maria Apel an der Start. Geboren 2005, startet sie ihre erste Saison in der Jugend A, muss sich also auch unter den älteren Starterinnen beweisen. Mit einer Bestzeit von 8.474 Sekunden im Jahr 2020 waren die Erwartungen jedoch hoch. Der Einzug ins Viertelfinale war mit 9.096 Sekunden und Platz fünf in der Qualifiktion auch schnell erreicht. Zurück in die "kleiner 9 Sekunden Liga" hat sie jedoch in Perm noch nicht gefunden. Am Ende ist es der vierte Platz geworden, und das trotz weiter Entfernung zu ihrer persönlichen Bestzeit. 

Für die männliche Jugend A waren Leander Carmanns und Thorben Perry Bloem gemeldet. Letzterer legte in der Qualifikation mit 6.981 zwar keine schlechte Zeit vor. War aber um zwei hundertstel langsamer als Carmanns. Im vorletzten Lauf der Qualifikation drückte sich der Franzose Desloges jedoch mit Platz fünf vor die beiden und damit Perry Bloem aus dem Viertelfinale. 
Den Speed den Carmanns dann im Viertel- und Halbfinale zeigte, bringt Gänsehaut. Mit 6.32 Sekunden war er der schnellste Starter im Viertelfinale. Mit 5.976 Sekunden im Halbfinale, pulveresierte er nicht nur den nationalen Jugend A Speedrekord und den allgemeinen deutschen Speedrekord, sondern wird auch der erste deutsche Kletterer unter sechs Sekunden!! Der Sieg im Finale und der Europameister Titel schienen danach nurnoch Formsache zu sein.
 

Nachgehakt:

Leander Carmanns hat sich die Zeit genommen und uns ein paar Fragen beantwortet:
 

DAV: In der Quali warst du mit 6,96 Sekunden schon superschnell, hast aber im Halbfinale fast nochmal eine Sekunde raus geholt. War es Taktik sich in den Finalläufen nochmal zu steigern oder gibt man bei jedem Durchgang Vollgas?

Carmanns: Der erste Run lief für mich ja nicht so gut. Mit einem fetten Slip und 8,1 Sekunden musste ich mich im zweiten Lauf dann nochmal zusammen reißen. Und auch da machte ich nochmal einen Fehler. Habe dann aber doch noch die 6,96 gelaufen, womit ich zwei zehntel schneller als Thorben war und noch gerade ins Finale kam. Meine Taktik war gar nicht mich aufs maximale zu puschen. Das ist im Speed immer schlecht! Es ist wichtig vor allem "clean" zu bleiben. Vor allem in der Quali. Da geht es nicht darum sich bis ans Limit zu puschen. Cleane Runs sind automatisch schnell.

 

Als erster deutscher Athlet unter 6 Sekunden hast du nicht nur den Europameister Titel gewonnen sondern auch einen neuen deutschen Rekord aufgestellt. War dir im Vorhinein schon klar, dass eine solche Zeit drin ist? Oder warst du selbst von dir überrascht?

Ich war mir sicher, dass ich auf jeden Fall unter dem deutschen Rkord klettern kann, der bei den Herren bei 6.4 Sekunden lag. Das habe ich auch im Training schon öfter geschafft. Mir war auch klar, dass ich mit einem guten Run 6,1 oder 6,0 laufen kann. Dass es dann aber sogar unter 6 Sekunden geworden sind, da war ich von mir selbst überrascht!

 

Speed ist für den Zuschauer Nervenkitzel pur, das Bangen um den perfekten Lauf macht die Disziplin zu einer der publikumswirksamsten für Außenstehende. Jeder noch so kleine Fehler kann einen den Sieg kosten. Wie behält man da als Athlet die Nerven?

Da ist vor allem das Selbstbewusstsein wichtig. Sich klar zu werden, dass man in der Liga mitklettern kann. Man muss "confident" an die Wand gehen, darf sich nicht vom Gegner einschüchtern lassen. Man will ja genau das Gegeteil bewirken. DU musst den Gegner einschüchtern. Man will zeigen, dass man der schnellere ist. Das darfst du nicht erst an der Wand zeigen sonder auch schon vorher. Daniel, der Speedtrainer in Hilden, hat mir das so beigebracht.

 

Mit 5.96 Sekunden hättest du 2012 noch an der Weltrekordzeit gekratzt, und das als Jugend A Athlet! Das führt natürlich zur klassischen Frage: Was sind deine Ziele für die kommenden Jahre? Willst du den Fokus jetzt voll auf Speed setzten? 

Das ist schwierig! Ich habe in den letzten Jahren so einen krassen Progress im Speed gemacht. Vor knapp 1,5 Monaten bin ich bei einem Nomiwettkampf das erste Mal unter sieben Sekunden gelaufen. Seit der deutschen Meisterschaft in Hamburg bin ich über eine Sekunde schneller geworden. Das hätte ich nie gedacht! Seit 2019 sogar über drei Sekunden! Mit den Trainingsläufen hat es dann schon immer wieder für 6.3, 6.4 oder 6.5 gereicht aber mit slch einer Steigerung hätte ich nicht gerechtnet. Es fällt mir daher schwer zu sagen, wie es in Zukunft aussieht. Natürlich habe ich voll Bock das genauso weiter zu tainieren. Aber auch das Bouldern will ich nicht vernachlässigen. Ich werden den Fokus daher nicht nur auf Speed legen. Bei meine bisherigen Training passt die Kombination jedoch ganz gut. - Nächstes Jahr erstmal bei den Junioren ankommen wäre jedoch schonmal ein gutes Zwischenziel.

 

Du hast als Athlet eine rasante Entwicklung durchgemacht. Für dich könnte Paris 2024 mit Speed als Einzeldisziplin ein realistisches Ziel werden. Andererseits hätte das Speed Klettern in Deutschland ohne das Combined Format wahrscheinlich nicht den Aufschwung erlebt, wie wir ihn im Moment beobachten. Was hältst du von der aktuellen Entwicklung in deinem Sport und was findest du persönlich eigentlich besser, Einzeldisziplin oder Combined Format? 
Für mich wäre ein Traumformat natürlich Bouldern und Speed! Das wird jedoch niemals funktionieren. Das Combined Format finde ich sehr gut. Man muss halt alles können. Ich verstehe nicht, warum das so "gehated" wird. Das gehört halt zum Klettern dazu! Die Einzeldisziplinen auf Europacupebene find ich gut. Das lässt ein deutlich spezifischeres Training und einen engeren Fokus zu!


Ergebnisse Speed:
Leander Carmanns: Platz 1
Thorben Perry Bloem: Platz 9
Linus Bader: Platz 7
Anna Maria Apel: Platz 4

 

Boulder

Die letzte Disziplin! Die Disziplin mit sieben unserer Starter*innen. Und ein extrem weites Leistungsspektrum wie sich zeigte.
Mit einem, beziehungsweise keinem TOP für Anna Maria Apel und Anna Lena Wolf, konnte man bereits erahnen, dass die Routenbauer sehr hohe Erwartungen an die Jugend hatten. Für beide reichte die Wertung, trotz der kaum gelösten Probleme, für den Einzug ins Halbfinale. Mit der mentalen Vorbelastung schaffte es Apel mit zwei TOPs und drei Zonen sich weiter auf Platz 12 zu steigern. Wolf hingegen fand nach der Qualifikation nicht mehr ganz so gut in den Wettkampf und erreichte mit zwei Zonen Platz 19. 

Etwas besser lief es bei Emil Zimmermann, Thorben Perry Bloem und Leander Carmanns. Mit einer etwas leichter geschraubten Qualifikationsrunde erreichen die drei auf Platz 8, 11 und 2 das Halbfinale. Carmanns konnte an seinen Lauf an der Qualifikation leider nicht mehr anschließen und verpasst mit Platz 7 knapp das Finale. Ähnlich bei Zimmermann, mit Platz 16 scheidet auch er an dieser Stelle aus dem Wettkampf aus. Thorben Perry Bloem hingegen hat mit seinem Auftakt beim DJC in Nürnberg schon gezeigt, dass er auch unter Druck funktioniert und steigert sich über Halbfinale und Finale auf Platz 4! 

Mit Lasse von Freier und Tim Würthner, starteten auch zwei Junioren in den Wettkampf. Mit einem unlösbaren dritten Boulder und ähnlicher Wertung (3T3Z) qualifizierten sich beide souverän für das Halbfinale auf Platz 13 und 14. Hier zündete Würthner nochmals den Turbo, kletterte auf Platz 5 und somit ins Finale!

 

Ergebnisse Bouldern:
Anna-Lena Wolf: Platz 19
Anna Maria Apel: Platz 12
Thorben Perry Bloem: Platz 4
Leander Carmanns: Platz 7
Emil Zimmermann: Platz 16
Lasse von Freier: Platz 11
Tim Würthner: Platz 6

 

Live Stream

Wenn ihr den Lauf von Carmanns, oder die einzelnen Disziplinen nochmal anschauen wollt, könnt ihr das auf dem YouTube Kanal von Russia Climbing tun:

https://www.youtube.com/channel/UCOq3sd_hplDmuTi-kLWY8Cw

 

Combined Wertung

Für Starter*innen welche in drei Disziplinen angetreten sind, wird nach Vorbild des olympischen Formats eine Gesamtwertung berechnet.
Leander Carmanns rutschte mit seinem ersten Platz im Speed, auf dem Combined Platz 3 in der männlichen Jugend A und holt damit dir Bronze Medaille. Wie sich zeigt war die Entscheidung für ihn im Lead zu starten also genau richtig. 

Bei den Damen ging mit Anna Maria Apel eine wahre Allrounderin ins Rennen. Mit Platz 17, 4 und 12 in den jeweiligen Disziplinen, gab es nur drei Athletinnen die in der Summe eine bessere Platzierung erreichten. Auf Platz vier verpasste sie das Treppchen also nur ganz knapp. Mit drei älteren Starterinnen auf Platz eins, zwei und drei dürfen wir gespannt sein wie sich Apel in den kommenden Jahren durchsetzten kann.