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Olympionikin Hannah Meul im Interview

29.10.2018, 09:40 Uhr

Wenn sie an Argentinien denkt, hat sie noch heute ein breites Grinsen im Gesicht, sagt Hannah Meul  (DAV Rheinland-Köln). Das große Nachwuchstalent ist erst vor einigen Tagen aus Buenos Aires zurückgekommen. Dort hat die 17-Jährige als erste deutsche Sportkletterin an Olympischen Jugendspielen teilgenommen – und das Siegertreppchen nur ganz knapp verpasst. 

 

Hannah, erst einmal einen ganz herzlichen Glückwunsch zu deinem vierten Platz!
Hannah Meul: Dankeschön!

 

Freust du dich über die Platzierung - oder bist du enttäuscht, so knapp an einer Medaille vorbeigeschrammt zu sein? Du warst ja punktegleich mit der Bronzegewinnerin, der Österreicherin Laura Lammer.
Also der vierte Platz ist natürlich ein undankbarer Platz. Wenn ich beim Bouldern nur drei Versuche weniger gehabt hätte, dann wäre ich mit einer Goldmedaille nach Hause gekommen. Aber an diesem Event teilnehmen zu können, war einfach gigantisch. So gesehen bin ich über einen vierten Platz doch glücklich.

 

Hast du überhaupt damit gerechnet, im Finale zu sein? Die Konkurrenz war sehr stark, auch wenn die amerikanischen Athletinnen gefehlt haben.
Ich wusste, wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, ist es möglich. Aber ich wusste auch, dass die zwölf bis 15 besten Starterinnen Potenzial fürs Finale haben. Bei mir ist es zum Glück perfekt gelaufen und ich habe mein großes Ziel Finalteilnahme erreicht.

 

Nach dem Bouldern warst du im Finale Sechste – du warst also erste Starterin im Lead. Und hast dann einen furiosen Go hingelegt. Hast du dir gedacht, „jetzt hau ichs einfach raus“?
Eigentlich ist ja Bouldern meine stärkste Disziplin, aber ich war im Final einfach zu nervös, der Druck war zu groß. Danach wusste ich: ich bin Sechste, aber ich habe noch eine Chance. Ich konnte nichts mehr verlieren und dachte mir, jetzt gebe ich alles und gewinne im Lead. Als es dann auch geklappt hat, war ich überglücklich.

 

Gab es im Wettkampf Momente, wo du von dir selber überrascht warst?
Einige. Beispielsweise als ich meine persönliche Speed-Bestzeit laufen konnte. Ich hatte im Training schon einige Male Zehnerzeiten, aber noch nie im Wettkampf. Dass ich in der Quali neben einer Japanerin als Einzige einen eher kräftigen Boulder toppen konnte, hat mich, die ich eigentlich eher Platten mag, auch erstaunt. Und dann natürlich das Top im Leadfinale.

 

Wie gehst du mit dem Druck um? Du warst die einzige deutsche Starterin und wusstest, wie sehr die Aufmerksamkeit auf dich konzentriert ist.
Also im Wettkampf konzentriere ich mich auf den Sport, da nehme ich das gar nicht wahr. Die mediale Aufmerksamkeit habe ich mir eigentlich schlimmer vorgestellt. Die Medienvertreter in Buenos Aires waren eigentlich alle sehr nett und verständnisvoll. Die haben beispielsweise auch verstanden, dass man kurz nach einem Wettkampf nicht sofort mit ihnen sprechen wollte. Und von der Kletterszene habe ich viel Support bekommen, das hat mich sehr gefreut.

 

Wie war die Atmosphäre? Der olympische Gedanke besagt, dass nicht der Sieg zählt, sondern der
gemeinsame und friedliche Wettkampf aller Nationen.

Alles war komplett anders, als bei den normalen Kletterwettkämpfen: Viele andere Athleten aus der ganzen Welt, viele verschiedene Sportarten. Es war sehr inspirierend. Wir alle teilen die gleiche Leidenschaft zum Sport und das gemeinsam zu erleben, war sehr schön. Natürlich wollte jeder seine sportliche Bestleistung bringen. Aber es herrschte trotzdem eine sehr familiäre und freundschaftliche Atmosphäre, alle waren gut drauf. 

 

Du warst in Buenos Aires ein kleiner Publikumsliebling – hat dich das gepusht?
Es hat mich total gefreut und mich auch voll gepusht. Ich hatte einfach extrem viel Spaß an diesem Wettkampf. Argentinien ist das schönste Land, das ich bislang bei meinen Kletterreisen kennengelernt habe. Die Menschen dort sind sehr offen und herzlich. Die haben auch mich unglaublich angefeuert, das habe ich zuvor noch bei keinem anderen Wettkampf so erlebt. 

 

Ist es schwierig, nach all diesen Erlebnissen wieder in ein Alltagsleben mit Schule und Training zurückzufinden?
Ich wollte ehrlich gesagt nicht mehr zurück. Am liebsten wäre ich noch dort geblieben. Natürlich war es schön, meine Familie und Freunde in Deutschland wiederzusehen. Aber ich habe in der Schule ziemlich viel verpasst und muss gerade viel lernen. Nach dem Wettkampf war ich ziemlich erschöpft und habe erst einmal pausiert – inzwischen habe ich aber wieder mit einem leichten Training begonnen. Ich finde mich langsam in mein normales Leben zurück.

 

Apropos Training: das Format Olympic Combined bedeutet ein sehr intensives und diszipliniertes Training von Lead, Bouldern und Speed. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

Das ist schon sehr anstrengend. Ich habe jetzt mehr Trainingseinheiten als früher: Zweimal Bouldern, einmal Lead, einmal Speed und einmal Lead und Speed. Wegen der Schule kann ich aber keine zwei Einheiten pro Tag machen. Vor Buenos Aires habe ich auch einige Male am Wochenende einen Combined-Wettkampf durchgespielt, das waren dann vier bis fünf Stunden am Tag, das schlaucht schon sehr. Also es ist schon schwer, alles unter einen Hut zu bringen. Aber Buenos Aires hat mich unglaublich motiviert weiterzumachen.
 

Zumindest im Wettkampfklettern ist Tokio 2020 das große Thema: Wie schätzt du deine Chancen jetzt nach den Olympischen Spielen ein?

Auf jeden Fall besser als zuvor. Zuvor war Tokio ein Traum, 2020 ist für mich noch sehr weit weg. Ich weiß auch heute, dass der Weg dorthin extrem schwer ist. Aber ich bin gepusht. Mal schauen, ob es klappen wird.

 

Interview: Gudrun Regelein

 

 

Das deutsche Team wird unterstützt von EDELRID

 

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Ein packendes erstes Olympia-Finale erlebte Hannah Meul (DAV Rheinland-Köln) am 9. Oktober 2018 bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires, Argentinien. Das Siegertreppchen verpasste die Deutsche denkbar knapp; ihre Konkurrentin Laura Lammer hatte bei Punktegleichstand in den Disziplinen Bouldern und Speed etwas bessere Ergebnisse erzielt. In einem Herzschlag-Finale konnte sich die Österreicherin Sandra Lettner im Olympic Combined-Format im Sportklettern in Buenos Aires durchsetzen und gewann Gold vor der Slowenin Vita Lukan, gefolgt von Laura Lammer mit Bronze.

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